Barrierefreies Design ist gutes Design

Wenn Helmut Ernst ins Internet geht, muss er sich ganz auf seine Ohren verlassen. Der städtische Angestellte und Blindenvertreter im Kasseler
Behindertenrat hat auf seinem Computer einen so genannten Screenreader installiert, eine Software, die ihm vorliest, was andere auf dem Bildschirm
sehen.

Ich möchte keinesfalls als zynisch oder herzlos erscheinen, aber der Vergleich sei erlaubt: Helmut Ernst, den ich bei Recherchen zu einem Artikel über
„barrierefreies Internet-Design“ kennengelernt habe, war mir heute den ganzen Tag im Sinn, als ich auf der äußrst gelungenen Konferenz „Search
Engine Marketing“ (SMX) einen Redner nach dem anderen über sinnvolle und erfolgversprechende Strategien zum verbesserten Abschneiden bei
Suchmachinen – das so genannte „Search Engine Optimising“ (SEO) – reden hörte. Im Grunde ging es immer nur um eines: Wie kann ich meine
Website so gestalten, dass die Such-Roboter oder „Spider“ und „Crawler“ von Google & Co. möglichst viele Informationen finden und mich deshalb
möglichst weit oben bei den Suchergebinissen plazieren. Denn davon hängt das Wohl und Wehe so manchen eCommerce-Anbieters und Online-Werber
ab. Merke: Wer nicht gefunden wird, hat auch sonst im Internet nichts verloren.

Was aber haben Helmut Ernst und die Such-Spinnen von Google gemeinsam. Nun, beide können nichts hören. Crawler können auch nichts sehen, sind
also de facto Behinderte. Wäre es also nicht sehr sinnvoll, wenn ein aufstrebender Internet-Anbieter, der gerne gefunden werden möchte, seine Site
behindertengerecht gestaltet.

Ich habe in den Plenums (oder sollte ich als Alt-Lateiner lieber „Pleni“ sagen?), die ich moderieren durfte, viel Zustimmung für diesen Vorschlag
erhalten. Was Jan Eric Hellbusch bestätigt, der mir seinerzeit sagte: „Barrierefreies Webdesign ist immer gutes Webdesign!“ Hellbusch ist Autor des
Standardwerks „Barrierefreies Webdesign“ (Dpunkt Verlag, 2004, 391 Seiten, 44 Euro, ISBN 3898642607) und selber seit seiner Geburt blind. Er betreibt
inzwischen eine gut gehende Beratungsfirma in Lünen bei Dortmund.

Ich habe heute eine Menge Tipps von ausgewachsenen Website-Optimierern wie Gerda von Radetzky, Stefan Karzauninkat, Markus Hövener, von
Bloofusion oder Prof. Wolfgang Buescher von Visionomic bekommen. Und immer wieder läuft es auf das Gleiche heraus: Befolge die Ratschläge und
Richtlinien, die längst für barrierefreies Webdesign gelten. Weshalb ich hier einige zitiere, die mir Sasa Ebach von der Beratungsfirma Digitale
Wertschöpfung in Köln-Longerich bei meinen Recherchen über behindertengrechte Website auf den Weg gegeben hat:

  • Verwenden Sie Webstandards und Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung, wie sie beispielsweise die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) für die Internet-Auftritte deutscher Bundesbehörden zwingend vorschreiben. Diese leiten sich aus Empfehlungen des World Wide Web Consortiums (W3C) ab und werden inzwischen weltweit befolgt.
  • Geben Sie Ihrer Webseite einen eindeutigen, aussagefähigen  Titel. Mit Hilfe des so genannten „title tag“ können sowohl Suchmaschinen wie Sehbehindert sofort erkennen, worum es auf der Seite geht.
  • Füllen Sie „Alt-“Attribute sinnvoll aus. Suchmaschinen sind blind! Viele Multimediaformate können von Google & Co. nicht gelesen werden.
  • Mit Hilfe entsprechender Attribute im Quellcode lassen sich Beschreibungen und Bildtexte von bis zu 1024 Zeichen Länge hinterlegen, die durch Sprachausgabe oder die Verwendung einer so genannten Braillezeile Blinden und Sehbehinderten in die Lage versetzen, besser auf einer Webseite zu navigieren.
  • Geben Sie Ihrer Website ein Inhaltsverzeichnis. Die so genannte „Sitemap“ ist eine spezielle Seite, auf der alle Seiten Ihres Angebots in hierarchischer Form aufgelistet sind und die dem Besucher einen schnellen Überblick darüber gibt, was ihn erwartet. Das ist nicht nur für behinderte Menschen eine große Hilfe.
  • Benützen Sie eine einfache Sprache. Die Benutzerfreundlichkeit einer Website, das zeigen immer wieder so genannte Usability-Tests, wird durch eine klare Sprache, kurze Sätze und eine übersichtliche Struktur (Überschriften, Absätze, Listen, etc.) wesentlich verbessert.

