Das Internet ist schuld an der Finanzkrise!

Was wir im Augenblick durchleben ist die erste echte Finanzkrise im Zeitalter des Internet. Vergessen Sie die Dotcom-Blase – das war, um Alan Greenspan zu zitieren, nichts als „irrationaler Überschwang“. Heute ist das Internet ein Teil des Problems. Vielleicht ist es auch ein Teil der Lösung.

Auslöser der Finanzkrise (nicht der möglicherweise daraus entstehenden Wirtschaftskrise) sind zwei Dinge: Einmal immer kompliziertere und selbst für Fachleute nicht mehr zu überblickende Finanzprodukte wie Derivate, Credit Swaps, Subprime-Hypothekenfonds und „asset-backed securities“, und zum anderen die immer raffinierteren elektronischen Trading-Systeme, über die Kapitalflüsse in Milliarden völlig unreguliert um den Globus gelenkt werden können. Sie möchten einen Credit Swap von $100 Millionen aufsetzen? Ein Instant Message an einen Hedge Fund auf den Caymans genügt.

Derivate sind heute, wie Paul Kedreosky in „Newsweek“ treffend schreibt, heute „eine Art Kreuzung zwischen Dorfklatsch und Videospiel“: Triviale Konversationen über Blackberry mutieren plötzlich zu Transaktionen, unbeaufsichtigt, unkontrolliert, aber am Schluss mit einem Smiley signiert.

Das globale Finanzsystem wird durch die Technology der New Economy in atemberaubendem Tempo beschleunigt, die weltweiten Regulierungssysteme und Bürokratien hängen immer noch im Analogzeitalter. Jeder Amateur-Investor mit einem Online-Maklerkonto und einem Breitband-Anschluss kann heute ein Global Player sein. Aber unsere Möglichkeiten, in potenziell hochtoxischen Finanzprodukten zu handeln hat unsere Möglichkeiten, sie zu verstehen, längst hinter sich gelassen. Ja, das Internet hat die Informationen im Finanzmarkt demokratisiert. Analysten haben keinen Zeitvorsprung mehr vor dem Anleger. Elektronische Handelsplattformen haben die Maklerkommissionen gegen Null gedrückt. Wir können per Laptop oder SmartPhone von jedem Ort der Erde Order platzieren. Investor-Communities sind eine Fundgrube von Insider-Tipps. Alles gut und schön.

Gleichzeitig hat uns das Internet so mit Informationen zugemüllt, dass selbst Profis längst den Überblick verloren haben. Wie sonst lässt sich die Hypothekenkrise in den USA erklären: Alles stand seit Jahren schon im Internet! Wieso sind wir alle so überrascht worden?

Weil der Mensch sich vor der Informations-Flut gerne in ruhige Nischen verzieht, in enge Affinitäts-Gemeinschaften, Communities mit Tunnelblick, denn nur dort hat er noch das Gefühl zu verstehen, was los ist. Statt den Blick fürs große Ganze zu öffnen setzt das Internet uns Scheuklappen auf. Besagter Alan Greenspan war es, der davon schwärmte, das Internet ermögliche es der Finanzwelt, „Risiko zu verteilen“ und „komplexe Finanzprodukte zu schaffen, zu bewerten und zu handeln“. Was er und seine Anhänger leider völlig übersehen haben ist das so genannte „Agentur-Problem“: Sobald die Komplexität einer Transaktion oder eines Finanzprodukts zu groß wird (wie beispielsweise bei den in immer feinere Scheiben zerteilten und wie Salatblätter vermischten Einzelhypotheken), neigt der Durchschnittsmensch dazu, sich nicht mehr selbst darum zu kümmern – er delegiert die Verantwortung an einen Intermediär. Auf den ist er dann angewiesen – auf Gedeih oder Verderb.

Das Internet ist also schuld an dem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte – aber es ist auch ein Teil der Lösung. Der einzige Grund, weshalb wir (noch) keine Weltwirtschaftskrise haben, gegen die 1929 wie eine Sommerfrische wirkt, ist weil das Prinzip der Vernetzung funktioniert hat! In Ermangelung von verbindlichen Regeln und wirksamen Kontrollinstanzen hat sich insbesondere die Finanzwelt in den letzten Wochen wie ein Social Network verhalten. Politiker, Zentralbanker, Finanzbehörden und Verbände haben unabhängig voneinander reagiert. Sie haben sich aber auch in einem Tempo ausgetauscht und sich auf Lösungen geeinigt, das früher unvorstellbar gewesen wäre. Sie sind sozusagen dem Modell des Internet gefolgt, wo es keine zentralen Instanzen gibt, wo aber die Gruppenintelligenz in beinah idealer Weise zur gemeinsamen Problembehandlung fokussiert werden kann.

Das Internet ist schuld an der globalen Finanzkrise, weil sie die systematischen Verfehlungen mit „cyberspeed“ wie ein Pestvirus rund um den Globus verbreitet hat. Sie hat es aber zugleich den Verantwortlichen ermöglicht, schneller und abgestimmter als jemals zuvor darauf zu reagieren – so, als hätten sie alle in einem Raum gesessen, sich gegenseitig in die Bücher geschaut und in enger Abstimmung gehandelt.

