Eine Reise mit dem Mini

Wenn man als Journalist über ein Thema schreiben soll ist es stets hilfreich, etwas davon zu verstehen. Als ich also von den Kollegen von „ProFirma“ den Auftrag erhielt, ein Stück über die neuen Kleinst-Laptops, den so genannten Netbooks, zu schreiben, habe ich mich gleich an die Pressestelle von HP gewandt und darum gebeten, ein solches Teil für ein paar Tage ausliehen zu dürfen, um mich damit vertraut zu machen.

Das Testgerät, ein nagelneuer HP Mini, steht vor mir auf dem Klapptisch der Lufthansa-Maschine von Bilbao nach München, und es macht dort eine sehr gute Figur. Zum einen, weil es dort reichlich Platz hat, im Gegensatz zu meinem sonstigen Reisebegleiter, ein Standard-Laptop, der links und rechts über die Tischplatte hinauszuragen pflegt. Vor allem aber macht sich der kleine Bildschirm bezahlt, denn der Herr im Sitz vor mir hat die Lehne nach hinten geklappt, um ein Nickerchen zu machen, was normalerweise das Aufklappen eines Laptops unmöglich macht. Der Bildschirm des Mini ist nur etwa halb so hoch wie der eines normalen Laptops und passt sogar unter die Klapplehne.

Womit wir allerdings bei dem größten Manko des Mini wären, nämlich der kleine Bildschirm mit einer Diagonale von 10,1 Zoll. Das ist guter Mittelmaß unter den „Sub-Notebooks“, die bei anderen Herstellern zwischen 7 und 12 Zoll groß sind. De facto zeigt der HP, wie die meisten solcher Geräte, nur den halben Bildschirminhalt auf einmal an, so dass man sehr oft rauf- und runterscrollen muss, was etwas gewöhnungsbedürftig ist. Und manchmal ist es sogar richtig ärgerlich, zum Beispiel als ich die Einstellungen meines Browsers verändern wollte und es nicht konnte, weil der alles entscheidende „OK“-Knopf unterhalb des Bildschirmrands und damit für mich unerreichbar war. (Der Vollständigkeit halber: Ich habe das Problem dadurch gelöst, dass ich den Mini vorübergehend an einen richtigen PC-Monitor angeschlossen habe, um die Einstellungen zu ändern. Leider hat man aber unterwegs meistens keinen Monitor zur Hand…).

Der Mini ist klein und silbern und ungeheuer elegant, was zu bewundernden, respektive neidvollen Blicken der Umstehenden führt und mir mehrere Kommentare von wildfremden Menschen einbrachte. Sie reichten von „ist der aber schön“ bis zu einem etwas spöttischen „so klein und schon ein Computer!“ Ein Kollege verstieg sich sogar zur Frage: „Na, ist das dein neuer Taschenrechner“, was unsinnig ist, denn der Mini passt nicht in die Jackentasche: Er ist etwa so groß und wiegt auch etwa so viel wie ein Autoatlas, also deutlich weniger als ein Laptop. Die Tastatur empfang ich dagegen als gewöhnungsbedürftig: Sie besteht aus lauter glatten, silbernen Tasten, auf den die Finger leicht ausrutschen können, so dass ich mich ziemlich vertippe und korrigieren muss. Und das Touchpad-Feld mit den links und rechts daneben liegenden Mausknöpfen. Irgendwie komme ich immer mit dem Handballen auf das Berührungsfeld, wenn ich klicken will, so dass sich der Mauszeiger blitzschnell von dem Punkt wegbewegt, den ich eigentlich anvisiert hatte, und ich muss nochmal von vorne zielen.

HP ist nach meinen Informationen so ziemlich der einzige Hersteller, der sich traut, einen Netbook mit Windows Vista anzubieten. Alle anderen rüsten ihre Kleinchen mit XP aus oder mit Linux. Ich kann verstehen, warum: Auf meinem Bürorechner habe ich Vista nach kurzen, leidvollen Erfahrungen gleich wieder runtergeschmissen, weil er das Arbeiten langsam und ärgerlich macht. Das gilt auf einem Mini-Notebook gleich doppelt. Fachleute, mit denen ich gesprochen habe, sagen allerdings, dass Netbooks wunderbar mit dem neuen Windows 7-Betriebssystem laufen, das bislang nur als Beta verfügbar ist, aber vielleicht sollte gleich daran denken, wenn man dieses Gerät von HP kauft.

Richtig unglücklich war ich eigentlich nur mit der Batterielaufzeit des HP Mini. Kollegen von mir, die mit ähnlichen Geräten anderer Hersteller arbeiten wie zum Beispiel Asus, Acer oder Dell berichten von vier, fünf oder sogar sechs Stunden, die sie ohne Steckdose ausgekommen sein sollen. Ich habe es mit dem HP höchstens auf zwei gebracht – nämlich genau auf die Dauer des Flugs von Bilbao zurück nach München. Kurz bevor die Stewardess uns über Bordlautsprecher aufforderte, unsere elektronischen Geräte zur Landung auszuschalten, tat es der HP von alleine. Nun, vielleicht hat HP ja heimlich eine ganz neuentwickelte Art von Sprachsteuerung erfunden und in sein Mini eingebaut. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Batterie einfach ein bisschen schwach ist auf der Brust.

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Tödlicher Bärlauch

Gestern habe ich zum zweiten Mal in diesem Jahr Geburtstag gefeiert, Und Schuld daran ist Allium ursinum.

Alle Jahre wieder, wie Weihnachten und Geburtstag, kommt die Zeit, da die ersten Sonennstrahlen vom Nahen des Sommers künden und die Herzen der Jünglinge ebenso wie die von bösen alten Männern wir mir sich mit einem schmerzenden Sehnen füllen nach Allioideae. Genauer nach einer Unterart dieser zur Unterklasse der Lilien-, der Familie der Lauch- und der Ordnung der Spargelgewächse gehörenden Pflanze namens Bärlauch (Allium ursinum), der ähnlich penetrant stinkt wie sein Vetter Allium sativum, der Knoblauch, aber ungleich feiner schmeckt.

