Der Toyota-Komplott

Jetzt ist amtlich, was Autoexperten schon seit Jahren gewusst haben: Nicht irgendwelche verrutschten Bodenmatten oder falsch konstruierte Gaspedale sind Schuld an der unheimlichen Pannenserie, sondern die Fahrer selbst! Sie sind schlicht und ergreifend aufs Gas gestiegen statt auf die Bremse. Das hat eine Untersuchung der US-Regierung jetzt ergeben.

Toyota nützt die späte Erkenntnis  jetzt leider nicht mehr viel, Der erlittene Imageschaden ist nämlich kaum wieder gut zu machen, was sich unter anderem daran zeigt, dass der Ausdruck „to do a Toyota“ inzwischen in die amerikanische Umgangssprache eingegangen ist um zu beschreiben, dass jemand Mist gebaut hat. Und das einem Autobauer, der jahrzehntelang sich mühevoll einen Ruf aufgebaut hat dafür, die sichersten und bestgebauten Autos der Welt zu produzieren.

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Alice darf nicht sterben!

…und nun geht sie doch dahin.

Sie ist das Pinup-Girl der deutschen IT, die schöne Fee mit den blonden Locken und dem kurzen Kleidchen, die so aufreizend unbekümmert barfuß durch die virtuellen Lande hüpft, stets von einem wallenden roten Band umschwebt, der digital Darling, die Traumfrau aller Nerds – aben Alice, das Mädchen aus der DSL-Werbung von Hansanet. Der Hamburger Provider hat sie von der Stunde Null an als Werbeträger eingesetzt, hat die Großflächen in den Innenstädten mit ihr vollgekleistert und sie zum optischen Blickpunkt unzähliger Spots und Anzeigen gemacht. Eine Welt ohne Alice – man mag sie sich eigentlich gar nicht vorstellen.

Und doch: Alice muss jetzt sterben! Finstere Hidalgos aus Iberien können mit diesem Abbild nordischer Schönheit und Anmut (vergessen wir mal, dass die schöne Vanesse Hessler eigentlich Italienerin ist…) nichts anfangen und wolllen sie einfach verschwinden lassen.

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Die Haushälterin der Nation

Nur sooo wenig wird noch ausgegeben!

eutschland spart. Andere Länder tun das auch, Griechenland, zum Beispiel, aber auch  Großbritannien, wo man gerade den Staatshaushalt um 25 Prozent zusammengestrichen hat. Das tut weh, aber die Politiker glauben, jetzt sei eine günstige Gelegenheit, ihren Wählern Schmerzen zuzufügen, weil die auch durch die Wirtschaftskrise verunsichert sind, und was tut der Mensch, wenn er unsicher ist? Er spart. Man bringt sein Geld auf die Bank oder verschiebt größere Anschaffungen, streicht die Auslandsreise und macht Urlaub auf Balkonien. Man schaut im Supermarkt ganz genau auf das Preisschild und beschließt, die alte Sommerbluse noch eine Saison zu tragen.

Für den Bürger heißt sparen vor allem Konsumverzicht und vorsorgen. Doch leider wird dadurch die Sache nur noch schlimmer. Das Geld wird dem Wirtschaftskreislauf entzogen, die Firmen bleiben auf ihren Waren sitzen, der gerade mühsam wieder  angelaufene Konjunkturmotor stottert und bleibt stehen, es werden noch mehr Leute entlassen, die Pleiten häufen sich, und schon haben wir tatsächlich Weltwirtschaftskrise 2.0.

Liest eigentlich niemand in Berlin Zeitung? Zum Beispiel die Kolumnen von Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger und der Mann, der schon vor Jahren korrekt das Platzen der Immobilenblase in den USA vorausgesagt hat, dem wir das ganze gegenwärtige Malheur zu verdanken haben? „Spend now, save later“ lautet die Überschrift seines neuesten, zunehmend verzweifelter klingenden Aufrufs, die Lehren der Vergangenheit und insbesondere von 1932 nicht zu widerholen, als blindwütige Politiker viel zu früh auf die Sparbremse traten und so aus dem schlimmen örsenkrach von 1989 erst eine richtige Katastrophe, nämlich die „Great Depression“ machten.

Die Regierungen müssen mehr Geld ausgeben, nicht weniger, wenn sie nicht den Aufschwung abwürgen und uns in die nächste Krise stürzen wollen. Aber so denkt der kleine Mann leider nicht. Und leider haben wir an der Spitze des deutschen Staates gerade lauter kleine Männer und Frauen, allen voran Angela Merkel, die sich gerade als die Haushälterin der Nation aufführt. Das Problem ist: Wir brauchen im Augenblick keine ordentliche Haushälterin, die weiß, wie man billig einkauft und sein Geld beisammen hält. Wir brauchen mutige Politiker, die das Steuer fest in die Hand nehmen und das lecke Schiff der deutschen Volkswirtschaft sicher aus dem Sturmtief lenken kann. Das heißt: Nicht kleckern, sondern klotzen! Wachstumsimpulse setzen,

