Die Karten in unseren Köpfen

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Wie wissen wir, wo wir sind, und wie finden wir wieder nach Hause? Diese und andere Fragen beantwortet ein spannender Artikel in den heutigen New York Times über „Wave Pilots“, Eingeborene aus dem Marshall-Archipel, die jahrtausendelang in der Lage waren, ohne Navigationshilfen ihren Weg zwischen weit entfernten Inseln zu finden. Die Kunst ist heute weitgehend verloren: Nur ein junger Mann hat noch die Ausbildung zum ri-meto gemacht. Wissenschaftler rätseln, wie er es schafft, und sie vermuten dahinter ein Phänomen, dass sie „kognitive Landkarten“ nennen.

Der Begriff geht auf Edward Tolman zurück, ein amerikanischer Psychologe, der beim Studium von Ratten beobachtet hatte, dass sich diese offenbar ein geistiges Abbild des Labyrinths machen können, in dem sie gefangen gehalten werden. Er legte Futter immer an die gleiche Stelle, änderte aber nach einiger Zeit das Layout des Labyrinths, indem er beispielsweise Abkürzungen einbaute. Die Ratten fanden schnell und zielsicher zu ihrem gewohnten Futterort.

Auch Menschen, so postulierte Tolman, bauen sich solche „cognitive maps“ – nur sind sie nicht nur räumlich, sondern auch sozial. Will heißen: Menschen mit breiten kognitiven Karten im Kopf empfinden mehr Mitgefühl, solche mit engen Karten sind im wahrsten Sinn des Wortes engstirnig: fremdenfeindlich, rassistisch.

Anthropologen, insbesondere diejenigen, die im westlichen Pazifikraum forschen, erkennen zunehmend, wie die physikalische Umgebung der Menschen – und die Art, wie sie gewohnt sind, sich darin zu bewegen – ihre sozialen Beziehungen formen und wie diese Verbindungen andererseits ihren Orientierungssinn beeinflussen, schreibt der Autor des Beitrags, Kim Tingley.

Angeblich weiß die Wissenschaft heute sogar, wo diese geistigen Landkarten aufbewahrt werden. Der Neurologe John O’Keefe von der University College London will sie im lymbischen System entdeckt haben, jenem Bereich des Gehirns, für die Verarbeitung von Emotionen und für die Entstehung von Triebverhalten verantwortlich ist. Das limbische System ist auch für die Ausschüttung von Endorphinen, einem körpereigenen Rauschmittel, das bei Marathonläufern das berühmte „runners‘ high“ auslöst.

1984 fand der Physiologe James B. Ranck von der State University in New York Zellen in einem benachbarten Hirnbereich von Ratten die immer dann aktiviert wurden, wenn der Kopf der Ratte in eine bestimmte Richtung ausgerichtet war. 2005 bauten die Neurologen Edvard und May-Britt Moser am Kavil Institute in Norwegen auf diese Erkenntnis auf und fanden heraus, dass unsere Gehirne durch den Dialog zwischen bestimmten Hirnregionen  und dem Hippocampus,  eines der evolutionär ältesten kortikalen Strukturen des Gehirns, eine unbewußte geistige Matrix aufbauen, die aus einem Dreiecksmuster besteht und das wie eine Art „inneres GPS“ dient. O’Keefe und die Mosers erhielten für diese Entdeckung 2014 den Medizin-Nobelpreis.

Damit bestätigten sie übrigens eine Vermutung, die der Philosoph Immanuel Kant schon vor 200 Jahren postulierte, nämlich dass wir Menschen über gewisse vererbte kognitive Fähigkeiten verfügen (das so genannte „Akkumulationsmodell“ der Gattungsgeschichte). Wie es sich herausstellt, wissen wir viel mehr, als wir wissen, wie schon Heinrich von Pierer in einer legendären Bilanzpressekonferenz seufzte: „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß, dann wären unsere Zahlen besser…“


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