Gehen wie Hans

Ich gebe zu: Ich habe Angst vor dem Sterben. Diese Furcht teile ich mit vielen Menschen, aber nicht mit seinem Freund Hans.

Ich habe ihn heute in im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Nymphenburg in seinem schönen, hellen Zimmer im Sterbehospiz besucht. Die Möbel sind aus warmem Holz, vorm Fenster klettert ein Eichhörnchen emsig den Baum rauf und runter, und Hans freut sich darüber wie ein kleines Kind. Er ist ganz klein geworden, seitdem der Krebs an seinem Körper nagt. Die drei Chemotherapien haben ihn zusätzlich ausgemergelt, aber aus seinem schmalen Kopf zwischen den eingefallenen Wangen blitzen zwei wache Augen, die vor Lebensfreude funkeln.

Er ließt gerade den schwedischen Krimiautoren Stieg Larrson. „Nein, ich lese ihn nicht – ich habe ihn verschlungen“, sagte er mir. [Mehr …]

Ich habe ihm einen Bartschneider gebracht, weil er immer noch ein bisschen eitel ist und das Leben gerne gepflegt zu Ende bringen will. Als ich ins Zimmer kam, hörte er gerade einen gregorianischen Cantus-Chor, aber irgendwie klang es gar nicht traurig, nur erhaben.

Hans hat jahrelang den „tazblog“ geschrieben, aber damit hat er Schluss gemacht. E-Mails will er nicht mehr lesen, er will auch keinen Computer haben. Er sei mit anderen Dingen beschäftigt, sagt er, aber es klingt nicht resignierend, sondern ganz vernünftig, so wie er es sagt. Sein Netzwerk ist ganz, ganz klein geworden, und es besteht aus Menschen, die ihn lieben und die er liebt. Er erzählt voller Begeisterung von dem Pater und den Schwestern, die ihn pflegen. „Man lernt hier so interessante neue Menschen kennen“, sagt er lachend.

Er will keine vierte Chemo, weil er nicht glaubt, dass er das überlebt. Wenn er sie nicht macht, hat er auch keine Chance mehr, aber das stört ihn nicht.

In „Cabaret“ singt Liza Minelli von einer Freundin namens Elsie, mit der sie „assorted rooms in Chelsea“ geteilt hat und die mit einem Lied auf den Lippen starb. „When I go, I’m goin‘ like Elsie“, singt sie. Ich möchte wie Hans gehen.

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WikiLeaks? Ein alter Hut!

Man vergisst leicht vor lauter Aufregung über WikiLeaks und den wohl endgültigen Verlust der staatlichen Datenhoheit, dass dies keineswegs ein Problem ist, das erst durch Internet und Digitalität entstanden ist. Lecks im Apparat gab es schon immer, und den auf diese Weise bloßgestellten Machthabern war der ungewollte Abfluss an Informationen immer schon ein Dorn in der Seite.

Am Vorabend der Schlacht von Antietam im Jahr 1862, dem bis heute blutigsten Tag in der amerikanischen Militärgeschichte (doppelt so viele Verluste wie bei der Normandielandung 1944), fand ein Nordstaatensoldat drei Zigarren, die ein Südstaatenoffizier verloren hatte. Leider waren sie in einem Papier eingewickelt, dass die Schlachtpläne von General Lee enthielt.  10.700 Konförderierte starben.

Schaut man sich die großen Enthüllungsfälle aus jüngerer Zeit an, so fällt ebenfalls auf, dass  keineswegs die Technik schuld gewesen ist. Die 7.000 Blätterm die Daniel Ellsberg 1971 der New York Times übergab und die bewiesen, dass die US-Regierung das Volk in Sachen Vietnamkrieg belogen hatte, kamen mit der Post. Mark Felt, alias „Deep Throat“, diktierte seine Enthüllungen den Reportern der Wachington Post ins (analoge) Tonbandgerät – Nixon musste abdanken. Und Jeff Wigand benütze das Telefon, um Reportern der Nachrichtensendung „60 Minutes“ Internas über die Vertuschung von Gesundheitsrisiken durch die Zigarettenhersteller zu erzählen – was zu „Tobaccogate“ und Schadensersatzzahlungen von fast 370 Milliraden Dollar führte.

