Wild Wild Web – ein Blick in die Vergangenheit offenbart die Zukunft

Wenn wir uns die junge Geschichte des Internets vor Augen führen wollen, ist es hilfreich, sich zuerst die Geschichte des amerikanischen „Wilden Westens“ ins Gedächtnis zu rufen. Damals wie heute wurde nämlich eine neue Welt erschlossen, und am Anfang herrschte das „Gesetz des Stärkeren“ – wenn es überhaupt Gesetze gab. Erst nach und nach wurde das Land besiedelt, kultiviert und am Ende zivilisiert (auch wenn man angesichts Donald Trump vielleicht bezweifeln könnte, ob dieser Prozess in meiner Heimat Amerika wirklich abgeschlossen ist …).

Aufbruch ins gelobte Land

Das Ganze ging allerdings viel schneller, als es den meisten von uns bewusst ist. Das, was wir als den Wilden Westen aus Filmen und Karl May-Romanen kennen, war nämlich nach gerade einmal 65 Jahre schon wieder zu Ende.

1803 brauchte Napoleon Geld, und so verkaufte er das ganze Mississippital bis zu den Rockies, zwei Millionen Quadratkilometer, für 15 Millionen Dollar an Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das war damals gar nicht so wenig: in heutigem Geld ungefähr 250 Millionen – aber immer noch der beste Immobiliendeal der Weltgeschichte.

Ein Jahr später wollte die US-Regierung herausfinden, was sie da eigentlich gekauft hatten, und sie schickten zwei Soldaten, den Armeekapitän Meriwether Lewis und seinen Freund Leutnant William Clark auf eine fast 12.000 Kilometer lange Reise an die Pazifikküste. Die 33 Expeditionsteilnehmer und ein Hund stapften mehr als zwei Jahre lang durch die Prärie, klettern über Berge und überquerten Flüsse, um sich ein Bild dieses riesigen Kontinents zu machen.

Man kann also guten Gewissens behaupten, dass der „Wilde Westen“, wie wir ihn kennen, 1804 begann. Und er war auch relativ schnell wieder vorbei: Am 10. Mai 1869 wurde der symbolische letzte Gleisnagel der ersten transkontinentalen Eisenbahn im Bundesstaat Utah eingeschlagen. Er war auch so etwas wie der Sargnagel einer Epoche. Drei Jahre später fand man es bereits für nötig, die letzten unberührten Reste des Wilden Westens unter Schutz zu stellen, indem man den Yellowstone Nationalpark schuf.

In dieser kurzen Zeitspanne, kaum ein Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte, steckt alles, was wir mit dem Wilden Westen in Verbindung bringen: bärtige Trapper und zähe Siedler, Zug- und Kutschenüberfälle, Indianerkriege und das Gemetzel der einst riesigen Büffelherden, die Expressreiter und die ersten Telegrafenleitungen.

1962 feierten die größten Regisseure ihrer Zeit, John Ford, Henry Hathaway, George Marshall und Richard Thorpe, in dem Monumentalfilm „The Wild Wild West“ an eine besondere Ära, die durch die Brille von Verkitschung und Verklärung längst zu einem Mythos geworden war (und beendeten übrigens damit gleichzeitig eine andere, nämlich die des epischen Hollywood-Historienfilms).

Werden wir eines Tages genauso auf die ersten Jahrzehnte des Internet zurückblicken? Und was wird daraus noch werden?

Denn wir wissen ja, was nach dem Wilden Westen kam: als Erstes die Farmer, die das Land rodeten und einzäunten (1867 erhielt Lucien B. Smith aus Ohio das Patent für Stacheldraht, was wahrscheinlich für die Erschließung des Westens eine wichtigere Rolle gespielt hat als die Erfindung des Colts). Es kamen die Händler und Saloon-Besitzer, die Sherifs und die Richter, die Schulen und die Kirchen, die Vermesser und die Grundbuchämter, die Eisenbahnen und Highways. Irgendwann war das Land „zivilisiert“ in dem Sinne, dass Recht und Ordnung herrschte, Wachstum und Wohlstand, Fortschritt und Vielfalt.

Das alles steht uns im Internet-Zeitalter erst noch bevor. Wir befinden uns heute ungefähr dort, wo die ersten Siedler standen, als sie aufbrachen ins Gelobte Land jenseits des großen Flusses. Uns steht die ganze mühsame Arbeit bevor, aus der Wildnis einen blühenden Garten zu machen. Aber dazu müssen wir zuerst einmal aufräumen, Ordnung schaffen, Gesetze erlassen und sie durchsetzen, Auswüchse beschneiden, die Bösewichte hinter Gittern bringen, die Räuberbarone in die Schranken weisen und das Land urbar lebenswert machen.

Das große Daten-Fressen

Das wird ein hartes Stück Arbeit werden, und die Chancen scheinen schlecht zu stehen. Zu mächtig sind die Gegenspieler, die Googles, Apples, Facebooks, Amazons und Ubers. Zu lax sind die Bestimmungen zum Schutz von Bürgern und Verbrauchern – oder sie fehlen ganz. Allen Beteuerungen zum Trotz ist das Internet immer noch ein weitgehend rechtsfreier Raum, und Günther Oettinger, der frühere „Digitalkommissar“ der EU, forderte mit Recht in einem Interview, das ich mit ihm führen durfte, ein „digitales BGB“, einen European Civil Code, der Ordnung schafft und zum Beispiel klärt, wem Daten überhaupt gehören.

