Ein Mann, so groß wie ein Einfamilienhaus

siebeck

Wolfram Siebeck ist tot. Er war ein großer Schreiber, ein großer Fresser und eine große Kodderschnauze, aber vor allem war er eines: ehrlich! Und witzig war er auch.

Ich habe Wolfram Siebeck Mitte der 80er kennengelernt. Er lebte damals in einer Burg im Badischen, die er und seine Frau umgebaut und ausgebaut hatten, unter anderem mit einem riesigen Küchentrakt, der manchen Dreisternekoch vor Neid erblassen lassen würde. Ich war damals selbst recht erfolgreich als Gourmetjournalist unterwegs, schrieb im Feinschmecker und im Playboy Restaurantkritiken und Food-Geschichten. Jochen Karsten, der legendäre Chefredakteur und Herausgeber des Feinschmecker, setzte mich damals gerne als eine Art Vielzweckwaffe ein, weil ich eben nicht nur über Essen und Trinken, sondern über alles andere auch schreiben konnte. Er hatte mich gebeten, ein Portrait von Siebeck zu liefern, deshalb mein Besuch.

Wir haben das Anwesen inspiziert, haben in der Küche eine Kleinigkeit gegessen und uns dann in den Garten mit einer guten Flasche badischen Weißweins hingesetzt und geredet. Ich habe ihn unter anderem gefragt, was man tun muss, um ein erfolgreicher Gourmetjournalist zu werden, und seine Antwort ist mir bis heute unvergessen geblieben: „Zuerst musst du den Gegenwert eines größeren Einfamilienhauses verfressen, dann kannst du mitreden.“ So war er eben: direkt, unverblümt, aber auf den Punkt formuliert!

Er hat auch die in meinen Augen bis heute beste Restaurantkritik aller Zeiten geschrieben, und zwar über den damaligen Hamburger Feinkosttempel „Le Gourmet“, das Ende der 80er als eines der besten Adressen der Stadt galt. Wolfram beschrieb, wie er sich an einen Tisch gesetzt und gewartet hat. Und gewartete.

Nach einer Viertelstunde setzte sich der Chef des Hauses zu ihm und sagte: „Herr Siebeck, ich bediene Sie hier nicht. Gehen Sie woanders hin.“

Er habe bei einer früheren Gelegenheit eine schlechte Kritik über das Le Gourmet geschrieben, erinnerte sich Siebeck. Und dann schrieb er: „Schade, denn er hätte mir ja vielleicht die Chance gegeben, mein Urteil von damals zu korrigieren – die damals so gelautet hat.“ Es folgte daraufhin die erste, vernichtende Kritik, und zwar im Wortlaut und in voller Länge.

Touché, kann ich nur sagen. Und Hut ab für einen der wenigen echten Meister unter den vielen Dünnbrettbohrern, die sich heutzutage mit dem völlig unverdienten Titel „Gourmentjournalist“ schmücken.

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