 

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Digitaler Jungbrunnen

Eine Uni zum Abheben

Der Mensch lebt schon immer in Symbiose mit seinen Werkzeugen. Indem er immer intelligentere Werkzeuge ersinnt und einsetzt, verändert er sich. Das ist ein natürlicher Vorgang, und er ist wertfrei. Der Fehler, den auch Schirrmacher begeht, besteht darin, diesem Vorgang ein Attribut zu geben. Ein typisches Beispiel ist die Vorstellung von “Fortschritt” (als ob der Mensch seit Anbeginn seiner Geschichte auf dem Weg zu einem klar definierten Endziel voran schreitet). Ein anderes ist die von durch Technik induzierte Degeneration, Frank Schirrmachers “vermanschtes” Gehirn.

Der Amerikaner Ray Kurzweil gehört zu den Vordenkern der digitalen Zukunft. Er ist erfolgreicher Serien-Firmengründer und hat deshalb genug Geld um sich leisten zu können, hauptberuflich darüber nachzudenken, wohin die Reise geht.

Kurzweil gehört zu den Begründer der so genannten Singularity-Bewegung. Die will nicht mehr und nicht weniger als den uralten Menschheitstraum vom Jungbrunnen Wirklichkeit werden lassen. Singularity beschreibt eine Welt, in der die Verschmelzung des Menschen mit seiner Technik eine überlegene Form von Intelligenz schafft, die unser Leben dominieren wird.
Kurzweil spielt ungefähr seit 1980 mit dem Gedanken an Singularität, seitdem er erstmals mit dem Moore‘schen Gesetz konfrontiert wurde. Der Mitbegründer von Intel, Gordon Moore, postulierte schon in den 60ern, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise, also so genannter Computer-Chips, etwa alle zwei Jahre verdoppelt.
Verdopplung, wie jeder Roulettspieler weiß, führt zu einer ungeheuren Beschleunigung. Bei linearem Wachstum haben Sie nach 30 Stufen 30 Mal mehr als am Anfang. Bei so genanntem exponentiellen Wachstum, also 30 Verdopplungsstufen, haben Sie eine Milliarde Mal mehr als am Anfang.

Kurzweil und die Anhänger der Singularität gehen davon aus, dass wir etwa um das Jahr 2030 so weit sein werden, den Inhalt unserer Gehirne auf computerartigen Geräten speichern zu können, also sozusagen ein Backup unseres Geistes zu machen, womit wir de facto unsterblich würden. Künstliche Zellen im Nanoformat werden Reparaturen an abgenutzten Körperteilen vornehmen können, so dass der Alterungsprozess gestoppt werden kann. Kurzweil schreibt: „Wenn die nichtbiologische Intelligenz erst einmal Eingang in unsere Gehirne gefunden hat (was sich heute schon durch neuronale Implantate abzeichnet), wird die künstliche Intelligenz unsere natürliche Intelligenz zu exponentiellem Wachstum verhelfen. Unsere Denkfähigkeit wird sich dann jedes Jahr mindestens verdoppeln.“

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KaDeWe ist abgebrannt

Alltag in Bangkok

Die ausgebrannte Ruine des „CentralWorld“, des einst größten und üppigsten der vielen Kaufhäuser in Bangkok, klafft wie das zahnlose Maul eines verendeten Raubtiers mitten im Stadtbild von Bangkok. Das Bild ging inzwischen um die Welt, denn hier standen sich wochenlang Rothemden und Armee erst offenbar recht friedlich, dann zunehmend feindlich gegenüber, die schließlich die Verhandlungen über Neuwahlen und die Wiedereinführung von Demokratie in Thailand scheiterten und die Staatsorgane den Angriffsbefehl gaben.

Man kann nur ergriffen sein vom Anblick des ausgeglühten, von Rauchschwaden geschwärzten Baukörpers sein, den viele in Europa für das Fanal gehalten haben, das den Volksaufstand auslösen und die Strukturen in diesem als friedliebend geltenden Land krachend zum Einsturz bringen würde. Doch Bangkok ist erstaunlich ruhig in diesen Tagen. Und man muss nur wenige Meter weiter gehen zum Siam-Platz, um zu sehen, wie das Leben weitergeht.

Dort steht das „Siam Paragon“, die große Konkurrenz des CentralWorld-Kaufhauses. An diesem Sonntagmorgen läuft im Paragon der Laden auf Hochtouren. Vor allem junge Thais strömen in diesen vor Glas und Marmor strotzenden Tempel des Privatkonsums, decken sich in den oberen Etagen mit teurem Designerfummel ein, obwohl sie ein paar Meter weiter auf dem Chinesenmarkt die gleichen Sachen, gefälscht natürlich, zu einem Bruchteil des Preises kaufen könnten. Sie flanieren durch die breiten Korridore und über das sechs Stockwerke hohe Foyer, sitzen in den eleganten Restaurants im Erdgeschoß oder schieben hoch aufgetürmte Einkaufswagen mit den teuersten Lebensmitteln der Welt durch den „Food Court“, eine Feinkostabteilung, gegen die die Lebensmitteletage im KaDeWe in Berlin wie eine Tengelmann-Filiale aussieht.

