Ich denke, man sollte sich nicht zu viel von künstlich intelligenten Systemen erwarten – aber auch nicht zu wenig! Richtig verstanden und angewendet, können KI, Mustererkennung, Maschinenlernen, Deep Learning und Predictive Analysis unsere Wirtschaft, unseren Handel, unsere Fertigungsindustrie, unsere Forschung und Entwicklung und alle anderen Aspekte der täglichen Unternehmenspraxis radikal verändern.

Was nicht heißen soll, dass Generative KI nicht eine echte Gefahr darstellt für einzelne Berufsgruppen, darunter auch meines. Sie kann sehr überzeugend klingende Texte schreiben und damit eine ganze Generation von Schreibern arbeitslos machen. Journalisten, die ohnehin nur vom „Cut & Paste“ Journalismus  leben oder simple Texte wie Produktkataloge oder Broschüren zu schreiben, werden sich schwer tun.

Bislang hat sich die Diskussion über KI  in Deutschland meist auf dystopischen Zukunftsszenarien konzentriert und weniger darauf, wie KI die Wirtschaft und das Leben von Millionen von Menschen transformieren und verbessern wird. Das ist schade, denn KI kann für Unternehmen ein echter Segen sein.

Ob in der Medizin, im Handel, in der Fertigung oder in der Verwaltung: Künstliche Intelligenz ist dabei, Unternehmen und Arbeitswelten komplett zu verändern. Automatisierung wird immer mehr Branchen und Bereiche erfassen, in denen bislang menschliche Arbeitskraft Voraussetzung war. Dafür wird sie Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen, in denen Maschinenintelligenz an ihre Grenzen stößt.

Die Integration von KI in das komplexe Netz von Produktion und Vertrieb – die Lieferkette – wird größere wirtschaftliche Auswirkungen haben als jede andere Anwendung der Technologie und eine größere Anzahl von Unternehmen betreffen, so zitiert der Economist Sudhir Jha von Infosys, einem großen indischen IT-Unternehmen.

Wenn es überhaupt einen ernsthaften Grund gibt, sich wegen Künstlicher Intelligenz Sorgen zu machen, dann im Bereich der Politik. Der rasche Fortschritt der KI macht sie zu einem mächtigen Instrument in wirtschaftlicher, politischer und militärischer Hinsicht.

Im September 2017 sagte Wladimir Putin vor einer Gruppe russischer Studenten und Journalisten: „Künstliche Intelligenz ist die Zukunft… Wer in diesem Bereich die Führung übernimmt, wird zum Herrscher der Welt!“

Der britische Unternehmer und Autor Ian Hogarth malte auf der Jahrestagung der Ditchley Foundation in Oxfordshire das Schreckgespenst eines neuen „KI-Nationalismus“ an die Wand. Daten seien von großer strategischer Bedeutung, so Hogarth. In Zukunft würden Nationalstaaten nicht nur große Anstrengungen unternehmen, um ihre Datenbestände zu verteidigen, sondern auch sie für andere zu sperren. Sie würden versuchen, eigene nationale Datenwirtschafen zu etablieren.

Leider werden die Datenströme aber inzwischen zunehmend von Regierungen blockiert oder verfälscht. Das könnte fatale Folgen für die KI haben, denn sie basiert in ganz besonderem Maße auf den freien Fluss von sauberen Daten.

Andere Staaten, darunter Kanada, Frankreich und Indien, sind schon dabei, nationale Strategien für die KI zu entwickeln. Der Bedarf an qualitativ und quantitativ hochwertigen Daten hat eine neue Währung der Staatsmacht geschaffen. So wie das Öl die internationale Diplomatie der Vergangenheit geprägt hat, so werden sich neue Allianzen zunehmend mit der Zusammenarbeit im digitalen Bereich überschneiden.

Die Folge könnte ein neues, ein digitales Wettrüsten sein. Sebastian Spence verweist in der Zeitschrift New Statesman auch auf das Potenzial der KI zur Schaffung neuer militärischer Fähigkeiten (wie „Robotersoldaten“) und zur Stärkung der staatlichen Macht. Die KI werde die Ressourcenallokation verbessern und die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung erhöhen. Sie wird kleineren Mächten die Möglichkeit bieten, militärisch und wirtschaftlich Einfluss zu nehmen, der nichts mit ihrer tatsächlichen Größe zu tun hat.

Solche Möglichkeiten sind übrigens nicht ohne historischen Präzedenzfall. Im 19. Jahrhundert nutzte ja  das ressourcenarme Preußen Telegrafen und Eisenbahnen, um seine Streitkräfte zu konzentrieren und sich gegen größere Rivalen durchzusetzen.

KI könnte noch transformativer wirken. Autonome U-Boote, die in der Lage sind, Atomwaffen zu orten, zu verfolgen und möglicherweise unschädlichen zu machen, sind eine von vielen Entwicklungen, die einen Kerngedanken der nuklearen Abschreckung zu untergraben drohen: die zuverlässige Fähigkeit zum Zweitschlag.

Spence fordert eine breite Diskussion über die künftige Rolle von Nationalstaaten in einer Welt, in der künstliche Intelligenz ein wesentlicher Faktor in Wirtschaft, Gesellschaft und Landesverteidigung spielen wird. „Eine breitere Nutzung der KI wird die Art von Ressourcen und Legitimität erfordern, die nur der Staat bereitstellen kann. Wenn Regierungen versuchen, die Fähigkeiten des privaten Sektors auszunutzen, werden sie stärker werden, bevor sie schwächer werden“, folgert er.

Wenn wir einfach zusehen, wie Künstliche Intelligenz zum nächsten Rüstungswettlauf verkümmert, wäre das so ziemlich das Dümmste, was wir als Menschen tun könnten.

 

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