Ende der Klima-Debatte

Das Ende naht. „Klima lässt nur noch 15 Jahre Zeit für Umkehr“, titelte jüngst die „Ärzte-Zeitung“. Laut „Hamburger Abendblatt“ ist die Zeit noch knapper: „Klima-Katastrophe: Der Mensch hat nur noch 13 Jahre zur Umkehr“, schrieb das Blatt in seiner Online-Ausgabe.

Solche Headlines hinbterlassen beim flüchtigen Leser – und das sind die meisten von uns – den Eindruck, als hätte die Menschheit eine Wahl. Wenn wir nur alle brav den Thermostat zurückdrehen, auf Stromsparbirnen und Hybridautos umsteigen und auf Flugurlaub verzichten, wird das Wetter wieder so sein wie früher. Aber welches „Früher“ ist da gemeint? Etwa die eisigen Schneewinter meiner Kindheit, als 1963 der Bodensee zum letzten Mal zufror? Oder vielleicht das Jahr 1934, das neuerdings als der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichung in den USA gilt (und nicht 1988, wie die NASA bislang immer behauptet hat; leider hat man sich bei der Weltraumagentur aber schlicht und einfach verrechte…).

Die Begriffe „Klimawandel“ und „globale Erwärmung“ scheinen inzwischen austauschbar geworden zu sein und werden politisch bis an die Belastungsgrenze strapaziert. Das ist natürlich Unsinn: Die anthropogene, also die durch Menschen verursachte Klimaveränderung, ließe sich ja womöglich irgendwie steuern. Gegen die langfristigen Zyklen des globalen Klimawandels sind wir Menschen selbstverständlich machtlos.

Es steckt in der Vorstellung, das Erdklima ließe sich irgendwie „einfrieren“, steckt etwas rührend Naives. „In dem Gluaben, jede Form von Klimaveränderung sei schlecht, steckt die Annahme, das heutige Erdklima sei das beste, das wir haben könnten“, schrieb der NASA-Forscher Michael Griffin. Dabei verdankt die Menschheit seine Existenz vermutlich einem historischen Klima-Ausrutscher. „Über den Großteil seiner Geschichte bis vor relativ kurzer Zeit war es auf der Erde üblicherweise sehr heiß“, schrieb Bill Bryson in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte von fast allem“. Die Eiszeit, in der wir gerade leben – Bryson spricht von einer „Eis-Epoche“ – begann vor etwa 40 Millionen Jahren und dauert noch an. Durch das Aufhäufen des Himalaya-Gebirges und der Schließung des Isthmus von Panama seien die globalen Wettermuster in dieser Zeit gründlich durcheinander gewirbelt worden. „Das Wetter hat in dieser Zeit von mörderisch schlecht bis gar nicht so schlecht gereicht“, schreibt Bryson. Heute würden wir zufällig in einem der letzteren Perioden leben. Die Zukunft sieht für ihn dagegen kalt und düster aus: „Es sind in Zukunft noch ungefähr 50 Gletscher-Episoden zu erwarten, jede von ihnen mit einer Dauer von mindestens 100.000 Jahren, bis wir endlich auf eine wirklich lange Tauwetterperiode hoffen können.“

Von wegen globaler Erwärmung! Zumindest langfristig muss sich die Menschheit ganz schön warm anziehen.

Was nicht heißt, dass es nicht kurzfristig zur Katastrophe kommen könnte. Das ist sogar mehr als wahrscheinlich. Glauben die Forscher, jedenfalls. Wissen tun sie es aber auch nicht ganz genau. Das liegt daran, dass Klimavorhersage eine noch viel ungenauere Wissenaschaft ist als ihre Cousine, die Wettervorhersage. Die Analysen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change – Zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimaänderungen der Vereinten Nationen), deren Vierter Sachstandsbericht im Februar 2007 vorgelegt wurde, hat den im Vorgängerbericht von 2001 prognostizierten Anstieg der Meeresspiegel im nächsten Jahrhundert von ungefähr einem Meter auf 43 Zentimeter mehr als halbiert. Das liegt nicht etwa daran, dass die globale Erwärmung sich verlangsamt hätte, sondern daran, dass es heute genauere Methoden und viel mehr Information als früher gibt.

