Brauchen wir ein Gesetz gegen Unlautere Blogger?

Blogger investieren viel Zeit und Gehirnschmalz in ihre Online-Tagebücher, und man fragt sich manchmal warum. Ich blogge jedenfalls seit vielen Jahren und habe noch nie einen Pfenning – Verzeihung, einen Cent – dafür bekommen. Und so geht es fast allen Bloggern, die ich kenne.

Gut: Robert Basic hat es geschafft, seinen Blog „basicthinking“ für knapp 47.000 Euro über eBay zu versteigern. Und hier und dort sieht man ein einsames Werbebanner auf einer Blogsite. Aber reich werden tut keiner davon.

Das könnte auch daran liegen, dass die Werbefinanzierung von Blogs anders funktioniert als in anderen Medien, unauffälliger, vielleicht sogar heimlich. Der Blogger steckt nämlich in einem Zwiespalt: Lässt er Werbung zu, leidet seine Glaubwürdigkeit. Er hat das gleiche Problem wie ein guter Journalist, dessen Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit sozusagen sein Markenzeichen sind. Lässt er sich auf irgendwelche Schweinedeals ein, dann ist sein Ruf ganz schnell ruiniert und damit sein Wert für denjenigen, der ihn bezahlt.

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Test bestanden – Patient tot

Hurra – ich werde 83 Jahre alt! Oder 78. Vielleicht auch nur 77. Kommt darauf an, welchen Lebenserwartungs-Test ich im Internet mache.

Es gibt sie zuhauf, die mehr oder weniger ernstgemeinten Online-Fragebögen die vorgeben, mir die Lebenszeit zu verraten, die noch vor mir liegt.

Am längsten würde ich wohl in der Schweiz leben: Die von der Eduard-Auermann-Stiftung betriebe Website test.gesundheit.ch bescheinigt mir „mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit“ etwa 26 weitere Jahre – vorausgesetzt, ich befolge ein paar gutgemeinte Ratschläge. So hat meine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Alkoholgenuss – 4 Glas Bier (2,5 dl) oder Schnaps (2 cl) normalerweise pro Tag – sofort zu einer Negativbewertung geführt: „Ihre mutmaßliche Lebenserwartung könnte höher sein, wenn Sie Alkohol nur in geringen Mengen konsumieren würden. Versuchen Sie Ihren Konsum auf drei Glas täglich zu beschränken.“ Außerdem soll ich weniger Fett essen. Dafür bekam ich Lob dafür, das „Sie schon längere Zeit nicht mehr rauchen“ und dass ichj (als Marathonläufer) „sich regelmäßig intensiv bewegen.“

Die kürzeste Lebenserwartung habe ich in Deutschland. Die vom Bankhaus August Lenz in München Testseite (die allerdings auf Englisch als „longevitytest“ firmiert) gibt mir noch 20 Jahre, macht sich aber Sorgen, ob ich „auch über die finanziellen Mittel“ verfüge, um meinen bisherigen Lebensstandard unbeschwert und in Ruhe genießen zu können. Ganz klar, also, welche Interessen hier vertreten werden: Die wollen nur mein bestes – und davon so viel wie möglich…

Ähnlich offensichtlich ist die Agenda bei dem – im Übrigen sehr lustigen – „Longevity Game“ der Northwestern Mutual, einem Finanzdienstleister und Versicherer aus dem US-Bundesstaat Wisconsin. Das Spiel hat außerdem den Vorteil, sehr schnell gespielt werden zu können: Es werden gerade eben ein Dutzend Fragen nach Gewicht, Trink- und Rauchgewohnheiten, Stressmanagement und Autofahrergewohnheiten („Schnallen Sie sich regelmäßig an?“) gestellt, dazu allerdings die für einen Mitteleuropäer eher ungewöhnliche nach dem Konsum von „Unterhaltungs-Drogen“ („recreational drugs“). Na ja, München gilt schließlich als Koks-Hauptstadt Deutschlands, aber woher wissen die das denn? Immerhin: Bis 77 müsste ich deren Meinung nach durchkommen, bevor ich den Hintern zukneife.

Ein anderer Tester macht sich nicht nur darüber, wie alt ich werden könnte, sondern auch über das, was danach kommt. „Wie wir leben und glauben kann Einfluss haben auf unsere Lebensdauer“, schreiben die Betreiber von wholeperson-counseling.org, die nicht nur wissen wollen, ob ich gelegentlich – vermutlich als unrein angesehenes – Schweinefleisch esse, sondern auch, ob ich „sexuelle Sünden“ begangen habe und den Sabbat achte. Ob ich je den Heiligen Geist belüge, will man wissen, vielleicht um mir einen lebensverkürzenden Donnerschlag von oben androhen zu können. Übrigens war dieser Test der einzige, bei dem es am Ende kein eindeutiges Resultat gab. Um die Antwort zu bekommen, hätte ich zuerst meine Mailadresse abliefern müssen, was ich nicht getan habe. Womöglich stehen die plötzlich mit der Bibel vor meiner Haustür – oder eine geladenen Kalaschnikow…

Den mit Abstand ausführlichste (Über-)Lebens-Test fand ich übrigens bei der britischen Firma HB Health, die sich selbst als der „führende Spezialist-Provider von Anti-Ageing in Europa“ bezeichnet. Mit dem klaren Ziel vor Augen, „Gesundheit, Wellness und höhere Lebensqualität für Menschen jedweden Alters zu fördern”, vertreibt das Unternehmen allerlei Gesichtscremes („Lavender Satin Cleanser“), Analysemethoden („Biological Age Test“) und „Ästhetische Behandlungen“ wie „Mesotherapie“ und „nicht-chirurgische Gesichtsformung“. Der Online-Fragebogen geht denn auch in die Vollen: Der fünfteilige Test verlangt nicht nur detaillierte Auskunft über den derzeitigen Gesundheitszustand (Blutdruck, Cholesterinspiegel, „Taille-Hüft-Verhältnis“ und aktuelle Medikamentierung, sondern auch solche eher psychologischen Faktoren wie Anzahl enger Freunde, Hobbies und Autotyp. Ergebnis: Mit 78 ist bei mir eindeutig Schluss. Wobei am Ende der dezente Hinweis auf die diversen Dienstleistungen des Hauses und damit auf einen potenziellen Aufschub des Termins mit dem Sensenmann natürlich nicht fehlen darf.

