Digitale Transformation – Laudatio von Dr. Michael Kausch zur Vorstellung meines neuen Buchs

Foto: Pia Kleine Wieskamp

Foto: Pia Kleine Wieskamp

Diese kleine Laudatio hielt mein alter Czyslansky-Freund und kritischer Wegbegleiter Michael Kausch, seines Zeichens Chef der Münchner Agentur Vibrio, am 5. Oktober 2015 aus Anlass der Vorstellung meines neuen Buchs  im Münchner Presseclub halten. Das Buch ist unter dem Titel „Digitale Transformation“ im Verlag Franz Vahlen GmbH unter der ISBN 9783800650439 erschienen.


 

Dass Tim Cole mich eingeladen hat heute aus Anlass der Vorstellung seines neuen Buchs die Laudatio zu halten, ehrt – nein, nicht mich, es ehrt ihn.

Die Wikipedia definiert ja eine Laudatio als „Lobrede zu Ehren einer Person“. Und weiter: „Bei einer Laudatio gilt es als Fauxpas, den Laureaten in irgendeiner Weise negativ darzustellen oder zu beschämen.“ Aber Tim weiß natürlich, dass unsere nun wirklich viele Jahre schon haltende enge Freundschaft ohne Kritik nicht funktionieren würde. Dass du dies weißt, lieber Tim und ich hier trotzdem stehe, ehrt deinen Mut. Du wirst ihn brauchen. Ich will dich hier nicht ungeschoren davon kommen lassen.

Bücher sind wie Menschen: Schon der schnelle Blick auf die Kleidung meines menschlichen Gegenüber macht mich neugierig, manchmal wohl auch lüstern und gelegentlich gar treibt er mich – etwa im Falle von bunten Hawaii-Hemden – geradewegs in die Flucht. Selten täuscht das Outfit.

Bei deinem neuen Buch lieber Tim ging es mir von Anfang an nicht anders. Ich wusste noch nichts vom Inhalt, da konnte ich nach kurzem Blick auf die Titelentwürfe schon sagen „Ja, dieses Buch möchte ich gerne heute hier im Münchner Presseclub vorstellen“. Denn dieses Buch-Cover ist ein Versprechen auf vollkommene Verwirrung. Ganz offensichtlich bringt der gute Tim wieder ein großes kreatives Durcheinander in die Köpfe seiner übersatten Leser. Zu offensichtlich hat Tim einmal mehr seinen Mut bewiesen, uns Leser hoffnungslos zu überfordern.

Und mit dieser Überforderung meine ich nicht die vermeintliche Ohnmacht des Lesers, Tim’s Ruf zu folgen und sich nun endlich digital zu transformieren. Nein, mich verblüffte deine Unverfrorenheit die Beschreibung des behandelten Gegenstands über eine schlichte unkommentierte Begriffs-Cloud auf dem Cover kundzutun: „Industrie 4.0, Industrial Big Data, 3D-Druck, Arbeiten 4.0, Social Shipping, Customer Journey, Employer Branding, Inbound Marketing, Instant Gratification”

Tim, bist du dir wirklich sicher, dass du nicht doch irgendein aktuelles Buzzword vergessen hast?

Münchner Presseclub.

Gut besucht war die Präsentation des neuen Buchs von Tim Cole im Münchner Presseclub.

Es gibt viele lästige und einige wenige gute Bücher über Inbound Marketing, auch über Arbeiten 4.0 – über Big Data und Industrie 4.0 ohnehin. Aber den Mut mit nur einem Buch gleich alles zu erschlagen hat neben dir, lieber Tim, kaum ein Autor. Andere machen aus einer solchen Themenvorgabe eine Buchreihe, ein Lebenswerk, und du wirfst gerade mal ein einziges und noch nicht einmal sonderlich voluminöses Buch aus der amazon-Schleuder.