Ich bin alt genug, um mich um die Stimmung zu erinnern, die bei uns zu den Zeiten der 68er Revolte herrschte, als die Polizei nur mit Wasserwerfern und nicht mit durchgeladenen Maschinenpistolen auf Demonstranten losgingen. Doch so bedrückt wie damals ist hier in Bangkok des Jahres 2010 niemand. Gut, die Rothemden sind zurück in ihre Dörfer, aber mein Taxifahrer hat sein Hemd nur in den Kofferraum gelegt, wie er mir erzählt. Man muss vorsichtig sein, mit wem man redet in Bangkok, denn Polizeispitzel lauern angeblich überall, und ein falsches Wort bringt selbst einen ausländischen Journalisten ins Gefängnis. Dass Menschen hier nachts verschwinden, darüber spricht mein Fahrer ganz offen: „Was meinen Sie, warum es die ganze Zeit hier die Ausgangssperre gab, zum Schluss nur noch von elf bis fünf. Weil nachts die Rothemden aus ihren Löchern kriechen und wieder etwas anzünden? Nein, weil man da die Leute besser verschwinden lassen kann.“

In Thailand wird die Demokratie von einer Obrigkeit mit Füssen getreten, die längst den Kontakt zum Volk verloren hat, die ohnehin nur durch fragwürdige Schiebereien und durch das Absetzen des gewählten Präsidenten an die Macht gekommen ist. Aber das sieht man den Gesichtern der jungen Leute nicht an, die an diesem Sonntagmorgen offenbar zum Marathon-Shoppen angetreten sind. Es kann dafür eigentlich nur zwei Erklärungen geben: Entweder ist Einkaufen eine Ersatzhandlung, die Stress abbaut und Wut unterdrückt, oder es ist ihnen tatsächlich ziemlich egal, was in diesem Land vorgeht – Hauptsache, das Räderwerk des Staates läuft irgendwie weiter und die Regale sind gefüllt. Das muss nicht unbedingt etwas mit Zynismus zu tun haben: Fast überall in Asien sind Regierungen an der Macht, deren gebaren nichts mit unserem westlichen Demokratieverständnis zu tun haben. Und immer wieder höre ich in Gesprächen mit Einheimischen, dass sie das auch gut finden. Ein „benelovent dictator“, ein gutmeinender Despot, sei allemal besser als das Chaos der Herrschaft des Mobs.

Und deshalb nehme ich Kun, mit dem ich mich in einer kleinen Garküche am „Democracy Monument“  im Stadtteil Khao San unterhalte, es auch ab, wenn er mir zwischen Reisnudeln und Garnelen sagt, die Rothemden seien gar keine Sozialrevolutionäre, sondern gedungene Helfershelfer des flüchtigen abgesetzten Präsidenten Taksin. Kun kommt aus Chang Bai, einer Provinzhauptstadt im Norden an der Grenze zu Birma, und er behauptet, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie die Schergen der Oppositionspartei den Bauern Geld angeboten haben, wenn sie in die Hauptstadt fahren und demonstrieren. Dass die Regierungspartei ihnen Geld geboten haben soll, wenn sie daheim bleiben, hat er nicht gesehen, aber gehört. Politik sei ein schmutziges Geschäft, sagt Kun, und taucht seine Essstäbchen ein, damit wolle er am liebsten gar nichts zu tun haben. Er will das Studium beenden und einen gutbezahlten Job in einer Unternehmensberatung bekommen. Dazu lernt er Englisch, verdient sich Geld durch Nachhilfeunterricht in Mandarin, das er fließend spricht, weil seine Mutter aus China kommt.

Abends auf dem Dach des State Tower, das früher für kurze Zeit mal das höchste Gebäude der Welt war, treffe ich mich mit zwei Deutschen, die in Bangkok leben. Der eine ist Anwalt, wohnt seit 15 Jahren hier mit seiner Frau, einer Thailänderin. Er will hier nicht mehr weg, hält die Lage für stabil. Der Barkeeper mixt uns Cocktails, der Wind weht die Servietten von der Theke. Unten geht das Leben ohne Unterbrechung weiter in der Millionenstadt mit ihren wuselnden Menschenmassen, ihren Märkten, die niemals schließen, dem unbeschreiblich bunten Treiben einer dynamischen Metropole, die ganz offen mit dem Westen um Wachstum und Wohlstand und damit auf Wirtschaftsmacht konkurriert, und zwar Tag und Nacht.

