Das Ende von Text

Die Schriftsprache war eine der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte, und sie hat uns über die Jahrtausende gute Dienste geleistet. Kultur, Handel, Geschichte, Politik basieren auf ihr. Sie hat großen Emotionen Ausdruck verliehen und Nachrichten von immenser Tragweite über weite Distanzen befördert, Ein Leben ohne Geschriebenes ist für die meisten von uns schlechterdings nicht vorstellbar. Und dennoch scheint es so, als ob Schrift bald ein Auslaufmodell werden könnte.

„Willkommen in der Post-Text-Ära“, schreibt Farhad Manjoo, Technologie-Kolumnist der New York Times. Das Online-Zeitalter sei vor allem definiert durch den Niedergang des Geschriebenen und die explosionsartige Ausbreitung von Audio und Video.

Die Anzeichen dazu verdichten sich:

  • 70 Millionen Amerikaner hören regelmäßig Podcasts, wie die Marktforscher von Edison Media herausgefunden haben. Podcast-Junkies verbringen pro Woche bis zu fünf Stunden zwischen den Kopfhörern.
  • Auf YouTube ziehen sich die Menschen weltweit jeden Tag mehr als eine Milliarde Stunden Videos rein. Beim Durchschnittsamerikaner sind es zwei Stunden am Tag.
  • Seitdem Instagram seinen Usern erlaubt, Video-Tagebücher zu führen, nutzen mehr als 800 Millionen Menschen den Bilder-Dienst mindestens 30 Minuten am Tag.
  • Streaming ist zum Megageschäft geworden. Amazon und Netflix wollen bis 2022 ihre Ausgaben für „original Content“, also selbstproduzierte Filme, Dokus und Serien auf je acht Milliarden Dollar ausweiten. Apple will seine Produktionsbudgets von einer halben Milliarde 2017 auf vier Milliarden 2022 ausweiten – eine jährliche Steigerung von 54%!

Das vielleicht überzeugendste Indiz für die schleichende Abkehr von Text ist der aktuelle Siegeszug der Chatbots. Laut einer Studie von eMarketer gab es bereits Mitte 1017 in den USA schon mehr als 38 Millionen davon. Laut McKinsey wird drei Viertel aller amerikanischen Haushalte bis 2020 ein solches Gerät erworben habe.

Die Bezeichnung „smart speakers“, unter der die meisten von ihnen vermarktet werden, ist extrem irreführend. Ja, Amazon Echo, Google Home und demnächst der Apple Homepod verfügen über Lautsprecher – aber was viel wichtiger ist, sie verfügen auch über ein Mikrofon! Chatbots wie Siri oder Alexa verstehen, was wir ihnen sagen, und sie können antworten. Satya Nadella, der CEO von Microsoft, ist deshalb überzeugt, dass wir an der Schwelle stehen zu einer neuen Ära, in der sich die Art und Weise, wie wir Menschen mit unseren immer intelligenter werdenden Gadgets und Endgeräten umgehen, radikal verändert wird. Vergessen wir Maus und Tastatur! „Conversation is the new platform“, sagte er vor einem Jahr auf der Jahreskonferenz „Build“ in San Francisco. Sprach-Ein- und Ausgabe werde „unser Computererlebnis fundamental revolutionieren.“ Das sei ein Paradigmenwechsel, der allenfalls mit dem Aufkommen des Webbrowsers zu vergleichen sei.

Das Orakel von Amazon

“Es ist nicht schwer, die Attraktion zu verstehen“, schrieb der Bestsellerautor Nickolaus Carr neulich. “Smarte Lautsprecher sind die Orakel auf dem Wohnzimmertisch. Sie mögen vielleicht nicht für die Götter sprechen können, aber sie können uns die neuesten Weltnachrichten, Wetterberichte und Verkehrsmeldungen übermitteln. Und sie verfügen über vielerlei Talente, von denen ihre delphischen Vorfahren nicht einmal zu träumen wagen konnten. Sie können als DJs dienen. Sie können Krankheitssymptome erkennen und uns unsere Ängste nehmen. Sie können unseren Kindern Gutenachtgeschichten vorlesen. Und sie können sogar wie ein Hund bellen, um Einbrecher zu vertreiben.“

Und sie können uns Dinge im wahrsten Sinne des Wortes aufschwätzen. Bereits 2016 tauchte der Begriff „conversational commerce“, auch „cCommerce“ genannt, erstmals in der Blogosphere auf. Man kann sich das wie normales eCommerce vorstellen, das über ein entsprechend kluges und freundlich klingendes Sprach-Interface abläuft.

Amazon sieht Alexa vor allem als Verkaufsinstrument. Jeff Bezos ist überzeugt, dass conversational commerce andere Bestellformen vor alle bei einfachen, immer wieder benötigen Verbrauchsgüter wie Klopapier oder Waschpulver ablösen wird. Alexa in Verbindung mit Prime und Amazons wachsende Echo-Familie sollen die Speerspitze dieser Entwicklung sein, die Text ablösen und durch Sprache ersetzen sollen.

Ist es also schon Zeit, ins unvermeidliche, aber letztlich vergebliche Wehklagen über den Niedergang der Schriftsprache zu verfallen? Ist eine Welt ohne Text überhaupt vorstellbar?

Für die meisten von uns kaum. Aber vergessen wir nicht, dass Schrift eine vergleichsweise neue Entwicklung in der Menschheitsgeschichte ist. Socrates (469-399 v. Chr) kritiserte bekanntlich die Einführung der Schrift, die über Ägypten aus ins klassische Griechenland kam. Plato zitiert ihn mit den Worten: „Wenn die Menschen dies lernen, wird es das Vergessen in ihre Seelen pflanzen. Sie werden aufhören, ihr Gedächtnis zu üben und werden sich auf das Verlassen, was geschrieben steht.”

Und worauf werden wir oder unsere Kindeskinder uns verlassen? Auf die verführerische Stimme von Siri oder Alexa, etwa? Oder sind Chatbots ohnehin nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu CBIs, Computer-Brain Interfaces, die uns Inhalte direkt per Datenleitung in die Sprachzentren unserer Gehirne beamen? Und wäre das wirklich so schlimm?

Oder wird es vielleicht nur ein weiterer Schritt der Menschwerdung sein? Es gibt ja schließlich ein Leben ohne Text – fragen Sie nur ältere oder sehbehinderte Menschen, für die Hörbücher oder Radios ein Segen sind, die ihnen ein menschenwürdiges Weiterleben ermöglichen. Ich denke, der Tag wird kommen, wo wir den Verlust der Lesefähigkeit nicht mehr als Handicap, sondern als einen ganz normalen Teil des Alltags empfinden werden.

Ich bin nur froh, dass ich das mit Sicherheit nicht mehr erleben werde…

 

 

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