Doctor nihil sine causa

Wer gedacht hat, über unseren (immer noch) amtierenden Verteidigungsminister sei schon alles gesagt, der hätte heute Morgen den „Monatsrückblick“ von Holger Pätz im Valentinsmusäum hören sollen. Nein, keines der üblichen hämischen Verrisse – eine Verteidigungsrede, eher, klug zusammengestellt aus humanistischen Bonmots („Er hat sich das Staatsmotto Amerikas zu Herzen genommen – ‚e pluribus unum‘ – ‚aus Vielem eins‘), zeitgeistigen Versatzstücken („das nennt man nicht mehr Plagiat, das heißt heute ‚Rekontextualisierung‘“) und guten Kalauern („er promovierte ‚summa cum cluate‘“). Und überhaupt sollten sich die Zitatgeber doch freuen, dass sich zu Guttenberg ihre Textstellen aus dem Orkus des Vergessens befreit und ins Licht plötzlicher Berühmtheit geführt hat.

Am Schönsten fand ich allerdings seine Bemerkung, Politiker wie Horst Seehofer könnten ihre Glaubwürdigkeit besonders herausstellen, wenn sie an geeigneter Stelle darauf hinweisen, dass sie keinen Doktortitel haben. Denn was passiert, wenn sich die Macher von GuttenPlag Wiki demnächst auch den Dissertationen anderer Titelträger zuwenden, lässt sich absehen? (Nicht wahr, Herr Doktor Kausch?)

Pätz ist gut, aber Czyslansky war besser. Seine erste Doktorarbeit zum Thema „Der Einfluss des Bach’schen Kantatensatzes auf den bipolarer Determinismus“ hat er bekanntlich zusammen mit seinem Kommilitonen Peter Schickele an der University of Southern North Dakota in Hoople geschrieben. Die beiden genialen Forscher (Schickele sollte als der Entdecker des verschollenen letzten Sohns des großen Thomaskantors, des Komponisten P.D.Q. Bach zu Weltruhm gelangen) entwickelten eine Methode, die sie „Cotextualisieren“ nannten.

Das ging so: Jeder von ihnen schrieb aus mehr oder weniger willkürlich zusammengetragenen Textstellen (Czyslansky soll sich vorwiegend aus dem „Plains Farmer’s Journal“ sowie aus der aktuellen von „Reader’s Digest“ bedient haben) eine halbe Doktorarbeit. Anschließend schnitten sie die Manuskriptseiten längsweise entzwei und klebten jeweils eine Blatthälfte des einen mit einem aus der Feder anderen zusammen. Später fügten sie dort, wo es nötig schien, Füll- und Übergangswörter ein, damit der so entstandene Text einigermaßen sprachlichen Sinn machte.

Die so entstandene Arbeit reichten beide am gleichen Tag ein, allerdings bei unterschiedlichen Professoren. Während Schickele dafür die Bestnote erhielt, bekam Czyslansky seine Arbeit mit der Bemerkung zurück: „fehlende Quellenangaben ergänzen!“ Er ging daraufhin in die Unibiliothek und notierte die Titel von 136 Büchern im Regal „Hm-Ij“, weil sie direkt hinter der Eingangstür standen.

Im Übrigen erwies sich Czyslansky später als ein Pionier des Recycling-Gedankens und damit als einer der Väter der modernen Rohstoff-Wiederverwertung, indem er die gleiche Dissertation gleich zwölfmal an anderen Hochschulen einreichte, darunter die Eidgenössisch-Technische Hochschule Zürich, das Indian Institute of Technology (I.I.T.) in Bhuvaneshwara sowie die AAAardvark University in Flordia, wofür er später mit dem Verdienstorden der renommierten Akademikervereinigung IAFU ausgezeichnet wurde.

Im Besitz der Sammlung der Gesellschaft der Freunde Czyslanskys befindet sich das einzige noch erhalten gebliebene Exemplar von Czyslanskys Visitenkarte, die den Stolz wiedersiegelt, mit der der geniale Vordenker des Digitalzeitalters auf mühevoll errungenen seine akademischen Würden hinwies. Er sollte uns allen, insbesondere jedoch dem (noch) amtierenden Verteidigungsminister, als leuchtendes Vorbild dienen.