Dieses Jahr habe ich den unverwechselbaren Duft zum ersten Mal auf dem Wiener Naschmarkt verspürt, wo ein findige Händler sich frühzeitig mit den in der Regel zwei bis fünf Zentimeter langen langgestielte Laubblättern, offenbar aus südländischer Produktion, eingedeckt hatte und diese zu echten Apothekerpreisen an Suchtkranke wie mich verkaufte. Wieder daheim in München habe ich mich gleich zum Viktualienmarkt aufgemacht, aber da war der Frühling noch nicht ausgebrochen. Aber ein paar Tage später juckte die Nase plötzlich beim morgendlichen Dauerlauf durch den Englischen Garten. Und siehe da: An einem abseits gelegenen, ziemlich dunklen und offenbar auch feuchten Hang lugten kleine, lanzettenförmige Blattspitzen zwischen dürrem Herbstlaub hervor. Keine Frage: Ich hatte eine ganze Bärlauch-Plantage entdeckt! Die meisten Blätter waren zwar noch winzig, aber einige reckten schon kühn die Köpfe in die Höhe, und diese begann ich zu sammeln.

Nun hat der gemeine Jogger aber in der Regel keine Tragetasche bei sich, was anfangs ein gewisses Problem darstellte. Aber zum Glück hatte ein achtloser Hundebesitzer just an dieser Stelle eine dieser markanten roten Plastiktüten fallen lassen, die das fürsorgliche Gartenbauamt der Stadt an den Parkeingängen in Spendern bereitstellt, auf dass Waldis Besitzer darin die Verdauungsprodukte seines Haustiers einsammeln und entsorgen möge, da ihn widrigenfalls Bannstrahl und Geldbuße der Ordnungsbehörde trifft. Die Tüte war unbenutzt, die Gelegenheit günstig, also habe ich rasch einige Handvoll junger Bärlauchblätter eingesammelt, dann machte mich auf den Heimweg.

Unterwegs kam ich an einem sonnigen Waldstück vorbei, und siehe da: Noch mehr Bärlauch! Nur war dieser deutlich größer als die schmalbrüstigen Blättchen in meiner dunklen Kuhle. Und da ich ja noch etwas Platz in meiner Tüte hatte, habe ich rasch eine Menge davon gepflückt.

Daheim präsentierte ich die Ausbaute stolz meiner Frau, die sich sofort aufmachte, Pinienkerne zu kaufen, während ich den Küchenmixer rausholte, Olivenöl, Meersalz und Pfeffermühle in Griffnähe aufstellte und leere Marmeladengläser aus dem Schrank klaubte. Der Massenfertigung von Bärlauch-Pesto, die Antwort der Teutonen auf welsche Baslikum/Knoblauch-Mixturen, konnte beginnen.

Als ich gerade den Berg frischer Bärlauchblätter in der Salatscheulder wässerte, klingelte die Nachbarin und brachte uns unseren „Stadt-Enkel“. Er ist nicht unser wirkliche Enkel (unsere Tochter denkt noch längst nicht daran, uns den Gefallen zu tun), aber da wir mit Patrizia und Markus gut befreundet sind, kennen wir Finn, wie der Bengel heißt, sozusagen von der Stunde seiner Geburt an. Er ist gerade anderthalb und macht seine ersten Gehversuche, Die führen ihn häufig zu uns rüber, weil er hier Sachen machen kann, die es zu Hause nicht gibt: Klavierspielen, unsere Stereoanlage verstellen, stundenlang das Licht aus- und einschalten, solche Dinge eben.

Natürlich habe ich Patrizia stolz meine Bärlauch-Beute gezeigt. Sie war gebührend beeindruckt, und ich habe ihr auch gleich mehrere Gläschen Pesto versprochen. Da fragt sie auf einmal:

„Du weißt schon, dass bist auch sicher, dass das keine Maiglöckchen sind?“

Ich war geradezu entrüstet:

„Maiglöckchen gibt’s im Mai. Deswegen heißen sie so. Jetzt haben wir April. Und überhaupt, für wie dämlich hältst du mich denn, dass ich Bärlauch nicht erkennen kann?“

Aber sie insistierte. Sie habe im Fernsehen eine Sendung gesehen in dem es hieß, junge Maiglöckchen sehen fast genauso aus wie Bärlauch. Und im Übrigen seien Maiglöckchen hochgiftig, sogar tödlich!

So ein Blödsinn, dachte ich. Aber ich habe mich trotzdem später an den Computer gesetzt und – wen wohl? Google gefragt. Und siehe da: Auf der Wikipedia-Seite, auf die mich die Suchmaschine verwies, hieß es laut und deutlich: „Bärlauch wird beim Sammeln immer wieder mit dem Maiglöckchen, den im Frühjahr austreibenden Blättern der Herbstzeitlosen oder den meist ungefleckten Blättern jüngerer Pflanzen des Gefleckten Aronstab verwechselt. Alle diese drei Pflanzen sind äußerst giftig, die Vergiftungen können tödlich sein.“. Und es waren ein paar Bilder zu sehen. Die Maiglöckchen sahen tatsächlich genauso aus wie Bärlauch, nur waren sie größer und kräftiger. Genau wie die Dinger, die ich in dem Sonnenwäldchen gepflückt hatte…

Zum Glück hatte Wikipedia ein Patentrezept parat: „Am sichersten erkennt man den Bärlauch am charakteristischen Geruch beim Zerreiben der Blätter.“ Fazit: „Eine Pflanze, deren Blätter nicht nach Knoblauch riechen, ist kein Bärlauch.“

Ich habe daraufhin ein paar Blätter aus meinem großen Haufen geholt und daran gerieben. Und entweder war meine Nase inzwischen vor lauter Bärlauch taub geworden – oder es roch tatsächlich nach – eigentlich gar nichts.

Mir blieb am Ende also nichts anderes übrig, als den ganzen schönen Armvoll Blätter in den Mülleimer zu befördern und nochmal loszuziehen. Zum Glück hatte immer noch niemand meine dunkle Bärlauch-Wiese an der Isar entdeckt. Und es war wirklich Bärlauch: Der Knoblauchgeruch war schon von weitem nicht zu verwechseln.