Oettinger macht sich Sorgen wegen der Wirtschaft, weil beispielsweise bis heute unklar ist, wem die Daten einer CAD-Datei gehören, die ein Hersteller seinem Kunden schickt, der damit auf seinem eigenen 3D-Drucker das Ersatzteil ausdruckt, das er braucht, um seine kaputte Maschine wieder in Gang zu setzen. Oder wem gehören die Daten, die mein Auto erzeugt und die sich die Autohersteller ungeniert abzapfen, weil irgendwo im Dickicht ihrer AGBs drinsteht, dass sie das dürfen?

Große Internet-Konzerne und winzige Start-ups: Sie alle sind es gewohnt, sich an unseren Informationen zu bedienen, unseren Daten, unseren intimsten Geheimnissen und unseren innigsten Wunschträumen. Und natürlich ist das große Fressen für sie kostenlos!

Ohne Widerstand werden sie den Trog nicht räumen. Dazu haben sie einfach zu viel zu verlieren, und sie werden auch nicht kampflos weichen. Sie haben tiefe Taschen und mächtige Verbündete. Sie haben sich daran gewöhnt, unsere Daten zu stehlen und unsere Identitäten zu klauen, unsere Informationen zu vermarkten und uns anzufixen mit ihren Plattformen und Apps. Sie betrachten das inzwischen sogar als ihr gutes Recht – entschuldige, das hab‘ ich mir erlaubt.

Und das Schlimmste ist: Wir lassen es uns auch noch gefallen!

Der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter (1883-1950) lag richtig mit seiner Idee der „schöpferischen Zerstörung“: Kapitalismus war für ihn und seine Anhänger ja Unordnung, die fortwährend durch innovative Unternehmer und neue Ideen entsteht, wodurch alte Ideen auf den Müllhaufen der Geschichte landen. Diese Unordnung war für ihn die Ursache von Fortschritt und Wachstum.

Die Internetbranche liefert laufend Beispiele für solche kreative Unordnung. Nur läuft sie heute im Internet-Tempo ab. IBM und Apple in den 1980ern, Microsoft und Netscape in den 1990ern, die Big 4 im ersten und Alibaba, Uber und AirBnB im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert: Stets geht es darum, sich einen Vorteil auf Kosten der anderen und der Allgemeinheit zu verschaffen.

Es gibt eine deutliche Parallele zum sogenannten „Gilded Age“, das Blattgold-Zeitalter, wie es Mark Twain nannte. Damals, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, war der Wilde Westen gerade gezähmt, und die ersten großen Gierkapitalisten traten auf – die „Robber Barons“, die Räuberkapitalisten wie John D. Rockefeller, Cornelius Vanderbilt, Andrew Carnegie und J. Pierport Morgan. Sie bauten riesige Imperien und mächtige Monopole, und sie beuteten die Menschen skrupellos aus.

Die Menschen haben sich mit der Zeit aufgelehnt, haben gestreikt, Fabriken niedergebrannt, Soldaten bekämpft, die von den Räuberbaronen und ihren Freunden in den höchsten Spitzen der Politik gegen sie geschickt wurden.

Kann es diesen Widerstand gegen die Übermacht der Internet-Konzerne auch heute geben?

In München gingen im eiskalten Februar des Jahres 2012 mehr als 16.000 Menschen auf die Straße, um gegen Zensur zu demonstrieren. Auf Transparenten fordern sie „ACTA ad acta!“ und wollen damit verhindern, dass das von der EU unter Publikumsausschluss durchgewinkte Abkommen „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“ (ACTA), das auf Initiative der USA und Japans ausgehandelt worden war, in Deutschland in Kraft tritt.

Das Europäische Parlament lehnte ACTA schließlich am 4. Juli 2012 mit großer Mehrheit ab. Na also, es geht doch! Volkes Stimme, sag ich nur.

Der Widerstand wird immer stärker. Im Juni 2015 beteiligten sich in Frankreich mehr als 3.000 Taxifahrer an Protesten gegen Uber, dem Mitfahrdienst, dessen Börsenwert heute auf mehr als 60 Milliarden Dollar geschätzt wird. Die Droschkenfahrer blockierten Flughäfen und Bahnhöfe. Schwarzer Rauch stieg am Pariser Porte Maillot auf, nachdem Taxifahrer zwei Autos von Fahrdienstanbietern in Brand gesetzt hatten. Polizisten wurden verletzt.

Der Widerstand geht nicht immer vom Volk aus. Auch die Verwaltungen schlagen zurück, versuchen, Rechtstaatlichkeit auch im Internet durchzusetzen, manchmal mit rechtsstaatlich fraglichen Mitteln. Städte wie Berlin oder Barcelona gehen mit drakonischen Geldstrafen gegen AirBnB vor, dem mittlerweile größten Beherbergungsunternehmen der Welt. 100.000 Euro Geldstrafe sollen Berliner Wohnungsbesitzer bezahlen, wenn sie ihre Wohnung an Durchreisende vermieten statt an Berliner: Der Wohnraum in der Hauptstadt ist eben knapp!