Darüber hinaus fordern Fachleute wie Ebach das Verwenden von variablen Schriftgrößen, die der Benutzer selber auf Wunsch vergrößern oder verkleinern kann. Dazu ist es notwendig, dass der Designer darauf verzichtet, eine absolute Schriftgröße einzustellen – was diese aber häufig aus „ästhetischen“ Gründen tun. „Das Internet ist keine Zeitungsseite“, sagt Ebach. Das gleiche gilt für Farben: Für Sehbehinderte, aber auch für viele ältere Menschen, kommt es weniger auf das Bunte als vielmehr auf ausreichende Kontraste zwischen Hintergrund und Schrift an.

Die meisten dieser Ratschläge haben im Grunde nichts mit Behinderten zu tun, sondern nutzen jedem, der eine Website besucht. Barrierefreies Design ist einfach gutes Design. SEO bekommt man dann sozusagen gratis dazu.

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Wie Banken an (und in) der Zukunft arbeiten

Haben Banken eine Zukunft? Diese Frage, so ketzerisch sie klingen mag, gehört an den Anfang eines Diskurses, bei dem es um mögliche Zukunftsstrategien dieser Branche geht. Und dies nicht erst, seit sich Banken im Allgemeinen mit der weitgehend selbstverschuldeten Subprime-Krise wieder mal ins Schussfeld der öffentlichen Kritik manövriert haben.

Kein Zweifel: Banken haben gerade eine schlechte Presse. Das Vertrauen ist erschüttert – auch das Vertrauen der Banker selbst.

Das Internet hat auch in anderen Branchen Existenzängste ausgelöst: Musikindustrie, Filmstudios, Reisebüros, Zeitungsverlage und Fernsehsender stellen sich zum Teil seit Jahren intern und extern die Frage nach der eigenen langfristigen Überlebensfähigkeit. Sie alle sind von zum Teil katastrophaler Kunden- und Ertragserosion gekennzeichnet beziehungsweise müssen sich oft verzweifelt (und erfolglos) bemühen, überkommene Geschäftsmodelle vor den Folgen neuer Technologien, vor der weltweiten Vernetzung, vor neuartigen direkten Kommunikations- und Transaktionskanälen, vor branchenfremder Konkurrenz, vor verändertem Konsumverhalten und vor neuen Erwartungshaltungen seitens der Kunden zu schützen. Meistens handelt es sich erkennbar um Rückzugsgefechte, womöglich um ein letztes verzweifeltes Aufbäumen.

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Die Bedrohung aus dem Bilderrahmen

Neue Bedrohungen tauchen oft an Stellen auf, an denen man sie zu allerletzt vermuten würden. Nehmen wir doch nur die schicken kleinen Bilderrahmen, die neuerdings in den Medienkaufhäusern sogar schon im Grabbeltisch für 99 Euro vor den Kassen auftauchen. Man schließt sie an den PC an und stellt sie auf den Schreibtisch und hat dann immer das digitale Bild der Ehefrau oder des Familienhunds vor Augen.

Die Dinger werden meistens in China hergestellt, und wie amerikanische Medien berichten sind sie häufig bereits ab Werk mit einem besonders bösartigen Trojaner namens „Mocmex“ ausgestattet, der Passwörter abfängt und an die Auftraggeber in Fernost weiterleitet. Das alles, übrigens, ohne irgendwelche erkennbaren Spuren zu hinterlassen.

Schlimmer aber ist, dass Mocmex in der Lage ist, bestehende Sicherheits-Software schachmatt zu setzen. Brian Grayek, der als Entwickler bei Computer Associates arbeitet, wird in der angesehenen Tageszeitung Seattle Post mit der Behauptung zitiert, Mocmex sei in der Lage, den Virusschutz von mehr als 100 führenden Anbietern zu blockieren, darunter auch Microsofts eingebautes Firewall-System.

Wir sollten vielleicht doch lieber weiterhin altmodische Fotos unserer Lieben auf den Schreibtisch stellen, meinen Sie nicht?

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Neue Fronten im Sicherheits-Krieg

Die Generäle, sagt man, bereiten sich immer auf den Krieg vor, den sie schon gekämpft haben. Weil sich aber inzwischen die Waffentechnik weiter entwickelt hat, sind sie auf den nächsten Krieg nie vorbereitet. So ähnlich ist es in der IT-Sicherheit. Wir haben inzwischen alle (hoffentlich) Virenschutz-Software und Firewalls, aber was nützt das neuartige Bedrohungsszenarien, die Lücken in Technologien nutzen, die es vor ein paar Jahren – oder Monaten – noch gar nicht gab?

Widgets sind der letzte Schrei, zum Beispiel: kleine, bannerähnliche Anzeigen, die man mittels HTML-Codeschnipseln auf einer Website oder einem Blog einfügen kann. Damit lassen sich bestimmte Inhalte innerhalb einer bestehenden Website darstellen, die ein User selber generiert hat – im Zeitalter des so genannten Web 2.0 ein immer beliebterer Spaß. Denken Sie an die Flash-Videos von YouTube oder Facebook.

Ähnliches gilt für Dashboards – digitale Armaturenbretter, wie sie von Suchmaschinenbetreibern wie Google oder von Social Networks wie Plaxo oder Xing per Download zunehmend unter die Leute gebracht werden, damit der User sofort und ohne Umwege auf die jeweilige Applikation gelangen und dort aktiv werden kann.