Ob es wohl etwas bringt? Immerhin ist bekannt, dass die Zahl der Hundertjährigen in den entwickelten Ländern seit Jahren zunimmt. Königin Elisabeth von Großbritannien verschickt seit ihrer Inthronisierung 1952 persönliche Glückwünsche an so genannte Zentenare. Als sie damit anfing, waren es 255 im Jahr. 2005 musste sie genau 4.623 solcher Briefe unterschrieben. Mit irgendwo zwischen 77 und 83 sehe ich also (man verzeihe mir das plumpe Wortspiel) ziemlich alt aus.

Aber vielleicht mache ich auch nur die falschen Tests. Forscher um Richard Cawthon von der Universität Utah in Salt Lake City haben jüngst festgestellt, dass schrittweise Verkürzung an den Chromosomenenden, den so genannten Telomeren, für den Alterungsprozess beim Menschen verantwortlich sind, wie die britische Wissenschaftzeitschrift „The Lancet“ jetzt berichtet. Teile der Telomere, die – vergleichbar den Plastikringen an den Enden von Schnürsenkeln – die Enden der Chromosomen umschließen, gehen bei jeder Zellteilung verloren. Diese Abfall-Telomere können Chromosome zu Verbindungen verleiten und so Wucherungen hervorrufen. Eine Folge davon sind Krebserkrankungen oder Herzkrankheiten, die weitaus häufiger bei älteren Menschen auftreten als bei jungen Menschen.

Mit ihren Untersuchungen konnten die Forscher nun den Zusammenhang zwischen der Abnutzung der Telomere und solchen altersbedingten Krankheiten beweisen. Versuchspersonen mit längeren Telomeren lebten im Durchschnitt vier bis fünf Jahre länger. Die mit kürzeren Telomeren zeigten zudem ein mehr als dreimal so hohes Risiko, an Infektionskrankheiten zu sterben.

Leider fragen die Online-Tester, die mir Gewissheit über meine verbleibende Lebensdauer versprechen, nicht nach meiner Telomerenlänge. Wäre auch sinnlos: Der entsprechende Test ist online kaum durchzuführen. Jedenfalls noch nicht.

 

 

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Aufstand der Avatare

Damit haben sie bei IBM bestimmt nicht gerechnet, wetten? Dass nämlich die Mitarbeiter virtuell auf die Straße gehen würden.

Ich kann mich noch gut an die stolzgeschwellten Brust erinnern auf der CeBIT, als mir einer der IBM-Oberen die Strategie erklärte, mit der sich der Big Blue ganz groß in der VR-Plattform „Second Life“ etablieren wolle. Auf den feinpixelig programmierten Bürotürmen virtueller Niederlassungen sollten künftig riesige IBM-Logos prangen, glückliche Mitarbeiter sollten durch die Office Parks zu virtuellen Meetings fliegen, wo sie sich unmittelbar, Avatar zu Avatar, gegenübersitzen und gewichtige Geschäftsentscheidungen treffen sollten, ohne dazu ein Flugzeug besteigen oder auch nur nach Nebenan in den Konferenzraum gehen zu müssen. Die schöne neue Welt der Arbeit war das, was sie mir in glühenden Farben ausmalten, und ich muss gestehen, dass mir bei dem Gedanken die Gänsehaut kam.

Nun, Second Life hat sich ja wohl als ziemliche Eintagsfliege erwiesen. Jedenfalls berichtet die Kultzeitschrift „Wired“ von leerem Luftraum, verwaisten Avataren und tapferen, aber einsamen Unbeirrbaren, die verloren durch die virtuelle Landschaft irren auf der Suche nach den vielen Millionen Gleichgesinnten, denen das hier und jetzt angeblich viel zu fad sei und die deshalb ins Land des ewigen Sonnenscheins und der unentwegten Interaktion ausweichen.

Ein bisschen Schadenfreude habe ich, ehrlich gesagt, bei der Lektüre schon empfunden, denn der Gedanke an den Nonstop-Cluburlaub im Cyberspace kam mir von Anfang an nicht besonders reizvoll vor. Meine eigenen Flugversuche mit dem Avatar endeten denn auch ziemlich bald, weil ich erstens nicht so recht den Anschluss fand und zweitens es im richtigen Leben so viel zu tun gab, dass ich wohl auch nicht den nötigen Zeitaufwand betreiben konnte.

Ich hatte das Thema Second Life also eigentlich innerlich abgehakt, bis ich auf einer Tagung am Tegernsee den Welf Schröter kennenlernte.  Welf ist Gewerkschaftler, Mitbegründer und Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung des DGB Baden-Württemberg und ein außerordentlich intelligenter und witziger Typ. Gäbe es mehr von seiner Sorte in Second Life, ich ginge wahrscheinlich auch wieder öfter hin. Er referierte über die kommende totale Flexibilisierung von Arbeitsplätzen, die seiner Meinung nach mit einer zunehmenden Entbetrieblichung der Arbeit einhergehen und damit womöglich zum Ende der Festanstellung führen wird, was wohl mit erheblichen sozialen Konsequenzen verbunden sein wird. Er warnt im übrigen davor, in der Diskussion um mobile Arbeit einfach das traditionelle Verständnis von Arbeits- und Arbeitsplatzverhältnissen aus dem 20sten Jahrhundert ins 21ste zu übernehmen und das Wörtchen „mobil“ davor zu setzen. Unter anderem wäre damit ein massiver Einflussverlust sowohl der Gewerkschaften als auch der A
rbeitgeberverbände verbunden. Der Mitarbeiter im virtuellen Raum wäre in der Lage, sich zu emanzipieren und sozusagen selbst für Rationalisierung seiner Arbeitswelt zu sorgen, statt immer nur umgekehrt.

Es war aber ein Nebensatz von ihm, der mich besonders faszinierte, denn er zeigte, dass die Zukunft wieder einmal bereits begonnen hat, bevor ich es überhaupt mitbekommen habe. IBM-Mitarbeiter in Italien haben nämlich Second Life als Mittel im Arbeitskampf entdeckt und gehen dort dieser Tage auf die virtuelle Strasse, um gegen eine von der Geschäftsleitung jüngst beschlossene Kürzung ihrer Gewinnbeteiligungen zu protestieren – und alle, alle sollen mitmachen!

Wer will, kann sich einfach einen virtuellen Körper überstülpen und sich den kunterbunten Demo-Gruppen anschließen, die den Bossen auf Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und vermutlich auch in jeder anderen gewünschten Sprache die Meinung sagen wollen und die Stimme gegen Ausbeuterei und soziale Ungerechtigkeit erheben wollen. Der internationale Gewerkschaftsbund hat sich solidarisch erklärt und bietet auf seiner Website sogar Anleitung und Aufmunterung für alle, die den Aufstand der Avatare unterstützen wollen.