Nein, Bangkok werde ruhig bleiben, sagt der Anwalt. Die Thais finden immer einen Kompromiss, das liege in ihrem Wesen. Ohnehin werde in den deutschen Medien nur ein sehr verzerrtes Bild gemalt von den Verhältnissen im Land. Auf die simple Formell „Arm gegen Reich“ lasse sich die Situation ohnehin nicht reduzieren. In Thailand sei keiner wirklich arm, im Vergleich zu anderen Ländern klage man hier auf recht hohem Niveau. Die Vorstellung, die Landbevölkerung werde sich erheben und in die Stadt marschieren, um dort ein Blutbad anzurichten, hält er für absurd: „Das ist ungefähr so wahrscheinlich, wie dass sich bei uns 100.000 Harz IVler mit den Autonomen verbünden und nach Berlin marschieren, um mehr soziale Gerechtigkeit zu fordern.“.  Und für Unternehmen ändere sich sowieso kaum etwas: „Alle haben eine Interesse daran, dass die Wirtschaft weiterläuft.“

Vielleicht hat er sogar recht. Das Schlimmste für viele Thais, die gesehen habe, wäre wohl, wenn die Regale im Paragon nicht mehr nachgefüllt werden würden. Nicht auszudenken, was dann hier los wäre…

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Der Drachen von Sikeud

Quadratisch, praktisch, gut!

Gerlinde Engel ist die deutsche Vorarbeiterin, wie sie im Buche steht: Quadratisch, praktisch, gut, ein Energiebündel, eine patente Frau, die sich von der einfachen Näherin bis zur Betriebsleiterin hochgedient hat. Der Betrieb, den sie jahrelang leitete, steht allerdings am Rande einer staubigen Straße in einem Vorort von Vientiane, der Hauptstadt der Volksrepublik Laos, eines von nur fünf verbliebenen kommunistischen Staaten der Erde. Sie kam dorthin mit einem Umweg über China, wo sie bereits die erste Textilfertigung nach deutschem Vorbild aufgebaut hat. Ihr Arbeitgeber, ein Thai, holte sie ins Land, weil er von ihren Fachkenntnissen, vor allem aber von ihrem typisch deutschen Perfektionismus überzeugt war. „In Asien hat Deutschland einen guten Klang“, sagt Frau Engel, und sie strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Das tut sie eigentlich immer, vor allem dann, wenn sie einen Besucher durch die Fabrik führt, in der mehr als 2000 Näherinnen für einen bekannten deutschen Anbieter Arbeitskleidung herstellt. „Allererste Qualität“, sagt sie, „da muss jede Naht millimetergenau sitzen.“ Die Anlage arbeitet mit modernsten Laser-Schnittmaschinen, Bondingapparate, Plotter für die Schnittbögen, die aus Deutschland oder China auf riesige Papierbahnen übertragen werden, aus denen die vielen Puzzlestücke aus Stoff herausgeschnitten werden, die zusammen eine Latzhose mit diversen Werkzeugtaschen oder ein Arbeitsanorak werden sollen, die „so elegant sind, dass die Leute in Deutschland sie in ihrer Freizeit anziehen“, wie Gerlinde Engel stolz bemerkt. Auf ihre Fabrik und ihre Näherinnen lässt sie nichts kommen. Für sie sind sie Weltklasse: „Wenn Sie sowas machen können, können Sie alles machen, das ist echte Hightech.“

Dass Laos von Leuten regiert wird, die in Kaderschulen aufgewachsen sind und an Marx und Lenin glauben, stört sie nicht. „Ich habe noch nie mit dem Kommunismus hier Probleme gehabt“, sagt sie, und man hört ihre hessischen Sprachwuzeln deutlich durch. Ärgerlich ist für sie viel mehr, dass sie keine guten Leute mehr bekommen kann: Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, bei ihr arbeiten deshalb schon Vorarbeiter, die in Thailand angeheuert worden sind.  Das chronisch unterbevölkerte Laos krankt am Facharbeitermangel, aber selbst die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, fehlt bei vielen Mädchen, die aus den Dörfern im Hinterland kommen, wo die Menschen häufig noch leben wie im Mittelalter, ohne Strom und Wasser, ohne Straßen und vor allem ohne Perspektive.

Aber da wenigstens kann Gerlinde Engel anpacken und etwas ändern. Sie hat die Patenschaft über die nahegelegene Volkschule in Sikeud übernommen. Die heruntergekommenen Barracken, die noch von den Vietnamesen gebaut wurden, die Laos „befreiten“, hat sie mit Hilfe von Spenden aus der Heimat aufgemöbelt, die Wände kacheln lassen, neue Schulbänke besorgt. An jedem Pult hat sie einen eisernen Garderobenhaken anbringen lassen, an dem die Schüler ihre Taschen hängen müssen. „Früher haben sie die Taschen einfach irgendwo hingeschmissen. Bei mir herrscht Ordnung“, sagt sie. Auch die Lehrer lernten ihre Gönnerin fürchten: „Die waren derartig faul. Die Kinder sollen pro Jahr drei Bücher durcharbeiten. Früher haben sie hier höchstens ein Buch geschafft. Aber denen habe ich vielleicht eingeheizt!“

