Viel Lärm um einen stillen Ort

threetoiletsIch weiß nicht, was meine Landsleute mit den Toiletten so haben, aber was da gerade abgeht erinnert ein bisschen an Torquemada und die Moriscos.

Für diejenigen, denen das Ganze im Wortsinn am Arsch vorbeigeht ein kleines Update: Nachdem der Supreme Court im Juni die Schwulenehe endgültig durchgewinkt hat, sind einige Rotnacken-Staaten, allen voran Mississippi und Nordcarolina, auf die glorreiche Idee gekommen, die Homophobie sozusagen durch die Klotür wieder einzuführen und haben so genannte „Transgender Bathroom Laws“ erlassen. Das hat wiederum Firmen wie PayPal und Sänger wie Bruce Springsteen dazu veranlasst, Investitionen oder Konzerte in diesen Bundesstaaten abzusagen und zum Wirtschaftsboykott aufzurufen.

Können Sie mir bis dahin immer noch folgen?

Der Mensch kommt bekanntlich in zwei Ausführungen zur Welt: Männlein oder Weiblein. Nun kommt es aber vor, dass es einem oder einer nicht passt, so wie es ist, und in Amerika kann man deshalb auch ohne chirurgischen Eingriff oder sonstige Umwandlung erklären, dass Mann hinfort als Frau oder umgekehrt gelten möchte, und das kann man sich auch im Ausweis oder Führerschein eintragen lassen. Laut der letzten Volkszählungen hatten bis 2010 hatten knapp 90.000 Amerikaner ihren Vornamen offiziell ändern lassen, um so als ein Mitglied des jeweils anderen Geschlechts behandelt zu werden. 21.833 gingen so weit, ihre Geschlechtszugehörigkeit von Amtswegen abändern zu lassen. Da es 323 Millionen US-Bürger gibt, sind das, lassen Sie mich rechnen, hmm, also, ich komme auf 0,065 Prozent.

Amerika hat, anders ausgedrückt, ganz andere Probleme. Donald Trump, zum Beispiel.

Aber die Gesetzeshüter in den jeweiligen Landtagen dachten, es wäre jetzt ganz wichtig, das praktische Problem des Toilettenzugangs für Geschlechtsgewandelte und solche, die sich als solche ausgeben, streng zu regeln. Wer muss, muss auf die Toilette, die Gott für ihn geschaffen hat, also Männer auf die Männertoilette und Frauen, na Sie wissen schon.

Und warum? Ich zitiere aus der Streitschrift eines gewissen Herren aus  Mississippi. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass er ein Herr ist, denn er nennt sich „Brandon“, und das ist bei uns meistens ein männlicher Vorname. Also der gute Brandon schreibt, dass wir strenge Toilettenvorschriften brauchen, um „unsere Frauen und Mädchen vor Fieslingen, Perverslingen und Schlimmerem zu beschützen.“

Es scheint also so zu sein, dass in Amerika dauernd als Frauen verkleidete Männer herumschleichen und sich in den öffentlichen Toiletten an Frauen und Mädchen vergehen. Das können, müssen aber nicht unbedingt Transvestiten und Transsexuelle sein, oder auch ganz „normale“ Sexualstraftäter.

Der gleiche Autor gibt zu, dass es in der amerikanischen Kriminalstatistik keinen einzigen nachgewiesen Fall dieser Art gibt, aber man kann ja nicht vorsichtig genug sein…

Und es ist schon bezeichnend, dass es das Problem auch nur in Bundesstaaten gibt, deren Bevölkerungsmehrheit sich als strenggläubige Christen (bei uns eher unter dem Begriff „christliche Taliban“ bekannt) ausgeben, wie eben North Carolina oder Mississippi, aber auch Kentucky oder Florida. Alles sogenannte Südstaaten, also solche, in denen die Sonne länger scheint als anderswo. Vielleicht ist da ja eine Erklärung zu finden (kollektiver Sonnenstich?).