Ob ich allerdings selber mit demonstrieren werde, weiß ich noch nicht. Das ist wie früher im Heidelberg der 68er, als wir uns in unserer Stammkneipe getroffen  und überlegten haben, ob wir  zur Demo gehen sollten oder lieber doch ins Kino. Merke: Es gibt im Leben immer attraktive Alternativen, im richtigen ebenso wie im zweiten.

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Die Ente Daisy

Die zwischenmenschliche Begegnung per Computer und Internet kann ebenso befriedigend und lohnenswert sein wie die Begegnung auf der Straße, im Café oder im Büro – geschweige denn über das Telefon, bei dem wir uns nicht sehen, dennoch aber glauben, eine unmittelbare und intensive Kommunikation betreiben zu können. Wer das nicht glaubt, der muss sich nur in den Chat-Foren, den Diskussionsgruppen oder  den Online-Communities im Internet umsehen und erleben, was dort abgeht.

Ein Beispiel aus der Praxis kann das verdeutlichen: Beim Hochwasser der Isar im Frühjahr 1995 brachte unsere damals zehnjährige Tochter eines Tages ein winziges Entenküken mit nach Hause. Das Tier war offenbar von den Wassermassen fortgeschwemmt worden. Jedenfalls war es, als es gefunden wurde, bereits unterkühlt und apathisch.

Unsere Tochter schaute mich mit großen Kinderaugen an und sagte: „Papi, was machen wir damit?“ Als begeisterter Hobbykoch hätte ich ihr zwar ein paar Rezepte für Enten sagen können, nicht aber, wie man eine wenige Tage alte Ente füttert oder großzieht. In unserer Not beschlossen wir, gemeinsam ins Internet zu gehen und Hilfe zu holen. Schließlich soll es ja Online-Foren zu jedem erdenklichen Thema der Welt geben, warum also nicht auch zu diesem? Tatsächlich fanden wir nach wenigen Minuten eine Diskussionsgruppe, die sich rec.pets.birds nannte und in der sich Menschen treffen, um sich per E-Mail über das Halten von Vögeln als Haustiere auszutauschen. Wir schrieben eine kurze Mitteilung, etwa folgenden Wortlauts: „Hilfe – was machen wir mit einem zehn Gramm schweren Entenküken, das von seiner Familie getrennt worden ist?“

Was dann geschah, war überwältigend. Innerhalb von einer Stunde waren bereits Antwortschreiben im elektronischen Briefkasten, das erste witzigerweise aus unserem Wohnort München (so viel zur Aufhebung von Zeit und Raum …). Innerhalb von 24 Stunden kamen rund 400 Mails zurück, teilweise von Spinnern, teilweise auch nur von Leuten, die uns (und natürlich dem Tier) Glück wünschen wollten. Es waren aber auch eine Handvoll ernstgemeinter Antworten dabei, darunter eine mehrseitige „Gebrauchsanweisung für junge Enten“, die eine Tierpflegerin aus Santa Monica in Kalifornien für uns geschrieben hatte und in der sie detailliert beschrieb, wie man ein Entenküken füttert und wie man den Käfig einrichtet („unbedingt eine Infrarotlampe über den Käfig hängen, sonst bekommt es wahrscheinlich eine Lungenentzündung, wenn es alleine ist ohne die Körperwärme der Mutter“). Außerdem riet sie uns, einen Spiegel in den Käfig zu stellen, weil Enten gesellige Wesen seien, die Spielkameraden brauchen, sonst würden sie Verhaltensstörungen entwickeln.

Daisy, wie wir die kleine Ente genannt haben, ist übrigens groß und fett geworden. Wir haben sie nicht in Orangensauce serviert, sondern gemeinsam wieder an der Isar ausgesetzt, wo sie sich gleich zu einer Gruppe von anderen Entenweibchen gesellt hat. Natürlich haben wir die Leute, die uns geschrieben haben, auch zurückgeschrieben. Zu einigen von Ihnen habe ich heute noch Kontakt, elektronisch und auch sonst. Die Tierpflegerin beispielsweise hat uns ein Jahr später bei einem Europaurlaub kurz besucht, und wir schreiben uns immer noch regelmäßig Mails, wobei es da längst nicht mehr um Daisy, sondern um ganz andere Dinge geht.

Wenn dieses Beispiel etwas zeigt, dann doch dies: Das Internet ist als Mittel zwischenmenschlicher Kommunikation genauso geeignet wie andere, die längst akzeptierter Bestandteil unseres Alltags geworden sind wie Telefon oder Briefe. In E-Mails feiert sogar die verloren geglaubte Kunst des Briefeschreibens fröhliche Auferstehung. In Communities und Chat-Foren treffen Gleichgesinnte aufeinander, lernen sich kennen, reden, diskutieren, streiten, schimpfen. Das ist soziale Interaktion in einem Ausmaß und einer Qualität, die weit über das ein¬fältige Kneipengespräch über Fußball oder über die einsilbige Kommunikation von „Couch Potatos“ über das kümmerliche TV-Programm hinausgeht.

Diese Wiedergeburt der Schriftsprache, deren Niedergang von Philologen seit Jahrzehnten beklagt wird, steht im Zusammenhang mit dem Verdrängungswettbwerb der Medien, den Forscher in Amerika bereits deutlich ausgemacht zu haben glauben. Dort verbringen junge Menschen zwar immer mehr Zeit vor dem Bildschirm, sehen dafür aber weniger fern. Das Internet kann zumindest in dieser Zielgruppe zu Lasten des Konkurrenzmediums Fernsehen gehen, was man nun beklagen oder begrüßen mag: Auf jeden Fall ist klar, dass durch die Ausbreitung des Internets die Anzahl der Alternativen größer geworden ist – und damit die Wahlfreiheit des mündigen Bürgers.

Und noch eins: Im Internet sind alle gleich. Gerade die vielbeklagte Anonymität des Computerbenutzers ist für manche der eigentliche Reiz. Hier gibt es nicht groß und klein, arm und reich, hübsch und hässlich, krank und gesund. Man(n) kann frau sein oder umgekehrt, je nach Belieben. Der Ängstliche produziert sich als Draufgänger.  Der Scheue spielt den Salonlöwen. „If you can imagine it, you can do it“ („wenn du’s dir vorstellen kannst, dann kannst du es auch tun“) sagt der Zukunftsforscher Paul Saffo. Er meint aber nicht irgendein fernes Morgen, sondern das Hier und Heute im Internet. Das ist ja in erster Linie ein Kommunikationsmedium, doch den wenigsten ist klar, was das wirklich bedeutet.