„Klimaforscher versuchen immer noch, die Grundlagen zu verstehen“, schreibt Jeff Jacoby in der „Boston Globe“.  Anders ausgedrückt: Klimaforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Zu behaupten, wie es der US-Präsidentschaftskanditat Al Gore in seinem Buch „Eine unbequeme Wahrheit. Die drohende Klimakatastrophe und was wir dagegen tun können“ tut, dass „es keine Debatte mehr gibt“, ist unwahr. Debatteiert wird unter Facheluten noch lange. Die eigentliche Frage lautet nicht, was wir dagegen, sondern was wir überhaupt tun können.

Dass der Klimawandel ebensowenig zu stoppen ist wie die gie vom Menschen verursachte – vorübergehende – Erwärmung, sollte eigentlich jedem einleuchten. Um es klar zu sagen: Hamburg ist nicht mehr zu retten. Holland wahrscheinlich auch nicht. Statt unsere Zeit mit fructlosen Diskussionen über Ursache und Wirkung zu vergeuden, sollten wir längst darüber reden, wie wir die Folgen abmildern können. Auf den Tuvalu-Inseln östlich von Papua-Neuguinea leben rund 11.000 Menschen, deren Heimat demnächst im Pazifik versinken wird. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – weniger sicher ist, ob diese Menschen irgendwo Aufnahme finden werden. Und das sind nur 11.000. Was ist mit den Millionen von  Bangladesi im Indusdelta, den Vietnamesen am Mekong oder den Chinesen am Gelben Fluss? Und ach ja: ciao Venezia!

Mit heißer Luft ist diesen Leuten nicht geholfen.

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Zensur in Potterland

Harry Potter stirbt nicht im letzten Band – dafür aber ein Stück Pressefreiheit schon.

Man muss es der Potter-Industrie schon lassen: Sie haben den Start des (hoffentlich) letzten Bands des siebenteiligen Mammutwerks zu einem Medienspektakel sonder Gleichen hochstilisiert. Schließlich ist Joanne K. Rowling noch nicht die reichste Frau der Welt, sondern lediglich von Großbritannien (immerhin hat sie die Queen in Sachen Privatvermögen inzwischen überholt).

Damit sie es doch werden kann, muss „Harry Potter and the Deathly Hallows“ alles bisher da gewesene in den Schatten stellen. Dazu muss die Spannung bis zum letzten Moment, nämlich 00:01 Uhr am morgigen Samstag, aufrecht erhalten werden. Das heißt vor allem: Niemand darf etwas verraten! Deshalb wurden alle am Entstehungsprozess Beteiligten – Setzer, Drucker, Distributoren, Händler – unter Androhung von Todesflüchen sowie substanzieller Schadensersatzforderungen zum Stillschweigen verpflichtet. 1,5 Millionen Dollar, so wird gemunkelt, sollen alleine für die Sicherungsverwahrung der bereits fertiggestellten Bände in einem Hochsicherheitslager aufgewendet worden sein.

Und da schlage ich doch am Freitagmorgen die „International Herald Tribune“ auf – und lese dort auf Seite eins die Ankündigung: „Buchbesprechung: Harry Potters episches Ende“.

Wie denn das? Hat man etwa doch Vorabexemplare an die Rezensenten verteilt?

Nein, Kollegin Michiko Kakutani von der „New York Times“ (die Mutterzeitung der IHT) ganz regulär bei einem Buchhändler gekauft. Dass sie offenbar vorher bereits einen Kurs im Schnelllesen gemacht hat die sie in die Lage versetzte, den 759 Seiten umfassenden Wälzer noch am Donnerstag zu lesen und rechtzeitig für die Freitagausgabe eine Besprechung 200 Zeilen lange Besprechung zu schreiben, ist fast noch erstaunlicher. Dass sie überhaupt das Buch in die Hand bekommen hat ist dagegen wohl auf  ganz normales menschliches Versagen beim Großhändler zurückzuführen.