Es gibt Lehren zu ziehen aus der ersten globalen Finanzkrise des Internet-Zeitalters. Wir brauchen Online-Systeme, die in der Lage sind, selbst komplexeste Finanzinformationen so darzustellen, dass sie ein Mensch verstehen kann. Wir müssen den Wildwuchs des „rogue trading“ per Instant Messaging und anderer Kommunikationssysteme begrenzen, die heute noch außerhalb jeglicher Compliance-Aufsicht stehen. Wir müssen Systeme schaffen, die Händler besser überwachen und Transparenz im Markt schaffen – damit wir nicht wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden. Wenn und das gelingt, wird uns das Internet – mit etwas Glück – helfen, eine Wiederholung der finanziellen Kernschmelze der letzten Monate zu vermeiden. Technologie kann die Finanzmärkte sicherer, stabiler und überschaubarer machen. Wir müssen es als Anleger und als Bürger nur laut genug fordern.

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Die Handy-Stümer von Varanassi

Ein Atheist ist ein interessanter Begleiter, wenn man die Heilige Stadt der Hindus besucht. Man muss im Übrigen sagen, dass das Niveau der Fremdenführer zumindest auf unserer Reise eher mäßig bis saumäßig war. Die meisten von ihnen konnten gerade so viel in ihrem Stümmelenglisch stammeln, wie im ersten Absatz des Fremdenführers steht. Aber Ravindra Singh ist ein anderer Kaliber: Er hat englische Literatur studiert und hoffte einmal, einen Universitäts-Job zu landen, hatte aber Pech, weil zu der Zeit gerade Einstellungsstopp war, also hat er die Prüfung zum staatlichen Anerkannten „Guide & Escort“ gemacht. Es ist jedenfalls nicht aller Tage, dass man sich mit einem indischen Führer anregt über Virginia Woolf oder Evelyn Waugh unterhalten kann…

Aber das ist gar nichts gemessen an dem, was aus ihm raus sprudelt, wenn man ihn zum komplizierten Durch- und Nebeneinander indischer Religionssysteme befragt. Beim Spaziergang durch Sarnath, wo Siddhartha Gautama seine erste Predigt gehalten und das Geheimnis des achtfachen Pfads gelüftet haben soll. Von der blühenden Stadt, die hier 300 vor Christus existiert hat, sind nur noch von grünem Rasen umgebene Ruinenreste übrig geblieben, abgesehen von dem 50 Meter hohen Dhamekh Stupa, eine massive, gemauerte  Säule mit einem Umfang von 30 Metern, das an der Stelle steht, wo der „Erleuchtete“ (Buddha) zu seinen fünf Jüngern sprach.

„Alles, was der Buddha sagte, war sehr logisch“, behauptet Ravindra. „Jeder sollte selbst herausfinden, warum es ihm schlecht geht und welcher Weg für ihn der richtige ist, um da herauszukommen. Er hatte erkannt, dass kein einziger Weg der richtige sein kann, weil keine zwei Menschen wirklich gleich sind.“ Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, so könnte man das vielleicht zusammenfassen. Buddha sei im Grunde ein Sozialreformer gewesen, der selbst nicht an Gott geglaubt hat, sagt er. Dass man ihn später selbst zum Gott erhoben hat und Millionen von Menschen sein Abbild anbeten ist für Ravindra nichts als ein großer Schwindel. „Buddha wollte die Macht der Priesterkaste brechen, aber sie haben es raffiniert verstanden, sich in die neue Weltanschauung  einzunisten und sie in eine Religion zurück zu verwandeln, weil man sie dann wieder brauchte“, so seine Interpretation von 2400 Jahren buddhistischer Religionsgeschichte.

Er sagt das alles ganz ruhig, fast beiläufig, während wir an Schlangen von weißgekleideten Pilgern aus Sri Lanka vorbeilaufen oder rotgekleideten buddhistischen Bettelmönchen zuschauen, die verklärt im Lotussitz auf dem Gras hocken und mit verzücktem Gesicht die Stupa fixieren, die der Ausgangspunkt ihres Glauben ist.

Am nächsten Tag schwimmen wir mit ihm im Morgengrauen auf „Maya Ganga“ („Mutter Ganges“) in einem wackeligen Ruderboot, und die seltsame Predigt geht weiter. Während Glocken geschlagen werden und Muschelhörner schrill ertönen, während verzückte Gläubige in die schmutzig braunen Fluten steigen und sich damit übergießen oder sogar davon trinken, erzählt uns Ravindra vom Niedergang des Hinduismus in Indien.