Dass eine Cloud das Cover schmückt ist wohl bezeichnend für das Nebulöse, als das wir unsere Zukunft heute skeptisch bezeichnen. Es ist aber auch bezeichnend für Tim Cole. Er hinterlässt gerne Wolken. Und die stammen nicht immer von cubanischen Zigarren. Nein, er hinterlässt gerne Fragen und überhaupt: er ist eigentlich kein Antwortengeber, sondern viel lieber ein In-Frage-Steller und ein begnadeter Illustrator.

Natürlich muss ich bei jeder Seite dieses neuen Buchs, lieber Tim, an dein letztes Werk denken, an die „Digitale Aufklärung“, das Buch, das du gemeinsam mit unserem Freund Ossi Urchs geschrieben hast. Vor ziemlich genau zwei Jahren schloss ich damals meine Vorstellung eures Buchs mit den Worten „Dein Buch, lieber Urchscole, steht nicht am Ende des dazugehören Diskurses. es steht am Anfang einer überfälligen Diskussion.“

Und mit dem neuen Buch geht es mir grad ebenso. Prof. Guenter Dueck hat das sehr schön zusammengefasst in seinem Hinweis auf dem Klappentext: „Man sieht Tim Coles Sorge und Ungeduld beim Schreiben förmlich vor sich, wenn man dieses Buch liest. ,Schaut Ihr denn nicht zwei Schritte voraus?‘ Lesen Sie selbst, und lassen Sie sich wecken.“

Und genau darum geht es Tim: er will aufwecken, er will nicht die Probleme der Welt lösen. Und so handelt es sich hier um einen Erweckungsroman. Und Tim ist nicht mehr länger nur der digitale Beduine, als den er sich vor Monaten auf dem Blog Czyslansky bezeichnet hat, sondern ein digitaler Muezzin, ein Rufer, der wecken will.

Was also schallt’s vom Minarett?

Tim Cole warnt. Er warnt davor, dass Deutschland den Anschluss verpasst, den Anschluss an eine digitale globalisierte Welt. Als ursächlich für die deutsche Langsamkeit macht er eine spezifisch deutsche Mentalität fest, eine konservative Mentalität, in der sich Arbeitgeber und -nehmer, Konsumenten und Politiker trefflich gemeinsam wiederfinden.

Tim Cole neben Dennis Brunotte

Dabei beschreibt er die digitale Transformation als einen Prozess, der alle Lebenswelten und -bereiche umfasst, die Sphäre der Arbeit und Industrie nicht weniger, als die Sphäre von Konsum und Freizeit. Freilich werden sogar die Grenzen zwischen diesen Sphären durch die digitale Transformation immer wieder in Frage gestellt.

Und wirklich gelingt ihm der große Bogen von der Customer Journey und von Marketing 4.0 – ich glaube, er nennt es 2.0, von Marketing-Leuten hat er ja noch nie wirklich viel gehalten – von Marketing 2 bis 4.0 also bis hin zum 3D-Drucker und zu Big Data vortrefflich.

Das ist überhaupt die große Stärke von Tim: In der raffinierten Montage unzähliger Einzelbeobachtungen aus der digitalen Transformation zu einem Gesamtbild ist Tim unschlagbar. Das Buch profitiert davon, dass er ganz offenbar die vielen Türen, die ihm geöffnet werden, auch wirklich neugierig wie ein Kind durchschreitet und sich die Welt ansieht und immer wieder staunt.

Allein die Lektüre meiner beiden Lieblingskapitel 4 und 5, in denen er sich mit der Digitalisierung in der Logistik beschäftigt, bereiten großen Genuss: Wenn er die weitgehend automatisierten Prozesse in einer General Electric-Lampenfabrik im US-Bundesstaat New York schildert, dann profitiert seine Schreibe von einer ebenso feinen wie schnellen Beobachtungsgabe des Autors, wie auch von einer vor Jahrhunderten bereits während seiner journalistischen Tätigkeit für Playboy und auto-motor-sport erworbenen bildkräftigen Schreibe. Auch bei diesen beiden Titeln ging und geht es ja vor allem um visuelle und emotionale Reize.