Aber es stimmt schon: Mit Hilfe der Digitaltechnik ist die Sache leichter geworden. Als der Feldwebel Joe Darby 2004 Bilder von den Gefangenmisshandlungen in Abu Ghraib in die Hand bekam, brauchte er nur ein paar Minuten, um sie auf eine CD zu ziehen und diese an die Presse zu senden.

Man sollte also meinen, dass die Politiker und Beamte vorgewarnt seien. Aber wie WikiLeaks zeigt, ist das nicht der Fall. Dabei wär es mit Hilfe von modernen Information Rights Management mühelos möglich, die Sichtbarkeit von Informationen einschränken, beispielsweise zeitlich oder sogar geografisch unter Verwendung der modernen Ortungssysteme. Man kann – je nach Unterstützung durch die Anwendungen – Dokumente auch teilweise editierbar machen, manche Passagen wären dann nicht veränderbar. IRM ist die Steigerungsform von DRM, oder Digital Rights Managment, das heutzutage auf jeder besseren DVD drauf ist und das sich auch von jedem besseren Hacker problemlos überwinden lässt. IRM ist schon ein Tick schwieriger zu knacken, aber wenigstens sind die Datenb nicht völlig offen und ungeschützt, wie die Dilpomatenpost, die WikiLeaks zugespielt wurde.

Das ist alles vorhanden – nur verwenden es unsere Diplomaten nicht. Selber schuld, kann ich nur sagen.

Aber vielleicht ist es ohnehin besser, stets das Schlimmste anzunehmen. Mein Freund Kim Cameron von Microsoft (der Autor der „7 Laws of Identity“) hat einmal etwas formuliert, was ich als „Cameron’s Law of IT Security“ bezeichnet habe, nämlich: “Sensitive data will be leaked.”

Wenn wir das wissen und davon ausgehen, dass ohnehin alles irgendwann einmal rauskommt, dann lebt es sich doch völlig sorgenfrei, frei nach Wilhelm Busch: „Ist der Ruf erst ruinierte, lebt sich’s gänzlich ungeniert.“

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WikiLeaks und das Ende der Privatheit

Ich könnt mich derzeit kugeln vor Lachen über die Kommentare der Fernsehsender und Tageszeitungen zum Thema WikiLeaks. Die eine Hälfte glaubt, mit entsprechenden Gesetzen ließe sich das Leck stopfen, die anderen murmeln moralinsauer daher über Vertrauensverlust und Geheimnisverrat.

Kapiert hat offenbar keiner, was hier vorgeht: Es ist das Ende der Privatheit! Eigentlich ist das schon lange klar: In einer total vernetzten Welt gibt es keine Geheimnisse mehr. Ein Herrschaftssystem, das auf Geheimniskrämerei aufbaut, ist zum Tode verurteilt! „Information wants to be free“, haben die Urväter der Internet-Revolution gerufen. Man hat sie falsch verstanden. „Free“ heißt zwar auch „umsonst“ – es heißt aber auch „frei“.

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Old Dog, New Tricks

At my time in life, you sort of become settled into old, comfortable habits, and that’s okay. However, moving from Munich to Boston to set up our new US office has shaken a few things up. And as if that wasn’t enough, I flew out to the Bay Area a couple of days later to attend IIW ’11, which the organizers, Kaliya Hamling (a.k.a. “identitywoman”), Phil Windley and Doc Searls put on at the Museum of Computer History righ around from NASA’s Ames Research Lab at Moffet Field  in Mountain View – and boy did that give me a dose of culture shock. I mean, we at KuppingerCole have quite some experience putting on an event like the European Identity Conference, and so I know how much backbreaking labor and painstaking detail needs to go into creating, among other things, a three-day conference program.

Only it doesn’t.

It took the assembled hundred or so hard-core members of the Identity Gang about 20 minutes to assemble a complete, gilt-edged program covering just about all the really hot topics in the identity space today, and they did so by simply standing up, saying what they wanted to discuss, and going over and hanging a sign on an “agenda wall” telling people when and where to meet.

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Nicht ohne mein Facebook!

Überraschung! Die Digital Natives wollen nicht ohne Facebook & Co. sein! Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage des Düsseldorfer Systemintegrators Damovo unter Studenten. Gut die Studenten stammten aus München, wo die Uhren vielleicht etwas anders ticken. Und es waren auch nur 200 von ihnen, die geantwortet haben. Aber wir müssen ja froh sein, endlich mal statistische Unterstützung für unser Bauchgefühl zu bekommen, die uns sagt, dass Kids anders kommunizieren als alte Säcke, und dass sie das auch im Berufsleben tun wollen (oder wollen werden, wenn sie erst mal… – na, Sie verstehen schon, was ich meine).