„Schuld sind die Mobiltelefone“, sagt er. Die jungen Leute legen sich so ein Ding zu und rufen sich gegenseitig an. Junge lernt Mädchen kennen, sie telefonieren, verlieben sich, irgendwann heiraten sie – und die Priester haben das Nachsehen. „Früher sind sie reich geworden mit dem Heiraten“, behauptet er. Damals wurden Ehen zwischen den Eltern ausgehandelt. Der Vater der Braut ging zum Vater des Bräutigams und verlangte ein Horoskop des Möchtegern-Schwiegersohns, den natürlich ein Priester vorher ausstellen musste. Damit ging er zu seinem eigenen Priester, der es mit dem der jungen Braut verglich. „Es gibt 36
Kriterien, die verglichen werden müssen. Stimmen viele von ihnen überein, dann kann die Ehe geschlossen werden, denn das Paar wird Glück haben. Gibt es wenige Übereinstimmungen, dann könnte das zum Beispiel bedeuteten, dass der Bräutigam einen Unfall haben wird. Dagegen kann man sich aber auch wieder schützen, indem man den Priester bittet, bestimmte Rituale durchzuführen. Und jedesmal kassiert der Priester. Ist doch klar, dass die jetzt Panik bekommen, denn ihnen läuft das Geschäft weg, wenn die jungen Leute alles selber am Telefon erledigen. So wettern sie im gleichen Atemzug gegen den Verfall der Sitten und das Aufkommen des Mobilfunks, ganz im Stile früherer Bilderstürmer. Heute würde man sie Hany-Stürmer nennen.

Ravindra glaubt sogar, dass die vielen religiösen Unruhen, die Indien heute erschüttern und von denen wir in Deutschland so gut wie nichts mitbekommen – in Orissa sind 300.000 Christen auf der Flucht vor randalierenden Mobs von radikalen Hindus, die Priester ermorden und Nonnen vergewaltigen – heimlich von den Hindu-Priestern angestiftet werden, weil sie um ihre Vormachtstellung fürchten. Die hinduistische Jugendorganisation RSS, die immer wieder Aktivisten zu Protestdemos losschickt, vergleicht Ravindra mit Hitlers Braunhemden. Als wir den goldenen Vishwanrath-Tempel von Varanassi besuchen wollen, werden wir von bewaffneten Soldaten abgewiesen. „Only Hindus“, heißt es. Das diene unserem eigenen Schutz, behauptet Ravindra. Nebenan sei eine alte Moschee, denn möchten die Radikal-Hindus gerne abreißen, weil dort einmal ein Rama-Tempel stand. Wenn das passiert, werden die Moslems auf die Straße gehen und es gibt wieder Tote, so wie vor ein paar Jahren in Ayodya.

Ravindra ist auf dieser Reise für mich eine Art lebender Realitäts-Check, so ähnlich wie der Mann, der im alten Rom hinter den Cäsaren zu stehen hatte, um ihm immer wieder ins Ohr zu flüstern: „Auch du bist nur ein sterblicher Mensch“. Es wäre leicht, sich von der Aura des Spirituellen einnehmen zu lassen, die diese immerhin 3000 Jahre alte Stadt umgibt, in der es eigentlich nur um Religion geht, wo an jeder Ecke ein Altar steht, wo das Ufer von Mutter Ganges mit Tempeln zugestellt ist und ein Duft von Weihrauch und Ehrfurcht die Luft zu füllen scheint.

Er holt einen gleich wieder runter von der Wolke, auf der Varanassi-Besucher zu schweben drohen. Das macht er sehr geschickt, zum Beispiel im Moment der höchsten Erhabenheit, als der rote Ball der Sonne über dem östlichen Gangesufer aufgeht, die Gläubigen ganz aus dem Häuschen sind und die Touristen von ihren Ruderbooten aus wie wild Fotos schießen. Das ist der Augenblick für ihn, sein Erfolgsrezept für Indien zum Besten zu geben. „My solution – no religion. Very simple…“

Nein, so einfach ist das nicht. Aber es ist ein Gedanke, immerhin.

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So einfach kann man Freude stiften

Das Wichtigste, was ein Indienreisende dabei haben muss, sind Kugelschreiber!

Jedesmal, wenn wir in Indien aus dem Auto aussteigen, um ein Tempel, eine Burg oder eine Moschee zu besichtigen, strömen aus allen Seiten Mädchen und Jungen heran. Sie sind ärmlich gekleidet, aber offenbar keine Armeleutekinder. Ihre Zähne strahlen weiß aus dunkel- bis kaffeebraunen Gesichtern, die immer freundlich sind und uns aus großen Augen mustern. Ja, sie betteln, aber sie wollen kein Geld, jedenfalls meistens nicht. Ihr englisches Vokabular ist in der Regel auf „good morning“ und „how are you“ begrenzt. Aber ein Wort kennen sie alle, nämlich: „Pen!“

Kugelschreiber sind der absolute Renner bei den Dorfkindern in Indien. Mit einem Kugelschreiber kann man schreiben, malen, kritzeln, sich Notizen machen. Ein Kugelschreiber ist ein mächtiges Instrument, es kann Dinge bewegen.

