Die Internet-Adresse für Neugeborene

▷ Vorname Uri: Herkunft, Bedeutung & Namenstag

Bald hat jeder von uns eine digitale Lebensakte. Vergessen Sie die alte Geburtsurkunde: Die Babies von Morgen werden eine eigene Internet-Adresse bekommen. So jedenfalls stellt sich das Wendy Hall von der Southhampton University vor. Und sie sollte es eigentlich wissen, denn sie ist eine langjährige enge Vertraute und Kollegin von Tim Berners-Lee, dem berühmten „Vater des World Wide Web“.

Laut Hall wird jedes Neugeborene in Zukunft irgendeine Form von digitaler Identität bekommen, die später mitwachsen und seine Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen wiederspiegeln wird. Hall verwendet dafür das Kürzel „URI“ (für „Universal Resource Identity“), was eine durchaus beabsichtigte Ähnlichkeit hat mit dem Begriff des „Universal Resource Locator“ oder URL, wie die Internet-Adresse von Webseiten unter Fachleuten heißen.

Sie stellt sich vor, dass alles, was der Mensch online tut, irgendwo unter seiner URI gespeichert wird. So entstünde über Zeit eine Art digitale Lebensakte, in der zum Beispiel sämtliche amtlichen Dokumente wie Geburtsurkunde, Schulzeugnisse, Führerschein, Heiratsurkunde oder Testamente aufbewahrt würden, dazu Familienfotos, Urlaubsvideos und andere persönliche Erinnerungen, sofern sie in digitaler Form vorliegen. Diese Akte oder Teile davon sollte der Mensch später sogar an seine Nachkommen vererben können, die dann vermutlich an langen Winterabenden darin blättern sollen („guck mal, das ist Opa beim Surfen!“).

Wer sich im ersten Moment bei dem Gedanken unwohl fühlt, jedesmal, wenn er online geht, einen „digitalen Fußabdruck“ zu hinterlassen, sollte sich bewusst machen, dass er das auch heute schon tut. Der Unterschied ist nur, dass wir es in der Regel gar nicht mitbekommen. Der Reiz von Halls URI-Konzept ist, dass endlich mit offenen Karten gespielt wird: Als User weiß ich ganz genau, was über mich für Informationen gesammelt und gespeichert werden, und ich habe die Kontrolle darüber.

„Die Leute merken langsam, wie leicht es ist, ihre Identität zu klauen“, sagt Hall. Es sei wichtig zu wissen, welche digitalen Spuren wir tagtäglich hinterlassen und sie ordentlich zu sichern. „Stellen Sie es sich vor wie eine Bank, zu der Sie ihr Geld hinbringen, damit es sicher ist“, meint sie. Unsere digitalen Vermögenswerte sind heute genauso wertvoll wie unsere Finanzwerte und müssten mit der gleichen Sorgfalt geschützt werden. Andererseits wird der Mensch in einer vernetzten Welt zunehmend über seine digitale Identität definiert werden. Sie sieht darin auch eine große potenzielle Chance für Dienstleister, die uns dabei helfen werden, unsere digitale Lebensakte zu pflegen, auf dem neuesten Stand zu halten und vor unerwünschtem Zugriff zu schützen.

Für Hall wirft digitale Identität ähnlich schwerwiegende und kontroverse ethische Fragen auf wie die Stammzellenforschung mit menschlichen Embryonen. In beiden Fällen bedarf es eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses, und in beiden ist der Staat aufgefordert, einen regulatorischen Rahmen zu schaffen um Wildwuchs und Missbrauch weitgehend einzudämmen. Da sich aber andererseits staatliche Stellen selbst bislang häufig als wenig vertrauenswürdig erwiesen haben (Stichwort: telefonische Bespitzelung aller Amerikaner durch das NSA), fordert sie die Einrichtung von nichtstaatlichen Aufsichtsgremien, ähnlich der britischen Human Fertilisation and Embryology Authority, die in besonders kniffeligen Fragen das letzte Wort haben soll. Wie sagte der alte Lateiner: „Quis custodiet ipos custodes?“ – wer schützt uns vor unseren Beschützern?

„So wie ein Embryo potenziell ein menschliches Leben ist, so wird die digitale Identität immer mehr ein Teil von uns sein“, sagt Hall. Es geht um so elementare Dinge wie Gesundheitsinformationen, Ausbildungsnachweise, Besitzurkunden und nicht zuletzt um emotional befrachtete Dinge, die an unser ureigenes Innere rühren. Die digitale Identität – das sind wir selbst! So, wie wir den Staat als Garant unserer körperlichen Unversehrtheit sehen, werden wir in Zukunft auch das Recht auf Schutz unseres digitalen Ichs erwarten und verlangen.

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