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Im Internet und auf hoher See ist der Mensch alleine

Sich wie ein Seemann auf Landgang aufführen war früher schon sprichwörtlich. Doch heute haben die armen Schweine von den Containerriesen nicht einmal mehr Zeit, sich ordentlich voll laufen zu lassen.

So ein Riesenpott ist schon eine imposante Erscheinung. Gestern Abend standen wir – Teilnehmer einer hochinteressanten Kundenveranstaltung von HansaCom – auf der Terrasse des vornehmen Hamburger Restaurants „Tafelhaus“ und schauten champagnernippend zu, wie die „Cosco Guangzhou“ aus dem Umschlaghafen hinaus Richtung Nordsee geschleppt wurde, an Bord rund 4.500 Container, jedes davon 12 Meter lang, die sich bis auf Brückenhöhe stapeln. Einer der Gäste ein Einheimischer, überraschte die Runde mit der Feststellung, dass zum vollständigen Ent- und Beladen eines solchen Trumms (die „Cosco Guangzhou“ war für kurze Zeit das größte Containerfrachtschiff der Welt, bis sie im letzten September von dem noch viel größeren „Emma Maersk“ überholt wurde) nur ganze vier Stunden benötigt werden. Danach geht es – Zeit ist Geld, gerade auf hoher See – wieder weiter Richtung anderes Ende der Welt.

Unsere Gruppe erging sich in der Folge in Spekulationen darüber, wie es den Seeleuten wohl ergehen muss, denen nur ein kurzer Blick auf ihren Heimathafen vergönnt ist. Mehr als ein kurzer Einkaufstrip zum Supermarkt und ein Anruf bei den Lieben daheim sei da wohl kaum drin, wurde gemutmaßt. Auf keinen Fall bleibe da genügend Zeit für eine ordentliche Nummer im Puff von St. Pauli, geschweige denn für ein richtiges Besäufnis. Tja, so geht er hin, der Jugendtraum vom wilden Seemannsleben. Der Alltag auf einem Containerfrachter dürfte demnach ungefähr so aufregend sein wie der eines Controllers bei MAN.

Und wie die Gespräche an einem solchen Abend manchmal seltsame Wendungen nehmen kamen wir gleich darauf auf „Second Life“, wo Menschen angeblich ein erfülltes und befriedigendes Zweitleben in der Welt hinter dem Bildschirm führen. Und zum ersten Mal hatten einige bei uns am Tisch das Gefühl zu verstehen, was zumindest manchen Zeitgenossen dazu bringen könnte, eine digitale seiner analogen Wirklichkeit vorzuziehen. Mit der möglichen Ausnahme des Puffbesuchs sei ja fast jede Form der zwischenmenschlichen Interaktion auch per Avatar denkbar. Den Einwand, ein virtuelles Bier schmecke nicht, konnte ich kontern mit einem Hinweis auf die seit vielen Jahren erfolgreich durchgeführten virtuellen Weinproben, zu denen sich Menschen in verschiedenen Erdteilen verabreden: Alle besorgen sich eine Flasche des gleichen Weins, öffnen sie zur vereinbarten Zeit (Achtung: Zeitunterschied beachten!) und tauschen beim Trinken ihre Geschmackserfahrungen aus.

Ich finde das Beispiel sehr erhellend. Denn immer noch herrscht bei vielen die Fehlannahme vor, übermäßige Internet-Nutzung führe direkt in die Vereinsamung. Das Gegenteil ist der Fall, zumindest auf hoher See: Die armen Schweine sind diejenigen, die dort keinen Online-Anschluss haben.

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Geisterläufer

Es ist mir egal, dass wir in einem Land mit Rechtsverkehr leben: Laufen tut man links!

Meine tägliche Laufstrecke in den Maximiliananlagen rechts der Isar ist wunderbar, grün so weit das Auge reicht, gepflegte Kieswege, keine Autos.  Einen Nachteil hat sie aber schon: Mir kommen dauernd Geisterläufer entgegen. Hunderte!

Zur Erklärung: Ein Geisterläufer ist einer, der rechts läuft. Und das tun fast alle. Nun kommen Sie mir jetzt mit dem Argument: Leute, esst Scheiße – hundert Millionen Fliegen können sich nicht irren! Denken Sie vielmehr zurück an Ihre Schulzeit. Da kam doch der nette Polizist in die Klasse und hat mit Ihnen Verkehrsunterricht gemacht. Gut, das ist ewig lange her, aber erinnern Sie sich zurück. Wo läuft ein braves Kind auf einer Straße ohne Gehweg? Richtig! Auf der linken Seite – damit es die entgegenkommenden Autos sehen und notfalls ausweichen kann.

Genauso ist das an der Isar, nur sind nicht Autos, sondern die vielen Radfahrer die Gefahr. Offenbar schauen die alle zu viel Tour de France, jedenfalls rasen sie gerade in den letzten Tagen besonders wild und rücksichtslos auf die Fußgänger und Dauerläufer zu, weichen im allerletzten Moment aus und pfeifen nur ein paar Millimeter neben mir vorbei, den stieren Blick nach vorn gerichtet, als müssten sie den Armstrong einholen.

So einen will ich sehen, und zwar lange vorher. Wenn er erst mal an mir vorbei ist, nützt mir diese Information überhaupt nichts mehr.

Jeder halbwegs intelligente Mensch begreift das. Sind Läufer also alle dämlich? Denken sie nicht nach? Oder ist das Rechtsfahrgebot derart tief in ihr Subcortikales verankert, dass sie gar nicht anders können?

Am schlimmsten sind die Typen, die MICH beschimpfen, weil ICH angeblich auf der falschen Seite laufe. An Hubris ist das kaum zu überbieten. Heute hatte so ein hirnlos joggender Mensch Pech: Er sah mich kommen, bekam diesen verkniffen Gesichtsausdruck von einem, der notfalls mit dem Kopf durch die Wand geht, und blieb stur auf der rechten Außenspur. Ich merkte im letzten Moment: Der lässt es jetzt drauf ankommen, und ich tat, was jeder vernünftige Mensch in einer solchen Situation tut – ich blieb stehen. Leider direkt neben einem der schönen, grünen Alleebäume, für die unsere Maximilananlagen so berühmt sind.  Mein Geisterläufer lief weiter, versuchte noch, sich zwischen mir und den Baum zu quetschen  – und prallte gegen den Stamm.

Er war anschließend stinksauer und hatte eine Beule am Kopf. Macht nichts. Es hat bei ihm keinen wichtigen Körperteil getroffen.

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Von wegen einzigartig!

Welchen Tim Cole hätten Sie gerne?

