Zwischen Gestern und Morgan

Ich habe diesen Artikel Anfang der Achtziger Jahre für die deutsche Ausgabe des Playboy geschrieben. Und wenn ich ihn heute lese, werden meine Augen immer noch verdächtig feucht…

Ob es an den Autodesignern liegt, dass die Wagen, die ich mir heute leisten kann, alle genau gleich aussehen?

Jedenfalls hat der Mittelklassewagen, den ich heute fahre, alles, was ein Auto braucht: vier Türen, eine Heckklappe fürs Urlaubsgepäck, eine geteilte Rücksitzlehne, damit die Skier hineinpassen und mein fünfjähriges Töchterchen trotzdem bequem sitzen kann.

Es ist ein ungeheuer vernünftiges Auto, quadratisch, praktisch, gut, und wenn ich aus dem Supermarkt komme, habe ich oft Mühe, ihn auf dem Parkplatz zwischen all den quadratischen, praktischen und guten Autos überhaupt wiederzuerkennen.

Aber wenn ich in meinem praktischen, langweiligen Auto durch die Stadt fahre, kann ich mich wenigstens mit dem Gedanken daran trösten, wie ich einmal ausgebrochen bin aus dem Auto-Alltag und etwas völlig Unvernünftiges getan habe.

Ich habe mir einmal einen echten Sportwagen geleistet: einen Morgan.

Es war irgendwann Mitte der siebziger Jahre, als ich ihn zum erstenmal zu Gesicht bekam, und zwar in einem französischen Fernsehkrimi. Der Film war ziemlich öde, aber als Jean-Paul Belmondo auf einmal in einem offenen, schneeweißen Roadster aus der Tiefgarage herausschoss und die Verfolgung aufnahm, interessierte mich der Film sowieso nicht mehr. Ich starrte nur noch auf diese endlos lange Motorhaube , auf das Reserverad, dass huckepack auf dem kurzen Stummelheck saß, auf die chromblitzenden Speichenräder und natürlich darauf, wie Belmondo seinen Arm so unnachahmlich lässig über den Rand der heruntergezogenen Tür hängen ließ und mit der anderen Hand hinter dem Ganoven herjagte.

Ein paar Wochen später entdeckte ich den Wagen in einer Autozeitschrift wieder. Und da erfuhr ich, dass es sich um einen Morgan 4/4 handelte. 4/4 deshalb, weil er vier Räder und vier Zylinder hat. Mister Morgan muss vorher nur Dreiräder gebaut haben. Jedenfalls war er so stolz darauf, dass sein neues Auto mit vier Rädern fest auf dem Boden stand, dass er ihn danach benannt hat.

Der Autotester, der den Artikel geschrieben hatte, war sichtlich darum bemüht, seinen Lesern klarzumachen, dass nur ein Wahnsinniger heute noch ein solches Auto fahren würde. Vom sogenannten Kofferraum hieß es, dort sei nur Platz für eine Zahnbürste und ein Euroscheckheft. Die Federung sei beinhart, die Technik von gestern, und überhaupt gebe es in ganz Deutschland nur zwei Werkstätten, die ein solches Ding mal reparieren könnten, wenn es liegenbliebe.

Der Tester fand es furchtbar lustig, dass es offenbar Leute gäbe, die auch noch bereit seien, drei Jahre auf eine solche Katastrophe auf Rädern zu warten. So lange sei nämlich die Lieferzeit, weil die bei Morgan immer nur ein Auto am Tag bauen.

Als junger, schlechtbezahlter Reporter bei einer Tageszeitung in Heidelberg lernet ich aus dem Artikel vor allem, dass ich mir einen solchen Wagen nie würde leisten können, weil er etwa fünfmal so teuer war wie der zerbeulte, aber zuverlässige VW-Käfer, mit dem ich damals herumfuhr.

Ein paar Jahre später landete ich bei Zeitung in Stuttgart. Natürlich fuhr ich wieder einen vernünftigen Wagen, einen Fließheck-VW oder so was.

Aber dann passierte es, und zwar in unserer Stammkneipe. Ein Freund hatte einen Freund mitgebracht, der bei einer Versicherung arbeitete. Der erzählte eine furchtbar komische Geschichte von einem Kerl, der drei Jahre auf seinen Wagen gewartet hätte. Dann war er damit einmal auf die Autobahn gefahren, und prompt hatte ihn ein Laster von hinten gerammt und auf den Vordermann aufgeschoben. Jedenfalls stünde der schöne, neue Wagen jetzt mit einer zerbogenen Schnauze und einem krummen Heck bei seiner Versicherungsgesellschaft auf dem Hof, und der Kerl habe sich mit Tränen in den Augen den Neupreis auszahlen lassen, um sich davon einen neuen BMW zu kaufen.

