Gedanken zum Tag des Mannes: Wie toll es ist, eine Frau zu sein. Oder ein Hund…

On the Internet, nobody knows you're a dog

Ich finde es toll, ein Mann zu sein. Und eine Frau. Oder ein Hund. Oder eine Horde tobender Achtklässler. Zum Glück gibt mir das Internet die Möglichkeit dazu, denn ich kann mich dort digital verkleiden und meine geheimsten Fantasien ausleben. Ich kann mich aber auch vor den widerlichen Spähnasen von der NSA verstecken oder auch nur Schabernack mit meinen Freunden oder mit Leuten spielen, die mir weniger sympathisch sind und vor denen ich mich deshalb nicht komplett outen will.

In einer Welt der totalen Transparenz und Offenheit kann die Anonymität ein Rückzugsraum sein, ein digitaler Schleier, den man sich vors Gesicht ziehen kann, wenn man gerade keine Lust hat, den Einblick in sein Intimleben freizuschalten. Arabische Frauen, die durch Tradition oder Gesetz gezwungen sind, verschleiert zu gehen, sind manchmal zwiegespalten: Ja, der Schleierzwang ist eine Form der männlichen Unterdrückung, gleichzeitig ist  er aber auch ein Schutz gegen die Außenwelt. Manche Burkaträgerin empfindet die Ganzkörperverhüllung als „regelrecht befreiend, weil sie vor gierigen Blicken schützt“, wie im Juli 2010 in der „Zeit“ zu lesen war.

Wer sonst keinen anderen Rückzugsraum hat, der schafft sich eben einen. Viele Menschen schätzen durchaus die Anonymität der Großstadt, die sie als Gegenentwurf zu ländlicher Offenheit oder Bespitzelung verstehen. Dabei hat der Großstadtbewohner in Wahrheit nicht mehr, sondern weniger Privatsphäre, weil sich hier viele Menschen auf engem Raum zusammenballen. Dafür fällt es dem Einzelnen aber in den Häuserschluchten der Metropolen sehr viel leichter, seine Anonymität zu wahren.

Digitale Anonymität und sein enger Verwandter, die Pseudonymität, haben also eine durchaus wichtige Funktion im Zeitalter von Transparenz und Beschleunigung. Umso mehr muss man sich Sorgen machen über die Bestrebungen vor allem wertkonservativer Politiker wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich , eine Art Vermummungsverbot im Internet durchzusetzen. Nachdem Anders Breivik auf der norwegischen Ferieninsel Utøya 85 junge Menschen kaltblütig hingerichtet hatte, forderte Friedrich im SPIEGEL-Interview, die Anonymität im Internet abzuschaffen. Die „Grundsätze der Rechtsordnung“ müssten auch im Netz gelten, Blogger sollten “mit offenem Visier” argumentieren.

Auch immer mehr Netzanbieter und Plattformbetreiber springen inzwischen freiwillig auf diesen Zug auf oder lassen sich von der Politik unter Druck setzen. Facebook führte 2011 die so genannte Realnamenpflicht ein, die es dem Nutzer verbietet, sein Konto unter einem Pseudonym zu führen. Kritiker wiesen damals darauf hin, dass beispielsweise Dissidenten in repressiven Staaten wie China oder Russland damit de facto an die Staatsorgane ausgeliefert werden. Dem chinesischen Menschenrechtsaktivist und Blogger Michael Anti wurde die Facebook-Seite gelöscht, weil er nicht seinen Originalnamen Zhao Jing benützt hat.  Sein Argument, dass ihn seine Leser nur unter dem Namen Michael Anti, aber nicht unter seinem richtigen Name kennen, zog bei den Machern der größten Social Media-Plattform der Welt nicht. „Eine Realnamen-Kultur führt zu mehr Verantwortlichkeit und damit zu mehr Sicherheit und Vertrauen“, behauptete die Facebook-Presseabteilung damals in einer Stellungnahme.

Die Realnamenpflicht kann aber auch geschäftsschädigend sein, wie der Fall meiner Freundin Kaliya Hamlin beweist, eine Expertin für digitales Identitätsmanagement und CEO der kalifornischen Firma Personal Data Ecosystems, die seit Jahr und Tag unter dem Pseudonym „IdentityWoman“ bloggt. Der Facebook-Konkurrent Google+ lehnte es ab, ihr zu erlauben, unter diesem Kunst- und Künstlernamen aufzutreten. „Die Leute kennen mich nur unter diesem Namen. Er steht sogar auf meiner Visitenkarte dort, wo bei anderen der Name steht“, klagte sie, als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben und fürchtete: „Das kann mich noch ruinieren!“

Dennoch weisen viele Facebook-Namen wie „Hola die Waldfee“, „Heiki Eumelkopf“ oder „Alex Supertramp“ eindeutig darauf hin, dass hier vor allem von jungen Erwachsenen die von Facebook verordnete Realnamenspflicht mit einfachen Mitteln umgangen worden ist. So genau nimmt es das Nutzermanagement also offenbar denn doch nicht.

Wie gesagt: Ich finde es toll, ein Mann zu sein. Aber bitte nicht immer…

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