Mal was über Alter(n)

Neulich zwickte und zwackte es bei mir überall, weil ich den ganzen Tag im Garten gewerkelt habe, um wenn man über 70 ist tut man sowas nicht mehr ungestraft. Am Abend setzte ich mich hin und schrieb auf Facebook:

ES IST SCHEISSE, WENN MAN ALT WIRD!

Ich habe daraufhin viele ernste und einige weniger ernste Antworten von FB-Freunden aus der ganzen Welt erhalten, aber diese kam per E-Mail. Sie stammt von meinem alten Freund und Weggefährten Toge Schenck aus Berlin, der sich wohl gerade von einer OP erholt und auch kein heuriges Häsle mehr ist. Sie hat mich sehr berührt – mir aber auch sehr viel Mut gemacht.

Alter

Von Toge Schenck*

Im Alter erfährt man endlich, aus wie vielen Einzelteilen der eigene Körper besteht oft erst dadurch, dass sie sich mehr oder minder zu erkennen geben, indem sie sich rar machen oder ganz verschwinden oder an Orten auftauchen, die sie vorher niemals bewohnt hatten, z.B. Haare, dann auch noch länger und buschiger als zu vermuten wäre, oder die Partien, die vormals straff und saftig waren nun der Haltung müde, zunehmend dem Erdmittelpunkt zuneigen (z.B. Männerbrüste), dass plötzlich etwas wehtut wovon man bisher nicht einmal wusste, dass man in dessen Besitz war, dafür andere Stellen ihre gewohnte Mittätigkeit verweigern, lieber faulenzen als sich anzustrengen.
Doof sind Schmerzen, die sich unerwartet einstellen können, interessant die ganzen Stellen, die schmerzen können und die man überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Als Kind kannte man sicherlich die Knie als Hauptschmerzquell, die des öfteren aufgeschlagen waren, kannte den beißenden Schmerz. Knie = potentieller Schmerz. Kinder kennen keinen Rücken. Wie sagt man im Rheinland? Isch habe Rücken!
Man merkt, ich rede nicht von Frauen, denen man nachsagt, sie seien eh schmerzunempfindlicher. Die wissen was Schmerzen sind, spätestens seit ihrer ersten Geburt. Sie sind die Einzigen, die diesen Schmerz kennen. Ich muss ja nicht alles kennen.

Einige finden Älterwerden scheiße, dem will ich mich nicht ganz anschließen, denn das Alter hat auch seine Vorteile. Früher sogar mehr als heute: Früher standen wir vor älteren Herrschaften in der Straßen- und U-bahn auf. Heutige Mütter sorgen scharfen Auges und ausgefahrener Krallen, dass ihre Kinder unter 6 Jahren den unbezahlten Platz behalten können, und wehe, es kommt eine ältere Frau und macht Anstalten, das Kind anzusprechen . . .

Wir Älteren tragen es mit Geduld (ein mit den Jahren gewachsenes Positivum) und lehnen unser morsches Kreuz eben im Stehen an.

Da wir schon von Positiva des Alters reden:
Es breitet sich (bei den meisten) älteren Herrschaften zunehmend eine Gelassenheit aus, nicht ganz ein LMaA, aber ähnlich (Ausnehmen bestätigen diese Regel). Wir Älteren freuen uns auf ein zu erwarten gutes Essen gerne einige Minuten länger.
In Rente oder Pension gehen wir ohne Zeitdruck langsam und gelassen durch die Welt, schauen gelöst um uns herum, nehmen die Umgebung deutlicher wahr als früher.

Die Hetze nach bereiten Sexpartnern hat ihre Wildheit verloren, aus wilder Jagd wurde gezielte Jagd.

Die Vorteile Zeit zu haben, ergeben zusammen mit den sich unweigerlich einstellenden Zipperlein ein neues Körpergefühl und eine Zeit der Freude, verschwinden diese kleinen oder großen Unpässlichkeiten für einige Zeit lang.

Nun ja, nun muss ich auch einige Nachteile aufzählen:

Negativa:

Leitern haben die Eigenschaft, mit zunehmendem Alter höher zu werden; beim Bücherlesen stellt man fest, die Arme sind kürzer oder länger geworden, der helle Himmel hat plötzlich den Grauschleier den der Meister Proper immer aus der Wäsche herauszauberte, bei uns hilft nur für klaren Durchblick und hellen Weitblick die jedem älter werdenden bevorstehende Graue-Star-OP, für die Weite brauchst du keine Brille mehr und musst das teure Stück entsorgen.

Dann war da noch was, was im Alter bei dem einen oder anderen zunimmt. Was war das noch?

Und wenn man Glück hat und entkommt fürchterlichen Krankheitsverläufen, man kann sich noch schmerzfrei einigermaßen gut bewegen und ist noch geistig rege oder glaubt es zumindest für sich, kennt seinen eigenen Namen und den des Lebenspartners noch so ungefähr, kann sich an einem Sonnenuntergang noch erfreuen und wenn einem dann noch der Wein schmeckt (oder war es der Sonnenaufgang und das Bier?), solange noch ein Lächeln Auge, Nase und Mund umspielt, solange ist man ein fröhlicher Alter.
Oder vielleicht bereits ein seniler Greis.

Da war doch noch was, was im Alter zunehmen kann. Eben komme ich darauf: eine kleine Vergesslichkeit.

Tschö, oder wie das hieß!

Toge


*Toge Schenck ist Inhaber der Referenten-Agantur Schenck in Berlin

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