Wenn man den Wanderzirkus der immergleichen Referenten auf deutschen Zukunftskongressen und Internet-Podien kennt, dann kennt man irgendwann alle Referenzen aus der schönen neuen digitalen Welt – so glaubt und irrt man, wenn man mal wieder ein neues Buch von Tim Cole zu lesen bekommt. Der Mann kennt einfach so viele spannende neue Start-Ups, dass auch Insider neben den alten Klamotten wie Nestle Palmöl und dem Innovationsmanagement bei Bosch immer wieder Neues entdecken. Mir war zum Beispiel das US-StartUp Deliv noch unbekannt, eine Art Uber für die Logistik. Da transportieren Privatfahrer „nebenbei“ Pakete im „Same Day Delivery“.

Oder lassen Sie mich eine der schönsten Case Studies zum Thema 3-D-Drucker aus Tim’s Sammlung nennen: „Der Chirurg Anthony Atala verwendet ein Material, das er ‚Bio-Tinte‘ nennt, und das aus menschlichen Stammzellen gewonnen wird und mit dem sich durch additive Verfahren Hautgewebe herstellen lässt. Forscher an der medizinischen Fakultät der Wake Forest-Universität in North Carolina haben damit bereits funktionierende Herzzellen hergestellt. Andere wollen komplette Blutgefäße und eines Tages sogar menschliche Organe wie Leber, Nieren oder Milz im 3D-Drucker ‚züchten‘.“

Ich kenne niemanden, der besser als Tim die schöne neue Welt mit plastischen Beispielen vorzustellen vermag. Tim ist der Alexander Kluge der digitalen Transformation.

Oh je, ich merke schon, wenn ich nicht aufpasse, wird diese Laudatio doch tatsächlich eine Jubelarie.

Kommen wir also zur Kritik: Ich meine, die großen offenen Kinderaugen, die dich, mein lieber Tim, dazu befähigen die schöne neue Welt so ganz wunderbar zu entdecken, zu beschreiben und in ihrem inneren Zusammenhang darzustellen, diese Augen haben einen dunklen trüben Fleck auf der Linse. Tim, ein wenig bist du mein digitaler Alexander Kluge, sondern auch mein ‚grauer Star‘.

Grauer Star, die Erste: Roboter und Maschinensturm

Du schilderst mit wie immer schönen Beispielen, wie Roboter menschliche Arbeit übernehmen. Du schilderst auch, dass es dabei oft um mechanische, einfache oder direkt gesundheitsschädliche Tätigkeiten geht. Du bist – Cole sei Dank – kein Maschinenstürmer. Es ist ja perse nichts Schlechtes, wenn menschliche Arbeit ersetzt wird.

Du zitierst aber auch zustimmend Georg Graetz von der Universität im schwedischen Uppsala mit den Worten: „Auf der Ebene des einzelnen Jobs ersetzen Roboter Menschen. Aber die gesamte Industrie wird produktiver, die Arbeiter werden dann einfach in anderen Bereichen eingesetzt.“ Wie blauäugig!
„Die Arbeiter werden dann einfach in anderen Bereichen eingesetzt“. Das ist doch noch nicht einmal eine halbe Wahrheit. Der Produktivitätsfortschritt in den U.S.A. und in den vergangenen Jahren in Deutschland hat doch nur deshalb nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt, weil es uns gelungen ist die negativen Konsequenzen unseres Wirtschaftens, die Krise, in die Peripherieländer der Europäischen Union und in die Schwellenländer zu verlagern. Automatisch entstehen durch Automaten keine Arbeitsplätze.

Du verweist dann ergänzend auf den demografischen Faktor: Die Geburtenrate sei zu gering, Deutschland gingen die Fachkräfte aus. Digitalisierung sei schon deshalb geboten. Aber wieder gilt: Mit der neuen Roboterisierungswelle werden doch vor allem einfache Tätigkeiten ersetzt. Der Arbeitsplatzverlust trifft vor allen Dingen untere soziale Schichten. Müssen wir uns nicht fragen, ob dieser Teil der Digitalisierung nicht die Spaltung in unserer Gesellschaft zementiert? Ich behaupte nicht, dass dies so sein muss. Ich behaupte aber, dass der digitalen Transformation solch negative Effekte einbeschrieben sind, gegen die man kämpfen kann, und kämpfen muss, wenn man solche Potentiale rechtzeitig erkannt und aufgezeichnet hat.