Ich fragte ganz beiläufig, was das denn für ein Auto gewesen sei. „Irgend ’n englischer Hobel. Morgan oder so“, sagte er und schlug mir kräftig auf den Rücken, weil ich mich an meinem Bier verschluckt hatte.

Ein Morgan ist ein ziemlich stabiles Auto. In dem kleinen Werk in Südengland werden die großen, geschwungenen Kotflügel noch wie vor 50 Jahren aus dickem englischen Blech gehämmert, und zwar mit der Hand. Ein kleiner Auffahrunfall macht so einer Frontpartie kaum was aus. Dafür sitzt das Reserverad hinter einem fachwerkartigen Holzgestell aus belgischer Esche, und das zersplitterrt natürlich bei einer Karambolage als erstes.

Nun, ich kriegte den Wagen dafür auch besonders günstig von der Versicherung, die froh war, ihn loszuwerden. Ein Autoflaschner zog die Kotflügel wieder gerade, verspachtelte die Beulen und lackierte den ganzen Wagen neu. Schneeweiß, natürlich.

Mit dem Holzrahmen war es schon schwieriger. Ich ging schließlich zu meinem Nachbarn, der als Klavierbauer arbeitete. Der nahm einen Pott Holzleim und eine Handvoll dicker Schrauben und legte sich einen halben Tag unter den Wagen. Als er fertig war, sah der Rahmen so aus wie neu.

Später habe ich jedem, der es hören wollte (oder auch nicht), erzählt, der Morgan sei das einzige Auto der Welt, das ein Klavierbauer reparieren kann.

Jedenfalls kam der Tag, an dem der Holzleim trocken war und ich den ersten Ausflug mit meinem Morgan machen konnte. Ich musste beim Einsteigen mit dem rechten Bein erst in der Höhle unter dem Armaturenbrett herumstochern und mich dann mit beiden Armen abstützen, so dass ich frei über dem Sitz schwebte. Dann ließ ich einfach los in der Hoffnung, weich zu fallen.

Das klappte prima, genauso wie das Anlassen. Der Vierzylinder heulte auf wie ein Formel-1-Renner, beruhigte sich aber gleich und ließ von da an nur ein vornehmes Brabbeln hören. Als ich vorsichtig in den ersten Gang schalten wollte, kam vom Getriebe ein metallisches Kreischen wie in einem Sägewerk. Ein Morgan verträgt kein Zaudern. Was du auch machst, mach’s kurz, entschlossen und ziemlich kräftig. Zum Beispiel schalten, bremsen oder an dem großen Lederlenkrad drehen.

In diesem Sommer habe ich mehr von Süddeutschland gesehen als jemals davor oder danach. Am Wochenende tuckerte ich stundenlang über die kleinen Landstraßen der Schwäbischen Alb oder durchs Hohenlohner Land, in die Alpen, ins Salzburger Land. Nach ein paar Monaten kannte ich jeden Biergarten in 100 Kilometer Umkreis von Stuttgart. Ich holte meine Freundin mitten in der Nacht ab und fuhr mit ihr offen durch die Stadt, sie im dicken Wollpulli, ich mit meiner englischen Detschkappe und einer alten Fliegerjacke.

Als Morganfahrer war ich automatisch Mitglied in einem inoffiziellen Club. Wenn ich auf der Straße einem anderen Morganfahrer begegnete, blinkten wir uns gegenseitig kurz an und salutierten im Vorbeifahren. Manchmal versuchte ein einfacher VW-Cabrio-Besitzer mich anzuwinken, aber ich würdigte ihm keines Blickes.

Dafür war ich felsenfest davon überzeugt, dass alle Leute auf der Straße mir nachstarrten. Vor allem die Mädchen. Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder so viele hübsche Mädchen gesehen wie damals, als ich langsam und mit betont gleichgültiger Miene durch die Stadt fuhr und mich aus dem Augenwinkel überzeugte, dass sie auch wirklich her guckten.

Ob sie sich für den Wagen interessierten oder für den Fahrer, habe ich nie herausbekommen. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, nur wegen meines Wagens jemals mit einem hübschen Mädchen in Gespräch gekommen zu sein, geschweige denn dort, wohin ich eigentlich mit ihm wollte, nämlich ins Bett.

Nur einmal auf einer Geburtstagsparty bei Freunden in Heidelberg nahm mich eine gutaussehende junge Frau beiseite und fragte mich mit leiser Stimme, ob das Auto vor der Tür denn mir gehören würde? Sie wollte unbedingt eine Spritztour machen, und zwar gleich.