Wir werden in seinem Sinne einen etwaigen Aufnahmeantrag von Dr. ret. Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg wohlwollend prüfen.

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Can encryption cure the Cloud?

Some while back I had a conversation with Martin (“Tall Martin”) Buhr about Cloud Security. At the time, he was the European head of Amazon’s Web Services, and he has recently moved on to Nimbula (“the Cloud Operating System company”) as head of sales and business development, but his words came back to me during an analyst panel at RSA Conference in SFO, where I shared the rostrum with Eric Maiwald of Gartner and Jonathan Penn of Forrester and during which we touched on regulation issues that could block the development of Cloud Computing.  In Europe, the case is very clear: The European Data Protection Directive only allows personal data to be transferred to so-called “third countries” if that country provides an adequate level of protection. The most prominent third country is, of course, the United States which chooses for reasons we needn’t get into here to refuse individuals the right to control their personal data the way Europeans can.

In the age of packet switching, nobody can be sure some piece of information won’t make a hop over to New York or San Francisco on its way from, say, London  to Frankfurt. That is the charm and the wonder of TCP/IP, that data will always find a workaround if some part of the net is blocked, clogged or restricted. The original scenario, of course, was a Russian attack on the U.S. military’s communications infrastructure, and the thing data packets were supposed to get around were gaping, radioactive holes in the ground where major U.S. cities (and telephone hubs) once stood.

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Bringing the Cloud Down to Earth

Without getting into the umpteenth discussion about what, ho wand where the Cloud is, I think we can safely assume that for average people, and especially for businesspeople, Cloud Computing is when you run an application or store some data on someone else’s server somewhere out there “in the Cloud”. By this definition, Salesforce.com, just to name an instance, fits just about everybody’s idea of Cloud Computing .

Oracle’s Larry Ellison would beg to differ, and he actually traded insults onstage at Open World 2010 with Salesforce’s boss Marc Benioff, whom he accused of “just running a few applications on some servers.” To which Benioff memorably replied: “You can’t run a cloud in a box, Larry” – referring to Oracle’s jumbo-sized „Exalogic Elastic Cloud“ which Ellison had just introduced.

Which is funny, because according to Chandar Pattabhiram, VP Product Marketing at Cast Iron Systems, a small Silicon valley startup recently acquired by IBM, the box metaphonre is actually a pretty good description of Salesforce itself.

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Wien liegt am Pazifik

Während ich hier so sitze im Starbucks Cafe am Fishermanns Wharf in San Francisco und versuche, meinen Jetlag mit ein paar Tassen Cinnamon Dolce Latte zu vertreiben, muss ich ganz intensiv an Wien denken. Letzte Woche habe ich im Cafe Landtmann gefrühstückt, wo ich viele Stunden als Student vergeudet habe. Dort gab es genau die gleiche Mischung aus Enui und Katerstimmung, die gleichen etwas schludrigen Typen mit Zweitagesbart sassen dort vormittagelang herum, in ihre Tageszeitungen vertieft, die eine verständnisvolle Firmenleitung dort zum kostenlosen Verzehr anbot.

Hier sind es Laptops, iPhones oder iPads, in die man mit der gleichen verschlafenen Verbissenheit hineinstarrt, und die verständnisvolle Firmenleitung stellt lediglich die Konnektivität zur Verfügung. Ja, wir sind weit gekommen im Internetzeitalter. Und irgendwie doch auf der Stelle geblieben…

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Sag mir wo die Buchläden sind, wo sind sie geblieben?

Pete Seegers Lied „Where have all the flowers gone“ hat meine Generation geprägt, und selbst Udo Lindenberg habe ich verziehen, als er es eindeutschte. Es schwang so viel Melancholie mit in dem Refrain, wehmütige Erinnerung an etwas, das uns einmal viel bedeutet hat und das wir selbst aus Dummheit und Unachtsamkeit vernichtet haben. Deshalb habe ich besonders genau gehört, als mein Freund Gunter Dueck, IBM-Obertechnologe und Besteller-Autor („Aufbrechen!: Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen“) neulich in einem Vortrag das Ende des stationären Buchhandels verkündete.

