Schöne Bescherung!

Manche Probleme lösen sich von ganz alleine. Ursula von der Layen, beispielsweise, ist nicht mehr Familienministerin, sondern zuständig für Arbeit & Soziales. Und ihre Schnapsidee, nämlich die Sperre von Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten ist vorerst auch vom Tisch.

Dafür gibt es jetzt “White IT”. Nein, das ist kein Versuch, im Internet die Rassentrennung einzuführen (”whites only!”), sondern ein Gemeinschaftsportal von Politik, Verbände und Technologie-Firmen, die versuchen will, das Problem anderweitig zu lösen. Sie sagen auch , wie, nämlich erst mal, indem man der Sache auf den Grund geht (”Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere im Verfassungs-, Datenschutz- und Telekommunikationsrecht”).

Das ist schon mal ein wohltuender Kontrast zu der aus der Hüfte schießenden Zensursula. Und überhaupt hat man das Gefühl, dass die Leute von der White IT-Initiative den Augenblick abgewartet haben, bis Frau von der Layen ihren Schreibtisch räumte, bevor sie zuschlugen. Oder wie ist denn dieses perfekte Timing sonst zu erklären?

Natürlich hackt auch im Internet keine Krähe einer anderen das Auge aus. CDU-Mann Uwe Schünemann, im Hauptberuf Niedersachsens Innenminister (ist Kinderporno seit der Föderalismusreform jetzt eigentlich Ländersache?) kann sich in seiner “Problemanalyse” nicht zu einer Generalkritik an der Ex-Familienminsterin aufraffen. Er geht aber ganz schön weit mit seiner Behauptung: “Der Vorstoß der Bundesregierung zur Sperrung hat gezeigt, dass ‘Alleingänge’ oft nur punktuell wirken und insbesondere rein technische Maßnahmen bestenfalls am Rande zur Problemlösung beitragen.” Das ist Politikerdeutsch und bedeutet: Tschuldige, aber die in Berlin haben Mist gebaut!

Also, bloß keine Alleingänge mehr, sondern Business as usual. Unter “Lösungsvorschläge” findet sich eine lange Liste von politically mehr oder weniger correcten Dingen wie “Entwicklung geeigneter Schutzmaßnahmen, welche die Verbreitung von kinderpornographischen Inhalten erschweren” und “weitere Verbesserung der Ausstattung der Strafverfolgungsbehörden mit Informationstechnik”. Kann man ja nix gegen sagen, stellen wir mehr PCs in die Polizeireviere, dann können auch die Streifenbeamten in der Arbeitspause Pornos gucken.

Auch der Vorschlag, geeignete forensische Werkzeuge zu entwickeln zur Überwachung von Tauschbörsen klingt ganz nett. Die reden in der IT doch dauern von Automatisierung. Vielleicht können ja in Zukunft Software-Roboter die Päderasten jagen. Die Fachbeamten in den Landeskriminalämtern, die heute tagaus, tagein den ganzen Schweinkram anschauen  und sich mühsam per Chatboard und E-Mail bei den Porno-Anbietern ein schleimen müssen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, damit man endlich zur Sache kommen kann, nämlich die Vermittlung der abgebildeten Minderjährigen zwecks ganz und gar nicht virtuellem sexuellen Missbrauchs, die werden dann vermutlich wieder zur normalen Verkehrsregelung abgestellt. Kommissar Computer, übernehmen Sie!

Und auch, dass sich das Bündnis, dem immerhin so namhafte Verbände wie Bitkom und Eco angehören, so ehrbaren Thema “Prävention und Opferschutz” verschrieben hat, ist tendenziell zu begrüßen. Endlich haben welche kapiert, dass es um die Kinder geht und nicht um die Erwachsenen, die daran gehindert werden sollen, etwas zu sehen, was sie nicht sehen sollen.

Aber allzu tief sitzt die Erkenntnis wohl doch nicht, denn nach wie vor geistert das Märchen von dem Milliardenmarkt für Kinderporno durch die Seiten der Weiß-ITler (”…ein Medium, welches sich Pädokriminelle zu Nutze machen, um kinderpornographische Inhalte feinzubieten, zu tauschen oder gewinnbringend zu veräußern”). Wie oft muss man es noch sagen? Es geht nicht um die Bilder, es geht um das organisierte Angebot von Kinderprostitution. Die Bilder sind Werbematerial, da zahlt keiner was für! Warum fragt Herr Schünemann nicht seine LKA-Beamten? Die wissen es doch!

Nein, stattdessen werden weiterhin in einem Atemzug Äpfel mit Birnen verglichen. “Noch immer gibt es keine effektive Bekämpfung von Kinderpornographie im Internet. Noch immer werden Kinder für die Herstellung von kinderpornographischem Material schwer missbraucht.” Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun! Ich bin ja sofort dabei, wenn wir ernsthaft versuchen wollen, die Verbrecher zu fangen, ihnen die Kinder abzunehmen, sie zu betreuen und zu therapieren. Gut so! Aber darum geht es hier bedauerlicherweise doch nur wieder am Rande.

In erster Linie ist die White IT doch nichts anderes als wieder so ‘ne “Aktion sauberes Internet”. Sie geben es sogar selbst ganz offen zu: “In Anlehnung an die aktuelle Diskussion um Green IT … könnte das Bündnis unter der Bezeichnung ‘White IT’ … als Synonym für ein sauberes, weil kinderpornographiefreies Internet gegründet werden.”

Zensurusla mag jetzt für das Erstellen von Arbeitsmarktstatistiken und die betriebliche Altersversorgung zuständig sein, aber ihr Geist ist immer noch quicklebendig. Auch die Initiative White IT will uns den Saubermann machen und mündigen Menschen vorschreiben, was sie tun dürfen und was nicht. Und nach wie vor sollen die Internet-Provider die Hilfssheriffs spielen, indem sie geeignete “Unterdrückungs-, Überwachungs- und Sperrmaßnahmen” einsetzen. Diesmal aber bitteschön “freiwillig”.

Da ist er schon wieder, der alte Geist von Bevormundung und Zensur, der sich in Deutschland immer wieder Bahn bricht, wenn über das Internet diskutiert wird. Und den müssen wir mit allen Kräften bekämpfen!

Das heißt: So richtig anstrengen müssen wir uns ja gar nicht. Ich habe es oft gesagt, aber ich sage es gerne immer wieder: Das Internet ist so gebaut, dass es Informationen auch bei Ausfall von Teilen des Netzes zum Empfänger leitet. Zensur wird vom TCP/IP-Protokoll wie eine Störung behandelt – es leitet die Daten einfach drum herum.

Drum lasst uns alle einstimmen und mit Bing Crosby singen: “I’m dreaming of a White IT”. Möge sie ein Traum bleiben – und kein Albtraum…asst uns alle einstimmen und mit Bing Crosby singen: „I’m dreaming of a White IT“. Möge sie ein Traum bleiben – und kein Albtraum…

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schirrmachers Dolchstoß

Nichts ist langweiliger, als die Pointe eines Witzes erklären zu müssen. Aber da mein Satz über Dolchstoßlegenden und Judenlügen, der auf Frank Schirrmacher und sein schreckliches Buch “Payback” gemünzt war, offenbar doch bei einer beträchtlichen Anzahl von vorwiegend deutschen Menschen auf Unverständnis gestoßen ist, werde ich es doch tun. Obwohl es eigentlich kein Witz war, sondern mein bitterer Ernst.