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Obamas Fenster

Als ich vor ein paar Monaten geschäftlich in Atlanta, Georgia, zu tun hatte, habe ich mir zwei Stunden Zeit genommen und habe Martin Luther King besucht. Er wohnt – sein Geist, jedenfalls; sein Körper liegt dort auch begraben – in der Auburn Avenue, „Sweet Aubern“, wie es verklärt in den Erinnerungen derjenigen weiterlebt, die darin den Kristallisationskern einer aufkeimenden schwarzen Mittelschicht in Amerika sowie der Ausgangspunkt für den Kreuzzug der „Civil Rights Movement“ sehen, der Amerika in den 50er und 60er Jahren so nachhaltig veränderte.

Für mich als Jugendlicher – ich bin Jahrhang 50 – war King ein Gesicht im Fernsehen, meist gefolgt von Bildern prügelnder Polizisten und weinender Schülern und Studenten vor irgendeinem College in den Südstaaten, wo sie mit immer größerem Erfolg Einlass begehrten. Ich selbst lebte immer auf Luftwaffenstützpunkten, hübsch eingezäunte Biotope von Rassenharmonie, weil eine so komplexe Maschine wie ein Düsenbomber einfach nicht funktioniert, wenn diejenigen, die ihn warten und fliegen sollen Feinde sind. Die amerikanische Luftwaffe hat seinen Leuten den Rassenhass regelrecht ausgetrieben, und ich wuchs auf in Nachbarschaften, in denen schwarze und weiße Kinder völlig selbstverständlich miteinander spielten und zur Schule gingen. Als ich etwa fünf Jahre alt war, wohnte der beste Freund meines Vaters, ebenfalls ein Luftwaffen-Major, zwei Häuser neben uns, und er ging fast jeden Tag bei uns und wir bei ihnen aus und ein. Seine Tochter „Frusi“ und ich schliefen öfters in einem Bett, eng aneinander gekuschelt. Sie trug kleine Zöpfe, die mit weißem Band zusammengebunden waren, und weiße Söckchen. Ich werde sie nie vergessen.

Es hat lange gedauert, bis ich eine Verbindung in meinem Kopf herstellen konnte zwischen Leuten wie Frusi und ihrem Vater und den Bildern im Fernsehen aus Montgomery, Little Rock, Birmingham, Neshoba County oder Selma. Und als Martin Luther King zwei Tage nach meinem 18. Geburtstag, am 4. April 1968, in Memphis erschossen wurde, habe auch ich geweint. Er war für mich kein schwarzer, sondern ein großer Mann, und sein Verlust hat in mir das gleiche Gefühl von Leere und Orientierungsverlust erzeugt wie fünf Jahre zuvor die Schüsse von Dallas, die John F. Kennedy töteten.

In Atlanta habe ich, 40 Jahre später, persönlich Abschied von Martin Luther King genommen., Ich habe vor dem weißen Grabmal gestanden und bin durch die Halle des benachbarten Visitors Center gegangen, habe die alten Wochenschauen von damals nochmal angesehen und die unvergessliche Stimme gehört, der von seinem Traum erzählt, dass eines Tages die Söhne von Sklaven und die Söhne von Sklavenbesitzern zusammen an einem Tisch sitzen werden und dass eines Tages kleine Kinder, schwarz und weiß, sich an den Händen fassen werden als Schwestern und Brüder. Und ich habe in diesem Moment an Fruzi gedacht, die wirklich wie meine Schwester war. Was wohl aus ihr geworden ist?

Gestern habe ich im Internet die Stimme von Barak Obama gehört, und es war fast wie damals. Da steht ein Mann, ein schwarzer Mann, auf und spricht die Dinge aus, die ich immer schon geahnt aber selbst so nicht aussprechen konnte. Dass Sklaverei und Rassenhass die amerikanische Ursünde sind, dass die Wut bei jedem Schwarzen im Herzen simmert, auch wenn er es mir nie ins Gesicht sagen wird, dass aber auch der arme Weiße in Amerika eine unausgesprochene Wut im Bauch herumträgt, weil sein Job weg ist und er nicht mehr weiter weiß und dafür einen Schuldigen sucht, die Schwarzen nämlich, die herumlungern und von Wohlfahrtsstaat ernähert werden während er jahrelang geschuftet hat und jetzt ist alles weg.

Und Obama hat daraus den einzig logischen, ja den einzig möglichen Schluss gezogen: Wenn beide nur weiter ihre Wut mit sich herumtragen, kommen wir nicht weiter. Er sprach von Amerika, aber er hätte genauso gut Palästina, über den Kongo, über die Banlieues von Clichy-sous-Bois oder Neuperlach oder die Slums von Sadr City meinen können. Überall da, wo es nicht weitergeht, weil keiner sich bewegen will, bewegen kann, nicht weiß, wie Bewegung geht, sich erschlagen fühlt von der eigenen Macht- und Ausweglosigkeit.