Nicht, dass Dueck ein radikaler Bilderstürmer wäre. Im Gegenteil: Auch er erinnert sich wehmütig zurück an die Zeit, als es noch richtige Buchläden gab, in denen man stöbern konnte oder auch mal einen halben Tag sitzen und ungestört lesen. Ich habe auch solche Erinnerungen, zum Beispiel an Scribners an der Fifth Avenue in New York, dem früheren Sitz des Verlegergiganten, der Ernest Hemmingway und Scott Fitzgerald herausbrachte und das inzwischen ein Beneton „Superstore“ beherbergt. Oder Borders im Turm II des World Trade Center, wo man in bequemen Ledersessel saß und beim Hochblicken auf den Friedhof von Trinity Church blickte. Heute klafft da natürlich ein riesiges Loch.

Es gibt sie natürlich noch, die schönen Buchläden. Shakespeare & Company in Paris, zum Beispiel, das zum Glück noch immer aussieht wie ein besonders rumpeliger Dachboden und in dem sich die Bücher sogar hinter der schmalen Holzstiege ins Obergeschoß türmen. Der schönste Buchladen der Welt ist natürlich Lello & Irmao in Porto, ein Jugendstiltraum, dessen einziger Nachteil ist, dass die Bücher dort meist in Portugiesisch geschrieben sind und ich sie nicht lesen kann.

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Schiedsrichter 2.0

Der kolumbianische Golfprofi Camilo Villegas ist bei  dem mit 1,1 Millionen Dollar dotierten Champions-Turnier auf Hawaii disqualifiziert worden, weil ein Zuschauer in Florida ihn per Twitter verpfiffen hat. Villegas hatte an Loch 15 ein paar lose Grashalme mit der Hand entfernt, während der Ball noch in Bewegung war – klarer Regelverstoß! Dave Andrews, der die Übertragung zu Hause in Daytona Beach verfolgte, schaute vorsichtshalber noch kurz auf die Website des US-Golfsverbands und schickte dann Tweets an die PGA und an den Sender Golf Channel.

Ich finde, das Beispiel sollte Schule machen. Auch andere Sportarten können davon profitieren, dass aufmerksame Zuschauer in die Rolle des Unparteiischen schlüpfen und Regelverstöße online melden.

 

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Kannibalismus macht wenigstens satt!

Überraschung! Der iPad ist nicht die ersehnte Rettung der Verlage, sondern eher das Gegenteil. Das schreibt jedenfalls die „Süddeutsche“ heute auf der Mediensaeite. Der gerade erst angelaufene Verkauf von elektronischen Magazinen ist nach kurzem Anfangshoch tief in den Keller gesackt: Wired verkaufte im Juni noch 100.000 Ausgaben übers Internet, im November waren es nur noch 22.000.

Schlimmer noch: Die Verlage kannibalisieren sich mit den Apps für iPad & Co selbst. 58 Prozent der Nutzer gaben in einer Umfrage  an, ihr Papierabo in den nächsten sechs Monaten kündigen zu wollen, weil die Verlags-App in der Regel billiger oder sogar umsonst ist. Merke: Kannibalismus ist an sich nichts Schlechtes – es wird ja wenigstens einer dabei satt…

Die Verlage haben nämlich wieder zur gleichen Todesspirale angesetzt, den sie schon im Internet vollführt haben: Um auf Biegen und Brechen Auflage zu machen, damit die Anzeigenkunden kommen, verschenken sie ihre Inhalte. Aber auch das nützt nichts, und das merken die Werbekunden auch und buchen nicht.

Die Kostenloskultur der Verlage ist nichts anderes als der kreative Offenbarungseid der Branche: Sie finden und finden kein Rezept, um ihre Daseinsberechtigung im Online-Zeitalter zu beweisen. Und so werden sie den Weg der Dinosaurier gehen. Und mit ihm der Qualitätsjournalismus.