Also: Als historisch Denkender bin ich stets bemüht, wiederkehrende Muster im Ablauf des großen Schauspiels namens Menschheitsgeschichte zu erkennen. Und es ist nun mal Fakt, dass der Aufbau von Feindbildern in der Vergangenheit immer wieder ein probates Mittel gewesen ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und den “gesunden Volkszorn” gegen Unschuldige zu richten.

Ich habe in “Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt” zwei Beispiele genannt. Die erste ist die unsägliche “Dolchstoßlegende”, die von wertkonservativen Nationalisten dazu verwendet wurde, von der Kriegsschuld Deutschlands 1914 abzulenken und den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gegen das Dekret von Versailles zu kanalisieren. Ganz bestimmt haben diese Leute nicht beabsichtigt, Hitler zur Macht zu verhelfen, aber sie haben es leider doch getan.

Etwas anders liegt der Fall bei der Judenverfolgung, als unter dem Schlachtruf “die Juden sind unser Verderben” Tausende von ansonsten unbescholtenen Normalbürgern billigend in Kauf nahmen, dass zunächst Synagogen niedergebrannt, jüdische Läden boykottiert, ihre Mitbürger mosaischen Glaubens zum Tragen eines gelben Davidsterns genötigt wurden und ebendiese Menschen, bis dato ihre friedlichen Nachbarn, nachts abgeholt und “irgendwohin” gebracht wurden. Nein, die große Mehrheit hätte den Genozid vermutlich abgelehnt, weshalb sich die Nazis auch um Geheimhaltung über den wahren Zweck der Vernichtungslager bemühten, die wie in Dachau teilweise am Rande friedlicher deutscher Kleinstädte errichtet wurden. Was dort vorging, wollte man am besten gar nicht wissen. So mächtig ist Propaganda.

Man könnte die Beispiele fortspinnen. Die Verteufelung ist in der Politik stets ein wirksames Werkzeug  gewesen. Nur richtete sie sich in der Vergangenheit in der Regel gegen anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Technologie zum Feindbild aufgebaut wurde, etwa die Anhänger von Ned Ludd, die englische Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Bedrohung der Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung aufwiegelten. Auch in Deutschland kam es zwischen 1830 und 1847 zu Maschinenstürmen, allerdings (wie der entsprechende Wikipedia-Eintrag richtig feststellt) in geringerem Umfang, “so dass hier besser von ‘Maschinenprotest’ als Maschinensturm zu sprechen ist.”

Der Mechanismus, nach dem Feindbilder funktionieren, besteht darin, die wahrgenommene Welt als zweigeteilt darzustellen und die “andere Seite” mit grundsätzlich negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen zu verbinden. Dies ist die Methode, die Frank Schirrmacher zur wahren Meisterschaft geführt hat, sei es im “Methusalem-Komplott” (Alt gegen Jung), sei es in “Minimum” (Gemeinschaft gegen Individualisten) oder eben auch in “Payback” (Internet gegen Mensch).

So, um nun die Pointe meiner gar nicht witzig gemeinten Bemerkung zu erklären: Ich behaupte nicht, dass Schirrmacher ein Nazi ist. Er ist auch kein Monarchist, Idealist, Fundamentalist oder Terrorist. Aber er verwendet Methoden, die in der Vergangenheit von den Anhängern solcher Extrembewegungen gerne aufgegriffen und verwendet wurden, um ihre fragwürdigen Ziele zu erreichen. Man kann ihm also geringsten falls vorwerfen, sich zum Handlanger zu machen. Journalisten sind dafür besonders anfällig, weil sie gelernt haben, zu verknappen, zu verdichten und dann damit zu polarisieren.

Das ist der von mir beschriebene Boulevardjournalist in Schirrmacher – eine Beschreibung, die komischerweise bisher keinen Kommentator dieses Blogs gestört hat, obwohl es für einen Mann wie Schirrmacher, dessen “FAZ” ja als Eisbergspitze des Qualitätsjournalismus in Deutschland gilt, vermutlich noch ehrenrühriger ist als Vorwurf des Propagandamachens. Aber – und da hat Mike Godwin  natürlich vollkommen recht – der Nazivergleich wird gerade in Deutschland fast reflexartig abgelehnt , weil damit angeblich irgendeine moralische Grenze überschritten wird.

Ich sehe das anders. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu allererst und vor allem eine Meisterleistung der Meinungsmacherei. Sauberes Handwerk, könnte man als Medienprofi sagen. Nur darf man das nicht, weil man das in Deutschland nicht darf.

Nun, als Amerikaner habe ich ohnehin ein etwas anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Und als studierter Historiker sehe ich im historischen Vergleich ein unverzichtbares Mittel, um Klarheit zu schaffen und Warnungen zu formulieren. Wie sagte es doch George Santayana: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

Schirrmachers Dolchstoß

Donnerstag, 26. November 2009

Historische Vergleiche sind manchmal unangenehm. Aber sind sie deshalb tabu?

Nichts ist langweiliger, als die Pointe eines Witzes erklären zu müssen. Aber da mein Satz, “In einem anderen Zeitalter haben Leute wie er Dolchstoßlegenden erfunden oder Juden als die Ursache allen Übels ausgemacht”, der auf Frank Schirrmacher und sein schreckliches Buch “Payback” gemünzt war, offenbar doch bei einer beträchtlichen Anzahl von vorwiegend deutschen Menschen auf Unverständnis gestoßen ist, werde ich es doch tun. Obwohl es eigentlich kein Witz war, sondern mein bitterer Ernst.

Also: Als historisch Denkender bin ich stets bemüht, wiederkehrende Muster im Ablauf des großen Schauspiels namens Menschheitsgeschichte zu erkennen. Und es ist nun mal Fakt, dass der Aufbau von Feindbildern in der Vergangenheit immer wieder ein probates Mittel gewesen ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und den “gesunden Volkszorn” gegen Unschuldige zu richten.

Ich habe in “Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt” zwei Beispiele genannt. Die erste ist die unsägliche “Dolchstoßlegende”, die von wertkonservativen Nationalisten dazu verwendet wurde, von der Kriegsschuld Deutschlands 1914 abzulenken und den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gegen das Dekret von Versailles zu kanalisieren. Ganz bestimmt haben diese Leute nicht beabsichtigt, Hitler zur Macht zu verhelfen, aber sie haben es leider doch getan.

Etwas anders liegt der Fall bei der Judenverfolgung, als unter dem Schlachtruf “die Juden sind unser Verderben” Tausende von ansonsten unbescholtenen Normalbürgern billigend in Kauf nahmen, dass zunächst Synagogen niedergebrannt, jüdische Läden boykottiert, ihre Mitbürger mosaischen Glaubens zum Tragen eines gelben Davidsterns genötigt wurden und ebendiese Menschen, bis dato ihre friedlichen Nachbarn, nachts abgeholt und “irgendwohin” gebracht wurden. Nein, die große Mehrheit hätte den Genozid vermutlich abgelehnt, weshalb sich die Nazis auch um Geheimhaltung über den wahren Zweck der Vernichtungslager bemühten, die wie in Dachau teilweise am Rande friedlicher deutscher Kleinstädte errichtet wurden. Was dort vorging, wollte man am besten gar nicht wissen. So mächtig ist Propaganda.