Heute hat jedes Kind, wenn es die Grundschule verlässt, alle drei Bücher durchgearbeitet, und die Noten sind entsprechend. Eine UNO-Studie hat die Schule von Frau Engel als eine der fünf besten im ganzen Land eingestuft, aber das nützt nichts, klagt sie, wenn die Kinder in die Mittelschule kommen, und dort sitzen sie mit anderen zusammen, die längst nicht so weit sind wie sie. „Sie fallen sofort zurück“, klagt sie. Also hat sie sich die örtliche Mittelschule als nächstes Projekt vorgenommen. Die Lehrer dort zittern vermutlich schon: Der deutsche Drachen ist im Anmarsch…

Für Gerlinde Engel ist die Schule von Sikeud  inzwischen längst zu ihren ganz persönlichen Steckenpferd geworden. Aber sie hat das oberste Ziel nie aus den Augen verloren: „Wir brauchen Arbeiter, die lesen und schreiben können, damit unsere Fabrik mit der Konkurrenz im Ausland mithalten kann.“ Als Unternehmer in Südostasien, vor allem in den sich erst langsam emporarbeitenden Volkswirtschaften wie Laos oder Kambodscha, muss der Unternehmer sich die richtigen Leute oft von der Schulbank holen – oder ihnen überhaupt erst eine hinstellen.

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Ein anderes Bild von Kambodscha

Immer lächeln – auch wenn’s schwer fällt

Ein paar Tage in Phnom Penh genügen, um dem Kambodscha-Besucher die letzten Illusionen zu verhageln. Schuld sind die Hilfsorganisationen, von denen es angeblich über 2.000 hier gibt, und die zusammen ungefähr so viel zum Bruttosozialprodukt des Landes beitragen wie der Rest der Wirtschaft. Anders ausgedrückt: Kambodscha hängt am Tropf der „NGOs“, der non-government organizations“, deren westlichen Mitarbeiter von morgens bis abends die vielen Cafes und Bars entlang des Mekong zu bevölkern scheinen, wo sie den Neulingen ihre immer gleichen Geschichten erzählen von Korruption, Zwangsenteignung und Landvertreibung, von Militäreinheiten im Sold von Konzernen und krummen Politikern, von Menschen- und vor allem Mädchenhandel und von einem verstarrten System der Vetternwirtschaft. Nein, in Kambodscha bewegt sich nichts, sagen sie, und bestellen sich noch einen Latte.

Sok Siphana erzählt eine ganz andere Geschichte. Zum Beispiel diese: „We don’t need another economist, we need business people.“ Seitdem das Pol Pot-Regime die Elite des Landes in den 70er Jahren in die Killing Fields getrieben und damit das Land mehr oder weniger führungslos zurückgelassen hat, streiten nämlich Volkswirtschaftler und Unternehmensberater darüber, wie der Übergang von einer kaputten Planwirtschaft zu einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft zu bewerkstelligen sei. Sie kommen damit nicht weiter, weil sie regelmäßig an den Eigeninteressen der mächtigen Familienclans scheitern, die alle Schaltstellen von Politik, Bürokratie und Wirtschaft unter sich aufgeteilt haben.

Auch Sok Siphana gehört zu einem solchen Familienverbund. Seine Frau ist die Schwester eines Ministers, er selbst war eine Zeitlang Regierungsmitglied, verhandelte erfolgreich den Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO. Aber dann stieg er aus und ging nach Genf zum Internationalen Handelszentrum der UNO, ging noch einmal zurück an die Uni in Neuseeland und schrieb seine zweite Doktorarbeit zum Thema „Role of Law and Legal Institutions in Cambodia Economic Development: Opportunities to Skip the Learning Curve”, in dem er argumentierte, dass Kambodscha eine Abkürzung nehmen soll auf dem Weg zu einem stabilen Rechtsstaat, indem es auf den Lehren anderer aufbauen soll statt erst mal selbst alle typischen Anfängerfehler zu machen – ein ehrgeiziges Ziel in einer Region, die von mehr oder weniger „benevolent autocracies“ – wohlmeinende Alleinherrschaften – umgeben ist.