Ich stelle mir gernevor, wie ein indisches Kind mit dem Kugelschreiber stolz nach Hause geht, sich hinsetzt, lernt, sich weiterbildet, die Aufnahme ins Collge schafft, studiert, einen tollen Job bekommt, eine Familie gründet und wiederum Kinder erzeugt, die es nicht nötig haben, einen Fremden um einen Kugelschreiber anzubetteln. Das wäre Fortschritt.

Die Wirklichkeit sieht natürlich viel prosaischer aus. „Geben Sie die Kugelschreiber den Mädchen“, sagt unser Fahrer, der sich in solchen Sachen auskennt. Er selbst hat zwei kleine Töchter, und wir haben ihm zwei Stifte aus dem dicken Packen mitgegeben, das wir aus Europa mitgebrahct haben. „Die Mädchen benützen sie. Die Buben bringen die Kugelschreiber zum bazar und verkaufen sie“, sagt er. Mit dem Geld kaufen sie Süßigkeiten oder Comic-Heftchen.

So schnell, scheint es, lässt sich die Welt nun doch nicht verändern, auch nicht in Indien…

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Sklaverei 2.0

In Indien existiert die Leibeigenschaft offiziell seit 1843 nicht mehr, aber inoffiziell ist sie allgegenwärtig.

Vielleicht war es die Aja, das dicklich-gemütliche indische Kindermädchen, die in Delhi am Hotelpool auf zwei kreischende Buben aufpasste,, die mich auf den Gedanken gebracht hat. Die Mutter, eine offenbar wohlhabende und westlich geprägte Inderin, saß zehn Meter daneben im schicken Badeanzug, ließ sich vom Hotelboy ab und zu etwas Kühles reichen, las ein Buch und schaute während ich da war nicht ein einziges Mal zu ihrer Brut hinüber. Für sowas hat man schließlich seine Leute. Irgendwann wickelte die Aja die beiden Knaben in dicke Handtücher und verschwand mit ihnen in Richtung Hotelzimmer. Mama sprach kein Wort, sondern blätterte weiter.  Irgendwann sammelte auch ich meine Sachen und machte mich davon.

Ein paar Tage später in Agra musste ich wieder an die Memsahib und ihre Aja denken beim Anblick dieses Schildes, das an der Wand neben dem Eingang zum Schwimmbad hing. Neben allerlei Ge- und Verbote sind es vor allem zwei, die meine Aufmerksamkeit erregten, zumal sie direkt nebeneinander stehen. „Servants … not allowed“ und „pets not allowed“. Zu deutsch ist der Zutritt also für Diener und Haustieren gleichermaßen untersagt. Und irgendwie stehen beide in den Augen des Schildermachers mehr oder weniger auf einer Stufe. Na gut, die Bediensteten kommen zuerst, wenigstens das.

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Die Milane von Delhi

Vor unserem Hotelfenster in Delhi findet eine atemberaubende Flugshow statt. Wir sind gerade ein paar Minuten in unserem Zimmer im sechsten Stock des Taj Mahal Hotels in Delhi, da deutet meine Frau aufgeregt aufs Fenster und ruft: „Da, ein Adler!“

Tatsächlich kurvt draußen ein riesiger Raubvogel herum mit braunem Gefieder und einem ziemlich gefährlich aussehenden Schnabel. Leicht wie ein Segelflugzeug schwebt er auf unsichtbaren Luftzwellen umher, bewegt ab und zu kurz die Flügel, um Höhe zu gewinnen und starrt dabei mit stieren Blick nach unten, ob es denn etwas zum Erhaschen gibt.

Der Tuktuk-Fahrer, der uns knatternd und rüttelnd vom Bazar von Old Delhi nach Hause bringt, korrigiert allerdings: „No eagle – kite! Kite!“ Google gibt später wie immer Auskunft: Kites sind Gleitaare, von denen es sogar ein paar Dutzend Arten auf der Welt gibt, zum Beispiel Milane oder Schwebeweihe.

Als ornithologisch Unbedarfter wusste ich vorher gar nicht, dass es sowas gibt. Und jetzt stehe ich eine halbe Stunde lang mit offenem Mund am Fenster und schaue zu, wie diese Riesenvögel – der größte von ihnen hat sicher eine Spannweite von anderthalb Metern! – direkt vor meiner Nase eine Flugschau der Superklasse aufführen. So nahe kommt man nicht einmal mit dem Fernglas an einen solchen Vogel ran.

Gerade vor drei Wochen haben wir uns auf Kreta fast die Hälse verrenkt beim Versuch, einem Seeadler-Pärchen zuzuschauen, das in luftiger Höhe über unseren Köpfen ihre majestätischen Runden drehte. Und jetzt sehen wir einen ähnlichen Vogel sozusagen in Nahaufnahme und in Augenhöhe, vielleicht fünf Meter vorm Hotelfenster.

Man muss Indien einfach lieben…

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Warum ich gerne Sikh wäre

Also, ich halte es ja nicht so mit der Religion. Aber wenn, dann wäre ich gerne Sikh.