Man könnte die Beispiele fortspinnen. Die Verteufelung ist in der Politik stets ein wirksames Werkzeug  gewesen. Nur richtete sie sich in der Vergangenheit in der Regel gegen anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Technologie zum Feindbild aufgebaut wurde, etwa die Anhänger von Ned Ludd, die englische Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Bedrohung der Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung aufwiegelten. Auch in Deutschland kam es zwischen 1830 und 1847 zu Maschinenstürmen, allerdings (wie der entsprechende Wikipedia-Eintrag richtig feststellt) in geringerem Umfang, “so dass hier besser von ‘Maschinenprotest’ als Maschinensturm zu sprechen ist.”

Der Mechanismus, nach dem Feindbilder funktionieren, besteht darin, die wahrgenommene Welt als zweigeteilt darzustellen und die “andere Seite” mit grundsätzlich negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen zu verbinden. Dies ist die Methode, die Frank Schirrmacher zur wahren Meisterschaft geführt hat, sei es im “Methusalem-Komplott” (Alt gegen Jung), sei es in “Minimum” (Gemeinschaft gegen Individualisten) oder eben auch in “Payback” (Internet gegen Mensch).

So, um nun die Pointe meiner gar nicht witzig gemeinten Bemerkung zu erklären: Ich behaupte nicht, dass Schirrmacher ein Nazi ist. Er ist auch kein Monarchist, Idealist, Fundamentalist oder Terrorist. Aber er verwendet Methoden, die in der Vergangenheit von den Anhängern solcher Extrembewegungen gerne aufgegriffen und verwendet wurden, um ihre fragwürdigen Ziele zu erreichen. Man kann ihm also geringsten falls vorwerfen, sich zum Handlanger zu machen. Journalisten sind dafür besonders anfällig, weil sie gelernt haben, zu verknappen, zu verdichten und dann damit zu polarisieren.

Das ist der von mir beschriebene Boulevardjournalist in Schirrmacher – eine Beschreibung, die komischerweise bisher keinen Kommentator dieses Blogs gestört hat, obwohl es für einen Mann wie Schirrmacher, dessen “FAZ” ja als Eisbergspitze des Qualitätsjournalismus in Deutschland gilt, vermutlich noch ehrenrühriger ist als Vorwurf des Propagandamachens. Aber – und da hat Mike Godwinhttp://i.ixnp.com/images/v6.16/t.gif natürlich vollkommen recht – der Nazivergleich wird gerade in Deutschland fast reflexartig abgelehnt , weil damit angeblich irgendeine moralische Grenze überschritten wird.

Ich sehe das anders. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu allererst und vor allem eine Meisterleistung der Meinungsmacherei. Sauberes Handwerk, könnte man als Medienprofi sagen. Nur darf man das nicht, weil man das in Deutschland nicht darf.

Nun, als Amerikaner habe ich ohnehin ein etwas anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Und als studierter Historiker sehe ich im historischen Vergleich ein unverzichtbares Mittel, um Klarheit zu schaffen und Warnungen zu formulieren. Wie sagte es doch George Santayana: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Willkommen im Club!

Vom Filmkomiker Groucho Marx ist der schöne Spruch überliefert: „Ich möchte keinem einem Club angehören, das Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.“  Damit begründete er seinen Austritt aus dem legendären „Friar’s Club of Beverly Hills“ – wo er allerdings in durchaus guter Gesellschaft war: Frank Sinatra, Dean Martin, Jerry Lewis, Sammy Davis, Jr. und Bing Crosby verkehrten dort. „Jeder, der wer ist in Hollywood, geht zu Friar’s“, soll Sam Goldwyn einmal gesagt haben.

Aber vielleicht war es Marx dort einfach zu überlaufen. Exklusivität zeichnet die besten Clubs aus – im Gegensatz zu Facebook, Xing oder LinkedIn, wo jeder Dahergelaufene inzwischen Mitglied sein darf. Vom US-Senat sagt man gerne, er sei mit 100 Mitgliedern der exklusivste Verein der Welt.  Noch feiner ist der Kreis jener 40 „Unsterblichen“, die der 1635 von Kardinal Richelieu gegründeten „Académie française“ in Paris auf Lebzeiten angehören dürfen.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Das digitale Ich | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Tödliches Twittern

“Twittern beim Autofahren! Jetzt kann man sogar mündlich zwitschern!” Das teilte ein guter Freund neulich der staunenden Umwelt in seinem Blog mit. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er denn noch ganz bei Trost sei. „Du hattest gleich zweimal Glück mit deinem Auto-Tweet. Erstens, dass du keinen Unfall gebaut hast und zweitens, dass du nicht in Großbritannien bist“, habe ich ihm gesagt. Er hat den Zusammenhang aber nicht sofort verstanden.

Es geht um das Thema „Smsen und Twittern am Steuer“. Tatsächlich beobachte ich immer mehr Leute im Straßenverkehr, die entweder an der Ampel oder – schlimmer noch! – beim Fahren versuchen, empfangene Kurznachrichten auf dem Minibildschirm ihrer Mobiltelefone zu entziffern oder sogar Texte über die winzige Handy-Tastatur einzugeben.

In den angelsächsischen Ländern ist das Thema “texting while driving” in der öffentlichen Diskussion etwa auf die gleiche emotionale Ebene angelangt wie “drinking and driving”. Erst kürzlich wurde eine 22jährige Frau zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie während der Fahrt auf der Autobahn A40 eine SMS geschrieben und dabei ein liegengebliebenes Fahrzeug übersehen hatte. Das Ergebnis war eine Tote und mehrere total demolierte Autos. Die Staatsanwaltschaft hielt das Urteil übrigens für viel zu mild und kündigte Berufung an. Sie will die Texterin für  5 bis 7 Jahre hinter Gitter bringen.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Im Internet gibt’s was zu erben!

Das Internet kommt ja langsam in die Jahre. Im Herbst 2009 feierten die Medien das Jubiläum der ersten Verbindung zwischen zwei Computern, die über eine einfache Telefonleitung zustande kam, bereits unter der Headline „Das Internet feiert 40sten Geburtstag.“ Und das heißt: Die ersten Net-Nutzer der ersten Stunde nähern sich langsam dem Ablaufdatum. Und da stellt sich eine durchaus wichtige, aber eigentlich noch gar nicht geklärte Frage: Wer erbt das Ganze?

Nun mag die Homepage von Onkel Franz ja keinen wirklich bleibenden Wert darstellen. Aber was, wenn Onkel Franz darauf einen gutgehenden Blog betrieben hat? „A-Blogger“ Robert Basic hat ja seinen Online-Tagebuch „Basic Thinking“ auf eBay für fast 47.000 Euro versteigert. In Amerika gehen bekannte Blogs für siebenstellige Summen weg. Der Blog von Onkel Franz könnte am Ende echt was bringen!