Dass Rowlands Verleger, die Firma Scholastic, gleich eine Klage angekündigt hat, war natürlich zu erwarten. Nicht aber die Reaktion der Medien.

Das beginnt schon bei der ersten und einzigen Buchbesprechung selber: Zwar ergeht sich Frau Kakutani in schier endlosen Elegien über „Harrys endgültige Einführung in die Komplexität und Traurigkeit des Erwachsenwerdens“. Nur die einzige wirklich spannende Frage beantwortet sie nicht: Wer stirbt?

Dabei wissen das schon eine ganze Menge Leute, darunter auch Journalisten, denn seit ein paar Tagen tauchen immer wieder – offenbar hastig abfotografierte – Raubkopien des Buchs als PDF-Dateien im Internet auf. So seriöse Presseorgane wie „Die Zeit“ oder die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichten in ihren Online-Ausgaben auch darüber. Aber keiner von ihnen traut sich, die Katze aus dem Sack zu lassen.

Was ist das nun? Angst davor, als Spaßverderber dazustehen – oder freiwillige Selbstzensur?

In Wirklichkeit zeigt der ganze Potter-Wahnsinn nur, wie leicht sich die Medien einspannen lassen in die Marketing-Maschinerie. Indem sie sich freiwillig einen kollektiven Maulkorb auferlegt haben, spielen sie das Spielchen der Buchverleger.

Scholastic hat sich übrigens inzwischen melodramatisch an diejenigen gewandt, die schon Bescheid wissen: „Wir appellieren direkt an Harry Potter-Fans, die ihr Buch bei Deep-Discount bestellt haben und womöglich frühzeitig eine Ausgabe bekommen, dass sie die Pakete bis zum 21. Juli Mitternacht versteckt halten.“

Wetten, die meisten werden sich auch brav daran halten?

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Wie heißen die Amerikaner wirklich?

Ich dachte immer, ich sei Amerikaner. Aber heute weiß ich nicht mehr so recht. Vielleicht bin ich auch Usano.

Normalerweise leitet sich die Bezeichnung für einen Bewohner von dem Namen des Landes ab, dessen Staatsbürger er ist. Jemand aus Deutschland ist ein Deutscher, einer aus Frankreich ist ein Franzose. Bei den Bürgern Großbritanniens ist es etwas schwieriger, da er ja zwei Seelen, ach, in seiner Brust herumträgt: Er ist wahlweise Brite und/oder Engländer, Schotte, oder Waliser.

Ich selbst bin, wie etwa 290 Millionen andere, Bürger eines Landes, das sich offiziell „United States of America“ nennt. Bislang hielt ich mich deshalb für einen „Amerikaner“, was in Deutschland gelegentlich zu lustigen Wortspielen führt, in denen es um ein meist etwa handtellergroßes, stumpf-kegelförmiges Gebäckstück aus Weizenmehl mit Zucker- oder Schokoladenguss. Der Name Amerikaner ist eine Vereinfachung des ursprünglichen Namens „Ammoniumhydrogencarbonatikaner“, später auch „Ammoniakaner“, den das Gebäck aufgrund des verwendeten ammoniumhaltigen Backpulvers Ammonium-Hydrogencarbonat (Hirschhornsalz) trug. Danke übrigens an Wikipedia für diese Definition.

Aber jetzt mal ernsthaft: Für einen Amerikaner ist es ganz klar, dass nur jemand aus Nordamerika, genauer aus den Vereinigten Staaten von Amerika“, wirklich ein Amerikaner ist. Dass es viele Millionen Menschen anderer Nationalität gibt, die ebenfalls in Amerika leben, übersehen sie dabei geflissentlich. Jemand aus Kanada ist für einen Amerikaner kein Amerikaner, sondern ein Kanadier, obwohl er genauso auf dem nordamerikanischen Kontinent zu Hause ist wie er. Und ab dem Rio Grande heißen für ihn alle Einwohner „Latinos“, obwohl ihre Heimat Mittel- oder Südamerika ist.

Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das alles reichlich unverschämt vor. Nicht, dass es mich wundert: Wir Amerikaner tragen schließlich jedes Jahr eine Weltmeisterschaft aus in einer populären Sportart (Baseball), an der ausschließlich Mannschaften aus den USA teilnehmen. Aber wenn ich ein Kanadier, ein Mexikaner, Peruaner, Brasilianer oder Kubaner wäre, dann würde es mich ganz schön wurmen zu sehen, wie ein einziges Land den Namen zweier kompletten Kontinente an sich reißt und daraus seine nationale Identität zimmert.

Fast noch interessanter ist aber, dass die ganze Welt das offenbar in Ordnung findet. In Deutschland stört sich keiner daran, die US-Bewohner als Amerikaner zu bezeichnen. Und nur sehr gelegentlich verwenden die Medien die einschränkende Formulierung „Vereinigte Staaten von Nordamerika“, um das Land und seine Bewohner wenigstens von den Staaten des Südkontinents abzugrenzen. Die Kanadier können ja sehen, wo sie bleiben.

In Frankreich ist jetzt wenigstens ein kleiner Streit über diesen Sprachgebrauch entbrannt. Martine Rousseau und Oliver Houdart, zwei Redakteure der Online-Ausgabe der Tageszeitung „Le Monde“, haben in ihrem Sprach-Blog die Frage gestellt, warum der gemeine Franzose nach wie vor dem „les Américains“ (großgeschrieben) spricht, wenn sie einen US-Bürger meinen, aber nicht von „les américains“ (kleingeschrieben), wenn sie alle Bewohner der beiden Kontinente bezeichnen wollen.

Die beiden wollten keine große politische Diskussion vom Zaum brechen, sondern lediglich eine zwar weitverbreitete, aber unpräzise Sprachgewohnheit geißeln. Wenn sich die Bezeichnung eines Staatsbürgers von dem Staatsnamen ableitet, schreiben sie, dann müsste ein Bewohner der „Ètats-Unis“, wie die Vereinigten Staaten auf Französisch heißen, doch eigentlich „Ètats-Unien“ heißen.

Die Reaktion der verehrten Leserschaft hat die beiden Autoren ziemlich überrascht. Sie wurden nämlich von Zuschriften überschwemmt, in denen sie der antiamerikanischen Hetzpropaganda bezichtigt wurden. Selbst gemäßigtere Leser fanden die Bezeichnung „Ètats-Unien“ unappetitlich, unmusikalisch, snobistisch, sarkastisch oder schlicht unschön. Dass die althergebrachte Bezeichnung „Américain“ unpräzise sei, scheint niemanden zu stören. „Obwohl wir uns freuen würden, als die Erfinder eines neuen linguistischen Mandats zu gelten, müssen wir feststellen, dass Américain offenbar eine historische Legitimation besitzt, während États-Unien als Herausforderer eine lexikalische Lücke schließt – ja, eigentlich ergänzen sie sich, und wir sollten sie kohabitieren lassen.“

Im übrigen haben mehrere Leser von „Le Monde“ eine einfache und sinnfällige Lösung des Problems vorgeschlagen: Man könnte die Bürger der USA ja „Usanos“ nennen. Sie leiten das Wort übrigens aus dem Griechischen ab (was wiederum allerdings die Griechen und einige Altphilologen bei uns verwirren dürfte, denn die Initialen „U“, „S“ und „A“ heißen „Ypsilon, „Sigma“ und „Alpha“ auf Griechisch).

Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit glücklich werden könnte, mich in Zukunft als Usano bezeichnen zu lassen. Irgendwie klingt das wie der Bewohner eines bislang noch unentdeckten Planeten. Aber vielleicht ist es ja gerade deshalb besonders passend.