Tim Cole ist ein ziemlich schlimmer Mensch. Er sitzt deshalb hinter Gittern, und zwar in der Todeszelle. 1987 hat er einen 66 Jahre alten Mann erwürgt, der ihn bei einem Einbruch überrascht hatte. Auf seinem Foto starrt er feindselig in die Kamera. Die Nase ist verbogen, die Augenbrauen wuscheln, die Haare sind zerzaust. Abstehende Ohren hat er auch. Nein, kein sympathischer Mensch, dieser Namensvetter von mir.

Wie die meisten Menschen habe auch ich mich bisher immer für einmalig gehalten, ein ganz seltenes Exemplar der Spezies Homo sapiens, eine Einzelkreation, sozusagen. Das war, bis ich kürzlich Google nach „Tim Cole“ fragte und mehr als 3,6 Millionen Fundstellen zurück bekam. Mein einziger Trost: Google spuckt mich wenigstens auf Platz eins aus (Tim Cole – Publizist für Wirtschaftstechnik, Text, Moderation, Training.
www.cole.de). Sogar die ersten sieben Plätze beziehen sich auf mich, den „wahren“ Tim Cole.

Anders sieht die Sache aus, wenn ich nach Bildern von mir suche. Da komme ich erst als Dritter an die Reihe. Nummer eins ist ein nett aussehender junger Schwarzer, der aber leider ebenfalls mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.  Timothy Cole wurde 1985 von einer rein weißen Jury in Austin, Texas, wegen Vergewaltigung einer weißen Frau namens Michelle Maulin  zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl er immer wieder seine Unschuld beteuerte und sogar das Angebot einer milderen Bestrafung ablehnte, wenn er gestehen würde.

Vier Jahre später starb er im Gefängnis, weil der Gefängnisarzt sein Asthmaleiden nicht richtig behandelt hatte. Fünf Jahre später gestand der mehrfach vorbestrafte Sexualverbrecher Jerry Wayne Johnson, die Frau vergewaltigt zu haben. 2009 wurde Tim Cole schließlich von einem Berufungsgericht in Texas postum für unschuldig erklärt.

Es gibt unter meinen viele, vielen Namensvettern eine Menge höchst ehrbarer Leute: Pfarrer, Lehrer, Basketballtrainer, Toningenieure, Fußballspieler, Universitätsprofessoren, Rockmusiker, Unternehmensberater und Autotuner. Ein Tim Cole ist Chief Registrar Liaison bei ICANN, einer anderer sammelt Klapperschlangen, wieder ein anderer ist mit einem riesigen toten Fisch auf einer Webseite über das Karpfenfangen zu sehen. Ein Tim Cole ist „Indesign-Evangelist“ bei Adobe, ein anderer ist Golflehrer in Kanada.

Es wäre mal eine Reise wert, zumindest mal die interessantesten Typen unter ihnen zu besuchen. Ich stelle mir das witzig vor, wie wir da sitzen und uns gegenseitig ins Gesicht schauen und denken: „So sieht also Tim Cole auch aus. Wer hätte das gedacht…“

Auf jeden Fall hat mich das Ganze eines gelehrt: Demut. Ich bin nicht so einzigartig, wie ich dachte. Im Gegenteil: Ich bin einer von vielen…

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Kunden-Dialog hilft aus der Krise

Die deutsche Werbewirtschaft leidet bekanntlich ganz besonders unter der Wirtschaftsflaute Budgets in den klassischen Medien werden zusammengestrichen, und im Internet sind die Zuwachsraten auch nicht mehr das, was sie waren. So weit die schlechten Nachrichten. Die gute: Werbepartner sind durchaus auch heute noch bereit zu investieren. Sie wollen nur ganz sicher sein, dass ihre Botschaften ankommen.

Der Begriff „Performance-Marketing“ geistert schon lange durch die Branche, aber leider versteht offenbar jeder etwas anderes darunter. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) zum Beispiel sieht das Thema nur durch die digitale Brille, versteht darunter also in erster Linie die gezielte Kundenansprache im Internet. Der einschlägige Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia räumt immerhin ein, dass sie auch „als Interaktionselement in eine klassische Kampagne integriert“ werden kann, bezieht sich ansonsten in seiner Definition aber nur aufs Onlinemarketing.

Das Internet in allen Ehren, aber der Wunsch, die Reaktion einer Zielgruppe messbar zu machen, ist viel älter als das quintessentiell „neue“ Medium: Es ist so alt wie die Werbung selbst. In Zeiten wie diesen, in denen der Werbetreibende jedes Euro zweimal herumdreht, sind leistungs- und erfolgsbasierte Marketingmodelle auch in den klassischen Werbeformen wichtiger denn je.

Ein alter Werber-Witz besagt, dass es eigentlich ganz leicht wäre, die Hälfte seiner Werbeausgaben zu sparen – wenn man nur wüsste, welche Hälfte. Doch die Zeiten des Blindflugs in dieser Branche sind in Wahrheit schon lange vorbei. Das ist der Grund, weshalb immer mehr Auftraggeber auf Kundendialog setzen. Nur, wer den Adressaten einer Werbebotschaft wirklich kennt und die Message gezielt abliefern kann, wird als Werber noch eine Zukunft haben. Der Trend zum Dialogmarketing ist über fast alle Kundensegmente hinweg zu beobachten. Dialogmaßnahmen gehören heute zum Standard-Mix für eine zeitgemäße Unternehmenskommunikation.

Der Grund ist klar: Dialogsysteme liefern Messbarkeit, unabhängig davon, über welches Medium sie transportiert werden. Die Ansprache des Kunden muss allerdings gezielt erfolgen, um die größtmögliche Interaktion zu erreichen, und damit sich der Absender auf die Handlungsweisen und Verbrauchsgewohnheiten des Endkunden einstellen und seine Strategie darauf abstellen kann.