Vor drei Tagen habe ich meinen 59sten Geburtstag begangen. Gestern habe ich ihn nochmal gefeiert. Mit einem schönen Stück gerösteten Weißbrots, dick mit selbstgemachtem Bärlauch-Pesto bestrichen. Danke, Patrizia. Dein Sohn darf meine Stereoanlage so oft verstellen, wie er will…

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Das Ende der Unschuld

Das jüngste Opfer des Internet könnte das alte angelsächsische Rechtssystem werden. Und schuld ist unter anderen Twitter, der Blackberry und vor allem Google.

Vergangene Woche platzte in Florida ein großer Drogenprozess, weil ein Geschworener zugegeben hatte, Einzelheiten zu dem Fall im Internet recherchiert zu haben. Als der Bundesrichter, ein gewisser William J. Zloch, nachbohrte, stellte sich heraus, dass acht weitere Juroren ebenfalls die Beweislage online überprüft hatten. Da aber seit 1000 Jahren ehernes Gesetz ist, dass die Juroren nichts außer den ihnen im Gerichtssaal präsentierten Fakten und Beweisanträgen bei ihrer Urteilsbildung heranziehen dürfen, blieb Richter Zloch nichts anderes übrig, als die Geschworenen nach Hause zu schicken und einen neuen Prozesstermin anzuberaumen.

Wie John Schwartz von den „New York Times“ berichtet ist das beileibe kein Einzelfall. Auch in der Heimat des „trial by jury“ muss man sich inzwischen mit dem Problem herumschlage. Einer der Geschworenen in einem Vergewaltigungsprozess wurde überführt, seinen Blackberry für Internet-Recherchen verwendet zu haben, was zu einem Freispruch führte. Der oberste britische Strafrichter, Lord Igor Judge of Draycote , warnte kürzlich in einer Rede vor dem Oberhaus, dass Geschworenen zunehmend dazu neigen, „private Erkundigungen“ übers Internet zu unternehmen, obwohl ihnen das vom Gericht explizit verboten werde.

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Mein allererster Tweet

Ich habe in den letzten Tagen die Geschichte schon so oft erzählen müssen, dass ich sie jetzt aufschreiben sollte. Denn ich muss mich an dieser Stelle – in aller Bescheidenheit – endlich mal als den eigentlichen Erfinder von Twitter outen. Das heißt, nicht von Twitter, wohl aber des „Tweets“, jener angeblich neuen Ausdrucksform, die in ihrer Verkürzung einen ganz eigenen poetischen Charme und für viele Millionen Menschen offenbar unwiderstehlichen Charme versprüht. Ja, ich war derjenige, der diese schnell aus der Hüfte geschossene Art der Kurzkommunikation mittels eines eigentlich dafür nicht vorgesehenen Mediums. Nur dass meine Erfindung nie zu einer solchen Beliebtheit gelangte, sondern sozusagen in der Familie blieb. Und das kam so:

1984 hatte ich mein Redaktionsbüro noch in Fellbach, einem verschlafenen Vorort der etwas weniger verschlafenen Großstadt Stuttgart. Dort arbeitete im Büro der Österreichwerbung eine gewisse junge Dame mit langen roten Haaren, die für die Journalistenbetreuung zuständig war. Und mit der Zeit gewöhnte ich mich so sehr daran, dass in mir der Wunsch entstand, doch bitteschön den Rest meines Lebens so betreut zu werden. Ich machte ihr also einen Heiratsantrag, sie nahm an, wir verlebten wunderbar verliebte Wochen und Monate, bis es endlich so weit war.

Im Büro meiner Angebeteten stand damals ein Telexgerät, ein unförmiges Gerät in der Größe eines kleinen Kühlschranks, das wie ein brütendes Monster in der Ecke hockte, nur um sporadisch zu klappernder Geschäftigkeit zu erwachen, wenn wieder mal eine Nachricht aus der Hauptstelle in Wien oder von sonstwoher herein kam. Dieses Gerät hatte die Kennung „721432 oefws d“ die man wählen musste, um eine Verbindung herzustellen. Zufällig traf es sich, dass auch ich kurz zuvor eine solche Maschine gekauft hatte, weil ich die Geschäftsstelle der so genannten „MSX Arbeitsgemeinschaft Deutschland“ übernommen hatte, ein Herstellerzusammenschluss der Spielcomputerbauer, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hatte mein Gerät die Kennung „7254738 msx d“, und sie stand direkt neben meinem Schreibtisch, was sehr störte, wenn man gerade telefonierte und es kam ein Telex herein, aber ich konnte mir damals nur ein sehr kleines Büro leisten, also lebte ich damit.

Wie das nun mal so bei Jungverliebten ist, haben sich meine Angebetete und ich tagsüber öfter mal angerufen, um uns zu verabreden, irgendetwas Erlebtes zu berichten oder auch nur, um uns gegenseitig süße Nichtigkeiten ins Ohr zu flüstern. Aber da wir beide ziemlich viel zu tun hatten, war die Leitung auch mal besetzt. Aber in diesem Lebensabschnitt spürt man bekanntlich ein stetes Drängen nach Nähe und Austausch mit dem geliebten Gegenüber, und so passierte es eines Tages, dass mein Telex ansprang und irgend jemand begann, auf der anderen Seite langsam und zögernd eine Nachricht einzutippen. Sonst kamen die Texte ja wie aus dem Maschinengewehr geschossen, denn das Gerät besaß einen Lochstreifenleser, und für gewöhnlich speicherte man seine Mitteilung auf diesem Medium und ließ sie später durch rattern, um teure Verbindungszeit zu sparen. Hier war aber offenbar ein Mensch am Werk, der zu mir wollte. Ich riss das Blatt heraus und las: „Telefonierst aber lang! Was ist nun mit Abendessen beim Italiener? Bussi!“ I
ch schaute auf den Absender: 721432 oefws d. Und wusste: Das war die junge Dame mit den roten Haaren. Ich setzte mich also gleich hin und tippte eine mehr oder weniger passende Antwort ein. Am Abend beim Italiener haben wir herzlich gelacht darüber, wie wir ein hochprofessionelles Kommunikationssystem, sozusagen die damalige Krone der technischen Schöpfung, zu etwas so Profanem missbraucht hatten wie eine klandistine Verabredung.