Der Gurdwara von Delhi ist ein imposantes Bauwerk mit einer goldenen Kuppel, die ein bisschen an den Tempel von Amritsar erinnern soll, sozusagen der Petersdom der Sikhs. Gopal Singh, der Fahrer, der sich heute mit seinem Tuk-Tuk, in dem ich saß, eine halsbrecherische Fahrt durch die indischen Hauptstadt geleistet hat und dabei keine Miene in seinem weißbärtigen Gesicht verzogen hat, fand es wichtig, mich zuerst hierher zu führen, bevor er mir die anderen Sehenswürdigkeiten Delhis zeigte. Und am Ende sind wir so lange dort geblieben, dass ich für nichts anderes mehr Zeit hatte.

Es war Feiertag, und die Sikhs sind mit Kind und Kegel in die Gurdwara geströmt, um auf und ab zu flanieren, mit den Kindern über den Rasen zu tollen und sich mit Freunden zu treffen. Zwischendurch geht jeder in den Tempel, wo ein Granthi – eine Art Laienprediger, denn Priester kennt die Sikh-Religion nicht – aus dem Guru Granth Sahib, dem heiligen Buch, vorlas. Dazu spielten drei Musiker auf irgendwelchen indischen Instrumenten und sangen dazu mit leicht weinerlicher Stimme Hymnen, die bei ihnen Kirtan heißen, was so viel heißt wie „lobet den Herren“. Danach gehen sie hoch auf die Empore und lesen ein Kapitel aus dem Heiligen Buch und gehen dann hinunter an das große Reservoir, das die Ausmaße eines Fußballfelds hat und mit geweihtem Wasser gefüllt ist. Darin baden sie und füllen dann ein paar Flaschen davon ab, um es zu Hause zu trinken zwecks seelischer Reinigung. Nein, über Infektionsgefahr und Hygiene redet keiner, aber es scheint auch niemandem so richtig dreckig zu gehen. Außerdem schwimmen in dem Wasser Hunderte von Goldfischen, vielleicht beseitigen die ja das Schlimmste.

Gopal Singh führte mich anschließend hinter den Tempel, und dort habe ich ein Schauspiel erlebt, ds mich wahnsinnig beeindruckt hat. Dort betreibt die Sikh-Gemeinde unter einem Wellblechdach eine riesige öffentliche Garküche, der Pangat. Es sitzen Männer im Turban und Frauen in bunten Sari auf dem Boden und kneten mit den Händen Teigbällchen, die zu Fladen ausgebreitet und auf einem heißen Stein ausgebacken werden. Andere bereiten riesige Zuber voll Reis und Dal, einer köstlichen schmeckenden Brei aus Linsen und Gewürzen. Vorne an der Ausgabe schöpft ein dicker Sikh großzügige Portionen auf Blechteller und reicht sie in die wartenden Hände, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Ansehen, Religion oder Neigung. Wer da ist, bekommt zu essen – punkt. Das ist für jeden gottesfürchtigen Sikh ein selbstverständlicher Teil seiner Religionsausübung, denn „Sikhtum besteht aus praktischem Leben, aus Dienst an der Menschheit, aus dem Stiften von Toleranz und brüderlicher Nächstenliebe“. So steht es in der Broschüre „What is Sikhism?“, das ich am Ausgang überreicht bekomme, wo ich meine Schuhe wieder anziehe und das orangefarbe Kopftuch zurückgebe, mit dem ich während meines Besuchs im Tempelbezirk mein Haupt weisungsgemäß verhüllt habe.

Der Gründer der Sikh-Konfesion, Guru Nanak, der 1469 in einem kleinen indischen Dorf namens Talwandi geboren wurde, soll sich schon in früher Kindheit gegen die sinnlosen Rituale, Aberglauben und Dogmen der Religionen aufgelehnt haben, die er überall vorfand. Er predigte stattdessen, dass einen einzigen Gott gäbe, der in uns wohnt und der sich vor allem im Verstand offenbart. Sie Sikhs kennen keine Altare, keine Gottesbilder und keine Kasten. Ihre Frauen tragen keinen Schleier und sind gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft. Mitgifte (doweries) sind ihnen fremd, aber dafür gibt es auch keine Scheidung bei den Sikhs. Dennoch haben es Sikh-Frauen offenbar besser als ihre Hindu- oder Moslem-Schwestern. Jedenfalls behaupteten das die Frauen, mit denen ich mich unterhalten habe.

Ich muss gestehen, dass mir Religiosität grundsätzlich fremd ist, obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich ein evangelischer Pfarrerssohn bin. Aber wenn ich in mir den Wunsch verspüren würde, mich einer Religionsgemeinschaft anzuschließen, dann könnte ich eine schlechtere Wahl treffen, als Sikh zu werden. Eine Religion, die menschliche Vernunft in den Mittelpunkt stellt, die Toleranz predigt und Nächstenliebe täglich praktiziert, die den Armen zu essen gibt und die Frauen als gleichberechtigt anerkennt, die erklärtermaßen Pessimismus ablehnt und Optimismus zu einem Glaubengrundsatz erhebt, die keine Priester kennt und die vor allem jedem offen steht, der ihre Prinzipen akzeptiert, sich ihrem Verhaltenskodex unterwirft und sich taufen lässt, die hat schon wieder so etwas Progressives an sich, dass man darüber vielleicht sogar solche Anachronismen übersehen könnte wie die Pflicht des Mannes, stets ein Schwert bei sich zu tragen und niemals Haupt- oder Barthaare schneiden zu lassen oder eben auch das Scheidungsverbot – Dinge, die junge Sikhs ohnehin inzwischen zunehmend beiseite schieben.