Ich wünsche mir, mein lieber Tim, dass du in deinen Vorträgen, die du nun auf Basis deines neuen Buchs wieder überall für gutes Geld halten wirst, über das Aufzeigen der Trends hinausgehst und dazu aufrufst die skizzierten Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten.

Grauer Star, die Zweite: das Vorbild amazon

Du schreibst: „Die Mitarbeiter von morgen werden sich anstrengen müssen, mitzukommen in einer Welt, in der die Messlatte der beruflichen Qualifikation immer höher gelegt wird. Für Mittelmaß ist in der digital transformierten Arbeitswelt zunehmend weniger Platz. … Apple, Google, Amazon und Facebook. Jedes dieser Unternehmen hat auf seine Weise demonstriert, dass das, was man vielleicht am besten als „Kapitalismus 2.0“ bezeichnen sollte, einen Weg in die Zukunft von Wirtschaftswachstum und Wohlstand weist. Deutsche Unternehmer sollten von ihnen lernen.“

Und weiter: „Dass Amazon gut und vor allem schnell ist, hat sich unter den Kunden inzwischen herumgesprochen. Was sicher auch ein Grund dafür ist, dass der Umsatz von rund 7 Milliarden Dollar im Jahr 2004 auf fast 90 Milliarden Dollar in 2014 explodierte.“

Digitale Transformation

Mein lieber Tim: sollen wir uns ein Unternehmen zum Vorbild nehmen, das sich weigert verbindliche Tarifverträge zu unterschreiben? Ein Unternehmen, das die Koalitionsfreiheit von Arbeitnehmern in Frage stellt? Das seinen Wettbewerbsvorteil nicht nur modernsten Technologien und effizienten Geschäftsprozessen, sondern auch Lohndumping und Verlagerung von Tätigkeiten in scheinselbstständige Arbeitsformen verdankt?

Tim, du selbst beschreibst an einer Stelle einmal diese „Big 4“ Apple, Google, Amazon und Facebook als Räuber-Barone, die andere vom Markt drängen. Ich will Räuber-Barone nicht als Vorbilder gelten lassen. Ich weiß natürlich, dass du niemals die eben beschriebenen Eigenheiten dieser Unternehmen als vorbildlich bezeichnen wirst. Es geht dir immer um die Überwindung überkommener Normen und Standards.

Wenn der neue Mitarbeiter als digitaler Beduine im Café um die Ecke arbeitet, statt wie bisher im Büro, so begrüßt du die Überwindung überkommener Vorschriften „aus der digitalen Steinzeit, wie die Bildschirmrichtlinie oder die Arbeitsplatzverordnung“. „Und ob der Sessel im Starbucks Café wirklich der DIN EN 1335-1 („Büro-Arbeitsstuhl“) aus den 1970er Jahren entspricht, ist höchst zweifelhaft.“

Wir sind sicherlich beide große Anhänger flexibler Arbeitsplätze und -zeiten. Aber es gibt immer zwei Sichten und Alternativen bei solchen Modellen. Das sind dann immer auch kapazitätsorientierte flexible Arbeitszeiten, die die Profitabilität der Unternehmen erhöhen und die die Gewerkschaften vor zwei Jahrzehnten gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser.

Die digitale Transformation gibt uns die Chance den Produktivitätsfortschritt an die Mitarbeiter weiterzureichen. Sie gibt uns die Freiräume dafür, dass wir gesunde Arbeitsplätze auch in den privaten Wohnungen und Flexibilität für die Arbeit an jedem Ort und zu jeder Zeit schaffen können. Lass es mich so sagen: ohne veränderte steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für den häuslichen Arbeitsplatz und ohne fürsorgliche diesbezügliche Aktivitäten der Arbeitgeber ist das Homeoffice tendenziell gesundheitsgefährdend.