Die Verleger sollten jeden Tag in Richtung Cupertino beten, weil Steve Jobs ihr Geschäft retten wird, hat Springer-Chef Mathias Döpfner im Frühjahr gesagt. In Wahrheit liegt ein böser Fluch über seine Branche – eine selbstverschuldete.

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Was WikiLeaks über Amerika sagen würde

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende damit zubringen, meine jüngsten Eindrücke von Amerika, dem Land, in dem ich geboren wurde und dessen Bürger ich geblieben bin trotz mehr als 40 Jahre Aufenthalt in Deutschland, in Blogform aufzuarbeiten. Ich bin gestern nach vier Wochen, in denen meine Frau und ich in Boston gewohnt haben, zurückgekehrt und bin zutiefst verunsichert und enttäuscht von vielen Dingen, die man bei einem flüchtigen Besuch als Urlauber oder Geschäftsreisender sonst nicht richtig sieht, und das Blogschreiben ist für mich die beste Möglichkeit die es gibt, meine Gedanken zu ordnen und für mich selbst eine Perspektive zu eröffnen, die mir hilft, ein informiertes Urteil zu bilden.

Und dann schlug ich die Wochenendausgabe der „International Herald Tribune“ auf und merkte, dass ich mir die Mühe sparen kann. Denn Thomas Friedman, der brillante Kolumnist, Essayschreiber und Buchautor („The World Is Flat“) hat mir die Arbeit abgenommen. Unter der Überschrift „From WikiChina“ hat er schonungslos und treffsicher genau die Punkte aufgegriffen, die ich in meinem Kopf herumtrage, und er hat es auf eine sehr witzige Weise getan, indem er die jüngste Veröffentlichung hochgeheimer amerikanischer Diplomatenpost durch die Website WikiLeaks zum Anlass nahm, eine fiktive Depesche der chinesischen Botschaft in Washington verfasste und sich vorstellt, wie es wäre, wenn auch sie unverhofft an die Öffentlichkeit geraten würde.

Statt selbst etwas zu schreiben, habe ich deshalb beschlossen, seinen Text ins Deutsche zu übersetzen und ohne Rücksprache mit ihm oder den Anwälten der „New York Times“, die vermutlich das Copyright an seinen Texten besitzen, hier als „befreites Dokument“ zu veröffentlichen. Ob ich deshalb, wie WikiLeaks-Gründer Julian Assange in den Untergrund abtauchen muss, wird sich zeigen…

Von: Botschaft der Volksrepublik China in Washington

An: Außenminsterium

GEHEIMSACHE

Thema: Amerika heute

Es läuft gut hier für China. Amerika ist weiterhin ein politisch zutiefst gespaltenes Land, was sicher hilfreich ist für uns und unsere Ziel, die USA als die mächtigste Volkswirtschaft und Nation der Welt zu überholen. Aber wir sind vor allem deshalb optimistisch, weil die Amerikaner wegen der falschen Dinge gespalten sind.

Es liegt hier etwas mutwillig Selbstzerstörerisches in der Luft, als hätte Amerika so viel Zeit und Geld wie es braucht, um sie mit politischer Kleinkrämerei zu vergeuden. Sie streiten über Dinge wie (wir haben das übrigens nicht frei erfunden) wie und wo ein Flughafen-Sicherheitsangestellter sie berühren darf.

Wir freuen uns, berichten zu können, dass sie über den jüngster Vertrag mit Russland über den Abbau atomarer Waffen. Die Republikaner scheinen so scharf darauf zu sein, Präsident Obama zu schwächen, dass sie bereit sind, einen Vertrag zu torpedieren, der womöglich dazu beigetragen hätte, die Beziehungen zwischen den USA und Russland in Fragen wie Iran zu verbessern. Und da alles, was Russland und Amerika dazu bringen würde, aufeinander zuzugehen, uns am Ende isolieren würde, sind wir Senator Jon Kyl aus Arizona dankbar dafür, dass er unsere Interessen denen Amerikas voran stellt und die Ratifizierung des Vertrags durch den US-Senat blockiert. Der Botschafter hat Senator Kyl und seine Frau zum Abendessen in Mr. Kao’s Chinese Restaurant eingeladen um ihn für seine Standhaftigkeit beim Beschützen von Amerikas (sprich: unserer) Interessen zu danken.