In den Wochen, die folgten, war die Telefonleitung immer wieder mal besetzt, und wir bedienten uns deshalb immer häufiger des Telexes, um zu kommunizieren. Das meiste davon war herrlicher Unsinn. Sachen wie „du bist eine quasselstrippe“ oder „du lugenbeutel wolltest doch schon längst zu Hause sein“ oder auch nur „ich liebe dich (arz)“. Das Telex kannte leider damals keinen Ausrufezeichen, also behalf man sich eben, so wie man heute kleine Smilies in seine Mails einfließen lässt…

Wir hielten uns per Telex auf dem Laufenden, etwa als ich tippte „unterhalte mich gerade mit hartmut [mein leider viel zu früh verstorbener Freund Hartmut Dirks aus Emden – „ostfriesische  Stadt mit zwei Buchstaben“] er laesst gruessen. ohne nen korn sei ein bier ja so trocken.“ Oder wir teilten unsere Entdeckungen miteinander, etwa „weisst du eigentlich, dass es in heidelberg eine plunschlistrasse gibt?“. Es entspannten sich auch herrlich surreale Dialoge wie dieser:

721432 oefws d: bist du am platze?

7254738 msx d: wie bitte?

721432 oefws d: warum?

7254738 msx d: stelle bitte praezise fragen

7254738 msx d: kann ich nicht

7254738 msx d: dann stelle eben oesterreichische fragen

Aber irgendwann musste ja der Enrst des Lebens weitergehen, und ich verabschiedete mich mit einem flotten „also lieber schatz, genug des witzes. i.l.d.“ Und damit war eigentlich alles gesagt.

Da ging eine Weile so, bis schließlich im Oktober 1985 der große Tag kam und wir miteinander vor den Standesbeamten traten. Und als wir herauskamen, hatten unsere Freunde den Brunnenplatz vor dem Standesamt in Stuttgart-Wangen in ein Freiluft-Buffet verwandelt mit Champagnerkellnern und einem großen Gabentisch, auf sich die Hochzeitsgeschenke türmten. Eines davon war so groß wie ein Plakat, und als ich das Papier wegriss, kam ein Bilderrahmen zum Vorschein, in dem eine Kollage aus Telexnachrichten steckte. Meine Sekretärin hatte unbemerkt dir Durchschläge unserer heimlichen Korrespondenz gesammelt und zusammen mit unserem Grafiker ein Kunstwerk geschaffen, das eigentlich ein Denkmal der menschlichen Fähigkeit darstellt, unter allen Umständen und mit jeden zur Verfügung stehenden Werkzeug zu kommunizieren. Es hängt noch heute bei uns an der Wand, und auch wenn die roten Haare blasser geworden sind (und bei mir inzwischen weitgehend verloren gegangen sind), so stehen wir immer noch ab und zu zusammen vor dem Bil
d und lachen über die jungen Kindsköpfe von damals und ihre völlig durchgeknallte Art, sich zu unterhalten.

Ich habe meine Frau noch nicht zum Twittern überreden können. Sie scheut sich, diese zutiefst intime Form der Kommunikation über ein Netzwerk zu betreiben, dem sie im Grunde immer noch ein wenig misstraut. „Was ist, wenn das plötzlich öffentlich sichtbar wird“, fragt sie mich. Ich versuche sie zu beruhigen, das System sei doch sicher, und dann fragt sie mich, wie sicher E-Mail sei, und ich muss an den alten Spruch denken: „schreibe niemals etwas in eine Mail, die du nicht auch auf eine Postkarte schreiben würdest.“  Vielleicht hat sie ja recht. Im Grunde habe ich keine Ahnung, wie sicher Twitter ist. Ich nehme an, Sie auch nicht, geneigter Leser, aber das stört uns ja nicht, weil wir nur fröhlich drauflos twittern wollen und uns einen Teufel drum scheren, was damit passiert. Aber das ist nicht jedem gegeben, leider.

Noch wehmütiger wurde mir übrigens als ich las, der Telexdienst in Deutschland werde zum 31. Dezember 2007 eingestellt. Österreich hatte schon ein Jahr früher die Leitung gekappt. Auch wenn ich seit 20 Jahren nicht mehr davor gesessen bin, finde ich die Vorstellung traurig, dass es die alten Klapperkisten nicht mehr gibt. Was bleibt, ist die Erinnerung – und Twitter.

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Online-Verkäufer hilft weiter

Beim Online-Shopping ist der Mensch alleine, und das stört manchmal. Wie schön wäre es doch, wenn ich auch beim Surfen durch die virtuellen Regale eines Internet-Anbieters einen Verkäufer zu Rate ziehen könnte?

Genau das macht Tim Demann möglich. Der Diplom-Informatiker aus Fürth ist Chef der kleinen Firma Capalogic, und sein „GuidedShop“ kombiniert Online-Shops und E-Commerce-Anwendungen mit telefonischer Beratung.

„GuidedShop macht aus einem klassischen Online-Laden einen persönlichen Berater-Shop“, sagt er. Das Geheimnis heisst „Co-Browsing“: Käufer und Verkäufer sitzen zwar räumlich getrennt am PC, sehen aber das Gleiche auf dem Bildschirm. Der Verkäufer kann beispielsweise mit einem „Laserpointer“ die Aufmerksamkeit des Kunden gezielt auf etwas ganz Bestimmtes lenken oder ihm einen virtuellen Notizzettel mit Zusatzinformationen an die besuchten Seiten kleben. Außerdem können sich beide direkt unterhalten, entweder per Chat-Funktion oder ganz normal am Telefon.

„Der fehlende persönliche Kontakt im Internet erweist sich oft als echtes Verkaufshindernis“, sagt Demann. Recht hat er!

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Das neue Rauchergesetz ist unpraktikabel – und das ist gut so!

Das neue bayerische Rauchergesetz ist viel zu kompliziert – und das ist gut so!

Es war ein langer Kampf, aber wir haben es geschafft: Der von CSU-Fraktionschef Georg („Schüttel-Schorsch“) Schmid“ durchgepeitschte Brutalo-Rauchverbot in Bayern wird zum 1. August durch ein liberales Nichtraucher-Schutzgesetz nach dem spanischen Modell abgelöst: Erlaubnis für Nebenraumlösungen, Wirte von Einraumkneipen entscheiden selbst, ob geraucht werden darf oder nicht. Und weil wir nun mal in Nayern sind, enthält die neue Gesetzesfassung eine Ausnahmeregelung für Bierzelte, in denen künftig wieder nicht nur gesoffen und gegrölt, sondern nauch nach Herzenslust geuqalmt werden darf.