Das Beispiel des Kundenbindungsprogramm „Payback“ zeigt ganz klar, wohin die Reise im Dialogmarketing von morgen geht. Mit einer Verbreitung in mehr als 60 Prozent der Haushalte und einem Umsatz von über 15 Milliarden Euro im Jahr ist das System seit dem Start im Jahr 2000 zum Markführer bei Kundenkarten in Deutschland und zur drittwichtigsten Karte im Geldbeutel der Bürger (nach EC- und Krankenversicherungskarte) aufgestiegen.  Payback erreicht 48,7% der Gesamtbevölkerung mit einer ausgeklügelten Mischung von Online- und Offline-Werbeformen, die gemeinsam eine  zumindest in Deutschland beispiellose Medienplattform bilden:

  • Viermal im Jahr erhalten die rund elf Millionen aktive Payback-Haushalte ihre Punkteübersicht per Post, die von den Partnerunternehmen als Träger für zusätzliche individualisierte Werbeformen wie beispielsweise Coupons verwendet werden können. Dazu gehen noch dreimal im Jahr etwa vier Millionen Mailings an Topkunden heraus, also diejenigen mit der höchsten Kaufaktivität in den vergangenen drei Monaten. Mit nachgewiesenen 31 Millionen Bruttokontakten, einer Öffnungsrate von sage und schreibe 97% sowie bis zu 60% Rücklaufquoten erlaubt diese Form des Direktmarketing den Partnerunternehmen von Payback eine punktgenaue Kampagnenbewertung durch Verknüpfung von Kunden.- und PoS-Daten.
  • Monatlich nutzen über drei Millionen Kunden zusätzlich die Shopping- und Service-Plattform www.payback.de. Partner können ihren Brand prominent positionieren, saisonale Themen integrieren und mit Hilfe von gezielter Contant-Platzierung wirksames Cross- und Upselling betreiben. Der Online-Newsletter von Payback erreicht jeden Monat mehr als 3,4 Millionen Kontakte, die durch Opt-in ihr eindeutiges Interesse an diesem Informationsmedium signalisiert haben. Das schlägt sich in weit überdurchschnittlichen Öffnungsquoten nieder. Das Medium erreicht die richtigen Kunden im richtigen Augenblick, nämlich im kritischen Moment der Kaufvorbereitung.

Ein solches dialoggestützte System bietet Partnern und Agenturen natürlich viele Vorteile. Durch die genaue Analyse von Kunden- und Transaktionsdaten erhalten die Payback-Partner tiefe Einblicke in die tatsächlichen Bedürfnisse und in das Kaufverhalten ihrer Kunden. Daraus lassen sich Erkenntnissen ableiten, die sie unmittelbar in ihrer Kampagnenplanung  umsetzen können, vom Kreativprozess über die Response-Steuerung bis hin zu Auswertung und Folgeaktionen.

In Krisenzeiten hat kein Auftraggeber etwas zu verschenken. Performance-Marketing, das Hype-Thema der letzten Jahre, gewinnt deshalb gerade jetzt an Aktualität und Dringlichkeit. Es wird interessant sein zu sehen, wie insbesondere die Branche der Medienagenturen auf diese Herausforderung reagiert. Noch immer ist eine unheilvolle Zersplitterung zwischen Online und Offline in der Agenturszene zu beobachten. Diese behindert jedoch den durchgehenden Dialog mit dem Kunden, der zunehmend in beiden Welten gleichermaßen zu Hause ist und dessen Kaufentscheidungen im wahrsten Sinne des Wortes multimedial ablaufen. Werber werden sich in Zukunft unter anderem auch an ihrer Bereitschaft und Fähigkeit messen lassen müssen, auf allen Tasten des Kommunikations-Klaviers zu spielen und ihren Auftraggeber echten Full-Service anzubieten – und das nicht nur in Krisenzeiten.

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Hut ab, Herr Richter!

Nicht die Justiz, sondern die Münchner Stadtverwaltung ist schuld daran, dass sich Bayern mit der Justizposse gegen die Landtags-Raucher bis auf die Knochen blamiert hat. Das muss Folgen haben!

Ich muss mich förmlich bei der Münchner Amtsrichterschaft entschuldigen. Ich habe sie an dieser Stelle (siehe „Stunde der Wahrheit für die Raucher“) Ludwig Thomas und das Königlich Bayerische Amtsgericht bemüht und damit die Damen und Herren in den schwarzen Roben kollektiv verunglimpft.

Das war bevor ich Thomas Jung kennengelernt habe. Er hatte am vergangenen Mittwoch über die beiden Landtags-Raucher Joachim Schwoch und Elke Korte zu urteilen, die Widerspruch eingelegt hatten gegen den Bußgeldbescheid, den ihnen das Kreisverwaltungsreferat München Anfang 2008 wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz auferlegt hatte.

Ich selbst durfte zwar nicht erleben, wie Richter Jung die Sitzung eröffnete und die Angeklagten vernahm, denn als Zeuge musste ich inzwischen draußen im Gang warten. Aber Raucherkollegen, die als Zuschauer im Saal saßen und gelegentlich, dem Ruf der Natur gehorchend, den Saal Richtung Gerichtstoilette verließen, hielten mich auf dem Laufenden. Streng sei er, der Herr Richter, und ein bisschen kurz angebunden. Was das Ganze den sollte, und ob die Angeklagten ihm etwas vormachen wollten als sie behaupteten, sie hätten gar nicht demonstriert – natürlich hätten sie das. Auch wenn sie es anders nannten. Es sah so aus, als ob es den befürchteten kurzen Prozess geben würde, an dessen Ende der Zorn Justitias mit voller Wucht auf die armen, fehlgeleiteten Raucher herab blitzen würde.

Und dann trat der Staat in Form von Polizeiobermeisterin Yvonne Saller vor den Richtertisch. Sie hatte die grüne Uniformjacke, die sie am 7. Oktober als Wachhabende am Tor des Landtags getragen hatte, gegen ein modisches Modell mit schwarzer Spitze ausgetauscht und sah wie eine sympathische junge Frau, was sie auch ist. Ich kann das bestätigen, denn auch sie war ja als Zeugin geladen und musste draußen warten. Wir haben uns sehr freundlich unterhalten, und es war klar, dass sie die Sache genauso absurd fand wie ich. Sie hatte das Pech, an diesem Tag für die erkrankten oder im Urlaub weilenden Kollegen von der Landtagswache einspringen zu müssen. Sie selbst ist im Hauptberuf ganz normale Streifenbeamtin im Bogenhausener Revier, und von Dingen wie Bannkreise und Schutzbereiche hatte man ihr nur ganz am Rande was erzählt. Und so hat sie, als sie auf einmal von 40 bis an die Zähne mit Zigarren bewaffneten Herren mittleren Alters konfrontiert sah, zunächst auch nur wie eine Verkehrspolizistin gedacht und uns auf die andere Straßenseite geschickt, um die Zufahrt zum Landtag wieder frei zu bekommen. Dass sie uns damit zu einer Straftat aufforderte, nämlich innerhalb des Bannkreises zu bleiben, war ihr nicht klar. Woher denn auch?