Zu den Arbeitsbedingungen der neuen digitalen Beduinen schreibst du: „Fakt ist: Der vernetzte Arbeiter hat niemals ‚Feierabend‘, er kommuniziert fortgesetzt mit Freunden und Arbeitskollegen, mit Kunden oder Vorgesetzten, ohne einen festgesetzte Zeitrahmen, der die berufliche strikt von der privaten Kommunikation trennen würde. Als echter ‚Homo digitalis‘ schreibt er rund um die Uhr Mails und erwartet ohne Rücksicht auf Zeitzone oder Betriebszeiten eine Antwort, und das möglichst ’subito‘ oder ‚asap‘.“

Und weiter: „In einer solchen Arbeitswelt ist die herkömmliche Festanstellung womöglich langfristig ein Auslaufmodell. Das mag für diejenigen schockierend sein, die ein regelmäßiges Einkommen und einen Stammplatz am Schreibtisch gewohnt sind. Aber dieses Bild eines garantierten Arbeitsplatzes ist schon in den letzten Jahren arg ins Wanken geraten.“

Ja, das Modell der klassischen Festanstellung ist vermutlich ein Auslaufmodell. Und es ist nicht schade darum, wenn wir die mit der digitalen Transformation verbundenen neuen gesellschaftlichen Alternativen diskutieren. Es geht um neue soziale Sicherungssysteme, um die gesellschaftliche Rolle freiwilliger Nicht-Erwerbsarbeit, vielleicht auch um Dinge wie das bedingungslose Grundeinkommen. Tim, ich denke, wir müssen so weit kommen, dass wir unsere Analysen der digitalen Transformation um eine gesellschaftliche Transformation erweitern.

Grauer Star, die Dritte: Von der Zukunft der Städte

Tim, du zitierst den Strategieberater Wolfgang Richter: „In fünf Jahren werden 30 Prozent der heutigen Verkaufsflächen überflüssig sein“. Andererseits setzt du auf den hybriden Handel und beschreibst sehr gut die Chancen des stationären Handels in Hybridlösungen. Du zeigst dich davon überzeugt, dass der hybride Handel zum Absterben der seelenlosen Einkaufszentren in den städtischen Außenbezirken führen wird und zu einer Renaissance der Innenstädte.

Dass sich der hybride Handel durchsetzt ist für dich das Ergebnis der zunehmenden Macht der Konsumenten. Der Konsument setzt in der digitalen Transformation seine Interessen durch. Du übernimmst dann auch einige scheinbare Nutzenversprechen, wenn du schreibst: „So sind zum Beispiel Ladenschlussgesetze und der Verbot der Sonntagsöffnung aus Kundensicht eindeutige Nachteile. Im Internet sind die Geschäfte rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr geöffnet.“

Das, mein lieber Tim, ist mir zu mechanistisch. Interessen setzen sich nicht einfach durch, sondern sie werden gegen andere Interessen durchgesetzt. Es setzt sich auch nicht automatisch durch, was vorgeblich vernünftig ist.

Auch bin ich erheblich skeptischer in Bezug auf die Zukunft unserer Innenstädte in Zeiten des Online-Handels (und bin trotzdem Optimist, wie du): Ich will Innenstädte denken, die nicht mehr ausschließlich auf kommerzielle Interessen ausgerichtet sind. Wir alle können uns Innenstädte ohne Lichterflut und unendliche Schaufensterreihen gar nicht mehr vorstellen. Aber München ist nicht um die Fußgängerzone herum gebaut worden. Es gab eine Stadt schon vor Karstadt und Kaufhof. Eine solche Stadt müssen wir aber erst wieder neu denken lernen.