Als er die Abhandlung fertig hatte, ging er zurück nach Phnom Penh und gründete eine kleine Anwaltsfirma, um seine Theorie in die Praxis umzusetzen. Heute hilft er Firmen, ihre Rechtsansprüche in dem undurchsichtigen Geflecht von Abhängigkeiten und Beziehungen zwischen Richtern und Politikern durchzusetzen. Aber anders als die abgebrühten NGO-Typen in den Cafes strahlt Sol Siphana Optimismus und Aufbruchstimmung aus. „Let’s face it, we have a lot of crooks“, sagt er: Ja, es gibt bei uns einen Haufen Ganoven, aber die Zeiten seien vorbei, wo es genügte, einen Minister zu kennen und schon lief alles wie geschmiert. In den letzten Jahren seien eine Menge talentierter junger Menschen von den Unis gekommen, hätten Firmen gegründet und Geld verdient. „The time of opportunistic growth is over“, sagt er: Vorbei die Zeiten des Zusammenraffens und Schiebens, jetzt seien gezielte und langfristige Investitionen gefragt, echte Partnerschaften. Der Schwerpunkt verschiebe sich weg von Landbesitz und Immobilien hin zu richtiger Produktion. Die neuen Wirtschaftszonen, die an allen Ecken und Enden des Landes eingerichtet worden sind, seien ein deutlicher Fingerzeig, wohin die Reise geht. „Cambodia ist he most capitalistic country in the world after the United States“, sagt er, und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Sol Siphana sieht Kamboschas Zukunft darin, wieder als Drehkreuz Südostasiens zu fungieren, so wie es in den 50ern und 60ern war, als man hier noch Schwerindustrie hatte und sogar Automobilbau. „We are caught between two ideologies, but we’re also nicely caught between two huge markets“, sagt er – auf der einen Seite die aufstrebenden „small tigers“ wie Malaysia, Thailand, Indonesien und Vietnam, auf der anderen der riesige postkommunistische Moloch China mit seinen unersättlichen Märkten. Kambodscha könnte die Zwischenstation sein, der Service Provider, ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette und das Logistikzentrum der ganzen Region. Gut, der Tiefseehafen in Sianoukville hängt seit Jahren im Projektstadium fest, aber es gibt Straßen in alle Nachbarstaaten, die Transportkosten sind gering, die Mobilität hoch.

Das Haupthindernis ist, das weiß auch er, das Fehlen eines stabilen, verlässlichen Rechtssystems. Die Kambodschaner sind Buddhisten, für sie sind Familienstrukturen wichtig. Sie bilden die eigentlichen Beziehungsnetzwerke des Landes. Die Richter des Landes verstehen sich als verlängerter Arm der Regierung, eine Firma bekommt nur dann ihr Recht, wenn sie die richtigen Minister oder Staatssekretäre kennt. Es hat also keinen Sinn, vor Gericht zu gehen. „Okay, dann gehen Sie eben nicht vor Gericht. Es gibt andere Wege für mich, meine Anwaltsgebühren zu verdienen, nämlich durch direktes Verhandeln, oder indem ich mit den richtigen Leuten rede.“

Und das seien zunehmend nicht mehr die alten Männer an der Machtspitze, sondern die jungen Menschen, die inzwischen massenweise nachrücken. „Die Revolutions-Generation ist inzwschen über 70, die machen es nicht mehr lange“, sagt er. Ein paar Jahre noch, und dann werden sich viele Probleme des Landes von alleine lösen. Inzwischen mache der Wirtschaftswachstum, der sogar in den Krisenjahren angehalten hat, den Alten an der Spitze Mut zum Wandel: „Sie fühlen sich sicher und trauen sich deshalb, die Zügel ein wenig nachzulassen. Diese Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen, und das ist gut so.“

Das Gespräch mit Sol Siphana dauert zwei Stunden. Danach hat man ein ganz anderes Bild von Kambodscha. Ja, es wird einen Generationenwechsel brauchen bis sich wirklich etwas bewegt in diesem Land, das dabei ist, das Trauma der Killing Fields abzuschütteln und sein riesiges Potenzial endlich auszuleben. Nur kann das schneller gehen, als viele NGO-Vertreter sich in den Bars und Cafes in düsterem Ton zuraunen. Wie sagte er zum Abschied? „Kamboscha ist auf dem Weg, der nächste Tiger zu werden!“

 

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Kämpferherz und Kokosmilch

Kek Galabru ist eine schmale, elegante Frau und einer etwas flachen Nase, von der sie ihre Abstammung von den Mongolen Dschingis Khans ableitet, die im 13ten Jahrhundert bis nach Kambodscha vorgedrungen sind. Von ihnen habe sie wohl auch ihr Kämpferherz geerbt, meint sie lächelnd. Denn Kek ist eine echte Kämpfernatur, auch wenn es bei ihr beim Boxen vermutlich nicht einmal für die Federgewichtsklasse  reichen würde. Ich könnte jedenfalls ihren Unterarm mühelos mit Daumen und Zeigefinger umspannen.

Wenn Kek bei uns nicht so bekannt ist wie ihre burmesische Kollegin Aung San Suu Kyi, dann vielleicht deshalb, weil man sie in Kambodscha noch frei herumlaufen lässt. Der Staat ist dringend auf das Wohlwollen der internationalen Gebergemeinschaft angewiesen. Bis zu 50% des Bruttosozialprodukts des Landes stammen, so wird gemunkelt, aus Spendentöpfen fremder Regierungen und Hilfsorganisationen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber das ist nicht weiter verwunderlich in einem Land, das laut offizieller Statistik nur 3,7% Arbeitslosigkeit hat, in dem aber Menschen unweit der Hauptstadt Phnom Penh verhungert in ihren Hütten aufgefunden werden. „Die echte Zahl dürfte wohl eher bei über 50 Prozent liegen“, sagte mir ein junger Deutscher, der an einem Hilfsprojekt im Hinterland arbeitet.