Aber der Zorn von Richter Thomas Jung, so wurde mir berichtet, wendete sich schon nach den ersten Sätzen ihrer Aussage von den Angeklagten ab und zuerst auf die schmale Gestalt der armen Frau Saller, dann auf die Beamtenschaft als Ganzes. Dass auch von den danach in Mannschaftsstärke herbeigeeilten Polizisten keiner gewusst habe, wo sich die Grenzen der Bannmeile befinden, das strapazierte die Geduld des Mannes in Schwarz doch zusehends. Ein anwesender Reporter der „Abendzeitung“ notierte denn auch den genervten Nebensatz „Beschäftigungstherapie für Amtsrichter“, mit dem Jung seinen zunehmenden Unmut über das Schauspiel offenbarte, das sich ihm geboten wurde.

Es folgte der inzwischen legendäre Satz, mit dem Richter Jung dem Theater ein Ende machte: „Wenn nicht einmal die Polizei weiß, wo die Bannmeile verläuft, wie soll es dann der Bürger wissen“. Sprach‘s, stand auf uns verließ mit sichtbar saurer Miene den Saal, während sich die Angeklagten und die zur moralischen Unterstützung angereisten Mitraucher strahlend die Hand schüttelten oder sich auf die Schulter klopften.

Ich durfte im Gerichtssaal keinen Hut tragen, aber hätte ich einen auf gehabt, ich hätte ihn vor Richter Jung abgenommen. Er hat mit ein paar knappen Fragen und der Präzision eines Chirurgen den Kern des ganzen unsinnigen Verfahren bloßgelegt und einen von juristischem Sach- sowie gesundem Menschenverstand geprägtes Urteil gefällt, knapp und schnörkellos, wie es offenbar seine Art ist. Und er ist dann zur Tagesordnung übergangen, denn auf einen Richter am Amtsgericht München warten wichtigere Aufgaben, als den Vorsitz einem juristischen Kasperltheater zu führen.

Ich muss mich also entschuldigen, aber nicht nur bei Richter Jung, sondern auch bei seinen Kollegen. Denn einen Tag nach seinem Urteilsspruch meldeten sich vier weitere Raucher, denen in den nächsten Tagen der Prozess gemacht werden sollten, mit der frohen Botschaft, dass auch ihr Verfahren ohne Auflagen – sprich: auf Staatskosten – eingestellt worden seien. Sie müssen also nicht extra in die Nymphenburger Straße fahren, stundenlang herumsitzen, Fragen beantworten und mit sorgenvoller Spannung auf den Spruch des Richters warten. Denn auch wenn einer von uns freigekommen ist, hätte das ja nicht automatisch bedeutet, dass ein anderer Richter nicht anders urteilen kann.

So ganz vorbei ist die Sache nicht. Ich habe zum Beispiel noch keinen befreienden Brief vom Gericht bekommen, wo ich am 2. Juni vorgeladen bin, um mich gegen den erweiterten Vorwurf zu verteidigen, ich hätte aktiv im Internet zu einer verbotenen Demonstration aufgerufen – eine schwere Anschuldigung, die als Straftat mit hohen Geldbußen oder sogar Gefängnis bestraft werden kann. Zum Glück sitzen in der Münchner Staatsanwaltschaft genauso vernünftige Menschen wie Richter Jung, denn das entsprechende Strafverfahren gegen mich war ja schon im letzten Sommer mit der knappen Begründung eingestellt worden: „Ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung ist nicht gegeben.“

Das heißt, eigentlich doch. Nur lag das Interesse nicht bei der Justiz, sondern bei den Verwaltungsbeamten des Kreisverwaltungsreferats München. Warum das so ist, erschließt sich dem Außenstehenden nicht sofort. Immerhin ging es ja um eine Angelegenheit des Freistaats, sprich der Landtagsverwaltung, die als Hausherr und damit als Betroffene doch nach Laienverständnis für das Ahnden von Verletzungen ihrer durch Landesgesetz geregelte Schutzzone zuständig sein müsste. Dass diese aber ebenso wenig Interesse wie die Justiz an einer Fortsetzung der peinlichen Darbietung hatten, war spätestens seit dem Brief bekannt, den Landtagsvizepräsident Prof Gantzer am 12.12.2007 an Justizministerin Dr. Beate Merk schrieb und in dem es heißt: „Ich rege an, darüber nachzudenken, ob es wirklich notwendig ist, friedliche Zigarren-Raucher, die ohne jegliches Unrechtsbewusstsein vor dem Landtag eine halbe Zigarre geraucht haben, strafrechtlich zu verfolgen.“

Damit bleibt der Schwarze Peter klar und eindeutig in der Ruppertstrasse, nämlich in der Hauptabteilung I („Sicherheit und Ordnung“) des KVR München. Ob es wirklich in Zimmer C227 abzugeben ist, nämlich beim Sachbearbeiter Herr Dietrich, der mir am 8. Juli 2008 den Bußgeldbescheid über 528,50 Euro ausstellte, oder ob nicht lieber gleich im Büro des Behördenleiters, des berufsmäßigen Stadtrats Wilfried Blume-Beyerle, der seit 1999 dort zuständig ist.

Es spricht einiges für die letztere Variante, denn bei der Justizposse um die Landtagsraucher handelt es sich meines Erachtens durchaus um ein Politikum. Hier hat ein von jeglichem Empfinden für Verhältnismäßigkeit losgelöster Beamtenapparat sich in stupider Selbstbeschäftigung zwischen die Interessen von Staat und Bürger gestellt. Sie hat als Exekutive den beiden anderen Armen der Staatsgewalt, nämlich Justiz und Parlament, vermeidbaren Kosten, Arbeit und Ärger bereitet und sich damit verantwortungslos gehandelt. Das muss Folgen haben!

Man könnte den Schwarzen Peter nämlich auch woanders abladen: Im Münchner Rathaus, und dort im Amtszimmer von Oberbürgermeister Christian Ude, dessen Jobbeschreibung auch die Aufsichtspflicht über die städtische Beamtenschaft und insbesondere über das KVR umfasst.

Der Fall „Landtags-Raucher“ ist, so gesehen, kein Justiz-Skandal, sondern ein Verwaltungs-Skandal. In Ersterem hat Richter Jung das letzte Wort gesprochen. Im Letzteren wird noch manches auszusprechen sein.

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Wir haben das Menschenmaß verloren

Sagen Sie’s nicht weiter, aber die „Göwikaz“ (größte Weltwirtschaftskrise aller Zeiten) ist vorbei. Zwei Drittel der 42 größten Aktienbörsen der Welt haben in den letzten sechs Wochen zugelegt, und zwar um mehr als 20 Prozent. Mein Freund Fritz strahlt wieder, wenn er mir von seinen jüngsten Wertpapierkäufen erzählt. In China zeigen die Indikatoren wieder nach oben, sogar der amerikanische Immobilienmarkt – dort, wo alles anfing – weist deutliche Anzeichen einer Wiederbelebung auf. Und laut Ifo-Index hat sich  die Stimmung in den Chefetagen im April überraschend kräftig aufgehellt: Es ist wieder Optimismus angesagt.

