Herr, gib mir einen Titel!

 

Wer in Österreich etwas auf sich hält, trägt Titel. Die Wiener Toilettenfrauen sind berühmt dafür, dass sie jeden, der vors Urinal tritt, wahlweise mit „Herr Professor“ oder „Herr Hofrat“ anreden, je nach Höhe des Trinkgelds. Und wer in meiner neuen Wahlheimat nicht einen „Doktor“ vor dem Namen stehen hat,  schmückt sich wenigstens mit einem „Mag“ – oder, der Steigerungsfall, einem „Mag, Mag“. Das ist der so genannte „Doppelmag“, auch manchmal  „Big Mag“ genannt, was aber häufig peinliche Verwechslungen mit den Erzeugnissen einer bekannten schottischen Feinschmeckerkette auslöst.

Nur ich, ich hab‘ halt keinen. Mein „Associate in Arts“ von der University of Maryland ist im Grunde eine Art Schmalspur-Titel, den man nach zwei erfolgreich absolvierten Studienjahren als Trostpflaster bekommt, weil es zu einem richtigen „Bachelor of Arts“ nicht gelangt hat. Nun, ich musste damals während der Volontärsausbildung bei der Rhein-Neckar-Zeitung in Abendkursen nebenher studieren, und da war schon der „A.A.“ eine ziemliche Kärrnerarbeit. Und später, als mein Czyslansky-Freund Michael in aller Ruhe die Frankfurter Schule besuchen durfte, machte ich schon Karriere, oder versuchte es jedenfalls. Weiterlesen

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Das Wehklagen ist so alt wie Windows

Wie war er stolz, der gute Billy, als er damals im November 1983, 28 Jahre jung und immer noch pickelgesichtig, vor die in New York versammelte Weltpresse trat und den Start von „Windows 1.0“ verkündete. Statt wie bisher lange Befehlstexte (z.B. (Systemanfrage) $p (Pfad), $g (Pfeil >), $t (Zeit), $d (Datum), $h (Backspace), $_) direkt in die Kommandozeile hinter dem blinkenden „C:“ einzutippen, genügte jetzt ein Mausklick, um eine Datei zu öffnen oder zu kopieren, Verzeichnisse anzulegen, DOS-Programme oder einen Druckauftrag zu starten, beziehungsweise mit dem Systemprogramm „Terminal“ und einem Nullmodem-Kabel mit anderen Computern zu kommunizieren!

Und wie enttäuscht war Billy Boy, als die gesamte Fachpresse seine wunderbare neue Erfindung, an der er und seine Jungs drei Jahre lang gearbeitet hatten, in der Luft zerrissen. Leider war es nur dann möglich, wirklich sinnvoll ´mit Windows zu arbeiten, wenn man neben dem PC auch noch über Maus, Festplatte, Erweiterungsspeicher und Farbgrafikkarte verfügte. Die hatte damals kaum einer, und die Anschaffung war sündteuer. Das Ding lag also wie Blei im Regal, während alle (Computer-)Welt weiterhin fröhlich mit MS-DOS arbeitete. Weiterlesen

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Der Journalist als Auslaufmodell

Der Mensch im Zeitalter von Vernetzung und digitaler Beschleunigung hat mehr Information zu Verfügung als je zuvor – zu viel, wie Kulturpessimisten vom Schlage eines Frank Schirrmacher behaupten. Das Bild einer riesigen Tsunamiwelle aus Bits und Bytes, die uns alle zu überfluten droht, ist zum gängigen Klischee geworden, das vor allem von denjenigen beschworen wird, die bisher selbst gewohnt waren, an den Schleusentoren zu stehen und zu regulieren, welche Informationen letztlich bis zum “Konsumenten” der Information gelangten. Mit Floskeln wie “Qualitätsjournalismus” oder “Sorgfaltspflicht” haben die Nachrichten-Jäger und -Sammler selbst, vor allem aber diejenigen, die sie bezahlt haben – die Bosse in den Verlagen, Medienhäusern und Fernsehsendern – die angeblich so wichtige Funktion der Vorselektion und Interpretation der Ereignisse durch für eigens dafür ausgebildete und deshalb angeblich besonders kompetente “Informations-Profis” besungen. Wie die delphischen Orakel von einst sollen ihrer Meinung nach nur Eingeweihte in der Lage sein, aus dem wirren Geflecht von Fakten die allein seligmachende Wahrheit zu extrahieren, die sie dann bedeutungsschwanger auf den Leitartikelseiten oder mit sonorer Stimme in den “Tagesthemen” dem ungebildeten Volk verkünden. Weiterlesen

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In Memoriam Dr. Dietmar Flachsland (genannt „Flaxi“)

…

Flaxi (+21.1.2013)

Unser guter Freund und Skatbruder ist am 1. Februar in Kaiserslautern zur letzten Ruhe gebettet worden. Fritz Bräuninger („mei Frainderl“) hat die Trauerrede gehalten- Sie bringt viel besser das zum Ausdruck, was wir alle empfunden haben, als ich es je könnte. Ich zitiere sie deshalb hier im Wortlaut:

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Poetic thought for the day

To learn the age-old lesson day by day:

It is not in the bright arrival planned,

But in the dreams you dream along the way,

You find the Golden Road to Samarkand.

