Ein Taxi kommt von nirgendwo

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Ein Taxi kommt von nirgendwo

Ein verarmtes indisches Dorf erlebt eine neue Blüte – dank Internet.

Jallikakinara ist ein indisches Dorf, wie man ihn sich vorstellt. Ein paar Hütten mit Grasdächern, eine staubige, ungeteerte  Dorfstraße, auf der  auf der Männer mannshohe Bündeln von Palmenstrünken auf dem Kopf tragen und spindeldürre Buben in Schuluniformen auf viel zu großen Fahrrädern balancieren. Im Dorfteich badet ein älterer Mann im dunkelbraunen Wasser, nebenan suhlt sich ein Wasserbüffel im Morast.

Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie fernab von unserer Zivilisation Jallikakinara wirklich liegt, muss man zuerst mit dem Flieger nach Hyderabad in Südindien fliegen, einer aufstrebenden, aber für einen Europäer völlig chaotisch wirkenden Stadt mit irgendwo zwischen offiziellen vier und inoffiziellen elf bis zwölf Millionen Einwohnern, das als die IT-Hochburg Indiens gilt. Dann muss man sich abends um acht in den Expresszug setzen und elf Stunden lang durch die Nacht fahren, zu sechst in einem Schlafabteil, das aus herunterklappbaren Holzpritischen mit dünnem Polsterbezug besteht und durch das zwischen drei und vier Uhr morgens eine Ratte frech hindurch marschiert, als gehöre ihr der Laden. Man muss die Sonne über endlose palmenbestandene Reisfelder aufgehen sehen und am Ende in einem gottverlassenen Nest namens Bhimavaram aussteigen. Dann muss man eine Stunde lang über Straßen und Feldwege fahren mit Schlaglöchern so groß wie ein Omnibus, muss Hühnern, Kleinkindern, suizidverdächtigen Motorradfahrern und geisteskranken Autorikschahfahrern ausweichen und am Ende im Schatten eines Drachenbaumes neben dem Gebäude aussteigen, auf dessen Stirnseite stolz das Schild mit der Aufschrift “GramIT” prangt.

Das unscheinbare, einstöckige Gebäude von GramIT ist weiß getüncht. Davor stehen vielleicht zwanzig Mopeds und ein paar Dutzend Fahrräder. Auf den Stufen, die zur Eingangstür hinaus führen, liegen haufenweise Schuhe und Sandalen. Betreten mit Schuhwerk verboten, signalisiert dieses Bild. Vielleicht irgendeine religiöse Einrichtung?

Fehlanzeige. “Gram” heißt Dorf auf Hindi, und IT heißt auf der ganzen Welt eben IT; Information Technology – Computer, Netzwerke, Bildschirme, Printer, Switsches, Router, schlaue Software und noch viel schlauere Menschen, die mit diesen Dingen umgehen können. Hightech, eben. Aber was sucht das alles hier in Jallikakinara?

Im Innern des Gebäudes sitzen 30 bis 40 Inder und Inderinnen vor PCs, die durch Sichtblenden etwas voneinander abgetrennt sind, und arbeiten. Man muss einem Inder bei der Arbeit zugeschaut haben um zu begreifen, was Konzentration ist. Sie starren gebannt auf die Bildschirme, tippen selbstverloren auf den Tastaturen oder telefonieren auf Hochtouren. Untereinander tauschen sie nur ein paar offensichtlich dienstlich motivierte Bemerkungen aus. Hier wird nicht gelacht oder sich entspannt zurückgelehnt. Hier trifft man sich nicht im Flur oder in der Kaffeeküche, um Bürotratsch auszuteilen. Hier wird gearbeitet. Kein Wunder, dass ihre Nachbarn die Indern oft nicht nur bewundernd als die “Preußen Asiens” bezeichnen.

Über den Arbeitstischen hängen Schilder, di seltsame Aufschriften tragen. “B Channel”, “Virtue Follow-up”, “CORCC”, “DRMG”. Über einer Gruppe hängt das Schild “Bad Bill Verification”, über einer anderen “Cab Booking”. Soll das vielleicht eine Taxizentrale sein? Aber wo sind hier die Taxis im zurückgebliebenen Kirshnadelta, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die Armut selbst für indische Verhältnisse übermächtig ist?