Wir diesseits des Atlantik können zwar nur den Kopf schütteln, aber die Frage der korrekten Geschlechtszuweisung ist in Amerika ein Riesenthema, spätestens seit der Medienstar Bruce Jenner, ein früherer olympischer Goldmedailliengewinner im Zehnkampf (bei den Männern), sich im Juni 2015 den neuen Vornamen Caitlyn zugelegt und öffentlich verkündet hat, in Zukunft als Frau angesehen werden zu wollen. Seitdem ist der Rummel in den Zeitungen und Fernsehshows rund um das Thema „Gender“ zu einem Orkan ausgewachsen, und der Konsens, zumindest außerhalb des „Sun Belt“ im Süden, ist dass jeder als das leben soll, mit dem er sich am wohlsten fühlt.

Das Ergebnis ist eine oft abstruse Vielfalt von Trans-, Halb- und Zwischengeschlechtlichkeiten, die kein Mensch mehr wirklich überblicken kann. In der US-Ausgabe von Facebook können neue Teilnehmer bei der Anmeldung zwischen über 50 verschiedenen Anreden und Geschlechtsbezeichnungen wählen, von „Hermaphrodite“, „Pangender“, „Two-Spirit“, „Neutrois“ (geschlechtsneutral) bis „Transmaskulin“.

Wenn ich daran denke, dass Facebook noch vor ein paar Jahren eine strenge Politik der Realnamenspflicht verfolgte und beispielsweise das Profil meiner Freundin Kaliya gelöscht hat, nur weil sie versucht hat, sich unter ihrem Branchennamen „Identitywoman“ anzumelden, dann kann ich nur lachen.

Aber zurück zum Toilettenproblem: Ich denke, es gibt eine ziemlich einfache Erklärung für diese offenbar krankhafte Beschäftigung der Amerikaner mit den Stuhlgangsgewohnheiten ihrer Mitbürger. In der Fachsprache kennt man dafür zwei Begriffe, nämlich „Paruresis“ und „Parcopresis“. Erstere bezeichnet die bisweilen schon pathologisch ausgeprägte Scheu davor, in Gegenwart anderer zu pinkeln, beim zweiten geht es ums große Geschäft, im Englischen auch als „shy bowel symptom“ bezeichnet.

Es gibt offenbar Menschen, die einfach nicht können, wenn jemand anderer im gleichen Raum ist. Sie warten also ab, bis sie sicher sind, dass alle anderen Toilettengänger weg sind, bevor sie drücken können.

Women using public toliets, low section, blue tone

Women using public toliets, low section, blue tone

Da ist es natürlich auch nicht besonders hilfreich, dass öffentliche Toiletten in den USA so konstruiert sind, dass man unten genau sehen kann, ob jemand gerade auf dem Thron sitzt: Die Klobauer lassen immer einen satt handbreit großen Schlitz, damit man von außen sehen kann, was da so vorgeht. In dem legendären Film „Der Clou“ rettet sich Robert Redford vor seinen Verfolgern, indem er sich mit einer Dame in Klo einschließt und auf der Schüssel steht, während sie die korrekte Sitzhaltung mit heruntergelassenem Schlüpfer einnimmt. Die Häscher vergewissern sich mit einem Blick durch den Bodenschlitz, dass dort kein Mann gerade sein Geschäft verrichtet und stürmen davon.

Archiexpo

Archiexpo

Im zivilisierten Mitteleuropa sind die Bodenschlitze der öffentlichen Toiletten in der Regel viel schmäler, der Parcopresiker kann sich also vergleichsweise unbeobachtet fühlen.

Ich finde das eine gute, weil logische und schlüssige Erklärung dafür, dass die Amis spinnen, sobald sie sich mit dem Stuhlgang beschäftigen müssen. Das merkt man ja auch daran, dass sie ungemein erfinderisch sind wenn es darum geht, das Wort „toilet“ zu vermeiden. Sie fragen lieber nach dem „little boy’s room“ oder sagen: „I need to go to the bathroom“. Also, ich weiß ja nicht, wie Sie es so hanhaben, aber ich gehe zum Baden ins Badezimmer und zum…

Jetzt muss ich aber mal überlegen, wo ich  bei meinem nächsten Amerikabesuch hingehen soll, wenn ich mal muss. Man hat ja Auswahl, zumindest außerhalb von North Carolina…


Besuchen Sie auch meinen Meta-Blog auf czyslansky.net, schauen Sie sich meine Videos auf YouTube an oder diskutieren Sie mit mir auf Facebook.

Dieser Beitrag wurde unter Das Leben an sich abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Viel Lärm um einen stillen Ort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.