Amerikaner haben gerade das hinter sich, was sie eine „Wahl“ nennen. Soweit wir es verstanden haben geht es dabei darum, dass ein Kongressabgeordneter versucht, mehr Geld als der andere einzusammeln (von den Unternehmen, die sie eigentlich überwachen sollen) damit er im Fernsehen häufiger größere Lügen über den anderen Kerl erzählen kann bevor der der andere es mit ihm macht. Das hinterlässt bei uns ein Gefühl der Erleichterung. Es bedeutet, dass Amerika nichts Ernsthaftes unternehmen wird, um seine strukturellen Probleme zu lösen: ein aufgeblähtes Staatsdefizit, ein zunehmend schwächelndes Bildungssystem, eine zerbröselnde Infrastruktur und schwindende Immigration von neuen Talenten.

Der Botschafter reiste kürzlich mit dem, was die Amerikaner ein Schnellzug nennen – die „Acela“ – von Washington nach New York. Unsere Bullet Trains von Bejing nach Tianjin legen die gleiche Strecke in 90 Minuten zurück. Seiner brauchte drei Stunden – so stand es auch im Fahrplan! Unterwegs benützte der Botschafter sein Handy, um in seinem Botschaftsbüro anzurufen, und in einer Stunde brach die Verbindung zwölfmal zusammen. Wir möchten nochmals betonen, dass wir das alles nicht erfunden haben.

Wir haben hier in der Botschaft einen Witz: „Wenn dich jemand aus China anruft, klingt es so, als säße er nebenan. Und wenn dich einer von nebenan in Amerika anruft, klingt es, als riefe er aus China an!“ Diejenigen von uns, die in Chinas Botschaft in Zambia gearbeitet haben, berichten, dass der Mobilfunkdienst in Afrika besser funktioniert als in Amerika.

Aber die Amerikaner kriegen davon nichts mit. Sie reisen selten ins Ausland, und sie merken deshalb nicht, wie weit sie zurückgefallen sind. Deshalb finden wir es hier in der Botschaft witzig, wenn die Amerikaner darüber streiten, wie „außergewöhnlich“ sie sind. Nochmal: Das ist nicht alles erfunden! Auf der Vorderseite der Washington Post stand am Montag ein Artikel, in dem es hieß, die Republikaner Sarah Palin und Mike Huckabee würden Obama dafür verdammen, dass er die „Außergewöhnlichkeit Amerikas“ in Frage stelle. Die Amerikaner haben aufgehört, daran zu arbeiten, außergewöhnlich zu sein, und reden lieber darüber, wie außergewöhnlich sie sind. Sie scheinen nicht zu verstehen, dass man sich nicht selbst für „außergewöhnlich“ erklären kann – nur andere können einem dieses Adjektiv verleihen.

In der Außenpolitik können wir nicht erkennen, wie Obama die US-Streitkräfte aus Afghanistan  befreien könnte. Er weiß, dass die Republikaner ihn einen Weichling nennen werden, wenn er es tut. Also werden die Amerikaner weiterhin jeden Tag 190 Millionen Dollar dort versenken. Das bedeutet, dass Amerika die militärischen Mittel fehlen werden, um uns irgendwo anders Paroli zu bieten, besonders in Nordkorea, wo unsere geistesgestörten Freunde nach wie vor alle sechs Monate Amerika erneut an der Nase herumführen, bis den Amerikanern nichts übrig bleibt, als zu uns zu kommen und darum zu betteln, die Sache abzukühlen. Bis die Amerikaner es aus Afghanistan herausgeschafft haben, werden die Afghanen sie sicher so sehr hassen, dass es den chinesischen Minenfirmen, die heute schon dort tätig sind, ein Leichtes sein sollte, die restlichen seltenen Bodenschätze Afghanistans aufzukaufen.