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Lasst uns Läufer sterben!

Die Marathon-Saison ist in vollem Gange, und die Kritiker laufen wieder mal zur Hochform auf. Weil es immer wieder Todesfälle auf Laufveranstaltungen zu beklagen gilt (in diesem Jahr angeblich schon acht Stück!) fordert Dr. Winfried Kindermann, Chefmediziner der deutschen Olympiamannschaft, einen Gesundheitspass für Hobbyläufer. Andere Länder sind da schon einen Schritt eiter: Wer sich heuer online zum Rom-Marathon anmelden wollte, musste vorher einen ärztlichen Attest einreichen. Bequemerweise gab es ein entsprechendes Formular zum Herunterladen, das nur noch vom Hausarzt unterschrieben werden musste.

Blödsinn, sage ich! Lasst die Läufer sterben! Schließlich wissen sie, was sie tun, denn sie eifern einem großen historischen Vorbild nach: Der allererste Marathonläufer, Pheidippides, der 490 v.Chr. die Nachricht vom Sieg gegen die Perser nach Athen im Laufschritt sowie in voller Rüstung bei brütender Hitze überbrachte (über seine Schlusszeit schweigt sich Herodot allerdings aus), brach bekanntlich auch am Ziel zusammen.

Im Ernst: Ein Marathon zu laufen ist eine ungeheurere körperliche Anstrengung, für viele die größte ihres Lebens. Ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich bislang mit einer Bestzeit 4:13 eher zu den „Marathon-Gehern“ gehöre.  Aber ich weiß genau, was ich tue: Ich laufe um mein Leben! Als mein Arzt mir extremen Bluthochdruck sowie erste sichtbare Arterienveränderungen attestierte, habe ich die Konsequenz gezogen und bin losgelaufen.

Hätte ich es nicht getan, wäre ich vielleicht schon tot. Aber das war und ist meine ureigene Entscheidung. Wer sich darin einmischt, nimmt mir etwas von dem, wofür ich laufe, nämlich meine Entscheidungsfreiheit. Und wenn ich es eines Tages mit dem Leben bezahlen muss: Sterben muss ich so oder so. Einen schöneren Tod aber als einen aus vollem Lauf heraus kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.

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CeBIT der Avatare

Wo sind die Zeiten dahin, als wir uns noch unter mehr als 800.000 Besuchern versuchen mussten, einen Weg durch die CeBIT zu bahnen? Als ich am ersten Messetag wie seit 25 Jahren gegen 19 Uhr das Gelände verließ, standen da 20 Wagen am Taxistand. Ich kann mich noch an Jahre erinnern, da standen um diese Zeit 200 frierende Menschen in der Schlange und warteten.

Keine Frage, die weltgrößte Computermesse hat ihre besten Zeiten hinter sich. Gestritten wurde in Hannover eigentlich nur noch darum, ob sie sich gesund geschrumpft hat, oder ob sie langsam vor sich hinstirbt.

Die Frage muss deshalb erlaubt sein: Wie relevant ist eine solche Jahreshauptversammlung der ITK-Branche noch im Zeitalter des Internet? Vielleicht sollten wir sie nächstes Jahr nach „Second Life“ verlegen, wie Herbert Kircher, Chef der IBM Entwicklungsgesellschaft, nur halb scherzhaft meinte, als wir uns über digitale Identitäten und Web 2.0 unterhielten.

Bislang konnten die Messeveranstalter wenigsten sagen, auf einer virtuelle Expo gibt es keinen Kaffee und keine Gespräche im Gang. Nur der Information halber, das ist auch ihnen schon lange klar, muss heute keiner mehr den alljährlichen Cannossagang nach nach Hannover antreten.