Es hat sich also in München eine Koalition der Vernunft durchgesetzt. Die alte Lösung mit dem von Ministerpräsident Günther Beckstein, dem schlauen Fuchs aus Franken, eingeschobenen Vorbehalt (Rauchverbot nur in „öffentlich zugängliche Gaststätten“, was den Begriff der „geschlossenen Gesellschaft“ und damit die vielen Tausend Raucherclubs in Bayern gebar) war selbst nach Ansicht der Ordnungsbehörden einfach nicht durchsetzbar und wurde deshalb nun kassiert.

Die neue Lösung ist allerdings nur zum Teil spanisch, ansonsten aber wieder typiswch deutsch. Ja, in Einraum-Kneipen darf wieder legaliter geraucht werden – aber nur, wenn diese größer als 75 Quadratmeter sind. Ich sehe schon Polizisten mit Meßbändern durch die Lokale kriechen und mühsam Flächenrechnungen auf Bierdeckel kritzeln.

Erlaubt soll das Rauchen auch nur dann sein, wenn in der Kneipe nur „kalte oder einfach zubereitete warme Speisen“ serviert werden. Wenigstens bleibt die Küche nicht ganz kalt, wie das in einem ersten Vorschlag der Landesregierung einmal heießen hatte. Laut Gesundheitsminister Markus Söder gelten die Ausnahmen für „Fritteuse, Mikrowelle oder Kleinkochtopf“. Spannende Frage: Wird am Ende der maximal mögliche Durchmesser des Kochgeräts vorgeschrieben? 22 Zentimeter oder 28? Vielleicht auch dessen Höhe? Sonst könnte ich mir als Wirt ja womöglich lauter Spargeltöpfe in die Küche stellen und damit Verbotenes bruzzeln.

Söder sagte, das neue Gesetz solle Rechtssicherheit und Klarheit schaffen und außerdem praktikabel sein. Ich habe da so meine Zweifel. Aber das macht nichts: Je unpraktikabler und unüberprüfbar, desto besser. Der Chef des Münchner Kreisverwaltungsreferates, Wilfried Blume-Beyerle, hat von Anfang an eine Politik des zivilen Ungehorsams betrieben, indem er sich weigerte, seine Beamten wie eigentlich vom Gesetz vorgeschriebenen als Raucherpolizei durch die Wirtshäuser scheuchen. Und er wird ihnen jetzt ganz sicher keine Meterstäbe in den Holster stecken, damit sie Kneipen- und Topfgrößen überprüfen.

Es wird also bei der fröhlichen bayerischen Anarchie in Sachen blauer Dunst bleiben, und das ist gut so. Andererseits ist dafür gesorgt, dass Nichtraucher den ihnen zustehenden Schutz vor Fremdqualm garantiert wird.

Den Rest soll der gesunde Menschenverstand regeln: Gegen Menschen, die einem anderen gegen dessenn Willen Rauch ins Gesicht blasen, gibt es schließlich in Bayern eine traditionsreiche und erzieherisch hochwirksame Form der Unmutsäußerung: die Watschn.

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Nackt im Net

Das Internet macht Preise durchsichtig und vergleichbar. Für den Kunden ist das eine feine Sache – aber was macht der Anbieter, der trotzdem noch Gewinn machen möchte? Viele mittelständische Unternehmer tun sich schwer mit der neuen Transparenz des Internet.

Claus Dzimkowski geht gerne mit der Zeit. In seinem Leuchtenstudio „Licht & Design“ (http://www.licht-design-glienicke.de) in Glienicke südöstlich von Berlin stehen modernste Kreationen von Achille Castiglioni, Philippe Starck, Tobias Grau und Axel Meise – alles Artikel, die es er als Fachhändler in seiner Region exklusiv führt. Dass die Produkte inzwischen auch bei eBay  auftauchen, stört ihn nicht: Bei uns kaufen die Leute Beleuchtungslösungen und keine Lampen. Wir leben von der Beratung und von unserer Kompetenz“, sagt der Unternehmer selbstbewusst.

Doch Dzimkowski hat außerdem noch eine Filiale im Internet, über die er einfache Produkte – Glühbirnen und Energiesparlampen – vertreibt. Und mit seinem Online-Shop „preiswerte-leuchtmittel.de“ steht er in voller Konkurrenz zu den Billiganbietern. Bei ihm steht beispielsweise die langlebige „Osram Delux EL Longlife“ mit 9,59 Euro im Internet. „Ganz reell kalkuliert“, wie er behauptet. Doch mit einem Mausklick findet der Online-Shopper über Google auch zu Preisvergleichs-Portalen wie „preisroboter.de“. Und dort ist die gleiche Birne für 6,35 Euro zu haben. „Wie die das machen, ist mir schleierhaft“, sagt Dzimkowski. Aber er ist machtlos. Wenn trotzdem ein Kunde trotzdem bei ihm kauft, ist das „wohl eher ein Glücksfall“, gibt er zu. Die Umsätze sind entsprechend bescheiden. „Zum Glück muss ich nicht davon leben“, sagt Dzimkowski.

Willkommen in der neuen Welt des Internet, in der jeder sofort weiß, was ein Produkt oder eine Dienstleistung kostet und wo sich die Anbieter einen gnadenlosen Kampf ums Unterbieten des Gegners liefern. „Keiner kann sich mehr verstecken“, sagt der Internet-Guru Ossi Urchs. Die Zeiten, in denen Hersteller oder Händler ihre Preise mehr oder weniger nach Gutdünken festlegen konnten, sind seiner Meinung nach längst vorbei: „Früher musste der Kunde lange Fußmärsche auf sich nehmen, wenn er herausfinden wollte, wie viel das gleiche Produkt in anderen Läden kostet. Heute surft er kurz und weiß Bescheid.“

Manche Anbieter versuchen sich vor der neuen Transparenz zu schützen, indem sie auf ihrer Website einfach keine Preise mehr veröffentlichen, sondern diese nur auf telefonische Anfrage hin verraten. „Das ist kurzsichtig“, glaubt Urchs. Denn wer beim Online-Besuch eines Anbieters ins Leere laufe, der könne einfach weiterklicken und gehe dem Unternehmen als Kunde verloren. „Viele fürchten sich vor der neuen Offenheit, aber es nützt nichts“, sagt Urchs. Sein Fazit: „Irgendwann muss jeder die Hosen runterlassen.“