Wie gesagt: Wenn schon, dann so eine Religion. Oder vielleicht könnten andere Religionen sich mal eine Scheibe davon abschneiden…

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Mit der Kamera gegen die Armut

Weena Yamini ist eine resolute junge Dame, die ganz genau weiß, was sie will. Sie sitzt mir in einem grellgrünen Sari auf der Terrasse des Gemeideszentrums von Anthaved gegenüber, einem typischen südostindischen Dorf im Herzen des „Coconut Country“ des Bundesstaates Andra Pradesch unweit des Golfs von Bengalen. Sie spricht davon, wie man die beiden mächtigsten Medien der Menschheitsgeschichte – Fernsehen und das Internet – gemeinsam nutzen könnte, um das Los der Landfrauen in diesem abgelegenen Zipfel Asiens zu verbessern.

Konkret spricht sie davon, wie man diese Frauen dazu bekommen kann, ihre eigenen Geschichten mit Hilfe von selbstgedrehten Fernsehfilmen zu erzählen und damit ihre eigene Situation und die ihrer Nachbarinnen zu verbessern. Wenn man ihr zuhört ahnt man, dass es gar nicht so leicht ist, was sie sich vorgenommen hat, denn indische Frauen sind erstens ungeheuer traditionsbewusst und zweitens ungeheuer schüchtern. „Zuerst müssen wir sie überhaupt dazu bekommen, das Haus zu verlassen“, sagt sie Erst dann könne man sie dazu überreden, ihre Geschichte zu erzählen.

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Joggen auf Indisch

Um sieben Uhr morgens ist die Luft hier in Südostindien, 20 Kilometer vom Golf von Bengalen, heiß und stickig wie bei uns manchmal im August um die Mittagszeit. Die Asphaltstrasse vor der Training Station der Byrraju Foundation, unserem Gastgeber auf dieser Pressereise ans Ende der Welt, ist bald zu Ende, es geht zuerst auf einem unbefstigten feldweg weiter, der sich aber schnell in einen ausgetretenen Büffelpfad verwandelt.

Der Weg ist von Reisfeldrn gesäumt, auf denen schon gebückte Männer und Frauen arbeiten, wahrscheinlich schon lange, denn sie wissen im Gegensatz zu mir wie schnell es heiß wird, wenn hier erst mal die Sonne aufgeht. Ab und zu begegne ich jemandem, und langsam wird mir die heimische Begrüßungsgeste – rechts Hand übers Herz, dazu lächeln und „Namaste!“ sagen – zur gedankenlosen Gewohnheit.

Ansonsten ist es so wie daheim: Ab und zu fliegen Vögel auf, nur sind es hier keine Krähen wie im Englischen Garten sondern schneeweiße Ibise oder knallgrüne Papageien. Von einem Telefondraht mustert mich ein Fischreiher kritisch, schwirrt dann rasch davon und sein türkisfarbes Rückenkleid glänzt in der Sonne.

Zwei Buben kommen mir auf klapprigen Fahrrädern entgegen, auf denen sie mannshoh Büschel frischgerupften Grases balancieren. Ein anderer fordert mich zum Stehenbleiben auf und reicht mir eine Lotosblüte, von denen er einen Armvoll nach Hause trägt. Zwei seiner Freunde kommen hinzu. Ich biete an, sie im Gegenzug zu fotografieren. Ihre Zähne strahlen weiß aus ihren dunkelbraunen Gesichtern unter dem pechschwarzen Haar.

Es ist halb acht. Ich schnaufe wie eine alte Dampflok. Die luft scheint überhaupt keinen Sauerstoff zu besitzen. Ich erwische mich dabei, wie ich anfange, mir Ausreden fürs Aufhören zurecht zu legen, so wie beim Marathon nach 30, 35 Kilometern. Mein Kopf mag zwar schon in Indien sein, aber Herz und Lunge sind noich irgendwo unterwegs. Wie heißt eigentlich „Jetlag“ auf Indisch?

Nach 45 Minuten stehe ich wieder am Tor des Training Center, fix und fertig, total erschöpft. Der Schweiß rennt runter, als stünde ich unter der Dusche. Und ich schwöre mir: Ich werde in Indien noch vieles erleben und tun – aber bitte schön langsam…

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Ein Taxi kommt von nirgendwo

Anschluss an die Zukunf

Ein Taxi kommt von nirgendwo

Ein verarmtes indisches Dorf erlebt eine neue Blüte – dank Internet.