Das CIO-Magazin zitierte am 19. Oktober folgendermaßen aus der Studie: „Demnach erwarten 71 Prozent der Befragten, dass ihnen im Job die gleichen Tools zur Verfügung stehen, die sie auch privat nutzen. Im Einzelnen heißt das: 44 Prozent der jungen Leute wollen nicht auf Facebook verzichten. Für 36 Prozent gehört auch Skype zum Alltag. Elf Prozent halten Xing für unabdingbar. Danach dünnt es aus: Auf Twitter wollen sechs Prozent nicht verzichten, auf die Lokalisten fünf Prozent und auf StudiVZ vier Prozent.“

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Kindepornos und Hundekämpfe: Wie sich die Bilder gleichen

Seltsamerweise liest man in deutschen Zeitungen und Blogs so gar nichts über ein Thema, das in Amerika gerade für Furore sorgt, und dass auch in Deutschland Relevanz hat angesichts der Diskussion um Internet-Sperren für Kinderpornos.

Gut, es geht vordergründig um ein ganz anderes Thema, nämlich um Videos von Hundekämpfen, aber das Prinzip ist das gleiche.

Das oberste Gericht der USA verhandelt gerade unter reger Anteilnahme der Öffentlichkeit den Fall eines gewissen Robert J. Stevens aus Virginia, der solche Filme unter dem Titel “Pit Bull Training” übers Internet verkauft hat, worauf es natürlich ein paar besonders brutale Szenen auf YouTube geschafft haben. Der Kerl wurde daraufhin von Tierschützern angezeigt und aufgrund eines Bundesgesetzes aus dem Jahr 1999, das die Abbildung von Tierquälerei verbietet, verurteilt. Er ging in die Berufung und wurde freigesprochen, weil er sich auf die Meinungsfreiheit berief.

Und nun müssen die Damen und Herren in den langen Roben entscheiden, ob Stevens ins Gefängnis muss oder nicht. Und sie tun sich mit der Entscheidung sehr, sehr schwer. Das Argument der Tierschützer ist, dass solche Filme zur Nachahmung anstiften. Stevens Anwalt bestreitet das und verweist auf ähnliche Filme, die von Tierschützern gedreht  worden sind und die teilweise noch viel grausamere Szenen enthalten.  Außerdem habe Stevens seine Filmszenen teilweise aus Ländern bezogen, in denen Hundekämpfe legal oder zumindest nicht ausdrücklich verboten seien, wie Japan oder Russland.

Richter Samuel A. Alito hat gestern in der Verhandlung eine, wie ich finde, sehr interessante Frage in diesem Zusammenhang gestellt, nämlich die, ob man in Amerika einen “Menschenopfer-Kanal” verbieten müsste, wenn es einen solchen gäbe. Angenommen, so Alito, irgendwo auf der Welt sei es Sitte, Menschen bei lebendigem Leibe das Herz heraus zu schneiden und es dem Sonnengott zu opfern (wie jahrhundertelang in Mexiko üblich), und jemand würde darüber Filme drehen? Würden sich die Leute das anschauen. Klar würden sie es! Sei würden sogar dafür bezahlen, und einer könnte ja auf die Idee kommen, einen Bezahlsender aufzumachen, auf dem solche Streifen ausgestrahlt werden. Dürfte man das verbieten? Aus den Mienen der Richter war abzulesen, das ihre Antwort vermutlich “nein” gelautet hätte. Und selbst der Anklagevertreter sah sich genötigt zuzugeben, dass die Verfassung ein solches Verbot nur dann rechtfertigen würde, wenn solche Filme nachweislich zur Nachahmung anstiften würden.

Nicht, dass ich hier Hundekämpfe verherrlichen will. Ich finde die Bilder genauso widerlich wie Sie. Der ganze Streit dreht sich aber letztlich um die Frage, ob der Staat das Recht hat, Abbildungen (eine Form von Meinungsausdruck) zu verbieten, nur weil sie von einigen (oder sogar von sehr vielen) als anstößig empfunden werden. Oder muss nicht zuerst der Kausalzusammenhang mit tatsächlichem Rechtsbruch (Tierquälerei, Kindermissbrauch, etc.) nachgewiesen werden?

