Ich bin gegen Urheberschutz – bin ich deswegen aber gleich ein Pirat?

Auf czyslansky.net, einem von mir zusammen mit sechs Freunden gemeinsam betriebenen Meta-Blog zum Thema „Digitales Leben“, tobt gerade eine heftige Diskussion, ausgelöst durch den – meiner Meinung nach – völlig schwachsinnigen offenen Brief der „Tatort“-Autoren zum Thema Urheberrecht und Schutz von geistigem Eigentum. Mein Freund und Mit-Czyslansky Michael Kausch hat unter dem Titel „51 Netz-Schimanskis verurteilen ohne zu ermitteln: der offene Brief der Tatort-Autoren gegen die Netzgemeinde“ eine Breitseite losgelassengegen diese beamteten Lohnschreiber, die sich als offenbar in grenzenloser Selbstüberschätzung als „Künstler“ verstehen und die es völlig in Ordnung finden, dass sie und ihre Nachkommen 70 Jahre lang jeden zur Kasse bitten dürfen, der ein von ihnen verfassten Krimi ohne Genehmigung (und Abdrücken von Kohle!) aus dem Internet herunterlädt. Dass sie bereits mehr als fürstlich dafür entlohnt worden sind, und zwar über eine willkürliche und undemokratische Zwangsabgabe, „Fernsehgebühr“ genannt, halten diese Damen und Herren für absolut normal, was ich widerum für ausgesprochen widderlich halte.

Erstaunlicherweise aber bekomme ich für meine Haltung ausgerechnet aus dem Kreis meiner Czyslansky-Brüder Kontra. Christoph Witte, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der „Computerwoche“ und heute unterwegs als selbständiger Unternehmensberater, Moderator und Autor, schrieb unter einem Kommentar von mir zu dem Artikel von Michael:

@Tim: Du bist Autor und Sprecher. Sind deine Werke alle unter creative commons lizenziert also von jedem unentgeltlich nutzbar, solange er deinen Namen als Autor/Quelle nennt?

Das hat mich hart getroffen. Und es hat mich dazu veranlasst, mich hinzusetzen und mir mal selber klar zu machen, welche meine Haltung zum Thema Urheberrecht ist. Ich wiederhole sie hier, damit man mich in Zukunft immer darauf festnageln kann, denn das ist ein Thema, das uns in den kommenden Jahren begleiten und tiefgreifende politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse antreiben wird.

Also: Ich selbst bekomme für meine Bücher ein lächerlich neidriges Honorar – wenn ich davon leben müsste, wäre ich längst verhungert. Ich verdiene den Rest meines Geldes damit, Vorträge zu den Themen meiner Bücher zu halten, und ich kriege für einen einzigen Vortrag oft ein Vielfaches dessen, was mein Verlag mir für das Buch bezahlt. Ich nenne das Geschäftsmodell: „Schreibe ein Buch und rede darüber.“

Alle meine Vorträge, respektive die dazugehörigen PowerPoint-Slides, stelle ich kostenlos und ohne Auflagen (wie zum Beispiel eine Creative Commons Lizenz) online. Ich schreibe folgendes dazu: „Ich trete häufig als Referent oder Moderator bei Seminaren, Kongresse oder Firmenveranstaltungen auf. Dort werde ich oft nach Folien gefragt, als Gedächtnisstütze oder als Grundlage für eigene Vorträge, Konzepte oder Entscheidungsvorlagen. Ich habe nichts dagegen, solange keiner meine Inhalte weiter veräussert oder als die seinen ausgibt. Das halte ich aber nicht für eine Frage des Urheberrechts, sondern der Netiquette.“

Musiker hingegen, wenn sie nicht gerade Madonna oder Paul McCartny heissen, verdienen ihr Geld, indem sie Musikstücke aufnehmen und damit Werbung machen für ihre Live-Auftritte. C’est la même chose!

Tatort-Autoren werden wie Lohnarbeiter bezahlt. Das langt auch – für das, was die an unsterblicher Kunst abliefern…

Im Grunde finde ich, dass jede Form von künstlerische Arbeit nach dem Straßenmusikanten-Prinzip bezahlt werden sollte: Wenn es dir gefallen hat, dann schmeiße Geld in meinen Hut. Wenn nicht, gehe weiter. Das Internet bietet mehr Möglichkeiten als je zuvor, dieses Geschäftsmodell zu realisieren. Wenn natürlich die Künstler und Verlage durch ihre Gratis- und Verschenkkultur die Kunden dazu erzogen haben zu denken, dass alles umsonst ist, dann sind sie selber schuld!

Was mich zu meinem Lieblings-Aufregerthema “Kopierschutz” bringt: Wenn ich ein Musikstück, ein Buch oder ein Video, dass ich legal erworben habe, für den Eigengebrauch (Autoradio, Ferienwohnung, etc.) kopieren möchte, ist das ganz alleine meine Sache. Wer mich daran hindert, ist beraubt mich! Und ich will meine Musikstücke und Videos auch an Freunde ausleihen dürfen. Ja, auch an meine Facebook-Freunde. Der Begriff “Freund” hat im Digitalzeitalter eine Metamorphose erlebt, nur will das die Medienindustrie nicht wahrhaben! Kein Gesetzgeber (und erst Recht kein Unternehmen) darf mir vorschreiben, mit dem ich wie befreundet sein darf.

Gar keinen oder nur einen zeitlich sehr begrenzten Schutz darf es geben für Dinge wie Medikamente, bei denen Copyright gleichbedeutend ist mit einem Todesurteil für Menschen insbesondere in den ärmeren Ländern. Die Pharma-Multis sollen so viel verdienen dürfen, das es sich für sie lohnt, die nötige Forschunsgsarbeit zu finanzieren. Noch besser wäre es, wenn der Staat solche Forschnung alimentieren würde, denn es handelt sich hier um eine Aufgabe, die für mich unter das Solidaritätsprinzip fällt.

Ein Urheberrecht an Dingen wie menschliche Gene ist ein Verbrechen an der Menschheit und muss schleunigst beendet werden. Nachrichtenschreiber haben überhaupt kein Anrecht auf Urheberschutz. Wenn Google die (freiwillig von den Verlagen ins Netz gestellten) Inhalte abgreift und zu einem neuen Geschäftsmodell veredelt – sollen sie!

Was bleibt jetzt noch übrig? Gar nichts: Urheberrecht ist ein Anachronismus! Er ist nicht mehr zeitgemäß. Er verhindert Innovation und wirft uns zurück, satt uns weiter zu bringen.

Wenn ich jetzt klinge wie ein Pirat, dann ist das zwar völlig unbeabsichtigt, aber vielleicht unvermeidlich. Die Piraten scheinen mir die einzigen zu sein, die sich zu diesem Thema irgendwie vernünftige Gedanken machen.

Vor allem aber: Ich halte die ganze Diskussion für kindisch und überflüssig: Im Digitalzeitalter hat der Urheberschutz ungefähr so viele Chancen wie ein Schneeball in der Hölle. Es sei denn, wir sind bereit, weite Teile der Bevölkerung unter Generalverdacht zu setzen und sie einem Überwachungsterror auszusetzen, der mit einer freiheitlichen-demokratsichen Ordnung unvereinbar ist.

Lass uns doch über was anderes reden; etwas, das Sinn macht. Alle anderen denken entweder zu kurz, oder sie stehen im Sold derjenigen, die das Urheberrecht zu einer Goldmine ausgebaut haben, an der ein paar Konzerne profitieren – der kleine Künstler oder Autor aber ganz bestimmt nicht!

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Eine Antwort auf Ich bin gegen Urheberschutz – bin ich deswegen aber gleich ein Pirat?

  1. FULL ACK, Tim! Die ach so schützenswerten „Urheber“ sind ein reines Verwerter-Vehikel, mit dem man Anachronismus argumentativ aufrecht zu erhalten versucht. Man kann ja jetzt mit einer gewissen Freude verfolgen, wie schwer sie sich tun, die ach so bedrohten Urheber zu mobilisieren. Diese Tatort-Gurkentruppe war sicherlich so eine Verlegenheitslösung auf der Suche nach einer „organisierten“ Gruppe Betroffener.

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