Es wird höchste Zeit, dass wir über die Rolle von Stadt neu nachdenken. Dein Buch, lieber Tim, wird dazu beitragen, denn du benennst das Thema ja korrekt: Die digitale Transformation wird mit uns und unseren Städten etwas tun. Aber bitte: lass uns darauf bestehen, dass wir diese Auswirkungen aktiv gestalten müssen. Die digitale Transformation führt aus sich heraus weder zu besseren Arbeits-, noch Wohnbedingungen. Ich will mir weder von der katholischen Kirche, noch von amazon vorschreiben lassen, dass am Sonntag die Läden offen sind. Denn dann sind ja nicht nur die Läden offen, sondern da arbeiten auch welche drin.

Grauer Star, die Vierte: Der Kunde als König und Despot

Dass die Rolle des Kunden tendenziell in der digitalen Transformation gestärkt wird, ist offensichtlich. Preis- und Angebotstransparenz, globale Einkaufsmöglichkeiten, transparente Strukturen im Empfehlungsmarketing, die Koalitionsfreiheit der Konsumenten, alles das kann grundsätzlich die Rolle des Konsumenten stärken. Du formulierst das drastisch, wenn du schreibst: „Der Kunde ist heute wirklich König, aber er ist kein gütiger Monarch, sondern ein übler Despot. Das liegt an der steten Verschiebung der Machtverhältnisse im Markt – und zwar zugunsten des Kunden!“

Tim, ich folge dir wieder FAST ganz: ich fürchte aber, du setzt zu große Erwartungen in den neuen Kunden 2.0. Du unterstellst, der Kunde habe „eine direkte Möglichkeit, Firmen bei etwaiger Fehlverwendung persönlicher Daten abzustrafen – durch Entzug der Kundenbeziehung! Für ein Unternehmen ist es gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Selbstmord, wenn es Schindluder mit den Daten der Kunden treibt, denn im Internetzeitalter kommt sowas ja raus! Würde einem Kunden Schaden entstehen, dann wüssten das in Windeseile alle anderen Kunden auch dank Facebook, Twitter & Co. Das Ergebnis ist der treffend benannte „Shitstorm“ – ein Sturm der Entrüstung, der sich über das Unternehmen ergießt und weder durch PR-Texte noch durch teure Werbekampagnen wieder aus der Welt schaffen lässt.“

Nein, Tim. Die Customer Journey, auf die die Unternehmen schielen, das Social Selling, das die Unternehmen dazu bringt, sich mehr denn je um die Profile, um die emotionalen und sozialen Strukturen und Bedürfnisse ihrer Kunden zu kümmern, die sind doch nicht nur eine Reaktion auf die vergrößerte Kundenmacht. Sie weisen doch zugleich diese Autonomie in die Schranken.

Der Konsument war noch nie ein freier. Konsumverhalten war immer schon gesellschaftlich überformt. Tim, ich meine, du überhöhst ihn, den Konsumenten. Er ist kein guter König, ja, aber er ist auch nur ein recht kleiner Despot, ein ganz kleiner fetter afrikanischer Gewaltherrscher in der Hand von Nestle und der United Fruit Company.

Grauer Star, die Fünfte: Von der Zukunft des Einzelnen

So wie du mir den Konsumenten zu stark zeichnest, so hoffst du mir zu sehr auf die Förderung des starken Individuums in der digitalen Transformation. Du beschreibst die wachsende Bedeutung des Individuums sehr schön mit dem Bild des Fußballs als Organisationsvorlage für das Marketing 2.0:

„Im Grunde war Marketing früher mit American Football vergleichbar: Dort nehmen die Spieler Aufstellung, der Spielzug ist bis ins kleinste Detail vorgeplant, der Quarterback verteilt die Bälle, alle anderen schwärmen aus und haben gefälligst rechtzeitig dort zu sein, wo der Quarterback sie haben will, damit einer von ihnen den Ball fangen und über die Ziellinie tragen kann.“

Du schreibst weiter:

„Modernes Marketing ist mehr wie ein europäisches oder südamerikanisches Fußballspiel: Alles ist in Bewegung, jeder Spieler weiß, worum es geht und entscheidet selbst ganz spontan, wohin er den Ball weiterleitet. Wobei es ja im Fußball moderner Prägung ja auch nicht mehr wie früher den klassischen „Spielmacher“ gibt wie Franz Beckenbauer. Es bleibt auch keine Zeit mehr für ruhige Annahme und Verteilung der Bälle, wie es einst Günther Netzer so meisterhaft beherrschte. Heute sind Schnelligkeit und Reaktionsvermögen die Kardinalstugenden eines Leonel Messi, eines Christiano Ronaldo oder eines Zlatan Ibrahimovic.“

Mhmmm … mit dir über Fußball zu streiten ist ähnlich aussichtslos wie ein Streit über amerikanischen Whiskey. Du hast bei diesen Themen immer das letzte Wort und leider oft auch recht. Aber trotzdem: kommt es im modernen Fußball heute nicht weniger auf den Einzelspieler, als vielmehr auf das System an? Spielt Robben nicht nur deshalb noch, weil er ein Teamplayer geworden ist?

Ich fürchte deinen Optimismus, lieber Tim. Ich fürchte dein Vertrauen in den starken Konsumenten. Ich fürchte dein Vertrauen in gesellschaftliche Systeme, die sich nach Regeln der vermeintlichen Vernunft restrukturieren.
Und ja, ich fürchte mit Dir, dass Deutschland den Zug der digitalen Transformation verpasst. Denn dieser Zug bietet eben nicht nur Risiken, sondern auch große Chancen.

Es ist dein unbestrittenes Verdienst mit deinem Buch die großen Hype-Wörter lesbar in einen sinnvollen Zusammenhang zu setzen. Du beschreibst anschaulich und für jeden mit Lust lesbar, dass digitale Transformation eigentlich kein Technologiethema ist, sondern ein Organisationsthema. Du schreibst: „Digitale Transformation hat deshalb weniger mit Technologie und mehr mit Infrastruktur, mit Organisationsmodellen und mit Führungsqualität zu tun.“
Das ist alles richtig.

Dein Buch endet mit einem Verweis auf Alice hinter den Spiegeln, ein Buch, von dem ich weiß, wie viel es dir bedeutet:

„Im Kinderbuch Alice hinter den Spiegeln lässt der Autor Lewis Carroll seine kleine Heldin von der Königin an die Hand nehmen, die daraufhin losrennt und das Kind so lange hinter sich herzerrt, bis es vor Erschöpfung stehen bleibt und sich wundert, dass sie beide immer noch auf dem gleichen Fleck stehen wie vorher. ‚Bei uns kommt man meistens irgendwo hin, wenn man lange Zeit so schnell rennt wie wir gerade‘, sagt sie keuchend. ‚Ein langsames Land ist das!‘, sagt die Königin, ’so schnell wie du muss man hier rennen, um bloß auf der gleichen Stelle zu bleiben. Wenn du irgendwo hinkommen willst, musst du mindestens doppelt so schnell laufen.‘

Wir leben heute im Land hinter dem Bildschirm: [- ich zitiere immer noch aus deinem Buch -] Eine Welt, in der wir immer das Gefühl haben, alles läuft viel schneller als früher ab, und wir haben unsere liebe Mühe mitzukommen. Aber die Welt dreht sich weiter, und wir sind gefordert, uns anzupassen, flexibel und aufgeschlossen für das Neue zu sein, das uns zunehmend in digitaler Form entgegenkommt.“

Ja Tim. Aber lass uns ab und an mal gemeinsam innehalten und darüber streiten, was wir wollen: Welche Arbeitsbeziehungen wollen wir haben? In welchen Städten wollen wir leben? Was ist mir Privatheit wert? Lass uns die digitale Transformation nicht nur als Zukunftsszenario verstehen, sondern als Denkaufgabe.

Nun ist das wieder keine Laudatio, keine Lobpreisung, geworden. Aber wozu auch? Dass deine Bücher immer nicht nur schön geschrieben sind, sondern die richtigen Themen adressieren und die wichtigen Fragen aufwerfen – das wissen wir hier doch schon.

Deshalb: danke für dein Buch!

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