Die meisten Republikaner, die gerade ins Abgeordnetenhaus gewählt worden sind, glauben nicht, was ihre Wissenschaftler ihnen über die von Menschen verursachte Klimaveränderung sagen. Amerikanische Politiker sind Rechtsanwälte (nicht Ingenieure oder Wissenschaftler wie unsere Politiker ), und sie werden weiterhin verrückte Dinge über die Wissenschaft erzählen, und keiner wird ihnen widersprechen. Das ist gut so. Es bedeutet, dass sie niemals ein Gesetz unterstützen werden, das die Innovation in saubere Energieformen unterstützt – etwas, das im Mittelpunkt unseres jüngsten Fünfjahresplans steht. Und das stellt sicher, dass unsere Bemühungen, die Vorsprung bei Windkraft, Solartechnik, Atomenergie und elektrischen Autos von den Amerikanern gefährdet ist.

Schließlich weisen wir darauf hin, dass derzeit eine Rekordzahl amerikanischer Studenten dabei ist, Chinesisch zu lernen. Das sichert uns einen stetigen Nachschub an billigen Arbeitskräften, die unsere Sprache sprechen. Wir können derweil unsere 2,3 Billionen an Dollarreserven dazu verwenden, in aller Ruhe die Fabriken der USA aufzukaufen. Unterm Strich lässt sich sagen, dass die Dinge in Amerika derzeit sehr gut laufen für China.

Was für ein Glück, dass die Amerikaner unsere Diplomatenpost nicht lesen können.

Dem ist wohl nichts hinzu zu fügen.

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Gehen wie Hans

Ich gebe zu: Ich habe Angst vor dem Sterben. Diese Furcht teile ich mit vielen Menschen, aber nicht mit seinem Freund Hans.

Ich habe ihn heute in im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Nymphenburg in seinem schönen, hellen Zimmer im Sterbehospiz besucht. Die Möbel sind aus warmem Holz, vorm Fenster klettert ein Eichhörnchen emsig den Baum rauf und runter, und Hans freut sich darüber wie ein kleines Kind. Er ist ganz klein geworden, seitdem der Krebs an seinem Körper nagt. Die drei Chemotherapien haben ihn zusätzlich ausgemergelt, aber aus seinem schmalen Kopf zwischen den eingefallenen Wangen blitzen zwei wache Augen, die vor Lebensfreude funkeln.

Er ließt gerade den schwedischen Krimiautoren Stieg Larrson. „Nein, ich lese ihn nicht – ich habe ihn verschlungen“, sagte er mir. [Mehr …]

Ich habe ihm einen Bartschneider gebracht, weil er immer noch ein bisschen eitel ist und das Leben gerne gepflegt zu Ende bringen will. Als ich ins Zimmer kam, hörte er gerade einen gregorianischen Cantus-Chor, aber irgendwie klang es gar nicht traurig, nur erhaben.

Hans hat jahrelang den „tazblog“ geschrieben, aber damit hat er Schluss gemacht. E-Mails will er nicht mehr lesen, er will auch keinen Computer haben. Er sei mit anderen Dingen beschäftigt, sagt er, aber es klingt nicht resignierend, sondern ganz vernünftig, so wie er es sagt. Sein Netzwerk ist ganz, ganz klein geworden, und es besteht aus Menschen, die ihn lieben und die er liebt. Er erzählt voller Begeisterung von dem Pater und den Schwestern, die ihn pflegen. „Man lernt hier so interessante neue Menschen kennen“, sagt er lachend.

Er will keine vierte Chemo, weil er nicht glaubt, dass er das überlebt. Wenn er sie nicht macht, hat er auch keine Chance mehr, aber das stört ihn nicht.

