Was Facebook alles nicht über mich weiß

Facebook weiß alles, aber sonst nichts!

Facebook weiß alles, aber sonst nichts!

„Facebook weiß alles über dich!“, so lautet ein beliebter Kassandraruf digitaler Bedenkenträger. Irgendwo in den unerforschlichen Windungen der riesigen Datenbänke schlummern angeblich alle unsere geheimsten Sehnsüchte, unsere Wünsche und Bedürfnisse, unsere Vorlieben und Abartigkeiten, die ständig von Facebook durchgekämmt und in maßgeschneiderte Werbeangebote umgemünzt werden. Auf diese Weise schreibt uns Facebook mit der Zeit vor, was wir lesen, was wir anziehen und letzten Endes sogar was wir denken sollen.

Wie weit diese utopische Vorstellung eines allwissenden Überwachungsapparats von der banalen Alltagsrealität entfernt ist, kann jeder selbst herausfinden. Er muss sich nur die Mühe machen, diesen Link zu folgen: https://www.facebook.com/ads/preferences (vorher muss man sich bei seinem Facebook-Konto einloggen.)

Dort sehen wir dann, welche Kriterien und Suchbegriffe Facebook über uns gespeichert hat und damit auch, über welche Grundkenntnisse der Algorithmus über unser Innenleben verfügt.Es sind exakt 13 Kategorien, die bestimmen, welches Bild Facebook sich von uns macht, von „Ausbildung“ über „Essen und Trinken, „Familie und Beziehungen“ bis zu „Technologie“. Man kann diese Begriffe durchklicken und sieht dann, welche Stichworte sich Facebook gemerkt hat. Ausschlaggebend ist dabei, ob ich in letzter Zeit eine Facebookseite mit „like“ markiert habe, die mit diesem Thema zu tun hat.

Ich interessiere mich zum Beispiel angeblich für „traditionelle chinesische Medizin“. Das weiß Facebook, weil ich irgendwann Seiten geliked habe, die sich mit Dingen wie „Shiatsu“, „Quigong, „Pflanzenheilkunde“ und „Ayurveda“ beschäftigen. Abgesehen davon, dass Arurveda nichts mit China, sondern mit Indien zu tun hat, sind Lebensenergie-Massage und die alten Kampftechniken der Shaolin keine Dinge, die bei mir im Lebensmittelpunkt stehen. Mag sein, dass ich mal irgendwann auf eine entsprechende Seite geraten bin, aber ich erinnere mich nicht daran. Ein Werbekunde, der mich mit Online-Anzeigen zu diesem Thema zumüllt, wird bei mir eher auf Ablehnung stoßen, weil ich mich gestört fühlen würde.

Beim Stichwort „Essen und Trinken“ hat Facebook offenbar etwas besser aufgepasst, denn es finden sich bei mir Präferenzen für Dinge wie „Indische Küche“, „Brauerei“, Weingut“ und „Espresso“. Aber warum dann „Lay’s“? Das sind die Jungs, die massenweise Junk Food in amerikanische Supermarktregale stellen, an denen ich grundsätzlich vorbei eile, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Und „Vegetarische Küche“ kann im Einzelfall ganz gut sein, steht für mich aber ganz sicher nicht an der Spitze meiner Einkaufsliste.

Vielleicht ist Facebook ja besonders gut darin, meine Beziehungen zu anderen Menschen auszuschnüffeln? Davor haben ja viele Angst. Also kurz auf „Personen“ geklickt. Da stehen an der Spitze zwei Autoren, nämlich John D. MacDonald und Bernard Cornwell. Okay, ich lese sie eigentlich ganz gerne, aber ich würde sie nicht gerade in eine Reihe stellen wollen mit Shakespeare, Steinbeck oder Vonnegut, um nur drei willkürliche Beispiele für Autoren herauszupicken, die ich wirklich verehre. Ansonsten stehen vor allem tote Komponisten in der Liste (Bruckner, Brahms, Strauss Johann) und seltsamerweise ein Maler namens Hermann Scherer, den ich im Moment nicht zuordnen kann. Müsste ich mal googeln. Ich kenne nur den Vortragsredner gleichen Namens. Lebende Personen stehen da nur zwei: Barack Obama und Sascha Lobo. Wer weiß, vielleicht lässt das ja tief blicken, nur erschließt sich mir nicht genau wie.

Man kann die Liste übrigens beliebig aufklappen, aber ich habe mich eigentlich nur für die ersten zehn Begriffe interessiert, weil Facebook die ja offenbar für die gewichtigsten hält. Wozu stünden sie sonst oben? Und außer relativ banalen oder sogar falschen Beispiele für meine angeblichen Vorlieben kann ich dort nichts erkennen. Wer anhand dieser Informationen versuchen würde, sich ein Bild von mir zu machen, läge vermutlich voll daneben. Und ein Werbekunde, der sich darauf verlässt, kann sein Geld genauso gut in die Isar werfen.

Anders ausgedrückt: Das Schreckgespenst, das einige an die Wand malen, ist eher eine harmlose Luftblase. Ja, Facebook hat viele Informationen über mich gesammelt. Aber sie sind offenbar weit davon entfernt, die Puzzlestücke zu einem sinnvollen Bild zusammenbasteln zu können.

„Wer viel misst, misst viel Mist“, lautet ein geflügeltes Wort aus der Ingenieursbranche. Wer nur Informationen anhäuft, ohne in der Lage zu sein, daraus verwertbares Wissen um seine Kunden zu generieren, vor dem muss man sich nicht fürchten. Eher sollte man ihn bemitleiden.

 

 

 

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