James Elroy Flecker

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Der Rekord-Kicker, der vom Football keine Ahnung hat

Havard Rugland war fad. Der Norweger kickte früher als Stürmer in einer Lokalmannschaft, die sich mangels sportlicher Erfolge irgendwann auflöste. Dann sah Havard ein Video vom Super Bowl, der „Weltmeisterschaft“ im American Football. Und ihm fiel auf, dass immer wieder so ein vergleichsweise schlacksiger Typ aufs Feld kam und den Ball tatsächlich mit dem Fuß traf, nämlich beim Anstoß und bei den so genannten „Field Goals“, die es nach einem Touchdown dazu gibt, wenn der Spieler den Ball aus etwa 40 Metern Entfernung zwischen die Torstangen tritt.

Havard hat einen ziemlichen Bumms, und er hat es deshalb auch mal mit diesem komischen länglichen Ball versucht, der früher aus Schweinsleder genäht wurde und deshalb „Pigskin“ heisst. Und siehe da, es war für ihn relativ leicht, den Trick nachzumachen. Er hat den Ball deshalb etwas weiter weg gestellt, zuerst 50, dann 60 Meter. Und auch da ging der Ball auffallend häufig ins Ziel. Er schaute bei Google nach und entdeckte zu seinem Erstaunen, dass der Rekord in der amerikanischen Profiliga bei nur 63 yards liegt, also umgerechnet 57,6072 Metern. „Das ist ja easy“, meinte er. Und fing zum Spaß an, allerlei Trick-Kicks auszupronieren. Zum Beispiel aus 40 Metern in ein Basketballkorb. Oder direkt in die Arme eines Freundes, der im offenen Schiebedach eines fahrenden Autos stand.

Das alles hat er, ebenfalls nur so zum Spaß, per Video festgehalten und auf YouTube gestellt. Und dort haben es inzwischen mehr als 500.000 Leute angeschaut – darunter auch Trainer von Profimannschaften in den USA. Bei den New York Jets hat er bereits ein Probetraining absolviert. Obwohl er vorher noch nie in seinem Leben bei einem „richtigen“ Fußballspiel (jedenfalls nach amerikanischer Lesart) dabei war, geweige denn mitspielen durfte.

Warten wir ab: Vielleicht ist Havard beim nächsten Super Bowl selbst dabei – und zwar auf dem Spielfeld.

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Abschied vom Nomadentum

Im „Nomad Café“ in Oakland sitzen vorwiegend Studenten mit Blackberrys oder iPods, Laptops oder MacBooks herum und nutzen das Wireless LAN, um sich für die Vorlesungen vorzubereiten, um E-Mails zu ziehen, sich mit Freunden zu verabreden oder einfach nur die Zeit tot zu schlagen. Wenn sie mit Kreditkarte bezahlen, steht am Monatsende laufend das Wort „Nomad“ auf der Abrechnung.

Als Christopher Waters das Nomad Café 2003 eröffnete waren Wi-Fi “Hotspots” etwas ganz Neues. Sein Lokal sollte ein „Wasserloch für Techno-Beduine“ sein. Eine interessante Wortwahl: Beduine sind Stammesangehörige, Mitglieder einer eng verflochtenen Sozialgemeinschaft. Waters hat das offenbar gewusst, denn er hat seinen nomadisierenden Gästen nicht nur Internet-Anschluss geboten, sondern eine Art Oase, ein Ort, an dem sich die Wege kreuzen, ein Orientierungspunkt in der Wüste ebenso wie in der Bay Area.

Das Wort „Urban Nomadism“ wird schon lange in Zusammenhang mit der Veränderung moderner Kommunikationsgewohnheiten verwendet. In den 60ern and 70ern verwendete der Medienwissenschaftler Herbert Marshall McLuhan das Wort um eine Zukunft zu beschreiben, in der Menschen rastlos von einem Ort zum anderen wandern, ihre ganzen Habseligkeiten stets bei sich führend, ein Leben auf den Straßen und Highways, eine Welt, in der niemand mehr ein Zuhause besitzt.

In den 80ern verwendete der französische Ökonom Jacques Attali, ein Berater François Mitterrands, den Ausdruck, um eine Zukunft zu beschreiben, in der eine reiche und entwurzelte Elite ewig im Jetset-Tempo um den Globus hetzt auf der Suche nach Spaß oder Chancen, und in der die arme und ebenso entwurzelte Arbeiterschaft stets auf Jobsuche umher irrt.