Wenn aber ein Blog einen Teil des immateriellen Vermögens darstellt, was ist mit meiner Facebook-Seite? Dort haben sich mit den Jahren auch eine ganze Menge Dinge angesammelt, die vielleicht für die Hinterbliebenen einen zumindest ideellen Wert darstellen könnten. Leider schreiben die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der meisten Social Networks aber vor, dass die persönliche Seite nach dem Ableben des Besitzers gelöscht wird, und zwar entschädigungslos! Das ist ungefähr so, wie wenn die Post nach Ihrem ableben einen Beamten vorbeischicken würde, der ihre über die Jahre angesammelten Briefe verbrennt.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

40 Jahre und ein bisschen weise

Hat sie, oder hat sie nicht? Die Blogosphere ist heute voll von Posts zum Thema „40 Jahre Internet“.  Am 29. Oktober 1969 vernetzten US-Forscher erstmals zwei Computer per Fernverbindung über Modem und Telefonstandleitung. Damit war das Arpanet geboren – „der direkte Vorläufer des Internet, wie silicon.de vermeldete.

Ich möchte ja niemandem das Fest verderben, aber so richtig nach Feiern ist mir irgendwie auch nicht zumute. Erstens gab es vorher schon Verbindungen zwischen Computern. Lawrence G. Roberts und Thomas Merrill haben bereits 1965 den legendären TX-2 am MIT in Boston per Telefonleitung mit dem Q-32 am UCLA in Kalifornien verbunden (siehe ISOCs „History of the Internet“.

Als eigentliche zumindest theoretische Geburtsstunde des Internet finde ich ohnehin den August 1962 geeigneter. Damals hat MIT-Forscher J.C.R. Licklider, der  später der erste Chef von DARPA wurde, mehrere Memos verfasst, in denen er das Konzept eines „Galactic Network“ beschrieb, ein soziales Netzwerk, das die meisten Eigenschaften des heutigen Internets vorwegnahm. Man könnte sogar noch ein Jahr weiter zurückgehen bis zum 1. Juli 1961, als Leonard Kleinrock am MIT die erste wissenschaftliche Arbeit über die so genannte Paketvermittlung veröffentlichte. „Packet switching“ ist das eigentliche Herz des Internets. Allerdings dauerte es bis 1973, ehe Vinton Cerf und Bob Kahn das entsprechende Protokoll, TCP/IP, erfanden und damit den entscheidenden Startschuss zur globalen Vernetzung und der daraus sich ergebenden totalen Veränderung von Wirtschaft und Alltag gaben.

Dass diese Veränderung danach geradezu zwangsläufig war, hat mir Cerf vor ein paar Jahren einmal am Rande der CeBIT zu erklären versucht, und er hat dazu ein ganz einfaches Beispiel verwendet. „Stell dir einen Kühlschrank mit Internet-Anschluss vor“, sagte er, und er beeilte sich zu sagen, dass es solche Kühlschränke auch damals schon längst gibt. Sie werden etwa seit dem Jahr 2000 von Firmen wie LG in Korea oder Samsung in Japan gebaut, und sie verfügen über einen kleinen eingebauten Computer, einen Web-Server und einem Scanner, mit dem er die Barcodes an den Lebensmittelpackungen lesen kann um beispielsweise festzustellen, ob die Milch schon sauer ist. Der Besitzer kann seinen Kühlschrank programmieren und ihm sagen, was er alles gerne vorfinden möchte, wenn er abends heimkommt. Der Kühlschrank kann die gewünschten Dinge per Internet beim Supermarkt um die Ecke bestellen. Und in Ländern, in denen die Servicekultur etwas ausgeprägter ist als hier bei uns, da werden die Waren ins Haus geliefert und sogar, wenn das gewünscht wird, in den Kühlschrank geräumt.

So weit, so gut. Das ist keine Science Fiction, sondern längst Realität, auch wenn die wenigsten unter den geneigten Lesern vermutlich schon einen solchen Kühlschrank in der Küche stehen haben. Aber was wäre, fragte Cerf, wenn es eine Personenwaage mit Internetanschluss gäbe. Vorstellbar wäre sowas ja: Krankhaft übergewichtige Menschen könnten sich morgens drauf stellen, und die Waage würde das Gewicht an den behandelnden Arzt übermitteln, der daraufhin die Medikamentierung entsprechend einstellen oder den Patienten in die Praxis bestellen könnte.

Was aber, wenn der Internet-Kühlschrank auf einmal anfangen würde, mit der Internet-Waage zu kommunizieren? Was käme dabei heraus? Schwer zu sagen. Vielleicht fände der Besitzer abends lauter Diätkost im Kühlschrank vor, oder vielleicht ließe sich die Kühlschranktür eine Zeitlang nicht mehr öffnen, weil die beiden das so beschlossen haben. Sicher ist nur: Es wäre nicht mehr alles so wie früher. „Und warum?“, fragte Cerf und lächelte triumphierend. „Weil die Vernetzung automatisch immer auch Veränderung bedeutet. Egal was Sie vernetzen oder wie sie das tun. Es kommt am Ende etwas anderes heraus, etwas Unvorhergesehenes, etwas Überraschendes!“

Wenn man bedenkt, dass wir seit Jahrzehnten dabei sind, die Wirtschaft zu vernetzen, darf es eigentlich niemanden überraschen, wenn dadurch ständig massive Veränderungen in den Unternehmen, in den Behörden, in den Schulen und Wohnzimmern der Welt in ausgelöst werden. Ungelöst ist für mich dagegen nach wie vor die Frage, wann das alles anfing – und wann wir deshalb die Champagnerkorken knallen lassen sollten. Heute jedenfalls – leider – nicht.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Das goldene Gras von Augusta

Das Gras von Augusta macht ein ganz besonderes Geräusch, wenn man darauf läuft. Sam Snead, der 2002 verstorbene wahrscheinlich beste Golfer aller Zeiten (egal was man über Tiger Woods sagt), hat den Klang des Rasens beim Masters einmal so beschrieben: „Es ist so, als würdest du über Kartoffelchips laufen.“

Die Grüns von Augusta sind schnell, fast schon mörderisch schnell. Arnold Palmer, der hier 50 mal in seinem Leben antrat und viermal gewann, sagte einmal vom neunten Grün in Augusta, das sei so, als ob du auf einer Marmortreppe den Ball mit dem Putter so schlagen müsstest, dass er auf halbem Weg liegen bleibt.

Die Fairways von Augusta sehen aus wie ein grüner Teppich, nur glatter und sauberer. Eine der vielen Legenden von Augusta erzählt von einem Gast, der mit dem Greenkeeper um 100 Dollar wettete, dass er irgendwo ein Unkraut finden würde. Er kam nach einer Stunde mit leeren Händen zurück und bezahlte wortlos.

Als Bobby Jones, selbst eine Golf-Legende, der einzige Golfer, der je den Grand Slam schaffte (Siege bei allen vier Majors im selben Jahr), 1930 nach Augusta kam, war er begeistert. „Perfekt!“, soll er ausgerufen haben: „Stell dir nur vor, dieses Fleckchen Erde liegt hier die ganze Zeit schon rum und wartet nur darauf, dass jemand darauf einen Golfplatz baut.“

Ursprünglich war das Gelände eine Indigo-Plantage, von einem reichen Farmer im 18. Jahrhundert angelegt, um den purpurnen Farbstoff zu gewinnen, der damals Gramm für Gramm fast genauso viel kostete wie Gold. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zogen die Truppen der Nordstaaten plündernd durch Georgia und hinterließen nur ausgebrannte Ruinen. Der reiche belgische Baron und Hobbygärtner Louis Mathieu Edouard Berckmans richtete hier eine Blumenzucht ein, die später als „Fruitlands Nurseries“ in eine Firma umgewandelt wurde und die bald in der ganzen Gegend berühmt war für ihre Azaleen, Kamelien und Magnolien. 1918 gingen die Betreiber jedoch pleite, und die Anlage verfiel, bis Jones kam und daraus den besten Golfplatz der Welt machte.