So lange die Bilder sozusagen für sich stehen, also niemandem unmittelbar weh tun oder ihm sonstigen konkreten Schaden zufügen, darf man sie nahc vorherrschendem Rechtsverständnis in den USA nicht verbieten. Alles andere wäre Paternalismus, also der staatlich verbordenete Schutz des Einzelnen vor sich selbst. Und das kann nicht Aufgabe eines liberalen Rechtsstaats sein.

Auf Zensurula und der Stoppschilder im deutschen Internet übertragen hiesse das, solche Sperren wären nur dann legal, wenn dadurch nachweislich die Vergewaltigung von Minderjährigen unterbunden würde. Was aber Blödsinn ist, denn erstens liegen die Taten naturgemäß in der Vergangenheit, ein Bilderverbot würde sie nicht ungeschehen machen. Und zweitens ist die gottseidank Ex-Familienministerin bislang den Beweis für ihre Behauptung schuldig geblieben, Kinderpornos würden die Betrachter zu Päderasten machen. Das ist Blödsinn, wie seriöse Studien u.a. des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD)  des Kantons Zürich bewiesen haben. Man kann sogar im Gegenteil argumentieren, die Sperre schütze die Kinderschänder, denn sie erschwert die Fahndungsarbeit der Polizei. Frau von der Layen und alle, die mit ihr gestimmt haben, haben sich damit sozusagen zu Mittätern künftiger Kindervergewaltigungen gemacht. Ob sie sich ihrer Schuld bewußt sind? Wohl kaum.

Ich finde es bedenklich, und für das Demokratieverständnis in Deutschland bezeichnend, dass ein so tiefer Eingriff in die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit, von der Freiheit des Internet gar nicht erst zu reden, mehr oder weniger Widerspruchslos (389 Ja- zu 128 Nein-Stimmen im Bundestag) geduldet wird. Vielleicht sollten wir uns Amerika mal wieder zum Vorbild nehmen. Wir in den demokratischen Ländern haben Jahrhunderte gebraucht, um den Machthabern gewisse Grundrechte abzutrotzen wie die der Freiheit, das zu sagen und abzubilden, was wir wollen.

Andererseits: Die Bundestagswahl ist ja nun gelaufen. Wäre es nicht an der Zeit, ans Aufräumen zu gehen? Und beispielsweise das aus kurzsichtig populistischen Motiven heraus eingeführte Unrechtsprinzip der Internet-Sperren dorthin zu befördern, wohin es gehört: in den Mülleimer der Geschichte!

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Hut ab, Herr Maizière!

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat sich bisher in der Debatte um die Zukunft der digitalen Gesellschaft eher seltener zu Wort gemeldet. Schade, denn was er sagt, hat Hand und Fuß. Hier ein paar Kostproben:

Recht & Internet: „Ein Teil  der Internetcommunity meint, dass das Internet so neu ist, dass ganz andere – am besten gar keine – Regeln gelten. Dem muss ich als IT-Minister klar widersprechen: Alle Gesetze, die wir als Staat schützen, gelten auch im Internet. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“

Ja, aber zwischen Recht haben und Recht bekommen klaffen nicht nur im Internet bekanntlich Welten.

Datensicherheit: „Wenn das Internet eine kritische Infrastruktur für das Zusammenleben unserer Gesellschaft ist, wie Strom, Wasser oder Straßen, dann gibt es eine Grundverantwortung des Staates für die Datensicherheit.“

Sein Parteifreund Helmut Kohl hat einst die Verantwortung für die Datenautobahn auf das Verkehrsministerium abgewälzt. Wer sagt, Politiker seien nicht lernfähig?

Persönlichkeitsrecht: „Es gibt eine Hemmschwelle in der persönlichen Begegnung, die im Internet gesenkt ist. Da kann der Staat nur teilweise gegensteuern.“

Kann sie nicht, sollte sie auch nicht.

Google StreetView: „Es geht nicht darum, Fassaden und Plätze zu schützen, sondern den Menschen und seine Persönlichkeit. Eine Fassade ist etwas Öffentliches, Plätze sind touristische Attraktionen. Das Urheberrecht kennt die sogenannte Straßenbildfreiheit seit mehr als 100 Jahren.“

Sonst müssen in Zukunft auf den Gemälden Canalettos womöglich einige Dogenpaläste in Venedig übermalt werden.