Ich glaube, dass es in der Geschichte immer wieder Gelegenheitsfenster gibt, kurze Momente, da eine scheinbar festgefahrene Situation ins Ungleichgewicht gerät und mit einem kleinen Stoß ins Rollen kommen kann. Solche Augenblicke kann man meistens mit einem Menschen und einer Szene festmachen: der kniende Willi Brandt in Warschau, Nelson Mandela mit erhobener Faust nach seiner Freilassung aus dem Drakenstein-Gefängnis.

Ist die Rede von Barak Obama in Philadelphia ein solches historisches Fenster, das sich öffnet? Oder erleben wir alle, die wir uns gerade gegenseitig begeisterte Mails hin- und herschicken und die Download-Server von YouTube und dem National Public Radio bis an die Belastungsgrenze traktieren, nur von dem Rausch befallen, den Roger Cohen heute in der „New York Times“ empfindet wenn er schreibt: „Ehrlichkeit geht einem gerade ein bisschen zu Kopf. Acht Jahre lang haben wir in der ausgetrockneten, Die-da-gegen-uns-Formeln von Busch mittelmäßigem Geist gewohnt, und das Ergebnis ist, dass die nuancierte Erkundung von Amerikas schwierigstem Thema geradezu schwindelerregend wirkt.“

Mal sehen, wie lange der Rausch anhält, und ob die Ernüchterung auf dem Fuße folgt. Wäre jammerschade – eine solche Chance bekommen wir nicht sehr oft.

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Hornberger Rauchen

Ich werde wohl nun doch nicht als erster Raucher in Bayern vors Gericht kommen. Eigentlich schade…

Aufmerksame Leser dieses Blogs erinnern sich an das „Smoke-In„, das am 5. November vor dem Bayerischen Landtag stattfand und zu einem Großeinsatz der hiesigen Polizei führte: Rund 30 Beamte in 10 Streifenwagen standen zum Schluss einem Häuflein von vielleicht 25 gesetzten Damen und Herren gegenüber, die sich auf einer kleinen Verkehrsinsel zusammendrängten und sich dort dicke Zigarren angezündet hatten. Erst nach Festhalten der Personalien durften wir abziehen, und den Teilnehmern flatterten nach einigen Tagen so genannte Anhördungsbögen ins Haus, aus denen hervor ging, dass gegen sie ein Ordnungswidrigkeitsverfahren anhänge.

Mir hingegen schickte drei Wochen später ein gewisser Herrn Fesl, seines Zeichens Kriminalhauptkommissar im Polizeipräsidium München, eine Vorladung, in dem ich aufgefordert wurde, als Beschuldigter in der „Ermittlungssache wegen des Verstoßes gegen das VersammlG“ vorzusprechen. Begründung: „Sie haben eine Versammlung innerhalb des Bannkreises veranstaltet, obwohl diese nicht angemeldet war.“ Anders ausgedrückt: Ich sei der Rädelsführer gewesen. Und ein Blick ins „VersammlG“ zeigte schnell, was das bedeuten kann: bis zu einem Jahr Gefängnis, beziehungsweise eine saftige Geldstrafe!

Spätestens jetzt war klar, dass aus Spaß ganz schnell Ernst werden könnte, und ich mir deshalb einen Anwalt genommen. Dieser lehnte a) ein Verhör ohne seine Anwesenheit ab und forderte b) umgehende Akteneinsicht.

Nun, umgehend ist ein dehnbares Wort, und so habe ich erst ein Vierteljahr später, nämlich am 29. Februar, eine PDF-Kopie der immerhin 32 Seiten dicken Akte erhalten. Und die hat es in sich!

So wird zum Beispiel klar, dass die vieldiskutierte Online-Überwachung bereits längst zum Behördenalltag gehört. So vermerkt die Münchner Polizeiinspektion 22 in einer Notiz („Versammlung im befriedeten Bannkreis des Bayerischen Landtags – Demonstrative Aktion gegen das Rauchverbot“) in einer internen Notiz: „Internetrechen (sic!) ergaben, dass zu dieser Aktion, dem sog. ‚Smoke-In‘, im Internet aufgerufen worden war. Der Internetaufruf liegt dem Vorgang ebenfalls bei.“ Der Hinweis bezieht sich übrigens auf einen anderen Blog-Eintrag von mir („Demonstrieren wir Lebensart!“ [http://www.cole.de/joomla/Blogs/Alles-was-mir-sonst-noch-so-einfallt/Demonstrieren-wir-Lebensart.html]

Noch interessanter fand ich allerdings den Vermerk eines gewissen Herrn Schroll, ebenfalls Kriminalhauptkommissar, der offenbar als eine Art Informeller Mitarbeiter arbeitet. Jedenfalls verfasste er ein „Gedächtnisprotokoll über Auftritt des TIM COLE bei der Versammlung „Gegen ein totales Rauchverbot“ am 10.12. im Löwenbräukeller“, aus dem klar wird, dass er sich unerkannt unter die Zuhörer an diesem Abend eingeschlichen und die Ohren dort offen gehalten haben muss. Allerdings scheint er wohl nicht alles genau verstanden zu haben.