Jallikakinara ist ein indisches Dorf, wie man ihn sich vorstellt. Ein paar Hütten mit Grasdächern, eine staubige, ungeteerte  Dorfstraße, auf der  auf der Männer mannshohe Bündeln von Palmenstrünken auf dem Kopf tragen und spindeldürre Buben in Schuluniformen auf viel zu großen Fahrrädern balancieren. Im Dorfteich badet ein älterer Mann im dunkelbraunen Wasser, nebenan suhlt sich ein Wasserbüffel im Morast.

Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie fernab von unserer Zivilisation Jallikakinara wirklich liegt, muss man zuerst mit dem Flieger nach Hyderabad in Südindien fliegen, einer aufstrebenden, aber für einen Europäer völlig chaotisch wirkenden Stadt mit irgendwo zwischen offiziellen vier und inoffiziellen elf bis zwölf Millionen Einwohnern, das als die IT-Hochburg Indiens gilt. Dann muss man sich abends um acht in den Expresszug setzen und elf Stunden lang durch die Nacht fahren, zu sechst in einem Schlafabteil, das aus herunterklappbaren Holzpritischen mit dünnem Polsterbezug besteht und durch das zwischen drei und vier Uhr morgens eine Ratte frech hindurch marschiert, als gehöre ihr der Laden. Man muss die Sonne über endlose palmenbestandene Reisfelder aufgehen sehen und am Ende in einem gottverlassenen Nest namens Bhimavaram aussteigen. Dann muss man eine Stunde lang über Straßen und Feldwege fahren mit Schlaglöchern so groß wie ein Omnibus, muss Hühnern, Kleinkindern, suizidverdächtigen Motorradfahrern und geisteskranken Autorikschahfahrern ausweichen und am Ende im Schatten eines Drachenbaumes neben dem Gebäude aussteigen, auf dessen Stirnseite stolz das Schild mit der Aufschrift “GramIT” prangt.

Das unscheinbare, einstöckige Gebäude von GramIT ist weiß getüncht. Davor stehen vielleicht zwanzig Mopeds und ein paar Dutzend Fahrräder. Auf den Stufen, die zur Eingangstür hinaus führen, liegen haufenweise Schuhe und Sandalen. Betreten mit Schuhwerk verboten, signalisiert dieses Bild. Vielleicht irgendeine religiöse Einrichtung?

Fehlanzeige. “Gram” heißt Dorf auf Hindi, und IT heißt auf der ganzen Welt eben IT; Information Technology – Computer, Netzwerke, Bildschirme, Printer, Switsches, Router, schlaue Software und noch viel schlauere Menschen, die mit diesen Dingen umgehen können. Hightech, eben. Aber was sucht das alles hier in Jallikakinara?

Im Innern des Gebäudes sitzen 30 bis 40 Inder und Inderinnen vor PCs, die durch Sichtblenden etwas voneinander abgetrennt sind, und arbeiten. Man muss einem Inder bei der Arbeit zugeschaut haben um zu begreifen, was Konzentration ist. Sie starren gebannt auf die Bildschirme, tippen selbstverloren auf den Tastaturen oder telefonieren auf Hochtouren. Untereinander tauschen sie nur ein paar offensichtlich dienstlich motivierte Bemerkungen aus. Hier wird nicht gelacht oder sich entspannt zurückgelehnt. Hier trifft man sich nicht im Flur oder in der Kaffeeküche, um Bürotratsch auszuteilen. Hier wird gearbeitet. Kein Wunder, dass ihre Nachbarn die Indern oft nicht nur bewundernd als die “Preußen Asiens” bezeichnen.

Über den Arbeitstischen hängen Schilder, di seltsame Aufschriften tragen. “B Channel”, “Virtue Follow-up”, “CORCC”, “DRMG”. Über einer Gruppe hängt das Schild “Bad Bill Verification”, über einer anderen “Cab Booking”. Soll das vielleicht eine Taxizentrale sein? Aber wo sind hier die Taxis im zurückgebliebenen Kirshnadelta, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die Armut selbst für indische Verhältnisse übermächtig ist?

“Die Taxis fahren in Hyderabad oder Delhi, in Mumbai oder Bangalore”, lacht Mr. K.R.M. Srinivs, der Chef von GramIT in Jallikakinara. Sein kleiner Laden mit seinen rund 110 Mitarbeitern irgendwo im Nirgendwo ist ein perfektes Beispiel, wie Entwicklungshilfe heute funktionieren muss – nämlich als echte Hilfe zu Selbsthilfe. “Wir haben das Dorf ins 21ste Jahrhundert geholt und ihm neues Leben gegeben”, sagt er, und es ist ihm irgendwie ein bisschen peinlich, so etwas Pathetisches sagen zu müssen, wo er doch nur seinen Job tut, so wie seine Kollegen auch.