Geodienste: „Wer sich keine Gardinen kauft, der muss in Kauf nehmen, dass mehr in sein Zimmer geguckt wird. Wer mit Twitter seine stündlichen Bewegungen der Öffentlichkeit mitteilt, kann nicht erwarten, dass der Staat ihn vor der Erstellung von privaten Bewegungsprofilen schützt.“

Im Prinzip richtig, aber was ist mit denjenigen, die nicht stündlich Twittern?

Digitaler Radiergummi: „Vergessen zu können und zu dürfen ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Wir haben im Strafregister Löschungsfristen. Auskunftsansprüche gegenüber Unternehmen sind mir sehr wichtig. Und dann muss es auch den Anspruch geben, dass das, was es gibt, auch gelöscht wird, wenn man das will.“

Ja, aber bitte etwas konkreter!

Kinderporno: „Weder das Löschen noch das Sperren ist Kriminalitätsbekämpfung. Ich arbeite deshalb an einem Aktionsprogramm zur Bekämpfung von Kinderpornografie. Dazu gehört es, die Täter aufzuspüren. Ich meine auch, dass wir andere Regeln haben müssen für die verdeckte Ermittlungen in die Szene hinein. Wenn man erst pornografisches Material abrufen oder zur Verfügung stellen muss, um in eine Szene hereinzukommen, stellt sich die Frage, ob wir das nicht für die ermittelnden Beamten straffrei stellen müssen.“

Die Erkenntnis kommt leider für den armen Jörg Tausch zu spät, aber wenigstens eine ordentliche Watschn für die Kabinettskollegin Zensurula.

Insgamt erfrischend andere Töne aus Berlin. Hoffentlich kann er sich auch bei seinen Politikerkollegen damit durchsetzen. Zweifel sind angebracht.

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Ist Rassismus demokratiefähig?

Zur Causa Sarrazin ist eigentlich alles gesagt worden in den letzten Tagen. Dass der Mann ein Rassist ist, weiß nun jeder. Wahrscheinlich empfindet er das  sogar als Auszeichnung. Man könnte also eigentlich zur Tagesordnung übergehen und hoffen, dass die ganze Aufregung ebenso schnell wieder abklingt wie die um das Buch seines geistigen Verwandten Frank Schirrmacher, der ihn in der FAZ am Sonntag als „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“ in Schutz nimmt. Nun, FS weiß, wovon er redet. Allenfalls wird er sich darüber ärgern, dass jemand anderer ihm diesen Ruf streitig macht.

Die Diskussion um Dinge wie das „Juden-Gen“ und die angeborene Dummheit gewisser Migrantengruppen schlägt jedoch in dem Aufsatz von Thomas Steinfeld in der heutigen Ausgabe der „Süddeutschen“ auf einmal ins Nachhaltige um, wenn dieser den Begriff des „demokratischen Rassismus“ einführt und schreibt:

„Es ist unangenehm, ja sogar peinlich, sich Rechenschaft abzulegen darüber, dass es einen demokratischen Rassismus gibt. Aber es gibt ihn, in allen Parteien, in weiten Teilen der Bevölkerung, überall, wo überhaupt die Vorstellung einer natürlichen Staatsangehörigkeit auftaucht. Und es mag schädlicher sein, diesem Ressentiment nur verhohlen nachzugeben, als es offen auszusprechen.“
Denn damit hat er etwas unter dem Teppich hervorgekehrt, dass sonst stets unausgesprochen bleibt: Was ist, wenn die Rassisten in einem Land keine gesellschaftliche Randgruppe, sondern eine heimliche Mehrheit sind? Oder anders gefragt: Kann man gleichzeitig Rassist und Demokrat sein?

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Verdrängen verboten

Traue bekanntlich keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Oder zumindest selbst ausgelegt. Diese alte Weisheit fiel mir wieder ein bei der Lektüre der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010, deren Ergebnis HR-Intendant Helmut Reitze, stellvertretender Vorsitzender der ARD/ZDF-Medienkommission, so zusammenfasste: „Sie zeigt, dass es keinen Verdrängungswettbewerb zwischen Fernsehen und Hörfunk einerseits und Internet andererseits gibt.“

Das ist erstens nur die halbe Wahrheit: Während die Fernsehnutzung, ausgedrückt in durchschnittlicher Nutzungsdauer pro Woche in Stunden, in den letzten 10 Jahren um 20 Prozent zuleget hat, hat das gute alte Dampfradio 10 Prozent verloren. Wer hier wen substituiert hat, bleibt offen.