Der Anbieter – nackt im Netz? Für viele ein Albtraum, aber offenbar unvermeidlich, wie der Vertriebstrainer Thomas Burzler, Inhaber der Beratungsfirma Sales Motion in Dillingen an der Donau behauptet.  „Man kann die Uhr nicht zurückdrehen“, sagt er. Wohl aber ließen sich Strategien finden, mit denen ein Anbieter notfalls auch höhere Preise rechtfertigen könne, denn, so Burzler, „der Preis ist längst nicht alles!“

Der Verkaufs-Profi rät Anbietern, den Kunden durch gezielte und wahrnehmbare Mehrwertleistungen zu ködern. „Natürlich bekomme ich den Fernseher im Internet etwas billiger. Ich kann als Händler aber dem Kunden anbieten, das Gerät nach Hause zu liefern, es aufzustellen und ihm bei der Senderprogrammierung zu helfen. Das bekomme ich nicht per Internet“, ist er sicher.

Das schlagendste Argument, beim stationären Handel zu kaufen, liefert seiner Meinung nach das Internet selbst. Burzler zählt eine lange Liste von Nachteilen auf: „Ich kann im Internet nichts anfassen oder anschauen. Ich muss immer wieder meinen Namen und meine Adresse eintippen. Ich muss meine Kreditkarte angeben, was mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Und das Paket kommt meistens dann an, wenn ich nicht daheim bin, also muss ich am nächsten Tag extra zur Post laufen. Und das alles für ein paar Euro Preisdifferenz? Nein Danke!“

Doch selbst im Internet lassen sich oft höhere Preise durchsetzen. Das behauptet jedenfalls Christoph Kock der aus Oldenburg in Holstein. Sein Online-Shop, „Frank Frankens Teeladen“, gibt es schon seit 1992, womit er zu den echten Internet-Pionieren zählt. „Wir sind nicht immer die billigsten“, gibt Kock zu, „aber die meisten Leute, die bei uns einkaufen, sind echte Stammkunden. Die schauen nicht so sehr auf den Preis – die wollen Qualität. Und die setzt sich immer durch – auch im Internet…“.

Keine Angst vor Transparenz, so lautet die Botschaft. Für Thomas Burzler erübrigt sich deshalb die Frage, ob Unternehmer offensiv oder vielleicht doch lieber defensiv auf die neue Herausforderung reagieren sollen: „Offensiv, auf jeden Fall!“ Sein Rat: „Wenn einer sagt, er habe im Internet einen günstigeren Preis gefunden, dann sagen Sie ihm, was er bei Ihnen für die Differenz alles bekommt. Wenn Sie diese Frage überzeugend beantworten können, haben Sie schon gewonnen!“

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Das Internet ist schuld an der Finanzkrise!

Was wir im Augenblick durchleben ist die erste echte Finanzkrise im Zeitalter des Internet. Vergessen Sie die Dotcom-Blase – das war, um Alan Greenspan zu zitieren, nichts als „irrationaler Überschwang“. Heute ist das Internet ein Teil des Problems. Vielleicht ist es auch ein Teil der Lösung.

Auslöser der Finanzkrise (nicht der möglicherweise daraus entstehenden Wirtschaftskrise) sind zwei Dinge: Einmal immer kompliziertere und selbst für Fachleute nicht mehr zu überblickende Finanzprodukte wie Derivate, Credit Swaps, Subprime-Hypothekenfonds und „asset-backed securities“, und zum anderen die immer raffinierteren elektronischen Trading-Systeme, über die Kapitalflüsse in Milliarden völlig unreguliert um den Globus gelenkt werden können. Sie möchten einen Credit Swap von $100 Millionen aufsetzen? Ein Instant Message an einen Hedge Fund auf den Caymans genügt.

Derivate sind heute, wie Paul Kedreosky in „Newsweek“ treffend schreibt, heute „eine Art Kreuzung zwischen Dorfklatsch und Videospiel“: Triviale Konversationen über Blackberry mutieren plötzlich zu Transaktionen, unbeaufsichtigt, unkontrolliert, aber am Schluss mit einem Smiley signiert.

Das globale Finanzsystem wird durch die Technology der New Economy in atemberaubendem Tempo beschleunigt, die weltweiten Regulierungssysteme und Bürokratien hängen immer noch im Analogzeitalter. Jeder Amateur-Investor mit einem Online-Maklerkonto und einem Breitband-Anschluss kann heute ein Global Player sein. Aber unsere Möglichkeiten, in potenziell hochtoxischen Finanzprodukten zu handeln hat unsere Möglichkeiten, sie zu verstehen, längst hinter sich gelassen. Ja, das Internet hat die Informationen im Finanzmarkt demokratisiert. Analysten haben keinen Zeitvorsprung mehr vor dem Anleger. Elektronische Handelsplattformen haben die Maklerkommissionen gegen Null gedrückt. Wir können per Laptop oder SmartPhone von jedem Ort der Erde Order platzieren. Investor-Communities sind eine Fundgrube von Insider-Tipps. Alles gut und schön.

Gleichzeitig hat uns das Internet so mit Informationen zugemüllt, dass selbst Profis längst den Überblick verloren haben. Wie sonst lässt sich die Hypothekenkrise in den USA erklären: Alles stand seit Jahren schon im Internet! Wieso sind wir alle so überrascht worden?

Weil der Mensch sich vor der Informations-Flut gerne in ruhige Nischen verzieht, in enge Affinitäts-Gemeinschaften, Communities mit Tunnelblick, denn nur dort hat er noch das Gefühl zu verstehen, was los ist. Statt den Blick fürs große Ganze zu öffnen setzt das Internet uns Scheuklappen auf. Besagter Alan Greenspan war es, der davon schwärmte, das Internet ermögliche es der Finanzwelt, „Risiko zu verteilen“ und „komplexe Finanzprodukte zu schaffen, zu bewerten und zu handeln“. Was er und seine Anhänger leider völlig übersehen haben ist das so genannte „Agentur-Problem“: Sobald die Komplexität einer Transaktion oder eines Finanzprodukts zu groß wird (wie beispielsweise bei den in immer feinere Scheiben zerteilten und wie Salatblätter vermischten Einzelhypotheken), neigt der Durchschnittsmensch dazu, sich nicht mehr selbst darum zu kümmern – er delegiert die Verantwortung an einen Intermediär. Auf den ist er dann angewiesen – auf Gedeih oder Verderb.