Also ab in die Avatare! Oder vielleicht doch lieber die Flucht in die Intimität? Jedenfalls fällt auf, dass Messemacher und Eventveranstalter in letzter Zeit wieder etwas kleinere Brötchen backen. „Lieber kleiner, aber gezielter“, sagte mir ein Marketingchef. Ob er nächstes Jahr einen Stand in Hannover buchen soll oder lieber mehrere kleinere Regionalmessen und Spezialevents belegen wußte er noch nicht. Wir Amerikaner würden sagen (beziehungsweise fragen):“Where do I get more bang for my bucks?“

Auf einer großen Messe gehen viele kleine, aber wichtige Themen naturgemäß unter. Henning Kagemann von SAP strapazierte in seiner Pressekonferenzrede so ziemlich jedes gängige Buzzword der Branche, aber von digitaler Identität sprach er kein Wort. Und im allgemeinen Trubel ging zum Beispiel eine Ankündigung von EU-Kommissarin Viviane Redding beinahe unter, keine neue Gesetzesinitiative in Sachen RFID starten zu wollen. Vor einem Jahr hatte sie derartige Befürchtungen geweckt, als sie eine einjährige „Anhörungsphase“ ankündigte, in der nicht nur die Industrie, sondern auch Datenschützer und Normalbürger zu Wort kommen sollten. Ein Jahr später sieht sie keine Notwendigkeit, in den Markt einzugreifen – im Gegenteil. Die Rolle der EU soll sich darin erschöpfen, international für Standards und Interoperabilität zu werben und daheim der Industrie erst mal den Rücken freizuhalten.

Außer ein paar Zeilen in der „Süddeutschen“ habe ich nichts über diese wirklich bemerkenswerte Einsicht einer Vollblut-Politikerin gelesen, für die normalerweise ein solches Thema ein gefundenes Fressen für dioe Selbstdarstellung sein müsste. Aber sie ging unter zwischen Banalität, Senesationshascherei, Selbstbeweihräucherung und „old news“. In der Pressekonferenz eines großen Hosting-Providers erwischte ich mich selbst dabei, wie ich die gleiche Frage stellte wie im Vorjahr. Wer kann im Wald der geballten Marketingmaschinerie noch die Bäume erkennen?

Ob ich selbst nächstes Jahr wieder nach Hannover fahre? Ich weiß es noch nicht, ganz ehrlich.

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„Weicher“ Standortfaktor Golf

Golf zieht nicht nur Sportler an, sondern auch Investoren und Talente. Die Wirtschaft Oberbayerns als Deutschlands Golfregion Nummer eines wird deshalb nach Ansicht von Experten in den nächsten Jahren überdurchschnittlich vom Golf-Boom profitieren.

Auf dem Werbeprospekt für das neue Gewerbegebiet „Günding“ der Gemeinde Bergkirchen im Landkreis Dachau schlägt gerade ein Golfer mit wuchtigem Schwung den Ball in Richtung Fahne. „Das war ein Volltreffer“, sagt Bürgermeister Simon Landmann. Der Lokalpolitiker ist zwar Nichtgolfer, aber er weiß um den Wert des weißen Sports: „Ohne Golfplatz hast du bei bestimmten Firmen einfach keine Chance als Standort.“

Dass die Nachbarn in Bergkirchen mit seinen Fairway und Grüns bei potenziellen Ansiedlerunternehmen werben, findet Geschäftsführer Thomas Heitmeier vom Münchner Golfzentrum Eschenried „absolut in Ordnung. Golf zieht eben.“

Dass Golf in Oberbayern ein nicht unerheblicher Wirtschaftsfaktor ist, pfeifen längst die Spatzen von den Dächern: Immerhin schwingen in Oberbayern über 60.000 Menschen mehr oder weniger häufig den Golfschläger. Mit 1,45 Prozent liegt der Anteil der registrierten Golfer an der Gesamtbevölkerung laut Statistik des Deutschen Golfverbands (DGV) um mehr als das Doppelte über dem Bundesdurchschnitt (0,6%). Und in den absoluten Golf-Hochburgen Oberbayerns wie den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Starnberg sind es sogar über mehr als drei Prozent. Auch als Tourismus-Magnet ist der Golfsport ein anerkannter Wachstumsmotor. „Die touristische Anziehungskraft von Golf ist messbar“, behauptet Günter Reiter vom in München erscheinenden Branchenreport „Golf Inside“. Jeder dritte Golfer in Deutschland hat nach seiner Erkenntnis schon mindestens einmal in seinem Leben Golf-Urlaub in Oberbayern gemacht.