Zweitens hat das Internet im gleichen Zeitraum um satte 453 Prozent zugelegt. Inzwischen verbringt der Durchschnittsdeutsche jede Woche sage und schreibe 77 Stunden vor dem Bildschirm. Wie es weitergehen wird, ist klar: Bleibt es bei diesen oder ähnlichen Wachstumsraten, dann werden wir alle in zehn Jahren rund um die Uhr vor dem PC (oder was auch immer für ein Gerät wir bis dahin verwenden, um online zu gehen) hocken. Für Fernsehen und Radio wird da gar keine Zeit mehr bleiben.

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A Right to Forget?

The Internet, like an elephant, never forgets. Unfortunately, it also never forgives, as witnessed by the case of Stacy Snyder, a 25 year-old former student at Millersville University School of Education in Pennsylvania, who wanted to become a teacher. Until the day she went to a party and had her picture taken drinking from a plastic beaker and wearing a pirate hat. The picture found its way onto MySpace, where it was seen by a professor who thought it decidedly unfunny. In fact, he was so incensed that he informed the school authorities who refused to grant the young woman the diploma she had earned, stating that her conduct was “unprofessional” and that she had, albeit indirectly, been encouraging young people to drink. Stacy went to court, arguing that the school had infringed on her right of free speech under the First Amendment, but a federal judge threw her case out.

All this happened back in 2008, but it is quoted at length in Viktor Mayer-Schonberger’s book „Delete: The Virtue if Forgetting in the Digital Age“, and it provides an extreme example of how rash behavior can come back to haunt you in the Digital Age. The author pontificates at length about the need for parents to teach their kids to behave responsibly when online (as if the cyber kids are going to listen to old fuddy-duddies like us).

However, the book becomes more interesting when Mayer-Schonberger starts to talk about the basic right to informational self-determination, quoting human rights activists who are calling for legislators to force social networks like Facebook and MySpace to give their users the ability to delete things that they put online or that contain personal information about them. According to a study by the University of California, Berkley, 88 percent of Americans between 18 and 22 support such demands. 62 percent would like someone to force online operators to reveal what information about them they have stored.

Another idea Mayer-Schonberger discusses is the concept of a “digital expiration date”; a technical system that would automatically erase personal data after a certain time. He doesn’t go into any detail about just how long this digital half-life period should be, but assumes that the experts will sort out details like that.

Of course, he realizes just how tricky the proposition would be. Even if lawmakers in individual countries were to pass legislation like that, nothing much would happen if web site owners moved their servers across the border. And while the European Union in their impenetrable bureaucratic wisdom might conceivably concoct such a scheme, would the U.S. follow suit, given the huge cultural differences on both sides of the Atlantic on privacy issues?

Besides, the whole idea goes against the Zeitgeist, as expressed by Facebook founder Mark Zuckerberg in an interview with TechCrunch, in which he defends the decision to switch the default settings on Facebook profiles to “public”, stating that Facebook was simply reflecting the changes in society. “We decided that these would be the social norms now and we just went for it”,Zuckerberg said.

So is the age of privacy really over? Will we just have to get used to walking around naked, like the king in his new clothes in the children’s’ fairytale? Or should we all be out there in the streets protesting and demanding better protection of our personal data? I guess that is a decision everyone will have to make for themselves. However, as a society, I think we need to think deeply about some of these questions, since we appear to be standing at an important crossroads. Decisions we take (or avoid) now will almost certainly come back to haunt us, like Stacy Snyder’s photograph.

Mayer-Schonberg raises an interesting point here when he talks about forgetting as a function in society that keeps the entire structure from flying apart. At least it gives the individual who have fulfilled their so-called “debt to society” a reasonably chance of proving that he or she has truly changed and can now be relied on to behave in a responsible way. In its latest edition, the “Economist” thumps the United States for being the country with the highest rate of incarceration in the world (“Why America locks too many people up”). No other rich country, the editorial sarcastically remarks, is nearly as punitive as the Land of the Free.

Combine these vindictive tendencies with the Internet as a perpetual pillory and you have a nightmare scenario that not even the staunchest friend of online openness and unlimited freedom of speech and information can really want. We need systems that can forgive – and forget.

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