Das Internet ist also schuld an dem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte – aber es ist auch ein Teil der Lösung. Der einzige Grund, weshalb wir (noch) keine Weltwirtschaftskrise haben, gegen die 1929 wie eine Sommerfrische wirkt, ist weil das Prinzip der Vernetzung funktioniert hat! In Ermangelung von verbindlichen Regeln und wirksamen Kontrollinstanzen hat sich insbesondere die Finanzwelt in den letzten Wochen wie ein Social Network verhalten. Politiker, Zentralbanker, Finanzbehörden und Verbände haben unabhängig voneinander reagiert. Sie haben sich aber auch in einem Tempo ausgetauscht und sich auf Lösungen geeinigt, das früher unvorstellbar gewesen wäre. Sie sind sozusagen dem Modell des Internet gefolgt, wo es keine zentralen Instanzen gibt, wo aber die Gruppenintelligenz in beinah idealer Weise zur gemeinsamen Problembehandlung fokussiert werden kann.

Das Internet ist schuld an der globalen Finanzkrise, weil sie die systematischen Verfehlungen mit „cyberspeed“ wie ein Pestvirus rund um den Globus verbreitet hat. Sie hat es aber zugleich den Verantwortlichen ermöglicht, schneller und abgestimmter als jemals zuvor darauf zu reagieren – so, als hätten sie alle in einem Raum gesessen, sich gegenseitig in die Bücher geschaut und in enger Abstimmung gehandelt.

Es gibt Lehren zu ziehen aus der ersten globalen Finanzkrise des Internet-Zeitalters. Wir brauchen Online-Systeme, die in der Lage sind, selbst komplexeste Finanzinformationen so darzustellen, dass sie ein Mensch verstehen kann. Wir müssen den Wildwuchs des „rogue trading“ per Instant Messaging und anderer Kommunikationssysteme begrenzen, die heute noch außerhalb jeglicher Compliance-Aufsicht stehen. Wir müssen Systeme schaffen, die Händler besser überwachen und Transparenz im Markt schaffen – damit wir nicht wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden. Wenn und das gelingt, wird uns das Internet – mit etwas Glück – helfen, eine Wiederholung der finanziellen Kernschmelze der letzten Monate zu vermeiden. Technologie kann die Finanzmärkte sicherer, stabiler und überschaubarer machen. Wir müssen es als Anleger und als Bürger nur laut genug fordern.

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Die Handy-Stümer von Varanassi

Ein Atheist ist ein interessanter Begleiter, wenn man die Heilige Stadt der Hindus besucht. Man muss im Übrigen sagen, dass das Niveau der Fremdenführer zumindest auf unserer Reise eher mäßig bis saumäßig war. Die meisten von ihnen konnten gerade so viel in ihrem Stümmelenglisch stammeln, wie im ersten Absatz des Fremdenführers steht. Aber Ravindra Singh ist ein anderer Kaliber: Er hat englische Literatur studiert und hoffte einmal, einen Universitäts-Job zu landen, hatte aber Pech, weil zu der Zeit gerade Einstellungsstopp war, also hat er die Prüfung zum staatlichen Anerkannten „Guide & Escort“ gemacht. Es ist jedenfalls nicht aller Tage, dass man sich mit einem indischen Führer anregt über Virginia Woolf oder Evelyn Waugh unterhalten kann…

Aber das ist gar nichts gemessen an dem, was aus ihm raus sprudelt, wenn man ihn zum komplizierten Durch- und Nebeneinander indischer Religionssysteme befragt. Beim Spaziergang durch Sarnath, wo Siddhartha Gautama seine erste Predigt gehalten und das Geheimnis des achtfachen Pfads gelüftet haben soll. Von der blühenden Stadt, die hier 300 vor Christus existiert hat, sind nur noch von grünem Rasen umgebene Ruinenreste übrig geblieben, abgesehen von dem 50 Meter hohen Dhamekh Stupa, eine massive, gemauerte  Säule mit einem Umfang von 30 Metern, das an der Stelle steht, wo der „Erleuchtete“ (Buddha) zu seinen fünf Jüngern sprach.

„Alles, was der Buddha sagte, war sehr logisch“, behauptet Ravindra. „Jeder sollte selbst herausfinden, warum es ihm schlecht geht und welcher Weg für ihn der richtige ist, um da herauszukommen. Er hatte erkannt, dass kein einziger Weg der richtige sein kann, weil keine zwei Menschen wirklich gleich sind.“ Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, so könnte man das vielleicht zusammenfassen. Buddha sei im Grunde ein Sozialreformer gewesen, der selbst nicht an Gott geglaubt hat, sagt er. Dass man ihn später selbst zum Gott erhoben hat und Millionen von Menschen sein Abbild anbeten ist für Ravindra nichts als ein großer Schwindel. „Buddha wollte die Macht der Priesterkaste brechen, aber sie haben es raffiniert verstanden, sich in die neue Weltanschauung  einzunisten und sie in eine Religion zurück zu verwandeln, weil man sie dann wieder brauchte“, so seine Interpretation von 2400 Jahren buddhistischer Religionsgeschichte.

Er sagt das alles ganz ruhig, fast beiläufig, während wir an Schlangen von weißgekleideten Pilgern aus Sri Lanka vorbeilaufen oder rotgekleideten buddhistischen Bettelmönchen zuschauen, die verklärt im Lotussitz auf dem Gras hocken und mit verzücktem Gesicht die Stupa fixieren, die der Ausgangspunkt ihres Glauben ist.

Am nächsten Tag schwimmen wir mit ihm im Morgengrauen auf „Maya Ganga“ („Mutter Ganges“) in einem wackeligen Ruderboot, und die seltsame Predigt geht weiter. Während Glocken geschlagen werden und Muschelhörner schrill ertönen, während verzückte Gläubige in die schmutzig braunen Fluten steigen und sich damit übergießen oder sogar davon trinken, erzählt uns Ravindra vom Niedergang des Hinduismus in Indien.