Die Blumen sind geblieben, und sie geben den Löchern auf der Anlage des Augusta National Golf Club auch ihre Namen: „Gelber Jasmine“ (Loch acht), „Carolina Cherry“ (Loch neun), „Camelia“ (Loch zehn). Loch drei ist benannt nach der „Duftblüte“ (Osmathus frangrans), Loch zwölf nach der „Golden Bell“, die bei uns auf den Namen Forsythie hört.

„Augusta ist nicht nur der anspruchsvollste, es ist auch der gepflegteste Golfplatz der Welt,“ sagt Jamie Lillywhite, Botaniker und Golf-Redakteur des britischen Fernsehsenders BBC. Er durfte einmal mit seinem Kamerateam einen seltenen Blick hinter die Kulissen von Augusta werfen und war begeistert: „Es ist hier wirklich alles perfekt, das sanft gewellte Grün der Fairways, die bunten Farbtupfer der Blumen, die majestätischen Tannen, das Blau der Teiche.“

Manches ist allerdings zu perfekt, um wahr zu sein. So hat Lillywhite schon erlebt, wie die Landschaftspfleger vor dem Turnier im April blauen Farbstoff in die Teiche und Tümpel kippen. Allerdings enthält die Mixtur auch Mittel gegen übermäßigen Algenbewuchs, was ihnen die Möglichkeit gibt, die Farb-Korrektur als Umweltmaßnahme hinzustellen.

Dass allerdings auch an anderer Stelle Mutter Natur kräftig nachgeholfen wird, ist in Augusta ein offenes Geheimnis. Beispielsweise dann, wenn in einem zu milden Frühling die Azaleen vorzeitig zu blühen drohen – eine mittlere Katastrophe für die Fernsehkameras, die Bilder von roter Blütenpracht in alle Welt ausstrahlen sollen. Für diesen Fall haben die Gärtner von Augusta vorgesorgt – da werden Hunderttausende von Eiswürfeln um die Wurzeln der Büsche gepackt, was die Wachstumssignale im Innern der Pflanzen stoppt.

Nichts darf dem Zufall überlassen werden, wenn es in Augusta um die begehrten grünen Jacken geht, die der Turniersieger seit 1949 als sichtbares Zeichen seiner Meisterwürde verliehen wird. Dafür sorgt schon Brad Owen, der als „Superintendant“ Chef von mehr als 40 Greenkeepern und 20 Gärtnern ist, die zum permanenten Stab des Masters-Platzes gehören. In den Monaten vor dem großen Turnier arbeiten sie im Wortsinn rund um die Uhr, doch kein Fernsehzuschauer sieht wie viel Schweiß und Mühe sie in das grüne Gold von Augusta investieren. Sie besteht übrigens hauptsächlich aus robustem Bentgrass, das einige Monate vor dem Turnier mit einer supersteifen Rasensorte, dem so genannten Ryegrass nachgesät wird, damit die Fairways rechtzeitig zum großen Event in Hochglanz erstrahlen können.

Owen herrscht über die vermutlich aufwändigste Rasenpflegeanstalt der Welt, ein supermoderner Zweckbau mit eigenem Labor für Bodenanalysen, einer eigenen Wetterstation sowie Konferenz- und Trainingsräume, in denen Jahr für Jahr rund 100 Praktikanten, die meisten von ihnen selbst erfahrene Greenkeeper aus aller Welt, in die letzten Geheimnisse der standesgemäßen Rasenpflege eingeweiht werden. Pünktlich zum Turnier rücken viele von ihnen an, um als Freiwillige das platzeigene Profi-Team in ihrer schwersten Stunde zu unterstützen.

„Wenn einer sagen kann, er hat mal in Augusta gearbeitet, dann bekommt er überall auf der Welt anstandslos einen Job“, glaubt Wendy Brien, die als Azubi Gelegenheit bekam, als Praktikantin in Augusta zu arbeiten und jedes Jahr im April wieder dahin zurückkehrt. Ihr Arbeitstag hat zehn bis zwölf Stunden, aber das ist ihr egal: „Ich möchte hier keine einzige Sekunde vermissen!“

Nur das Allerheiligste blieb ihr bislang stets verwehrt: die Greens. Jedes der 18 glattgeschorenen Puttflächen hat einen eigenen Greenkeeper, der ausschließlich dafür verantwortlich ist, dass kein Laubblatt, keine Tannennadel, kein Wurmloch oder Fußabdruck die Bahn der weißen Kugel auch nur einen Millimeter von dem Weg ablenkt, den die Golf-Götter und das Können des Spielers ihm vorbestimmt haben.

Und am Ende wartet das vielleicht schönste Geräusch, dass ein Golferohr vernehmen kann: Das satte Plumpsen des Balls, wenn es ins Loch fällt – und im gleichen Augenblick der donnernde Applaus der Menge, der die atemlose Stille sprengt. Das ist die Musik, die Jahr für Jahr in Augusta den einzigen, den wahren Master des Golfsports empfängt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Was der „Economist“ richtig macht

Was machen die richtig, was andere falsch machen?

In unserer Reihe zum Thema Qualitäts-, bzw. Print-Journalismus wollen wir uns heute wieder unserer Haus- und Hof-Tageszeitung, der „Süddeutschen“, zuwenden, die zwar manchmal Dubletten produziert (siehe „Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ“), manchmal aber auch richtig gute Einblicke in die Aufs und Abs der Medienlandschaft. Christine Brinck hat sich heute Lorbeeren verdient mit ihrer Analyse („Homer Simpsons Wendepunkt“) des „Economist“, dem weltweit einzigen bedeutenden, wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin, das sich erfolgreich gegen den allgemeinen Anzeigen- und Leserschwund der letzten Jahre behauptet hat. Klartext: Während beispielsweise die Auflage von „Focus“ von 800.0p00 auf gerade mal 656.000 geschrumpft ist und „Businessweek“ angesichts einer Halbierung der Leserzahl gerade ganz aktuell den Rückzug aus dem Nachrichten-Business verkündet hat, steigt und steigt die Auflage des „Economist“ (auf 1,7 Millionen), und auch die Anzeigeneinnahmen sind im vergangenen (Krisen-)Jahr um 25 Prozent gestiegen.

„Was macht der Economist richtig?“, fragt die Autorin, und liefert eine absolut korrekte Erklärung nach: Qualität! Während andere die Zahl der Korrespondentenbüros reduziert und den Schwerpunkt in Richtung Häppchenjournalismus und seichtem „Tittitainment“ verlagert, bleiben die Macher der ältesten Wirtschafts-Wochenzeitung der Welt (erscheint seit 1843) stur bei ihren Leisten, nämlich einer Mischung aus bestechender Analytik, eine manchmal ans Esotherische grenzende Themenauswahl einem Tiefgang, der durch verspielten Witz geschickt getarnt bleibt. Ach ja, dann sind da diese seitenlangen Texte! Die wenigen mehr oder weniger willkürlich zwischengestreuten Bildchen sind mit Unterzeilen versehen, die mehr den Charakter von Suchrätseln haben (Beispiel aus der neuen Ausgabe, unter einem Foto von Erwin Schrödinger: „But what about the other eight lives?), und fast jede Headline löst beim Betrachter ein inneres Lächeln aus, wie „The end is nigh (again)“ zu einem Artikel über die Zukunft der Aktienkurse.