Man kann ja dazu stehen, wie man will, aber brauchen wir wirklich ein Denunziantenportal, wie es der Berliner Senat eingerichtet hat und wo Berliner ihre Nachbarn anonym verpfeifen können, wenn sie den Verdacht haben, dass dort Wohnraum zweckentfremdet wird? Zumal einige führende Juristen das Zweckentfremdungsverbot in Berlin ohnehin für verfassungswidrig halten und die Methode, Nachbarn anonym anzuschwärzen, ziemlich stark nach Stasi-Vergangenheit riecht?

Ich denke nein. Es muss moralisch saubere, rechtsstaatliche Mittel geben, um Uber-Fahrer und AirBnB-Vermieter in die Legalität zu holen. Ja, der Rechtsstaat wird sich anpassen müssen. Wir brauchen zeitgemäße Regeln, damit das, was technisch möglich ist, auch verwaltungstechnisch abgebildet werden kann. Dumpfes Draufhauen ist keine Lösung. Hier sind Kreativität und Dialogfähigkeit gefragt! Wenn nicht, wird es über kurz oder lang immer wieder zu Krach und Krawallen kommen. Blockupy lässt grüßen!

Was hat das mit dem Wilden Westen und den Räuberbaronen des „Gilded Age“ zu tun? Eine ganze Menge! Irgendwann setzte sich nämlich in den USA die Vernunft durch: Theodore Roosevelt ging in die Geschichte ein als der „Trust Buster“, weil er 1902 mithilfe des Sherman Act 45 Monopolbetreiber erfolgreich vor Gericht zerrte. Es wurden Gesetze gegen Kinderarbeit und für Arbeitsschutz erlassen. Auf die Gilded Age folgte die Progressive Era – und das ist es, was wir heute brauchen – ein Progressive Era of the Internet.

Wir brauchen eine New Deal, eine klare Verantwortlichkeit derjenigen, die an diesem gigantischen Datenklau und der Datenschlamperei beteiligt sind. Da ja niemand wirklich verantwortlich ist, wird viel zu oft fahrlässig mit unseren Daten umgegangen, und sie fallen in die Hände von richtigen Kriminellen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand bei Twitter, Google oder Yahoo dafür büßen musste, als Millionen von Benutzerkonten gehackt wurden.

Historiker werden vielleicht einmal vom „Blattgold-Zeitalter des Internets“ sprechen, eine hektische Zeit ohne feste Regeln und ohne klare Aufsicht, die erst langsam von Regularien, vor allem aber vom Markt selbst in geordnete Bahnen gelenkt wurde. Eine Zeit, in der Männer wie Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Larry Page ähnliche Imperien schufen, wie einst ihre Vorfahren ein Jahrhundert zuvor, und die man nur mühsam einfangen konnte.

Uns kommt es vielleicht vor, als gäbe es das Internet schon ewig, aber in Wahrheit stehen wir noch ganz am Anfang. Heute werden die Claims abgesteckt. Es geht es um die Herrschaft über wichtige Schlüsselbranchen wie Video, Musik-Streaming, Navigation oder Cloud Services: Das sind einige der Bereiche, in denen der Kampf zwischen den Big Four oder Big Five, aber auch zwischen ihnen und uns ausgetragen werden wird. Die Karten werden noch gemischt, und es ist noch nicht endgültig klar, wer das Spiel gewinnen wird.

Aber eines ist sicher: Wenn wir so weitermachen wie bisher, bleiben wir im Wilden Westen stecken. Wir Bürger und Verbraucher werden unser Recht nicht nur einfordern müssen, wir müssen es einklagen – und notfalls sogar erstreiten. Der Weg in eine zivilisierte Online-Welt wird nicht ohne eine Revolution von unten abgehen.

Was wir brauchen, ist eine neue, eine digitale Souveränität. Und ich meine das im doppelten Sinn. Einmal bedeutet Souveränität ja Selbstbestimmung. Zum anderen beschreibt sie aber auch eine gewisse Gelassenheit, die aus dem Gefühl kommt, die Lage im Griff zu haben.

Ich möchte nicht im Wilden Westen leben wie meine Vorfahren, und Sie, geneigte Leser, wollen das das ja auch nicht. Ihn können wir uns ja jederzeit im Kino anschauen …

—————————————————————————————-


Darüber werde ich zur Eröffnung des Serview Summit BMPK24 reden, der größten Kongressmesse für IT-Best-Practice in Europa. Sie finet vom 15. bis 17. Mai 2024 im Lufthansa-Schulungszentrum Seeheim bei Frankfurt statt. Mit von der Partie: Truck Stop, Deutschlands beste Country-Band, mehr als 50 AUssteller und 1000 Teilnehmer. Yiiihaaa!

Dieser Beitrag wurde unter An American in Austria, An American in Germany, Digitale Aufklärung, Digitale Transformation, Wild Wild Web abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.