„Schuld sind die Mobiltelefone“, sagt er. Die jungen Leute legen sich so ein Ding zu und rufen sich gegenseitig an. Junge lernt Mädchen kennen, sie telefonieren, verlieben sich, irgendwann heiraten sie – und die Priester haben das Nachsehen. „Früher sind sie reich geworden mit dem Heiraten“, behauptet er. Damals wurden Ehen zwischen den Eltern ausgehandelt. Der Vater der Braut ging zum Vater des Bräutigams und verlangte ein Horoskop des Möchtegern-Schwiegersohns, den natürlich ein Priester vorher ausstellen musste. Damit ging er zu seinem eigenen Priester, der es mit dem der jungen Braut verglich. „Es gibt 36
Kriterien, die verglichen werden müssen. Stimmen viele von ihnen überein, dann kann die Ehe geschlossen werden, denn das Paar wird Glück haben. Gibt es wenige Übereinstimmungen, dann könnte das zum Beispiel bedeuteten, dass der Bräutigam einen Unfall haben wird. Dagegen kann man sich aber auch wieder schützen, indem man den Priester bittet, bestimmte Rituale durchzuführen. Und jedesmal kassiert der Priester. Ist doch klar, dass die jetzt Panik bekommen, denn ihnen läuft das Geschäft weg, wenn die jungen Leute alles selber am Telefon erledigen. So wettern sie im gleichen Atemzug gegen den Verfall der Sitten und das Aufkommen des Mobilfunks, ganz im Stile früherer Bilderstürmer. Heute würde man sie Hany-Stürmer nennen.

Ravindra glaubt sogar, dass die vielen religiösen Unruhen, die Indien heute erschüttern und von denen wir in Deutschland so gut wie nichts mitbekommen – in Orissa sind 300.000 Christen auf der Flucht vor randalierenden Mobs von radikalen Hindus, die Priester ermorden und Nonnen vergewaltigen – heimlich von den Hindu-Priestern angestiftet werden, weil sie um ihre Vormachtstellung fürchten. Die hinduistische Jugendorganisation RSS, die immer wieder Aktivisten zu Protestdemos losschickt, vergleicht Ravindra mit Hitlers Braunhemden. Als wir den goldenen Vishwanrath-Tempel von Varanassi besuchen wollen, werden wir von bewaffneten Soldaten abgewiesen. „Only Hindus“, heißt es. Das diene unserem eigenen Schutz, behauptet Ravindra. Nebenan sei eine alte Moschee, denn möchten die Radikal-Hindus gerne abreißen, weil dort einmal ein Rama-Tempel stand. Wenn das passiert, werden die Moslems auf die Straße gehen und es gibt wieder Tote, so wie vor ein paar Jahren in Ayodya.

Ravindra ist auf dieser Reise für mich eine Art lebender Realitäts-Check, so ähnlich wie der Mann, der im alten Rom hinter den Cäsaren zu stehen hatte, um ihm immer wieder ins Ohr zu flüstern: „Auch du bist nur ein sterblicher Mensch“. Es wäre leicht, sich von der Aura des Spirituellen einnehmen zu lassen, die diese immerhin 3000 Jahre alte Stadt umgibt, in der es eigentlich nur um Religion geht, wo an jeder Ecke ein Altar steht, wo das Ufer von Mutter Ganges mit Tempeln zugestellt ist und ein Duft von Weihrauch und Ehrfurcht die Luft zu füllen scheint.

Er holt einen gleich wieder runter von der Wolke, auf der Varanassi-Besucher zu schweben drohen. Das macht er sehr geschickt, zum Beispiel im Moment der höchsten Erhabenheit, als der rote Ball der Sonne über dem östlichen Gangesufer aufgeht, die Gläubigen ganz aus dem Häuschen sind und die Touristen von ihren Ruderbooten aus wie wild Fotos schießen. Das ist der Augenblick für ihn, sein Erfolgsrezept für Indien zum Besten zu geben. „My solution – no religion. Very simple…“

Nein, so einfach ist das nicht. Aber es ist ein Gedanke, immerhin.

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So einfach kann man Freude stiften

Das Wichtigste, was ein Indienreisende dabei haben muss, sind Kugelschreiber!

Jedesmal, wenn wir in Indien aus dem Auto aussteigen, um ein Tempel, eine Burg oder eine Moschee zu besichtigen, strömen aus allen Seiten Mädchen und Jungen heran. Sie sind ärmlich gekleidet, aber offenbar keine Armeleutekinder. Ihre Zähne strahlen weiß aus dunkel- bis kaffeebraunen Gesichtern, die immer freundlich sind und uns aus großen Augen mustern. Ja, sie betteln, aber sie wollen kein Geld, jedenfalls meistens nicht. Ihr englisches Vokabular ist in der Regel auf „good morning“ und „how are you“ begrenzt. Aber ein Wort kennen sie alle, nämlich: „Pen!“

Kugelschreiber sind der absolute Renner bei den Dorfkindern in Indien. Mit einem Kugelschreiber kann man schreiben, malen, kritzeln, sich Notizen machen. Ein Kugelschreiber ist ein mächtiges Instrument, es kann Dinge bewegen.

Ich stelle mir gernevor, wie ein indisches Kind mit dem Kugelschreiber stolz nach Hause geht, sich hinsetzt, lernt, sich weiterbildet, die Aufnahme ins Collge schafft, studiert, einen tollen Job bekommt, eine Familie gründet und wiederum Kinder erzeugt, die es nicht nötig haben, einen Fremden um einen Kugelschreiber anzubetteln. Das wäre Fortschritt.

Die Wirklichkeit sieht natürlich viel prosaischer aus. „Geben Sie die Kugelschreiber den Mädchen“, sagt unser Fahrer, der sich in solchen Sachen auskennt. Er selbst hat zwei kleine Töchter, und wir haben ihm zwei Stifte aus dem dicken Packen mitgegeben, das wir aus Europa mitgebrahct haben. „Die Mädchen benützen sie. Die Buben bringen die Kugelschreiber zum bazar und verkaufen sie“, sagt er. Mit dem Geld kaufen sie Süßigkeiten oder Comic-Heftchen.

So schnell, scheint es, lässt sich die Welt nun doch nicht verändern, auch nicht in Indien…

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