Weniger offensichtlich ist jedoch der „weiche“ Standortfaktor Golf – ein Phänomen, das nicht nur in Bayern beobachtet wird. „Golfplätze im Speckgürtel als Standortfaktor“, titelte die „Welt“ unlängst über die Golfplätze rund um Berlin. Und das „Golf-Mekka“ Bad Griesbach südwestlich von Passau lebt nach Ansicht von Egon Stengl, Chefredakteur des Online-Magazins „Infocomma Golf Zeitung“, inzwischen weitgehend von seinen mit insgesamt zehn Golfplätzen, die der Unternehmer Alois Hartl in den letzten 25 Jahren rund um die 8.500 Einwohner zählende Marktgemeinde baute. Die meisten von ihnen arbeiten in dem guten Dutzend Luxushotels sowie in der Therme des 1972 als Kurbad anerkannten Ortes. Stengel: „Ohne Golf hätte es diese beispiellose Ansiedlung von gastronomischen Unternehmen in Bad Griesbach mit Sicherheit niemals gegeben.

Auch in Oberbayern finden sich Beispiele dafür, dass Golf immer wichtiger wird, wenn es um das Anwerben von Investoren geht. „Ja, bei der Entscheidung für Ismaning als Standort hat auch die Nachbarschaft zum Golfclub Eichenried eine Rolle gespielt“, gibt Georg Magg, Vorstandsvorsitzender der auf IT-Sicherheit spezialisierten Integralis AG zu. Magg und sein Führungsteam sind fast durchweg begeisterte Anhänger des aus Schottland stammenden uralten Ballsports. Was für ihn aber noch mehr zählt: „Wir suchen ständig neue hoch qualifizierte Mitarbeiter, und die Ansprüche sind da ziemlich hoch. Der eine oder andere lässt uns schon mal spüren, dass ein Golfplatz in der Nähe für sie ein echtes Entscheidungskriterium ist.“

Das bestätigt auch der Philip-A. Artopé. Der Geschäftsführer des Münchner Atlas-Verlag, in dem das Magazin „Golf-Journal“ erscheint, ist sicher: „Auch wenn das vielleicht nicht im Mittelpunkt steht, kann es den letzten Anstoß für die Entscheidung eines Unternehmers oder eines Bewerbers sein.“ Das gilt seiner Meinung nach besonders für Firmen aus Zukunftsbranchen wie der EDV oder Biotechnik sowie bei international aufgestellten Unternehmen. „Im westlichen Ausland ist Golf sehr viel weiter verbreitet als bei uns. Für einen Deutschen mag das Vorhandensein eines Golfplatzes ein zusätzlicher Anreiz bei der Arbeitsplatzwahl sein. Für einen Amerikaner, einen Briten oder einen Schweden dagegen wäre das Fehlen eines Golfplatzes in vielen Fällen wahrscheinlich ein KO-Kriterium.“

Auch unter deutschen Bewerbern steigt ab einer gewissen Einkommensebene die Zahl der Golfer an, wie Peter Hübner bestätigt. Er ist Coautor der Studie „Golfmarkt 2005“, die der Deutsche Golfverband (DGV) zusammen mit der Hamburger Forschungsteam Golf  & Tourism Consulting (GTC) in Lüneburg herausgegeben hat. Danach ist der Anteil der Golfer mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 2500 Euro im Monat fast mit 54,3% fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Und obwohl immer mehr junge Menschen zum Golfsport dazu stoßen, nimmt der Anteil der Über-50jährigen unter den Golfern sogar noch zu: „Die allgemeine demografische Entwicklung in Deutschland frisst den Verjüngungseffekt durch die Popularisierung des Golfsports wieder auf“, wie Hübner erläutert.