Bekanntlich hatten der Arbeitskreis zum Erhalt der Dorfwirtschaften und Kneipen (AEDK) zum „Münchner Protest“ aufgerufen, und etwa 2500 Wirte waren gekommen, um ihren Zorn abzulassen. Auch darüber ist in meinem Blog zu lesen („Die Raucher-Revolution“) [http://www.cole.de/joomla/Blogs/Alles-was-mir-sonst-noch-so-einfallt/Die-Raucher-Revolution.html] und unter anderen auch mich gebeten, dort etwas über unsere Erlebnisse vor dem Landtag zu berichten, was ich natürlich gerne tat. Mein Referat endete mit dem rhetorisch nicht gerade glänzenden Schlusssatz: „Ich lebe gerne im Freistaat Bayern, aber wenn daraus jetzt ein Raucherpolizeistaat wird, muss ich mir das mal überlegen.“

Im Polizistendeutsch des Spitzels liest sich das so: „Er schloss seine Rede mit den Worten, dass er im Falle des Gesetzbeschlusses Überlegungen anstellen werde, seinen Wohnsitz außerhalb Bayerns zu verlegen.“

Natürlich weiß jeder Raucher, dass er Spätfolgen befürchten muss. Ich habe aber bislang immer gedacht, dass es sich dabei um gesundheitliche handelt. Dass eine einzige Zigarre, am falschen Ort geraucht, auch solche Reaktionen der Staatsgewalt auslösen kann, macht mich doch nachdenklich. Wer schützt uns vor unseren Beschützern, fragte schon der alte Seneca. Ja, wer denn?

Halten wir noch mal fest: Ich habe im Internet dazu aufgerufen, sich als freie Bürger unter freiem Himmel zu treffen und das – zu diesem Zeitpunkt noch durch keinerlei Gesetzesvorschrift begrenzte – Recht auszuüben, sich eine Zigarre anzuzünden. Das Ergebnis: Ein massiver Polizeieinsatz, haufenweise Knöllchen und eine drohende Gerichtsverhandlung.

Daraus wird aber nichts, und ich bin fast geneigt zu sagen: leider! Was wäre das doch für ein wunderbarer Prozess geworden: Ein Amerikaner steht in Bayern vor Gericht, weil er geraucht hat. Als Felix Somm, damals Chef von CompuServe im Jahre 1998 von einem Münchner Amtsrichter als Kinderpornograf verurteilt wurde, weil sich auf den Servern des Internet-Betreibers entsprechende Bilder im Cache gefunden wurden, wurde bayerisches Bier in San Francisco in den Strassengraben gegossen. Was wäre dieses Mal wohl los gewesen?

Wir werden es nie wissen, denn das Ganze ist wie das Hornberger Schießen ausgegangen. Am 18.2. erging von der Staatsanwaltschaft München I die Verfügung, dass Verfahren werde „gemäß §153 Abs. 1 StPO“ eingestellt. Ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung sei nicht gegeben, die Schuld „wäre als gering anzusehen.“ Außerdem sei der Beschuldigte (ich) nicht vorbestraft. Handschriftlich heißt es am Ende der Verfügung: „Bei dem ‚Smoke-In‘ handelte es sich um eine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel, für die Teilnahme wurde öffentlich im Internet unter Angebe des Ortes und des Zeitpunkts geworben. Es lag auch eine Meinungskundgabe vor. Die Versammlungsteilnehmer verhielten sich durchweg friedlich und kooperativ. Der Beschuldigte ist strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getreten.“

Noch nicht. Bin ich nur paranoid, oder klingt in dieser Formulierung wirklich so etwas wie eine Drohung nach? Nach dem Motto: Was nicht ist, kann noch werden?

Ich werde Sie, verehrte Blog-Leser, auf dem Laufenden halten…

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Wann kommt der Jogger-Führerschein?

„Unbekannter Jogger stirbt nach Waldlauf“, titelte heute die „,“ im Münchner Lokalteil. Spaziergänger hätten einen unbekannten Sportler röchelnd am Wegrand liegend aufgefunden, der Mann sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, wohl an einem Herzinfarkt. Und nun rätselt die Polizei: Wer ist der Kerl?

Als meine Frau mir die Personenbeschreibung vorlas – etwa 50 Jahre alt, schlank, gepflegte Erscheinung, dunkelblondes Haar, an den Schläfen ergraut, dünner, graumelierter Vollbart, Laufschuhe Marke „Asics“ – war meine erste Reaktion: „Das bin ja ich!“ Nach kurzer Überprüfung meiner vitalen Funktionen war aber klar, dass es jemand anderer sein musste, den der Sensenmann da im Laufschritt ereilt hat.

„Aber du hättest es sein können“, wandte meine Frau ein, was stimmt. Und auch bei mir wäre die Polizei vor einem Rätsel gestanden, denn ich trage in der Regel keine Ausweispapiere mit mir, wenn ich durch den Englischen Garten laufe. Wenigstens war meine Frau so nett zu sagen, dass sie mich vermissen würde. Das heißt, sie sagte eigentlich: „Spätestens nach 14 Tagen würde ich mich schon mal fragen, was wohl aus dir geworden ist“.