In den 90ern schrieben Tsugio Makimoto und David Manners das erste Buch, das den Begriff „digital Nomad“ im Titel trug. Ihnen ging es darum, die Auswirkungen der sich abzeichnenden Vielzahl von unterschiedlichen „gadgets“ und Geräten aufzuzeigen, mit denen die Menschen in Zukunft kommunizieren würden. Der Computer, so ihre Voraussage, werde auf die Größe eines Taschenrechner schrumpfen, die Menschen würden „always online“ sein und überall wo sie gerade gehen und stehen surfen, mailen, chatten und natürlich auch telefonieren.

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Das Ende der Arbeit

Amerika hat im Vergleich zu Deutschland ein echtes Jobproblem: Die Arbeitslosigkeit liegt beharrlich um die acht Prozent, und alle fragen sich, wann der Jobmotor endlich anspringen und das große Land auf Kurs in Richtung Vollbeschäftigung bringen wird.

Die Antwort ist: Wahrscheinlich nie. Denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat sich still und leise ein Trend etabliert, der eines Tages wahrscheinlich auch unser Land erfassen wird: Die so genannte „Agent Economy“.

In einer solchen Agentenwirtschaft ist jeder sein eigener Arbeitgeber. Junge Startups wollen sich nicht mit teuren Angestellten belasten und beschäftigen deshalb lieber Leute auf Zeit oder gegen Honorar für ganz bestimmte Aufgaben. Und die jungen Leute, die solche Arbeit machen, finden das auch ganz gut, denn es gibt ihnen die Freiheit, ihre Arbeitszeit selbst einzuteilen oder nebenbei an der Gründung einer eigenen kleinen Firma zu basteln. Denn in Amerika ist der Gründergeist wieder mit Hochdruck unterwegs – anders als bei uns, wo die Zahl der Firmenneugründungen seit Jahren rückläufig ist. Das gilt vor allem für Kleinunternehmen, wo  laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Neugründungen im ersten Halbjahr 2012 um 14,2 Prozent zurückging.

Ich denke, da muss sich in Deutschland noch was drehen, denn sonst verlieren wir womöglich den Anschluss an die Zukunft der Arbeit, vor allem aber der Wissensarbeit. Weiterlesen

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Die Entdeckung der Langsamkeit

Der Politik in Deutschland geht alles viel zu schnell, und sie will deshalb die Bremse ziehen beim so genannten „Superfast Trading“. Und weil die Eurokraten in Brüssel zu langsam sind, will die Bundesregierung Gas geben und ganz schnell dafür sorgen, dass der Hochfrequenzhandel von der deutschen Börsenaufsicht besser überwacht wird.

Zur Erinnerung: Mit Hilfe von Hochfrequenzhandelssystemen können Aktien heute binnen Sekundenbruchteile gekauft und verkauft werden, um minimale Kursdifferenzen zu nutzen. An der Wall Street in Amerika klinken sich findige Händler gegen Geld direkt in den Datenstrom ein zwischen den Computersystemen, mit denen die Kurse errechnet werden, und den Bildschirmen im Börsensaal, an denen sie dargestellt werden. Das sind nur ein paar Nanosekunden,  aber das genügt, jedenfalls wenn man selbst superschnelle Handelscomputer besitzt.

In Amerika würde man „Flash Trading“, wie es drüben heißt, am liebsten ganz verbieten, weil es für viele eine Form des illegalen Insider-Handels ist. In Deutschland glaubt man aber offenbar, dass die Börsenaufsicht schnell genug ist, um das Ganze zu überwachen. Finde ich irgendwie putzig, den Gedanken, aber Gott möge ihnen ihren kindlichen Glauben ruhig noch eine Weile erhalten. Weiterlesen

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Maulkörbe im Cyberspace

Einmal zu oft geliked

Im Internet kann jeder seine Meinung sagen, richtig? Falsch: In China kommste dafür in den Bau, in Russland ins Arbeitslager. Aber wenigstens in den demokratisch regierten Ländern, da stimmt es doch, richtig? Nochmal falsch: Da kann es sogar sein, dass man für Dinge, die man online sagt, bestraft wird, über die sich im richtigen Leben kein Mensch aufregen würde.

Nehmen wir doch mal Indien, das sich stolz als die „größte Demokratie der Welt“ bezeichnet. In Mumbai sind, wie die New York Times berichtet, zwei junge Frauen wegen eines Facebook-Eintrags von der Polizei abgeholt und eingelocht worden. Nein, sie haben nicht zum Sturz der Regierung aufgerufen oder Anleitungen zum Bombenbasteln veröffentlicht. Sie haben sich nur darüber echauffiert, dass in ihrer Heimatstadt Mumbai das ganze Geschäftsleben zum Erliegen gekommen ist, weil ein greiser Politiker namens Bal Thackeray verstorben war.

Das Blöde ist nur: Der Mann war Chef einer als politische Partei getarnten Schieberbande, die sich „Shiv Sena“ („Krieger Shivas“) nennen und die wie eine Art Mafia über Mumbai herrscht.  Weiterlesen

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