Amerika hat keine Wahl

Wer nicht bereit ist, aus der GEschicht zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen (Gorbatschow

„Wer nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen!“ (Michail Sergejewitsch Gorbatschow)

Am Dienstag entscheidet sich das Schicksal der Welt in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren. Ja, der Welt – nicht nur Amerikas. Nicht, weil Amerika so mächtig wäre, den Rest der Welt zwingen zu können, nach seiner Pfeife zu tanzen. Sondern weil Beispiele Schule machen.

Ein Wahlsieg für Donald Trump wäre der lebende Beweis, dass Demokratie nicht automatisch die überlegene Staatsform ist. Wenn Amerika Hobbes folgt und sich einen Leviathan wählt, dann rechtfertigt das rückwirkend solche Erscheinungen wie Putin, Erdogan, Xi Jinping oder Kim Jong-un. Es würde die Diktatur als Staatsform endgültig salonfähig machen.

Das amerikanische Volk hat also keine Wahl als für Hillary Clinton zu stimmen– aber wird  es das auch tun? Zweifel sind angebracht angesichts von Umfragewerte, die Trump nach dem scheinbaren Absturz wieder im Aufwind sehen. Es genügen jetzt Kleinigkeiten, um das Rad umzudrehen:

  • Wenn zu viele Schwarze lieber zu Hause bleiben, weil für sie Hillary eben kein Obama ist.
  • Wenn die Latinos sich doch nicht in Massen an die Wahlurnen trauen, weil sie befürchten müssen, dass sie dort Trumps Schläger erwarten.
  • Wenn junge Wähler sich angewidert abwenden, weil sie das ganze Affentheater anwidert und sie keinem der beiden beschädigten Kandidaten zutrauen, ihnen eine Zukunft zu bieten, in der es sich zu leben lohnt.

Bleiben die bösen alten weißen Männer übrig. Die gehen ganz sicher zur Wahl, denn es ist ihre letzte Chance, ihre jahrhundertelange Dominanz in der amerikanischen Politik zu festigen und es „denen da unten“ zu zeigen, wer Herr im Haus ist.

Amerika hat also keine Wahl. Demokratie geht eigentlich anders. Aber diese Wahl hat auch eher Ähnlichkeit mit einer Entscheidungsschlacht, und da werden keine Gefangenen gemacht. Beide Seiten swollen die jeweils andere vernichten und sie politisch mundtot machen. Insofern wird der Wahlkampf am Dienstag keineswegs zu Ende sein – sie geht da erst richtig los. Wenn Trump gewinnt, könnte er tatsächlich seine Drohung wahrmachen und Hillary ins Gefängnis bringen. Wenn Clinton gewinnt, aber die Mehrheiten im Congress bleiben so, wie sie sind, dann werden die Republikaner im Senat alle Vorschläge von ihr blockieren – allen voran jeder Kandidat für den unbesetzten Posten im Obersten Bundesgericht. Und damit wäre Amerika zu weiteren vier Jahren politischem Stillstand verurteilt. 2020 hätte Trump oder einer seiner Klone mit Sicherheit leichtes Spiel.

Ich gehe immer noch davon aus, dass die überwiegende Mehrheit der Trump-Anhänger anständige Menschen sind, die nur an einer Form von kollektiver Psychose leiden. Die befällt gelegentlich Gruppen von anständigen Menschen, wenn sie in der Tiefe ihrer Seele verunsichert sind, zum Beispiel durch wirtschaftlich Not oder gesellschaftlichen Umbruch. Sie entwickeln sich dann in der Menschwerdung kurzzeitig oder dauerhaft eine Stufe zurück auf die Ebene ihrer wilden, blutrünstigen Vorfahren, die mordend und plündernd durch die Gegend zogen.

Trump hat es laut der aktuellsten Meinungsumfragen geschafft, mindestens 43,2 Prozent der Wähler zu überzeugen. Clinton kann sich nur auf 45,6 Prozent stützen. Aufgrund des eigenartigen Wahlverfahrens in Amerika spielt die absolute Zahl der Stimmen nur eine Zweitrolle: Es geht um die Zahl der Wahlmänner, und die werden von den Bundesstaaten gemäß ihrer Bevölkerungsgröße bestimmt. Kalifornien bekommt 55 Wahlmänner, das flächenmäßig fast gleich große Montana nur 3. Abraham Lincoln wurde Präsident, obwohl nur 39,8 Prozent der Wähler für ihn gestimmt hatten, der Süden aber geschlossen gegen ihn war und es einen dritten Kandidaten gab, John Breckinridge, der als „Southern Democrat“ antrat und Lincoln 18 Prozent der Stimmen wegnahm.

Wir halten fest: Mindestens 43 Prozent der Amerikaner werden am Dienstag ihre Stimme einem Kandidaten ihre Stimme geben, der jede zivilisierte Norm mit Füßen tritt, der sich über das Gesetz stellen will, der Gewalt gegen Andersdenkende predigt und keinen Hehl aus seiner Bewunderung für einen Autokraten wie Vladimir Putin macht. Ein Mann, der Frauen ungefragt in den Schritt greift und das auch in Ordnung findet, weil er ja ein Star ist. Einer, der Behinderte beleidigt und Mexikaner für Sexualverbrecher hält. Einer, der die Eltern eines gefallenen Soldaten wegen ihrer Religionszugehörigkeit beleidigt und versprochen hat, im Falle eines Wahlsiegs seine politische Gegnerin einzusperren.

Kein rational denkender Mensch könne einen solchen Mann wählen, aber fast die Hälfte aller Wähler in Amerika haben es vor. Kollektiver Wahnsinn? Ja, ganz sicher.

Trump hat es also geschafft, seinen Wertekanon nicht nur in den Augen der Hälfte der Bevölkerung hoffähig zu machen; er hat ihr eigenes Wertesystem so korrumpiert, dass sie denken wie er oder zumindest bereit sind, es ihm durchgehen zu lassen. Ist ja alles nur Umkleidekabinengeschwätz…

Und bevor Ihr Deutschen jetzt hochmütig über die Amerikaner lacht, denkt dran, dass 37 Prozent aller deutschen Wähler bei der Reichstagswahl im Juli 1932 Hitler ihre Stimme gaben. Und Österreich, wo ich heute lebe, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach am 4. Dezember einen Mann ins Amt des Bundespräsidenten holen, den man laut Gerichtsbeschluss ungestraft einen Nazi nennen darf.

Ich gehe davon aus, dass die meisten Wähler in Deutschland 1932 und in Österreich 2016  grundanständige Menschen waren und sind, die aber durch wirtschaftliche und gesellschaftlicher Verunsicherung dazu gebracht worden sind, sich einer autokratischen Führerfigur zuzuwenden, weil sie sonst keine andere Alternative erkennen können.

Am Dienstag werden wir wissen, ob Amerika nach einem der schmutzigsten Wahlkämpfe seiner Geschichte dem deutschen Beispiel vor 80 Jahren folgen und die Welt an den Rand eines Abgrunds führen werden. Oder ob es doch noch genügend Menschen in meiner Heimat gibt, die halbwegs bei Verstand geblieben sind.

Wenn nicht, sehe ich schwarz für die Zukunft der Demokratie – nicht nur im Amerika.


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