“Die Taxis fahren in Hyderabad oder Delhi, in Mumbai oder Bangalore”, lacht Mr. K.R.M. Srinivs, der Chef von GramIT in Jallikakinara. Sein kleiner Laden mit seinen rund 110 Mitarbeitern irgendwo im Nirgendwo ist ein perfektes Beispiel, wie Entwicklungshilfe heute funktionieren muss – nämlich als echte Hilfe zu Selbsthilfe. “Wir haben das Dorf ins 21ste Jahrhundert geholt und ihm neues Leben gegeben”, sagt er, und es ist ihm irgendwie ein bisschen peinlich, so etwas Pathetisches sagen zu müssen, wo er doch nur seinen Job tut, so wie seine Kollegen auch.

Ihr Job besteht darin, das so genannte “executive help desk system” eines Weltkonzerns, der IT Service Company Satyam mit ihrem Hauptquartier in Hyderabad und 40 mehr als 60.000 Ingenieure in aller Welt zu betreiben, jedenfalls einen Teil davon. Wenn in einem der sechs größten indischen Städte ein Satyam-Mitarbeiter eine Dienstreise machen muss oder ein Taxi rufen will, landet diese Anfrage in Jallikakinara. Dafür sorgt ein ausgeklügelter Workflow-Prozess, der seine Existenz dem globalen Internet verdankt. Die Anforderung geht vom Mitarbeiter zu dessen Vorgesetzten und dann in die Personalabteilung, wo sie digital abgezeichnet und genehmigt wird. Dann landet sie in der elektronischen Warteschlange eines Mitarbeiters von GramIT. Der ruft das Taxiunternehmen in der betreffenden Stadt an, mit dem Satyam eine entsprechende Vereinbarung hat, und bestellt ein Fahrzeug um die gewünschte Zeit an den verabredeten Ort. Die Rechnung des Taxifahrers landet, ebenfalls in digitaler Form, ein paar Tage später bei einem anderen Mitarbeiter in Jallikakinara, der sie prüft und zur Zahlung freigibt.

Srinivasa Raju ist noch nie in einem richtigen vierrädrigen Taxi gefahren, allenfalls in einem der dreirädrigen Motorrikschahs, liebevoll “WORT” genannt, die es gelegentlich sogar bis nach Jallikakinara schaffen. Er gibt am Tag aber einem guten Dutzend Taxifahrern in den Metropolen irgendwo weit im Westen Anweisungen. Er hat zehn Jahre Grund- und Hauptschule besucht, hat dann sogar noch fünf Jahre College in einer kleinen Stadt 20 Kilometer von zu Hause drangehängt, weil er “weiterkommen” will, wie er sagt. Aber wie? Von der kleinen Landparzelle seiner Familie, auf der er Reis anbaut, kann er nicht mit seiner jungen Frau und den zwei Töchtern leben. Er hat sich deshalb für einen freiwerden Jobs im GramIT beworben. 500 andere aus dem Dorf sind zum Bewerbungstest erschienen, er hat es geschafft. Heute verdient er 6.000 Rupies im Monat und arbeitet von zwei Uhr nachmittags bis zehn Uhr am Abend in einem Büro mit Klimaanlage. Das ist zehnmal so viel wie ein Bauer, der den ganzen Tag in der glutheißen Sonne schuftet. Und er kann Abends mit dem Mofa zu seiner Familie heimfahren, wo seine Frau mit dem Essen wartet.

“Ich könnte inzwischen auch nach Hyderabad gehen und würde vielleicht 15.000 Rupien verdienen”, sagt er, und man merkt, dass er lange über diese Frage nachgedacht hat. Er hat sich fürs Bleiben entschieden, denn er lebt gerne auf dem Dorf, es ist seine Heimat, seine Art zu leben. Die Stadt ist weit weg, ist voller Lärm und Abgase und er würde seine Familie nur noch alle paar Wochen sehen.

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