Dieser Vorfall wirft sofort die Frage auf: Warum tragen Jogger keine Papiere bei sich? Nun, weil sie nach ein paar Kilometern vom Schweiß so durchtränkt wären, dass sie auseinanderfielen, natürlich. Also braucht man eine wasserdichte Tasche. Aber was, wenn ich die vergesse? Was, wenn der einsame Jogger alleine wohnt und niemand da ist, der nach ihm fragt. Wer bezahlt den Notarzt? Von wem bekommt das Krankenhaus sein Geld? Muss der Steuerzahler die Kosten für die vergebliche Personenermittlung der Polizei tragen?

Und selbst wenn der Mann Familie hat: Was ist, wenn die Angehörigen es ablehnen, die Leiche abzuholen? Schließlich weiß man ja, dass die Kosten einer Bergrettung von den Hinterbliebenen desjenigen zu tragen sind, der abgestürzt ist. Und so eine Beerdigung ist ja auch nicht gerade billig…

Zwei Lösungen dieses Problems bieten sich meiner Meinung nach an:

Erstens die Einführung einer Kennzeichnungspflicht für Hobbysportler. Jeder, der in seiner Freizeit die eigenen vier Wände zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung verlässt, sollte vom Gesetzgeber dazu bei Strafandrohung verpflichtet werden, Name, Adresse, Telefonnummer und Blutgruppe deutlich sichtbar in tättowierter Form auf dem rechten Oberarm zu tragen (Ausnahmegenehmigungen für Amputierte könnten ein Tragen des Tattoos auf der rechten Gesäßbacke vorsehen).

Wenn das nicht ausreicht, schlage ich zweitens die Einführung eines amtlichen Jogging-Führerscheins vor. Er besteht aus wasserfestem Kunststoff und ist mittels eines entsprechenden Stirnbands (nähere Ausführungen zu Größe und Beschaffenheit regelt eine Durchführungsverordnung) jederzeit deutlich sichtbar am Vorderkopf zu tragen. Dort, wo sich normalerweise das Gehirn befindet.

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Die Waffen einer Frau

Hatten Sie neulich auch beim Anblick einer mit den Tränen kämpfenden Hillary Clinton plötzlich einen Kloß im Hals? Guter Trick, gell?

Die Bilder gingen um die Welt: Eine in Iowa geschlagene Hilary, wie sie mit erstickter Stimme und sichtlich um Fassung ringend die Frage einer Anhängerin beantwortet, wie sie das denn alles nur schaffe, der ganze Wahlkampf, die vielen Auftritte, die bösen Gegner, die noch viel bösere Presse. „Es ist nicht leicht, es ist nicht leicht“, seufzte sie, und kämpfte gegen die Tränen. Millionen von Fernsehzuschauern hätten ihr in diesem Moment gerne ein Taschentuch gereicht. Allerdings brauchten viele von ihnen ja selber eines: Endlich hat die eiserne Lady gezeigt, dass auch sie Gefühle hat und kein von Beratern programmierter Wahlkampf-Roboter ist.

Die politischen Kommentatoren waren sich heute Morgen auch alle einig: Mit der Tränen-Nummer hat Hilary ihre Kampagne gerettet, die gerade im Begriff war, sich mit einer Immelmannrolle zu verabschieden. Was sollte sie, die fleischgewordene Symbolfigur des verkrusteten politischen Establishments, sozusagen die Verkörperung des „alten“ Washington, auch einer kennedyhaften Lichtgestalt wie Barack Obama entgegensetzen.

Jeder Ehemann weiß: Wenn eine Frau mal weint, hat sie gewonnen. Es gibt einfach nichts, was ein Mann in dieser Situation tun kann, um noch halbwegs gut auszusehen. Ihm bleibt nicht anderes übrig, als den Kopf schuldbewusst zu senken und abzuwarten, bis sich das emotionale Gewitter wieder verzogen hat.

In sofern war es eigentlich ganz klar, dass Hilary früher oder später die endgültige Waffe einer Frau einsetzen würde. Mich überrascht nur, dass sie es so früh getan hat. New Hampshire ist doch nur ein Vorgeplänkel. Was will Sie denn tun, wenn es an Super Tuesday Anfang Februar schlecht für sie läuft? Sich vor laufender Kamera ins Fensterkreuz stellen und drohen, hinunteWashingtonr zu springen?

Die Tränennummer war die Waffe der Verzweiflung. Aber sie funktioniert leider nur ein Mal. Ja, sie hat damit ihren Kopf diesmal tatsächlich aus der Schlinge gezogen. Sie hätte sich den Trick besser aufgehoben, denn zum Wahltag im November ist es noch ein langer und steiniger Weg.

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Darf man per E-Mail trauern?

Die Todesnachricht lag in meiner Mailbox, und ich habe darauf geantwortet. Hätte ich das tun dürfen?

Hartmut Dirks ist nicht alt geworden. Mit 53 Jahren ist er in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Emden gestorben. Das hat mir seine Frau Astrid heute per E-Mail-Rundschreiben an alle Freunde und Verwandte mitgeteilt.