Gut, die Kollegen vom „Economist“ haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie schreiben in Englisch, ein Klavier, das der Sprache mehr und virtuosere Zwischentöne entlocken kann als irgendeine andere (Deutsch wirkt dagegen eine semantische Ziehharmonika). Außerdem sind die Redakteure fast ausnahmslos Produkte der Eliteuniversitäten von Oxford und Cambridge, wo Studenten, wie Frau Brinck sehr richtig beschreibt, „lernen, vor allem brillant zu argumentieren, ironisch zu sein, Wichtigtuerei zu vermeiden und einen intelligenten Snob-Appeal zu pflegen.“

Welches andere Wirtschaftsmagazin kann von sich behaupten, dass ihre Leser ein Jahr lang der nächsten Weihnachtsausgabe entgegenfiebern, wo die Redaktion sich ausdrücklich den Luxus leisten, Themen aufzugreifen, weil sie selber Spaß daran haben (und nicht, weil irgendwelche Marktforscher in endlosen Fokusgruppen herausgefunden haben, dass 0,7 Prozent der männlichen Linkshänder das Heft deswegen häufiger kaufen würden). Das Resultat sind beispielsweise Untersuchungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung von Weihnachtsmännern („Is Santa a deadweight loss?“), über die evolutionsgeschichtliche Bedeutung des Musizierens („Why music?“) oder über den urfranzösischen Comichelden Tintin („A very European hero“). Und welches Blatt besitzt heute noch ein Redaktionsteam, das so sehr vom „esprit de corps“ durchdrungen ist, dass sie auf jedweden Autorennachweis verzichtet, getreu dem Motto ihres langjährigen Chefredakteurs Geoffrey Crowther (der von 1938 bis 1956 amtierte): „What is written is more important than who writes it.“

Anders ausgedrückt: Der „Economist“ ist das altmodischste Magazin der Welt – und gerade deshalb das erfolgreichste.

Woraus wir lernen: Jedes Medium hat seine Stärken, und bei denen sollte es möglichst bleiben. Der Versuch, durch Hochglanzdruck, Farbfotos und journalistische Selbstgefälligkeit Stilelemente von Konkurrenten wie Fernsehen oder das Internet zu übernehmen, bewirkt das Gegenteil. Zeitung ist Zeitung, Blog ist Blog, und Qualitätsjournalismus ist Qualitätsjournalismus, ob sie sich auf toten Bäumen oder auf dem Bildschirm präsentiert.

In sofern stimme ich Frau Brinck vollinhaltlich zu, die am Ende ihres Aufsatzes resümiert: „Analog geht. Es muss nicht alles digital sein, um vom Leser verschlungen zu werden.“ Hoffentlich haben das viele Verleger und so genannte Medienprofis gelesen.

Veröffentlicht unter Quo vadis Qualitätsjournalismus? | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Twitter-Marathon: Ein Feldversuch

Der finale Tweet

Über den Langstreckenlauf ist schon viel geschrieben worden, allerdings meistens erst nach dem Laufen. Beispiele für eine zeitgleiche schriftliche Aufarbeitung der Eindrücke und Empfindungen beim Absolvieren längerer Laufstrecken sind eher selten, und zwar aus naheliegenden praktischen Gründen. Das Hantieren mit Stift und Notizblock setzt in der Regel stationäre Bedingungen voraus, weil man das Gekraxel hinterher sonst nicht mehr entziffern kann. Die gängige Kompromisslösung besteht im Mitführen eines Tonbandgeräts, mit dessen Hilfe man seine ins Mikrofon gekeuchte Kommentare anschließend auf Papier oder in den Computer übertragen kann.

Wir leben aber in einem neuen, dem Twitter-Zeitalter, und da sind neue Kommunikations- und Ausdrucksformen gefragt. Weshalb sich der Autor dieser Zeilen am gestrigen Sonntag zu einem ungewöhnlichen Selbstversuch entschloss, der sich am besten mit dem Begriff: „Twitter-Marathon“ umschreiben lässt. Nein, es ging nicht darum, einen Rekord im Absetzen möglichst vieler 140 Zeichen-Nachrichten innerhalb einer bestimmten Zeit aufzusetzen. Die Absicht war vielmehr, eine Art „Live Tweet-Feed“ von der 36ten Ausgabe des legendären Berlin-Marathons abzusetzen und damit ein neues Feld für die digitale Spontankommunikation zu eröffnen und damit meinen „Followers“ sozusagen die Gelegenheit zu einer digitalen Verfolgungsjagd zu geben.

Um zu prüfen, ob es überhaupt möglich ist, beim Laufen zu twittern, habe ich während des Abschlusstrainings entlang der Isarauen versuchsweise meiner Frau ein SMS geschickt, was erstaunlich gut gelang. Ich verwendete dazu mein Standard-Handy, ein Palm Centro, das über eine Minaturtastatur (vulgo: „Mäuseklavier“) nach dem deutschen QWERTY-Schema verfügt. Als langjähriger Tastaturverwender bin ich in der Lage, Texte auf einem normalgroßen Tastenfeld weitgehend blind einzugeben. Beim Winzling dagegen ist eine ständige Sichtüberprüfung der Eingabe erforderlich, weil man häufig zwei oder sogar drei Tasten gleichzeitig erwischt, was zu oft interessanten, für den Empfänger aber kaum verständlichen Ergebnissen führt.

Die ersten Testergebnisse waren durchwachsen, und ich dachte anfangs daran, das Problem der mobilen Dateneingabe sozusagen per Delegation zu umgehen, etwa die Texte per Telefon an meine mich nach Berlin begleitende Ehefrau durchzugeben, die sie dann per Laptop an Twitter absetzen könnte. Doch ein solcher Medienbruch, so meine Überlegung, würde die gewünschte Unmittelbarkeit des Kommunikationsvorgangs unterbrechen und wurde deshalb am Ende fallen gelassen.

Ich beschloß also am Sonntag mit dem Handy in der Hand an den Start zu gehen, gemeinsam mit rund 40.000 anderen Menschen, die mit dünnen Kurzarmhemden und Läufer-Shorts bekleidet und finster entschlossen waren, zu Fuß und gemeinsam eine Strecke von 42,195 Kilometer durch die Straßen der Hauptstadt in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen.

Eigentlich hatte mein Twitter-Marathon schon am Vortag begonnen, als ich auf dem Weg zum Münchner Flughafen folgende halbverschlafene Meldung absetzte:

„Frühflieger nach Berlin (gähn!). Grauer Himmel in München. Hoffentlich scheint in B die Sonne – aber bitte nicht zu heiss… #berlinmarathon“.

Abends folgte die Meldung: „Sitze mit @pundp im „Pan degli Angeli“ in B-Charlottenburg – Pasta bis zum Abwinken! #berlinmarathon“. Das aber waren nur leichte Fingerübungen, die zudem unter normalen Umeltbedingungen (fester Untergrund) zustande kamen.