Das hat sich natürlich noch nicht bis zu den meisten deutschen Wirtschaftsjournalisten herumgesprochen, die ihren Lesern immer noch tägliche Horrorszenarien zum Frühstück auftischen. Nun, ich habe die Ahnungslosigkeit, mit der die Kollegen das Internet zunächst nach Leibeskräften aufgeblasen und kurz darauf als Quell allen Übels verteufelt haben, hautnah miterlebt und ich weiß: Wenn ein Wirtschaftsjournalist etwas von Wirtschaft verstünde, dann wäre er kein Wirtschaftsjournalist, sondern ein reicher Mann auf Mallorca. Womit sie übrigens große Ähnlichkeit aufweisen mit den Anlagenberatern. Und lassen Sie mich gar nicht erst über Wirtschaftspolitiker anfangen…

Das Geschäft von Wirtschaftsjournalisten besteht darin, die Erwartungen ihrer Leser zu befriedigen, also schreiben sie das, was die lesen wollen. Alle sind gut drauf? Die Börse kracht? Dann schreiben sie darüber, wie kinderleicht es ist, sich eine goldene Nase zu verdienen. Einfach blind mit dem Finger auf die letzte Kursliste tippen und das getroffene Papier als Geheimtipp in den Himmel loben. Kann ja nix schiefgehen. Und wenn alle plötzlich verunsichert und ängstlich sind, dann her mit den Hiobsbotschaften. Die sind ohnehin leichter zu formulieren als positive Nachrichten, wie jeder Theaterrezensent und Musikkritiker weiß.

Echte Profis wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman (der das Platzen der Immobilienblase schon vor fünf Jahren korrekt vorausgesagt und beschrieben hat) geben schon wieder Entwarnung, ebenso wie der IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard, den FTD heute mit den Worten zitiert: „Ich bin ziemlich überzeugt, dass wir eine Depression verhindert haben.“ Ja, er hat das gleich wieder eingeschränkt („…wir dürfen uns selbst nichts vormachen: Wir stecken immer noch in Schwierigkeiten“).

In seiner Titelgeschichte zeichnet der „Economist“ diese Woche ein hintersinniges Bild: Eine Schar von heringartigen Kleinfischen schwimmt auf eine hell strahlende Lichtquelle in der Tiefsee zu, das mittels einer Art Antenne verbunden ist mit dem Kopf eines riesigen Raubfisches mit klaffendem Maul, aus dem eine nadelscharfe Zahnreihe ragt. Headline: „Die Weltwirtschaft und die Gefahren des Optimismus“. Im Editorial gewarnt die nicht nur meiner Meinung nach beste Wirtschaftszeitung der Welt, vorzeitig das Ende der Krise auszurufen. Denn erstens kann man dadurch extreme Enttäuschung bei den Menschen auslösen, was aber nicht so schlimm wäre wie die andere Gefahr, nämlich dass wir nichts daraus lernen.

Das System ist krank, das ist im vergangenen Krisenwinter sonnenklar geworden. Das Finanzsystem ist aus dem Ruder gelaufen, die Reichen haben das Prinzip „Gier ist geil!“ zum Handlungsmaßstab erklärt, die Aufsichtsinstrumente haben sich – im Gegensatz zum Titelhelden des „Economist“ – als zahnlos erwiesen, die politische Führung hat versagt. Es wäre an der Zeit, aufzuräumen, und die Gelegenheit wäre günstig, denn der Machtelite ist der Hahnenkamm gestutzt worden, ihre Widerstandskraft gegen Reformen und gesellschaftliche Neuorientierung und Rückbesinnung vorübergehen geschwächt.

Aber nicht mehr lange. Laut „New York Times“ von heute haben die sechs größten Banken Amerikas im ersten Quartal dieses Jahres  zusammen 36 Milliarden Dollar an Rücklagen gebildet, um ihren Angestellten die ihnen angeblich wegen der plötzlichen Frühjahrsgewinne zustehenden Gehälter und Boni bezahlen zu können. Aufs Jahr hochgerechnet würden die Banker 2009 fast so viel verdienen wie im Rekordjahr 2007. Sie hat so tätige Reue und stille Einkehr aus?

Das Problem ist: Wir wissen eigentlich gar nicht, was wir wollen. Es fehlt eine Blaupause, ein Modell dafür, wie diese Gesellschaft nach der Krise aussehen soll, ein konsensfähiger Kompromiss zwischen Raubrittermentalität und Ehrbarem Kaufmann, ein ethisch-moralischer Kompass, an dem sich Bosse und kleine Gehaltsempfänger gleichermaßen orientieren können und das die ins Rutschen gekommene soziale Stabilität – ja, Gesine Schwann warnt mit Recht! – noch rechtzeitig so weit verfestigt, dass die sozialistischen Utop- und Populisten nicht die nächste Bundestagswahl gewinnt. Sie wollen eine Krise erleben? Dann lassen Sie mal den Oskar ran!

Beim Blättern in der „Süddeutschen“ bin ich heute morgen an völlig unvermuteter Stelle über die mögliche Lösung gestolpert, nämlich in der Beilage „Mobiles Leben.“ Dort, wo es sonst um flotte Flitzer und schnittige Rennjachten geht. Dort hat der Kölner Designprofessor Paolo Tumminelli das hohe Lied des Fiat Panda gesungen und beklagt, dass diejenigen, die heute Automobile entwerfen, sich in einem schleichenden Abstraktionsprozess immer mehr von dem zeitlosen Richtschnur der Menschenmaßlehre entfernt haben. Nein, Leonardo hat keine Autos gezeichnet, aber er hatte ein Gefühl für Proportionen, frei nach Andrea Palladio: „Das Auge misst, die Sinne erfahren, der Intellekt freut sich.“

„Das rechte Maß verloren“, lautete die Headline, und sie bezog sich eigentlich auf die Autoindustrie. In Wirklichkeit hat der Schreiber die augenblickliche Situation unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft auf den Punkt gebracht. Wir alle haben das rechte Maß verloren, sei es in der Frage der Managergehälter, sei es in dem ausufernden Anspruchsdenken des Normalbürgers, sei es in unserer „Nach mir die Sintflut“-Einstellung zur Umwelt. Wir müssen alle möglichen Messlatten kritisch in Augenschein zu nehmen und notfalls wieder auf das natürliche Menschenmaß zurück zu stutzen. Die Krise mag schon wieder vorbei sein, die sich aus ihr sich ergebende Chance nicht – noch nicht.

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