Ihr Job besteht darin, das so genannte “executive help desk system” eines Weltkonzerns, der IT Service Company Satyam mit ihrem Hauptquartier in Hyderabad und 40 mehr als 60.000 Ingenieure in aller Welt zu betreiben, jedenfalls einen Teil davon. Wenn in einem der sechs größten indischen Städte ein Satyam-Mitarbeiter eine Dienstreise machen muss oder ein Taxi rufen will, landet diese Anfrage in Jallikakinara. Dafür sorgt ein ausgeklügelter Workflow-Prozess, der seine Existenz dem globalen Internet verdankt. Die Anforderung geht vom Mitarbeiter zu dessen Vorgesetzten und dann in die Personalabteilung, wo sie digital abgezeichnet und genehmigt wird. Dann landet sie in der elektronischen Warteschlange eines Mitarbeiters von GramIT. Der ruft das Taxiunternehmen in der betreffenden Stadt an, mit dem Satyam eine entsprechende Vereinbarung hat, und bestellt ein Fahrzeug um die gewünschte Zeit an den verabredeten Ort. Die Rechnung des Taxifahrers landet, ebenfalls in digitaler Form, ein paar Tage später bei einem anderen Mitarbeiter in Jallikakinara, der sie prüft und zur Zahlung freigibt.

Srinivasa Raju ist noch nie in einem richtigen vierrädrigen Taxi gefahren, allenfalls in einem der dreirädrigen Motorrikschahs, liebevoll “WORT” genannt, die es gelegentlich sogar bis nach Jallikakinara schaffen. Er gibt am Tag aber einem guten Dutzend Taxifahrern in den Metropolen irgendwo weit im Westen Anweisungen. Er hat zehn Jahre Grund- und Hauptschule besucht, hat dann sogar noch fünf Jahre College in einer kleinen Stadt 20 Kilometer von zu Hause drangehängt, weil er “weiterkommen” will, wie er sagt. Aber wie? Von der kleinen Landparzelle seiner Familie, auf der er Reis anbaut, kann er nicht mit seiner jungen Frau und den zwei Töchtern leben. Er hat sich deshalb für einen freiwerden Jobs im GramIT beworben. 500 andere aus dem Dorf sind zum Bewerbungstest erschienen, er hat es geschafft. Heute verdient er 6.000 Rupies im Monat und arbeitet von zwei Uhr nachmittags bis zehn Uhr am Abend in einem Büro mit Klimaanlage. Das ist zehnmal so viel wie ein Bauer, der den ganzen Tag in der glutheißen Sonne schuftet. Und er kann Abends mit dem Mofa zu seiner Familie heimfahren, wo seine Frau mit dem Essen wartet.

“Ich könnte inzwischen auch nach Hyderabad gehen und würde vielleicht 15.000 Rupien verdienen”, sagt er, und man merkt, dass er lange über diese Frage nachgedacht hat. Er hat sich fürs Bleiben entschieden, denn er lebt gerne auf dem Dorf, es ist seine Heimat, seine Art zu leben. Die Stadt ist weit weg, ist voller Lärm und Abgase und er würde seine Familie nur noch alle paar Wochen sehen.

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Gedankenflug von Dubai nach Kiel

Es ist zwei Uhr morgens in Dubai, aber die Lichter im Flughafenterminal gehen niemals aus. Mir gegenüber in der Lounge übt eine junge Asiaten offenbar eine selbstersonnene Version von Tai Chi, die man im Sitzen ausführen kann. Im Food Court gibt es McDonald’s, Fast Food à la francais, arabische Pizza und Murg Massala. Die Kassiererinnen im Duty Free Shop stammen aus Korea, der Kellner im Restaurant ist Indonesier. Durch das weite Dach der Abfertigungshalle schwirren deutsche, englische, russische, japanische, chinesische und arabische Sprachfetzen.

Dies ist der erste einer losen Folge von Blog-Einträgen von einer Reise, die mich in ein indisches Dorf, in ein Dachgartenlokal mit Blick auf den Taj Mahal, ins Herz eines der größten IT Service-Unternehmen des Subkontinents und an die Stufen führen wird, die in Varanassi (das frühere Benares) zum Ganges hinunter führt und wo der Geruch verbrannter Leichen so allgtegenwärtig ist wie der von gebrannten Mandeln auf dem gerade stattfindenden Oktoberfest daheim in München.

Bevor ich abflog, hatte ich am Freitag noch etwas in Kiel zu erledigen: Dort feierte der Fachbereich Medienproduktion der Fachhochschule Zehnjähriges, und man veranstaltete zur Feier des Tages ein Symposium zum Thema „Hirn aus – Internet an?“. Ich habe dort über die unsägliche Titelgeschichte des „Spiegel“ („Macht das Internet doof?“) geredet und über den digitalen Generationenkonflikt. Marshall McLuhan sagt ja, die Medien, die wir konsumieren, prägen unser Medienverhalten; wer sich von Sendern berieseln lässt, wir zeitlebens ein passiver Konsument bleiben, wer mit Interaktion, Dialogmedien und Mitmach-Internet aufwächst, der macht auch sonst eher mit als das Leben einfach über sich ergehen zu lassen.

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