Der erste Tweet am nächsten Morgen fand schon unter verschärften Versuchsbedigungen statt, nämnlich aus dem wartenden Pulk der Mit-Läufer in Block „G“ am „Kleinen Stern“ zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, wo ich tippte:

„Start zum Marathon0- wird schon schief gehen. 40000 unterwegs – und icke mittendrin. Erste rempler. Twitterrer eher sekten.“

Als Leser könnten man sich hier gefragt haben, ob es beim Marathonstart womöglich schon Sekt zur Antriebsunterstützung gibt. In Wirklichkeit liegen eben die Buchstaben „l“ und „k“ nebeneinander, was zum ersten wirklich verständniserschwerenden Typo des Tages führte. Ihr folgte gleich nach dem Start die nächste, als ich nämlich schrieb:

„Ssiegessauele! Nur noch de.f km“

Der Sinngehalt der Botschaft erschließt sich erst, wenn einem klar wird, dass beim Palm zum Umschalten zwischen Buchstaben und Zahlen eine spezielle Taste gedrückt werden muss, was in diesem Fall verabsäumt wurde, sonst hätte es „41,5 km“ geheißen.

Es folgten mehr oder weniger gelungen abgesetzte Meldungen über Beobachtungen rechts und links der Strecke, wie beispielsweise:

„G:dc die ersteñmachen pinkelpause #twittermarathon“

Wieder das Zahlen-Problem: Eigentlich sollte es „6:48“ heißen sollen. Und auch die Nachricht:

„km t – heute wirds heiss!“

Ist nur durch Ersetzen von „t“ durch „3“ vollinhaltlich zu verstehen. Ich bilde mir aber ein, dass der eigentliche Inhalt der Botschaft durchaus angekommen ist – nämlich dass sich bereits kurz nach dem Start Temperaturen abzeichneten, die eher dem Langstreckenlauf unzuträglich sind (was später dazu führen sollte, dass Berlin-Dauersieger Haile Gebrselassie den eigenen Weltrekord doch nicht, wie erwartet, unterbot, sondern „nur“ nach 2:06:08 ins Ziel kam).

Es folgten mehr oder weniger erhellende – und entzifferbare – Momentaufnahmen wie:

„Wurde etade von nein 2 meter-mann im nonnenkostuem ueberholt #twittermarathon“

Gelegentlich aber führte die Kombination von dauernder Erschütterung und der Notwendigkeit, den dichten Läuferverkehr um mich herum im Auge zu halten, zu echten Rätseltexten wie dieser;

„Rc:0d mir kommt eib „geiszerlaeufer“ entgegen. Ixj sag „da gehts lang“. rr lacht und kaeuft weiter in die falsche richtung.“

Hier sei deshalb die Übersetzung nachgeliefert: „28:04 mir kommt ein ‚Geisterläufer‘ entgehen. Ich sag „da geht’s lang“. Er lacht und läuft weiter in die falsche Richtung.“

Die Tweets von den ersten Kilometern durch Alt-Moabit und durch das Regierungsviertel zeugen noch von einem unbeschwerten Läufervergnügen und der Fähigkeit, auch an andere Dinge als an den Zustand des eigenen Gehapparats zu denken, etwa:

„Kanzleramtk ob angie rausgucktn wir sind das laeufer-volk!“

Auch Texte wie:

„#twittermarathon: 10 km, 1?03 – und ich bin noch frisch wie der junge tag (keusch)“

Zeugen noch von einer gewissen Unbekümmertheit. Doch schon kurz darauf die erste Warnung:

„#twittermarathon: rechtes knie sagt: mach langsam. Schnauze!“

Es sollte ein Dauerthema werden, denn ungefähr ab Kilometer 15 machten sich Beschwerden im rechten Knie bemerkbar, die mich bis ins Ziel begleiten und die sowohl den Spaß wie auch die Endzeit deutlich dämpfen sollten. Gut: Schmerzen sind der ständige Begleiter des Langstreckenläufers, und man hat mit den Jahren gelernt, die Zähne zusammen zu beißen. Aber es gibt solche Schmerzen und solche, und diese waren eindeutig diese. Aufgeben wäre vielleicht vernünftiger gewesen (bin gespannt, was der Arzt morgen sagt; ich habe gleich heute früh einen Untersuchungstermin vereinbart), aber Aufgeben ist für den echten Marathonläufer keine wirkliche Option…

Gut, dass die Berliner so ein tolles Publikum sind. Mehr als eine Million von ihnen säumen ja jedes Jahr die Strecke und feuern die Läufer mit aufmunternden Zurufen („Gib‘ alles!“) und zahlreichen musikalischen Darbietungen an. Wie wichtig solche psychologische Unterstützung ist, zeigt folgender Tweet, der irgendwo vor Kilometer 20 abging:

„#twittermarathon: big band sound in der yorckstrasse. kann ich jetzt gut bauchen.“

Doch kurz darauf ist der Twitterer nur noch mit sich selbst, beziehungsweise mit seinem nunmehr wichtiugsten Körperteil beschäftigt:

„#twittermarathon: halbzeit! (21 km) das rechte knie will nicht mehr. Lauf halt auf dem linken weiter…“

Aber immer wieder schaffen es die Zuschauer, den drohenden „Tunnelblick“ durch eine plötzlich aufblitzende Impression aufzuhellen, wie beispielsweise kurz nach der „Halbzeit“ (Kilometer 21), als ein hochgehaltendes Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich zog und zu folgendem digitalen Kommentar führte:

„#twittermarathon: hrosses schild;lauf, berti, lauf! ich fuehl mich angefeuert. Komisch: ich heiss doch gar nicht berti…“

Die inzwischen brütende Berliner Hitze begann sich langsam ernsthaft auf die Läuferschaft auszuwirken, aber das ist man in Berlin bereits gewohnt, und man hat entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Ich habe noch nie so viele Labestationen auf einer Marathonstrecke erlebt, und folgender Tweet zeugt von der Dankbarkeit, die wir Läufer für die Berliner Feuerwehren empfanden, die immer wieder ihre Schläuche auf die Vorbeilaufenden richteten und damit für vorübergehende Abkühlung sorgten:

„#twittermarathon: achtung – feuerwehrdusche voraus!“

Die Mischung aus Hitze und Schmerz begann sich offenbar auf meine Konzentration auszuwirken, denn kurz darauf folgende Schreckensnachricht:

„#twittermarathon: fast #twitterunfall gebaut. Handy fiel aus der tasche. Blieb stehen, um aufzuheben – bad idea!“

Tatsächlich hat ein Läuferfeld beim Marathon große Ähnlichkeit mit einer durchgebrochenen Rinderherde in alten Westernfilmen, und gnade Gott demjenigen, der plötzlich und unvermittelt mitten im Pulk anhält. Nun, irgendwie habe ich das fallengelassene Gerät wieder ergattert, und der Twitter-Marathon konnte weitergehen. Allerdings unter zunehmender Pein: Ungefähr ab Kilometer 30 fühlte sich das Knie an, als ob es auf die Größe eines Basketballs angeschwollen wäre. An jeder Labestation kippte ich 2 bis 3 Becher kaltes Wasser drüber, und irgendwie ging es weiter. Die per Twitter geäußerten Gedanken allerdings werden ab diesem Zeitpunkt zum teil ziemlich wirr. Oder was soll das hier eigentlich heißen:

„#twittermarathon: km 29 „es tut weh“ -&63 1@?1 !)?61052&). „ws faengt erst an weh zu tun…“ sag ich. Siérkt verunsichert.“

Keine Ahnung. Dafür müssen aber meine oleofaktorischen Funktionen noch in Ordnung gewesen sein, wie folgender Kommentar aus der Schlußphase des Laufs beweist:

„#twittermarathon:roseneck: ob ich auch so muffel wie der haarige0typ vor mir“

Zunehmend aber wird die Doppelbelastung von Laufen und Twittern zur Qual, was schließlich zu der angsterregenden Meldung führt:

„#twittermarathon: 35 km: ich kann nichtmehr (twittern – laufen schon) #twitterpause

Danach herrscht 5 Kilometer lang Funkstille, die endlich unterbrochen wird von dem getwitterten Freudensschrei:

„#twittermarathon: km 40 – Mitte. Jetzt pack‘ ich’s!“

Und nun beginnt sich die von körpereigenen Rauschstoffen induzierte Euphorie, die der wahre, selbstinduzierte Lohn des Langstreckenläufers sind, auch digital durchzuschlagen, zum Beispiel in:

„#twittermarathon: brandenburger tor in sicht! #runnershigh

Und am Ende gipfelt alles in einem hastig, aber dafür erstaunlich fehlerfreien Tweet:

„#twittermarathon: WOW! ‚Chariots of Fire‘ beim Zieleinlauf. Dagegen ist Fliegen nix (von Sex wollen wir gar nicht reden…)“

Danach ist erst mal Schweigen, denn nach 42 Kilometern will der Marathonläufer nur eines: Sich an ein Gitter lehnen und schnaufen, schnaufen, schnaufen! Auf wackeligen Beinen geht’s dann Richtung Ausgang, wo man die Medaille um den Hals gehängt bekommt und wo die liebreizendste Gattin der Welt, wie es inzwischen unsere gute Marathon-Familientradition ist, mit einem randvollen Glas Weißbier steht und mich empfängt. Und hier, endlich, bricht sich die Gefühlsaufwallung wieder digitale Bahn in dem tiefempfundenen Abschieds-Tweet:

„#twittermarathon: In Berlin gibt’s das beste Bier der Welt. Keine Ahnung, welche Marke. Aber nach 42 km ist JEDES Bier das beste!“

Einen grundsätzlichen Nachteil hat diese Form des Twitter-Marathons per Handy natürlich schon: Der Läufer ist zwar auf Sendung, kann aber nichts empfangen. So erklärt sich auch die von irgendwo unterwegs geäußerte bange Frage (”ob wohl jemand mitliest?”) mit der noch größeren Einsamkeit des Langstreckenläufers, sobald er die zusätzliche Dimension des Cyberraums betritt.

Dass die Angst völlig unbegründet war, erschloss sich erst am Abend, als ich am Flughafen Tegel wieder wie gewohnt per Laptop online gehen und bei Twitter nachschauen konnte. Das Ergebnis war geradezu überwältigend: eine Flut von digitalen Anfeuerungsrufen, Durchhalteparolen und Gratulationen wie dieser von einem gewissen @Paniker:

“@TCole1066  Super! Komm gut ins Ziel! Dran bleiben!”

Offenbar hatte sich das Twitter-Projekt wie ein Lauffeuer herumgesprochen, unter anderem angestoßen von Tweets wie diesen von @pundp:

“Unbedingt mitlesen: Toller Twitter-Livestream vom Berlin-Marathon von Mitläufer @TCole1066  #Twittermarathon“

Meine Twitter-Freundin @PickiHH, die offenbar ständig online ist, meldete sich gleich zu Beginn mit:

“@TCole1066  Du läufst mit und twitterst dabei? Super! Durchhalten!! #berlinmarathon”

Vom fernen Rhein meldete sich chrisvollmert  mit:

“@TCole1066  hi tim – durchhalten … sind ja nur noch ein paar meter … grüße aus köln und viel erfolg …”

heidischall  gratulierte per Twitter ausdrücklich allen, die mitgelaufen waren:

“@TCole1066  zum Zieleinlauf beim Berlin Marathon und verneigt sich vor allen, die eine solche Leistung vollbringen. Bravo!”

Und der Münsteraner Michael Solder fasste das Resultat des Projekts auf unnachahmlich twitterhafte Art und Weise in weit weniger als die maximal zulässigen 140 Zeichen, nämlich:

“@TCole1066  das war eine saucoole Aktion”

Und damit wäre eigentlich alles gesagt…

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Karriereknick dank Twitter

Warum Twittern, wenn es einen den Job kosten könnte? Vor dieser Frage stehen neuerdings die Tester des „Guide Michelin“ in New York: Einerseits leben sie und der Ruf ihres Restaurantführers vonihrer Anonymität. Aber andererseits will man ja mit der Zeit gehen, um nicht als altmodisch dazustehen. Der Kompromiss: Wenn ein Tester beispielsweise einen Tweet absetzen will wie: „Lunch at Jaiya, renovations stll under way, but looks good. Yummy spring roll“, dann landet diese zunächst bei einem Vorgesetzten in der Michelin-Zentrale, der ihn prüft und freigibt. Man fürchtet offenbar, dass andere Twitter-User, die ebenfalls in dem Lokal gegessen haben, sich uhtereinander abstimmen und ausknobeln könnten, wer der geheimnisvolle „Michelin inspector“ war. Womit dessen Karriere abrupt zu Ende wäre.

Das plötzliche Interesse von Michelin an modernen Kommunikationsformen ist allerdings nicht nur auf den WUnsch zurückzuführen, den Muff von inzwischen 109 Jahren wegzupusten (der erste Michelinführer erschien im Jahr 1900 als Liste empfehlenswerter Hotels; der Reifenhersteller hoffte, die Autobesitzer würden dann mehr Kilometer zurücklegen und damit ihre Reifen schneller abnutzen). In Wahrheit ist es ein Schachzug gegen die übermächtige Konkurrenz des Restaurantführers „Zagat’s“, der als Platzhirsch den Markt in New York seit 30 Jahren beherrscht. Michelin brachte erst 2006 seine Erstausgabe „Michelin New York“ heraus.

Während Zagat vor allem auf die Befragung von Restaurantgästen setzt, vergeben bei Michelin hauptberufliche „Inspektoren“ Sterne und Gabeln. Sie buchen stets unter falschem Namen einen Tisch und benützen gegenüber Freunden und Bekannten eine erfundene Biografie. Michelin betont den Unterschied neuerdings auch in einer witzigen Anzeigenserie mit Bildern, auf denen ein vollbesetzte Gaststätte zu sehen ist und auf denen die Headline fragt: „Wer ist der bekanntlich anonyme Inspektor?“ Im Lauftext kommt dann die Auflösung: „Sie werden es nie erfahren…“

Natürlich gibt es auch schon die dazugehörige Website (www.famouslyanonymous.com) mit einem Link zu den Twitter-Feeds der Tester (@MichelinGuideNY). Einer von ihnen hatte neulich gerade einen Artikel über die Aktion in den „New York Times“ entdeckt und gleich aufreget hinausgetweetet: „Wow… Just read about us in the New York Times!! Check out the article at http://bit.ly/z4Mo5„.

Wenn ihn das nur nicht seinen Job kostet!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar