Europas blinder Fleck

Gastbeitrag von Jacopo Deyla*

Rund ein Jahr nach Anwendungsbeginn des European Accessibility Act (EAA) am 28. Juni 2025 zeigt eine europaweite Analyse von Accessiway: Europas große Börsenunternehmen sind von digitaler Barrierefreiheit weiterhin meilenweit entfernt. 98 Prozent der untersuchten verbraucherorientierten Websites weisen mindestens eine digitale Barriere auf – nur zwei von 107 geprüften Websites bestanden alle Prüfungen. Untersucht wurden digitale Angebote führender Unternehmen aus DAX, ATX Prime, FTSE MIB, CAC 40 und FTSE 100 in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und Großbritannien. Grundlage der Prüfung waren neun ausgewählte Kriterien der Web Content Accessibility Guidelines, WCAG 2.2. In Deutschland wird der European Accessibility Act durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) umgesetzt.

Im direkten Ländervergleich liefert Deutschland demnach den besten Wert. Entwarnung ist dennoch nicht angesagt: Auch in Deutschland fallen 89 Prozent der untersuchten verbraucherorientierten DAX-Websites bei mindestens einem Kriterium durch. In vier der fünf untersuchten Märkte liegt die Durchfallquote bei 100 Prozent. Die Folge: Für viele Nutzer:innen bleiben Europas Online-Angebote schwer erreichbar. Zentrale digitale Services lassen sich im Alltag nicht zuverlässig oder nur mit zusätzlichem Aufwand nutzen.

Die Regulierung steht, die Umsetzung hakt
Im europäischen Länderdurchschnitt verfehlen die untersuchten Websites 3,7 von neun Kriterien. Am größten ist die Lücke in Österreich und Italien mit jeweils 3,9 verfehlten Kriterien pro Website. Deutschland schneidet mit 3,2 verfehlten Kriterien am besten ab, bleibt aber ebenfalls klar hinter dem Anspruch barrierefreier digitaler Angebote zurück. Betroffen sind in allen Ländern zentrale digitale Angebote für Verbraucher, darunter Banking-Plattformen, Online-Shops, Telekommunikationsdienste und Kundenportale.

Ein Jahr nach Inkrafttreten des BFSG beobachten wir in Europa noch immer eine deutliche Lücke zwischen Regulierung und Umsetzung. Viele Unternehmen behandeln digitale Barrierefreiheit weiter als Prüfpunkt am Ende eines Projekts. Genau dort entsteht das Problem: Barrierefreiheit muss von Beginn an in Design, Entwicklung, Content und Qualitätssicherung verankert sein, um digitale Angebote für alle zugänglich zu machen. Dabei ist digitale Barrierefreiheit heute ein geschäftskritischer Faktor. Unternehmen, die ihre digitalen Angebote nicht zugänglich gestalten, verlieren Menschen an zentralen Kontaktpunkten. Das wirkt sich auf Reichweite, Nutzererlebnis und Conversion aus.

Lesbarkeit ist Europas größte digitale Schwachstelle
Europas größte digitale Barriere sind mangelnde Farbkontraste: Im europäischen Durchschnitt scheitern 71 Prozent der untersuchten Websites an diesem Kriterium. Besonders hohe Werte weisen Italien (84 Prozent) und Österreich (82 Prozent) auf. Schlechte Kontraste erschweren hier die Lesbarkeit und Orientierung. Dies betrifft Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, ältere Nutzer:innen und alle, die digitale Angebote bei schwierigen Lichtverhältnissen nutzen. Für Unternehmen kann schon diese Basisbarriere zum Abbruch des digitalen Angebots führen.

Auf Platz zwei folgen Probleme bei der Textvergrößerung. Europaweit verfehlen 64 Prozent der Websites dieses Kriterium. Besonders auffällig sind Frankreich mit 95 Prozent und Großbritannien mit 83 Prozent. Zu den häufigsten Barrieren gehören außerdem sogenannte Reflow-Darstellungen (60 Prozent), bei denen Probleme bei der Anpassung von Inhalten auf kleinere Bildschirme oder vergrößerte Ansichten auftreten, sowie Mängel beim sichtbaren Fokus (43 Prozent) und bei der Tastaturbedienbarkeit (40 Prozent).

Automatisierte Tests vermitteln falsche Sicherheit
Die Analyse zeigt zudem: Viele Barrieren bleiben in automatisierten Tests unentdeckt. Bei einem parallel durchgeführten Test mit dem Tool Google Lighthouse schnitten mehrere der untersuchten Websites sehr gut ab, obwohl die Expert:innen von Accessiway bei einer genaueren Analyse weiterhin relevante Barrieren identifizierten. Europas durchschnittlicher Lighthouse Score fällt damit deutlich besser als in der vertiefenden Prüfung aus (89 Prozent). Die Analyse zeigt an dieser Stelle: Verlässliche Barrierefreiheit entsteht erst dort, wo automatisierte Tests durch menschliche Expertise ergänzt und kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Automatisierte Tests sind hilfreich, aber sie ersetzen keine menschliche Analyse. Ein hoher Score kann gut aussehen, während Nutzer im Alltag trotzdem scheitern. Unternehmen brauchen daher kontinuierliche Prüfprozesse, klare Verantwortlichkeiten und fachliche Expertise. Barrierefreiheit ist kein einmaliges Audit.

*Jacopo Deyla ist Chief Accessibility Officer bei Accessiway

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