Leider war ihr Mann mit auf dem Fest, also schlichen wir durch eine Seitentür davon. Wir fuhren im Mondschein durch den Odenwald, und sie ließ ihre langen blonden Haare offen im Wind wehen. Als wir eine Stunde später wieder bei den Freunden vor dem Haus standen, lehnte sie sich zu mir herüber und gab mir einen langen, zärtlichen Kuss.

Das war natürlich genau der Moment, in dem ihr Mann herauskam und ziemlich barsch meinte, er müsse morgen früh aufstehen, und sie sollten jetzt aufbrechen.

Solange ich meinen Morgan hatte, dauerte der Sommer viel länger als heute. Ich fuhr nämlich so oft wie möglich offen. Erst wenn es wirklich ernsthaft zu regnen anfing, klappte ich das Dachgestänge hoch, breitete das Stoffverdeck darüber aus und machte mich daran, gut ein Dutzend Befestigungsknöpfe zuzumachen. Im geschlossenen Zustand fühlte ich mich im Morgan immer wie in einem ziemlich muffig riechenden Sarg und war deshalb froh, wenn der Regen nachließ und ich schnell das Dach wieder aufmachen konnte.

Wir machten Urlaub im Elsaß, fuhren auf kleinen Nebenstraßen von einem Weindorf zum anderen, machten Picknicks zwischen den Reben und schliefen in kleinen Hotels mit karierten Vorhängen.

Irgendwie schafften wir es, drei Kisten elsässischen Riesling, die wir direkt beim Winzer gekauft hatten, in unserem Morgan unterzubringen: ein paar Flaschen unterm Sitz, ein paar im Metallkoffer, den wir hinter dem Reserverad geschnallt hatten. Und wir freuten uns diebisch, als der Zöllner uns an der Europabrücke in Straßburg einfach durchwinkte, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass man in einem solchen Auto etwas schmuggeln konnte.

Die ersten Probleme kamen ein paar Monate nach unserem Elsass-Trip. An der steilen Rampe einer Tiefgarage riss ich mir den Auspuff ab. Das passierte mir insgesamt viermal in einem Jahr. Die Bodenfreiheit des Morgans war der Großstadt mit hohen Bordsteinkanten nicht gewachsen.

Dann fingen die Rückenschmerzen an. Ich behauptete immer, sie kämen von meiner krummen Sitzhaltung im Büro. Aber nicht umsonst heißt es vom Morgan, der Fahrer spüre, wenn er über eine Zigarettenkippe fahre, ob sie mit oder ohne Filter war.

Jedenfalls ertappte ich mich dabei, wie ich ab und zu die armen Typen in ihren komfortablem Mittelklasse-Limousinen nicht nur mitleidig belächelte , sondern sie manchmal sogar beneidete.

Und dann kam der Tag, an dem meine Freundin mir eröffnete, dass sie schwanger sei. Und damit änderte sich natürlich alles mit einem Schlag. Ein offenes Auto, das nur zwei Personen Platz bot, war auf einmal ein echter Anachronismus. Jetzt waren andere Dinge wichtiger: Kindersachen, Lebensversicherung, Rücklagen für die Ausbildung, vielleicht sogar eine Eigentumswohnung.

Ich habe ein richtig gutes Geschäft gemacht, als ich meinen Morgan verkaufte, hab sogar mehr dafür bekommen, als ich über die Jahre hineingesteckt hatte. Aber irgendwie konnte ich mich nicht darüber freuen. Als ich dem neuen Besitzer die Schlüssel in die Hand drückte, musste ich mich sogar ganz schnell umdrehen, damit er nicht merkte, dass es in meinen Augen verdächtig glänzte.

Wenn ich heute mit meiner Tochter in unserem praktischen, langweiligen Auto zu den Großeltern fahre und auf der Straße einem Morgan begegne, merke ich, wie ich unwillkürlich zur Lichthupe greife und dem Fahrer zuwinken will. Der Typ mit dem mausgrauen Mittelklassewagen spinnt wohl, wird er sich sagen. Oder er bedankt sich, weil er meint, ich wolle ihn vor einer Radarfalle warnen.

Das ist der Augenblick an dem ich wieder von warmen Sommertagen träume, als ich im offenen Wagen zum nächsten Biergarten fuhr und die Welt noch herrlich jung und unkompliziert war.

Dann sage ich zu meiner Tochter: „Papi hat auch mal ein so schönes Auto gefahren“, und sie lacht, klatscht sich in die Hände und freut sich. Und das ist etwas, das mir keiner nehmen kann.

 

Dieser Beitrag wurde unter 30 Jahre Cole Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.