Prost, Mütterchen!

Irene Eleonore Cole-Grave *1925 +2003

Meine Mutter wäre heute 97 geworden, wenn sie nicht mit 78 sich selbst das Leben genommen hätte. Sie hatte Blasenkrebs und wahnsinnige Angst vor den Schmerzen, also nahm sie eine Handvoll Schlaftabletten und schlief selig ein, so wie sie es sich immer gewünscht hatte.

Und wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag muss ich an die Geschichte von ihr und dem Bundesrichter denken.

Meine Mutter war als eine der ersten „German Frauleins“ 1947 nach Amerika geflogen, um meinen Vater, einen US-Offizier, zu heiraten. Die beiden hatten sich in den letzten Kriegstagen in Heidelberg kennengelernt. Nach einem Jahr in den USA stand die Einbürgerung an. Das ist in Amerika eine verdammt feierliche Sache mit einer Befragung zu Staatsbürgerschaftskunde. Es findet vor einem Bundesrichter statt in einem großen Gerichtsaal. Mütterchen stand  unten, der Richter saß oben auf seinem Podest und wirkte reichlich einschüchternd.

„So, liebe Frau Cole“, fing der Richter an, „was feiern wir am vierten Juli?“

Mütterchen antwortete wahrheitsgemäß: „Mein Geburtstag.“

Der Richter machte ein nachdenkliches Gesicht und kramte eine Weile in seinen Akten. Dann nickte er, schaute Mütterchen streng an und fragte:

„Was feiern wir am 25. Dezember“.

Mütterchen stutzte, antworte am Ende:

„Weihnachten?“

„Nein“, sagte das hohe Gericht – „mein Geburtstag!“

Und damit war Mütterchen amerikanische Staatsbürgerin.

Darauf werden wir heute Abend mit einem großen Glas Gin & Tonic anstoßen, wie es Mütterchen bis an ihr Lebensende immer tat.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, An American in Austria, An American in Germany veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.