Kek Galabrun hat in Paris Medizin studiert und floh 1971vor den Mörderbanden der Khmer Rouge mit ihrer Familie wie viele Kambodschaner nach Kanada. Nach dem Abzug der Vietnamesen, die Pol Pot und seine Schergen vertrieben und das Land zehn Jahre lang besetzt hatten, war sie eine der wichtigsten Vermittlerinnen zwischen Hun Sen, dem durch Putsch an die Macht gekommenen Ministerpräsidenten, und König Norodom Sihanouk, was zum Ende des Bürgerkriegs führte. Hun Sen ist heute nicht sehr gut auf sie zu sprechen, denn mit ihrer Menschenrechtsorganisation LICADRO ist die kleine Kambodschanerin zu einem der laustärksten Gegner seines Regimes geworden, dem sie vorwirft, zum Teil an dem Handel mit jungen Frauen und Kindern beteiligt zu sein, die vor allem den ländliche Gebieten des Lande von ihren Familien vor allem nach Thailand und Malaysia als „Maids“ – in Wahrheit in die Prostitution – verkauft werden.

Kek wirkt alles andere als kämpferisch, wenn sie zu Tisch bittet. Es gibt eine kalte Suppe, aus der ich Kokosmilch und Koriander hervor schmecken kann. Ob das ein typisches kambodschanisches Gericht sei? Nein, lacht sie, das hat mein Mann gerader erfunden. Francois Torres ist Franzose, die beiden haben sich in den Studentenzeiten in Paris kennen- und lieben gelernt. Er ist ganz der Grandsigneur, öffnet mit gekonnter Bewegung eine Flasche Cote du Rhones.

Die anderen Gäste an diesem Abend – ein deutsches Ehepaar, das für eine Hilfsorganisation arbeitet, der amerikanische Militärattaché und seine Frau, der Anwalt ihrer Stiftung, der ebenfalls aus Deutschland stammt, diskutieren bei Fish Amok und französischem Weichkäse über die Verstrickung bestimmter Armeeeinheiten in Landvertreibung und Drogenhandel. Beim Dessert – frische Papaya, eine Art Kürbis, die mit Kokospudding gefüllt ist – kommt das Tischgespräch auf Mord. „Ein Menschenleben ist hier nur ein paar Dollar wert“, sagt Kek. Sie lächelt, als sie das sagt, aber sie lächelt eigentlich immer. Das ist wahrscheinlich asiatische Höflichkeit, vielleicht ist es auch ein Ausdruck von Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit. Die Freundin des Ministerpräsidenten soll von gedungenen Killern erschossen worden sein, angeblich im Auftrag seiner Frau. Alle wissen das, keiner regt sich sonderlich auf. So ist das nun mal.

Vor Kek Galabrus Haus stehen Wachposten. Sie sollen sie beschützen, angeblich jedenfalls. Sie wurde schon für den Friedensnobelpreis nominiert. Hoffentlich lebt sie lange genug, um ihn entgegen zu nehmen. Das ist nämlich ´Grundvoraussetzung: Die Preisrichter in Stockholm vergeben die Auszeichnung niemals postum.

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Für wen schreiben wir?

Blogs sind Worte im Wind, ziellos in die endlose Freiheit des Netzes entlassene Gedankenfetzen, von der wir hoffen, dass sie wie Brieftauben irgendwann und irgendwie zum Empfänger gelangen. Doch wie groß ist die Chance? Etwa eins zu drei, wenn man der jüngsten Studie der Initiative D21 und TNS-Infratest glauben darf. Demnach sind bislang nur 26 Prozent der Deutschen „in der digitalen Alltagswelt angekommen“, wie es in der einschlägigen Pressemitteilung heißt. 30 Prozent zählen sich zu den „Gelegenheitsnutzern“. Und die bei weitem größte Gruppe – 35 Prozent – haben mit Internet & Co. überhaupt nichts am Hut. Sie bezeichnen die Studienschreiber als „digitale Außenseiter“.

Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Kommt wohl auf den Standpunkt an. Das ist so wie die Sache mit den Optimisten und den Pessimisten: Der Optimist sieht beim Schweizer Käse den Käse, der Pessimist die Löcher. Die gute Nachricht lautet doch: Wir Blogger können mit 56 Prozent der Deutschen erreichen, allerdings nur mit etwas Glück und viel Rückenwind. Ein Drittel von ihnen sind – auch wieder eine Frage des Standpunkts – ausgeschlossen oder wehren sich erfolgreich gegen die digitale Aufdringlichkeit.

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32 Millionen für die Online-Gauner

Eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Kreditkartenbranche wurde gestern Abend ganz nebenbei auf einer Informationsveranstaltung in München gelüftet. Monika Kummer, Abteilungsleiterin Risikomanagement bei der Bayern Card-Service GmbH (eine Tochter der Bayerischen Landesbank und der Bayerischen Sparkassen) bezifferte auf einem Infroabend für Journalisten den Schaden, den Kartenbetrüger Jahr für Jahr anrichten, auf zwischen 0,2 und 0,3 Prozent vom gesamten Kartenumsatz. Dieser betrug bei BCS 2009 rund 16 Milliarden Euro. Gauner haben also rund 32 Millionen Euro erbeutet – Peanuts, könnte man meinen, jedenfalls aus Sicht der Bankenwelt.