In „Cabaret“ singt Liza Minelli von einer Freundin namens Elsie, mit der sie „assorted rooms in Chelsea“ geteilt hat und die mit einem Lied auf den Lippen starb. „When I go, I’m goin‘ like Elsie“, singt sie. Ich möchte wie Hans gehen.

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WikiLeaks? Ein alter Hut!

Man vergisst leicht vor lauter Aufregung über WikiLeaks und den wohl endgültigen Verlust der staatlichen Datenhoheit, dass dies keineswegs ein Problem ist, das erst durch Internet und Digitalität entstanden ist. Lecks im Apparat gab es schon immer, und den auf diese Weise bloßgestellten Machthabern war der ungewollte Abfluss an Informationen immer schon ein Dorn in der Seite.

Am Vorabend der Schlacht von Antietam im Jahr 1862, dem bis heute blutigsten Tag in der amerikanischen Militärgeschichte (doppelt so viele Verluste wie bei der Normandielandung 1944), fand ein Nordstaatensoldat drei Zigarren, die ein Südstaatenoffizier verloren hatte. Leider waren sie in einem Papier eingewickelt, dass die Schlachtpläne von General Lee enthielt.  10.700 Konförderierte starben.

Schaut man sich die großen Enthüllungsfälle aus jüngerer Zeit an, so fällt ebenfalls auf, dass  keineswegs die Technik schuld gewesen ist. Die 7.000 Blätterm die Daniel Ellsberg 1971 der New York Times übergab und die bewiesen, dass die US-Regierung das Volk in Sachen Vietnamkrieg belogen hatte, kamen mit der Post. Mark Felt, alias „Deep Throat“, diktierte seine Enthüllungen den Reportern der Wachington Post ins (analoge) Tonbandgerät – Nixon musste abdanken. Und Jeff Wigand benütze das Telefon, um Reportern der Nachrichtensendung „60 Minutes“ Internas über die Vertuschung von Gesundheitsrisiken durch die Zigarettenhersteller zu erzählen – was zu „Tobaccogate“ und Schadensersatzzahlungen von fast 370 Milliraden Dollar führte.

Aber es stimmt schon: Mit Hilfe der Digitaltechnik ist die Sache leichter geworden. Als der Feldwebel Joe Darby 2004 Bilder von den Gefangenmisshandlungen in Abu Ghraib in die Hand bekam, brauchte er nur ein paar Minuten, um sie auf eine CD zu ziehen und diese an die Presse zu senden.

Man sollte also meinen, dass die Politiker und Beamte vorgewarnt seien. Aber wie WikiLeaks zeigt, ist das nicht der Fall. Dabei wär es mit Hilfe von modernen Information Rights Management mühelos möglich, die Sichtbarkeit von Informationen einschränken, beispielsweise zeitlich oder sogar geografisch unter Verwendung der modernen Ortungssysteme. Man kann – je nach Unterstützung durch die Anwendungen – Dokumente auch teilweise editierbar machen, manche Passagen wären dann nicht veränderbar. IRM ist die Steigerungsform von DRM, oder Digital Rights Managment, das heutzutage auf jeder besseren DVD drauf ist und das sich auch von jedem besseren Hacker problemlos überwinden lässt. IRM ist schon ein Tick schwieriger zu knacken, aber wenigstens sind die Datenb nicht völlig offen und ungeschützt, wie die Dilpomatenpost, die WikiLeaks zugespielt wurde.

Das ist alles vorhanden – nur verwenden es unsere Diplomaten nicht. Selber schuld, kann ich nur sagen.

Aber vielleicht ist es ohnehin besser, stets das Schlimmste anzunehmen. Mein Freund Kim Cameron von Microsoft (der Autor der „7 Laws of Identity“) hat einmal etwas formuliert, was ich als „Cameron’s Law of IT Security“ bezeichnet habe, nämlich: “Sensitive data will be leaked.”

Wenn wir das wissen und davon ausgehen, dass ohnehin alles irgendwann einmal rauskommt, dann lebt es sich doch völlig sorgenfrei, frei nach Wilhelm Busch: „Ist der Ruf erst ruinierte, lebt sich’s gänzlich ungeniert.“

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