Hartmut war über die Jahre mein Streit- und Saufkumpan, ein Schwätzer vor dem Herren, vor dem ich – selber kein übler Schwätzer – neidlos den Hut ziehen musste. Klar, dass so einer – wie ich – die Journalistenlaufbahn einschlagen musste. Sprüche von ihm wie „ohne ’n Korn ist ’n Bier ja so trocken“ werden mich mein Leben lang begleiten.

Warum er gestorben ist, weiß ich nicht, nur dass es wohl „plötzlich und unerwartet“, aber auch „schmerzlos“ gewesen sein muss, wie mir seine Witwe schrieb. Die erste Mail im Neuen Jahr, und dann so was.

Ich war jedenfalls ziemlich fassungslos, als ich frühmorgens, noch ein bisschen verkatert und im Morgenmantel am Computer saß und die Mail las. Und ich habe das getan, was ich normalerweise bei Mails, die mich interessieren oder berühren, tue: Ich habe sofort geantwortet. Das gehört sich so im Internet-Zeitalter. Menschen, die endlos lange brauchen, bis sie antworten (oder die gar nicht antworten) mag ich eigentlich nicht.

Doch dann sind mir plötzlich Zweifel gekommen. War das richtig? Ist E-Mail das richtige Medium, um so persönliche und intime Inhalte zu kommunizieren wie Beileid, Bestürzung, Trauer? Was bist du doch für ein grober Klotz, dass du glaubst, einer armen Witwe gegenüber deine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben, indem du mal eben auf „senden“ drückst? Wie weit sind wir gekommen in dieser kalten Welt des Browsers und des Mailers?

Gut, ich kannte die Dame ja nicht. Hardy hat sie erst geheiratet, als wir uns schon ein bisschen aus den Augen verloren hatten. Unser Kontakt bestand über die Jahre nur aus spontanen, aber meist sehr langen Telefongesprächen, in denen es um Gott und die Welt, um alles von Computerspiele bis zur Gesundheitsreform, um berufliche Erfolge und Misserfolge, um Hardys spätes Zweitstudium und unsere mit dem Alter zunehmende Unfähigkeit ging, wie früher bis zum Morgengrauen Jever und Korn zu kippen und trotzdem am nächsten Morgen noch wie Tiere zu arbeiten.

Natürlich habe ich mir inzwischen eine Rationalisierung zu Recht gelegt, die mir hilft, meine tief sitzende Unlust zu rechtfertigen, eine wildfremde Witwe anzurufen und persönlich die üblichen Trostformeln zu sprechen. Immerhin hat sie mir ein Rundschreiben geschickt. Wie unpersönlich kann man werden? Und außerdem ist es halt so: Wir leben nun mal in der Welt, in der wir leben, und E-Mail ist für Menschen wie mich inzwischen sogar zu der absolut wichtigsten Kommunikationsform überhaupt geworden. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass die Verteilung bei mir in etwa so aussieht: Telefonieren 20 Prozent, F2F (also mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht sprechen) 30 Prozent, E-Mail 50 Prozent.

Ein Beileidsbrief per E-Mail ist also absolut in Ordnung, weil zeitgemäß und zeitnah. Alice Dirks wird das genauso zur Kenntnis nehmen wie eine Karte oder ein paar gestammelte Worte von einem Unbekannten am Telefon. Ob es ihr mehr oder weniger weiterhilft als eine andere Form der Beileidsbezeugung, oder ob es ihr überhaupt hilft, weiß ich nicht.

Aber irgendwo ganz tief unten in meinem verborgenen Bewusstsein nagt noch immer so ein kleiner Zweifel. Vielleicht gibt es doch Dinge, die nicht in eine Mail gehören.

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Is Paid the new free?

Im Internet ist (fast) alles umsonst, aber jeder Schwabe weiß: Was nichts kostet, das ist auch nichts.

Kein Slogan aus den Frühtagen des Internet klang so revolutionär wie jenes „Information wants to be free“, das wie ein Schlachtruf durch die Korridore der Medienkonzerne hallte. Gestandene Verleger, Platten- und Filmbosse fühlten sich wie weiland die Römer, als die Barbaren an den Toren hämmerten. Ihre Geschäftsmodelle – und damit ihre Existenz – waren in Gefahr, das Prinzip des geistigen Eigentums in Frage gestellt. Raubkopieren? Ein Kavaliersdelikt – wenn nicht gar ein Menschenrecht. Für Inhalte bezahlen? Niemals!

Ich habe schon vor vielen Jahren als Muttersprachler über die Doppeldeutigkeit des Wortes „free“ in diesem Kontext geschrieben und darüber, dass „frei“ und „umsonst“ keineswegs das Gleiche sei. Man könne also durchaus die Demokratisierung, wenn nicht gar als Befreiung der Information befürworten, ohne deshalb gleich deren Sozialisierung zu betreiben. Auch ich habe so meine Bedenken, ob das Prinzip des Urheberrechts, wie es in den westlichen Ländern seit Jahrhunderten praktiziert wird, auch heute noch volle Gültigkeit besitzen soll. Aber ich bin Schreiber, Redner, Moderator, und die Vorstellung, dass das, was ich tue, im Internet keinen inhärenten Wert haben soll, hat mich schon immer etwas beunruhigt.