Weit gefehlt! Die Banken verbuchen ja nur einen kleinen Teil des großen Umsatzkuchens als Provision, nämlich etwa 1,2 Prozent. Den Rest der Provisionen (zwischen 3 und 6 Prozent, je nach Kartengesellschaft und Verztragsmodell des Händlers) kassieren so gennannte Acquirer, die direkt mit dem Händler abrechnen und später mit den Banken abrechnen. Im Klartext heißt das: Mindestens ein Fünftel ihres Provisionsumsatzes verlieren Banken und Sparkassen durch Kartenbetrug! Ernüsse sehen anders aus.

Als wäre das noch nicht schlimm genug, stehen die Banken unter massivem Druck der Europäischen Union, ihre Bankgebühren bei grenzüberschreitenden Kartenzahlungen, die so genannten „Interchange Fees“, drastisch abzusenken. Bereits im Dezember 2007 hatte die EU-Kommission millionenschwere Gebühren von Mastercard gekippt und den Konzern unter Androhung eines Bußgeldes zur Vorlage eines neuen Gebührenmodells verdonnert. Im März 2008 war Visa an der Reihe: Die Kommission eröffnete gegen sie eine Kartelluntersuchung, an deren Ende ein saftige Bußgeld hätte stehen können.

Im April 2009 senkte schließlich Mastercard ihr Interbankenentgelt bis zur abschließenden Klärung des Streits durch den Europäischen Gerichtshof. Im Gegenzug verzichtete die Kommission einstweilen darauf, ein Verfahren gegen die Kreditkartenfirma zu eröffnen. Es dürfte jedoch klar sein, dass die Banken hier weitere Einbußen werden hinnehmen müssen. Sagen wir ein Prozent? Dann aber legen sie nach Abzug der Betrugsverluste sogar drauf beim Kartengeschäft.

Die Kreditkarte sei in Deutschland „immer noch ein Produkt der Zukunft“, sagte gestern Abend Günther Tittel, Direktor des Sparkassenverbands Bayern. Schuld daran ist neben der Doppelgleisigkeit des deutschen Systems – Bankleute sprechen von der „Zweikarten-Strategie“, also Girocard und Kreditkarte von ein und derselben Bank – auch die Angst der Kunden vor angeblichen oder tatsächlichen Sicherheitslücken. Dass die meisten Horrormeldungen aus den USA stammen, wird geflissentlich übersehen, ebenso wie die Tatsache, dass Deutschland den Vereinigten Staaten ausnahmesweise weit voiraus ist. Hierzulande ist die Umstellung vom altmodischen Magnetstreifen, den Hacker heute im Handumdrehen auslesen können, auf moderne Chiptechnik weitgehen vollzogen. Nur die alten Kartenlesegeräte sind noch ein Problem, da sie nach wie vor die auf dem Magnet gespeicherten Informationen verwenden. In den USA sind Chipkarten ddagegen so gut wie unbekannt.

Wenn die Banken und Sparkassen allerdings kein Mittel finden, um auch bei uns den Abfluß ihrer Gewinne durch Kartenbetrug zu stoppen, wird ein Massenmarkt für Kreditkarten in Deutschland wohl noch eine Weile Zukunftsmusik bleiben. Dagegen haben Firmen wie BCS allerdings noch ein paar Pfeile im Köcher.

So erzählte Monika Kummer ganz und gar unbekümmert, dass ihre Organisation an einem System arbeite, das jeden Kartenbesitzer automatisch per SMS benachrichten wird, sobald er eine Zahlung in einer bestimmten Höhe getätigt haben soll. „Wenn es nicht stimmt, kann er sofort Einspruch einlegen“, sagte sie. Auf ein konkretes Einführungsdatum wollte sie sich allerdings noch nicht festlegen lassen.

Noch weiter geht ein Vorschlag der BCS, Zahlungen aus Risikoländern für einzelne Kunden ganz zu sperren, und zwar auf der Grundlage des índividuellen Zahlungsverhaltens. Der Kartenbesitzer soll selbst festlegen können, aus welchen Ländern die Kartengesellschaft Zahlungen akzeptieren soll und aus wlechen nicht. Wenn er nie im Leben vorhat, Kasachstan zu besuchen, dann können Belastungen, die aus diesem Land stammen ja eigentlich nur von Borat oder einem seiner Spießgesellen verursacht worden sind…

Angesichts der drohenden Kostenlawine durch steigenden Kartenbetrug wird klar, warum die Banken und Sparkassen diesem Thema einen so hohen Stellenwert einräumen. Wer macht schon gerne Geschäfte, bei denen er drauflegen muss?

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