Nun hat sich Jaron Lanier in der „New York Times“ zu Wort gemeldet („Pay Me For My Content“) und von einem inneren Damaskusgang berichtet, der ihn vom Saulus eines Aktivisten für „free information“ Aktivisten zum Saulus eines Freundes von „paid content“ berichtet. Jaron ist ja das alter Ego des deutschen Internet-Gurus Ossi Urchs (ich habe die beiden vor Jahren zusammen auf einer Konferenz in Kalifornien erlebt; sie sehen wirklich aus wie rundbrillige Zwillinge mit rotblonden Dreadlocks!), und die geistige Verwandtschaft ist auch nicht zu leugnen. Ossi und ich tragen ja unseren freundschaftlichen Zwist über Bedeutung und Nachhaltigkeit des so genannten Web 2.0 (er hält es tatsächlich für eine neue Evolutionsstufe in der Online-Gesellschaft, ich halte es für einen alten Marketing-Hut) ja schon länger auch in unseren Blogs aus, und ich bin mal gespannt, wie er Jarons seltsames Outing beurteilt.

Er habe sich geirrt, schreibt Jaron, weil er gedacht habe, die Internet-Piraterie würde langfristig neue Chancen und neuartige, indirekte Verdienstmöglichkeiten für Kreativschaffende hervorbringen. „Es gibt in Silicon Valley einen fast religiösen Glauben, dass es schlecht sei, für Inhalte Geld zu verlangen. Der einzige erkennbare Business Plan ist immer mehr Werbung.“ Er warte jetzt seit über zehn Jahren darauf, dass irgend jemand ihm einen Teil dieses Werbekuchens abgibt, aber statt dessen würden immer nur die neuen Machthaber, nennen wir sie ruhig „Medienbosse 2.0“ wie Google, Facebook oder MySpace, zunehmend aber auch Firmen wie Apple und Microsoft, die Sahne abschöpfen, indem sie mit den Inhalten, die andere in idealistischer „Mitmach“-Euphorie hergegeben haben, dicke Profite scheffeln.

Jetzt hat er das Warten satt – und plädiert für die Wiedereinführung der Bezahlung von Inhalten. Dass es schwierig sein wird, den Würgegriff der Kostenlos-Kultur, die er für einen Wildwuchs hält, zu brechen, räumt er ein. Es müsse aber doch einer Branche, die über so viel technische Kompetenz verfüge, möglich sein, Systeme zu erfinden, die es dem User ganz einfach mache, zumindest ein bisschen was für Dinge zu bezahlen, die sie online hunterladen und genießen. „Damit Schreibern und Künstlern online überleben können, müssen Software-Entwickler und Internet-Evangelisten dringend die Macht, die sie als Designer besitzen, in Spiel bringen. Information ist nur deshalb im Internet umsonst, weil wir das System so geschaffen haben. Wir könnten genauso gut Informationssysteme entwickeln, in denen die Menschen für Inhalte bezahlen – damit jeder die Chance bekommt, ein vielgelesener Autor zu werden und trotzdem bezahlt zu werden. Informationen sollten frei zugänglich sein, aber nicht umsonst, sondern nur erschwinglich.“

Dass es auch heute schon innerhalb ganz bestimmter Ökosysteme funktioniert, dafür zieht Jaron das Beispiel von Second Life als Beweis heran. Dort würden die Leute ja auch für virtuelle Kunst, Kleider und andere Dinge bezahlen. Warum also nicht auch für Musik in einem Ökosystem wie dem iPod?

Nun, Jaron erwähnt vermutlich ganz bewusst nicht, dass man in Second Life mit virtuellen Geld („Linden Dollars“) bezahlt. Außerdem ist es um den „Avatar-Friedhof“, wie „Wired es nannte, inzwischen merklich still geworden. Trotzdem: Er hat recht. Das neue Internet-Motto sollte lauten: „Information wants to be free – and affordable.“

Natürlich hat Jaron Recht, wenn er die Frage stellt: Wenn wir für Inhalte nichts mehr verlangen können, womit sollen wir unser Geld verdienen?

Gar nicht, lautete die Antwort der Horden vor dem Tor. Stattdessen soll eine Heerschar von Idealisten – Blogger, Hobby-Musiker, Video-Amateure – die Inhalte generieren, mit denen das Internet das Machtmonpol der Verlage und Labels gebrochen werden sollten. Da dank Internet die Kosten der Produktion und Distribution von Inhalten gegen Null sinken, brauche man solche Intermediäre nicht mehr. Eine Art fröhlicher Kreativ-Anarchie würde eine Ära ungekannter Vielfalt einläuten und damit auch den ausgefallensten Geschmack befriedigen. Kein Verleger, Platten- oder Filmboss sollte sich mehr am  schöpferischen Bemühen anderer bereichern können.

Profi-Musiker wie die „Holes“-Gründerin und Kurt-Cobain-Witwe Courtney Love beschwören das Bild des Straßenmusikers, der seinen Hut aufs Trottoir stellt und hofft, Passanten würden seine Musik so gut finden, dass sie etwas hineinwerfen. Wenn sie recht hat, dann lautet das neue Motto im Internet: „Paid is the new free.”

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