Da Golfer auch überdurchschnittlich glücklich verheiratet sind (67,3% gegenüber nur 56,6% der Restbevölkerung) spielen nach Ansicht Hübners auch andere „weiche“ Faktoren wie intakte Umwelt und kulturelle Angebote für sie eine größere Rolle als für andere. Menschen in ihrem Alter neigen auch dazu, sesshaft zu sein oder sich einen Ort zu suchen, an dem sie sich später auch im Alter wohl fühlen sollen. „Bayern mit seiner weißblauen Bodenständigkeit hat da natürlich bei Golfern besonders gute Karten“, glaubt der Norddeutsche Hübner. Sehr gut sei das an den steigenden Grundstückspreisen jener Gemeinden abzulesen, sobald in der Nähe ein Golfplatz aufmacht. Hübner: „Die Wohnqualität wird natürlich mit jeder neuen Freizeitanlage gefördert, aber ein Golfplatz bringt in der Regel bei den Immobilien einen regelrechten Schub.“

Dass gerade Gemeinden in Oberbayern mit seiner hohen Dichte an Hightech-Unternehmen überproportional vom Golfboom profitieren kann, davon ist auch Oskar Brunnthaler, Chefredakteur der in München erscheinenden Fachzeitschrift “Golf TIME“ überzeugt: „Das ist auch eine Imagefrage. Selbst wenn ein Unternehmer in einer ‚sauberen’ Branche selber kein Golf spielt, so möchte er sich mit seiner Firma doch lieber dort ansiedeln, wo es einen Golfplatz in der Nähe gibt als, sagen wir, ein Braunkohlebergwerk.“

Dass Oberbayern gute Karten hat wenn es darum geht, sich als Golfland bei Firmen und Bewerbern in Szene zu setzen, glaubt auch Jens Huwald von der Bayern Tourismus Marketing GmbH in München. „Golf ist eine unserer starken Produktlinien“, bestätigt er. Schließlich weist keine Region Deutschlands eine derartige Golfplatzdichte auf wie der Regierungsbezirk: Insgesamt 67 Anlagen, davon in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Traunstein und Rosenheim jeweils sechs, in Starnberg, Ebersberg, Weilheim und im Landkreis München je vier.

Und es sollen noch mehr werden. In Valley zwischen München und Tegernsee baut der Biotechnologieunternehmer Michael Weichselgartner (MWG Biotech), der seit sechs Jahren mit seiner Frau Sandra die Golfanlage Pfaffing München-Ost betreibt, den mit über 7.200 Metern längsten Turnierplatz der Welt. Für die 27 Loch-Anlage, das zu 100% aus Eigenmitteln finanziert wird, müssen über 700.000 Kubikmeter Erde bewegt werden, was zu Unmut in der Nachbarschaft geführt hat. Doch nach Fertigstellung erwartet Weichselgartner einen Stimmungsumschwung. Immerhin hat er ehrgeizige Pläne: Nicht Geringeres als der Ryder Cup, das Vorzeigeturnier zwischen US- und europäischen Profis, soll irgendwann nach 2018 in Valley stattfinden. Weichselgartner ist sicher: „Sollte Deutschland den  Cup bekommen, wird es schwer sein, uns zu übergehen.“

Damit würde der Großraum München endgültig in die Weltliga des Golfsports aufsteigen. Heute schon treffen sich alljährlich einige der besten Profis in Eichenried zum „BMW Open“, das allerdings von seiner internationalen Bedeutung her in scharfer Konkurrenz steht zum „SAP Open“ in Walldorf und dem von Bernhard Langer  in Pulheim bei Köln veranstalteten „Mercedes German Masters“. Mit dem Ausrichten des Ryder Cup könnte sich Oberbayern seinen Ruf als Golfhochburg auch international sichern.

„Für Oberbayern wäre das fast so wie die Fußball-WM 2006 für Deutschland“, schwärmt Golfjournalist Egon Stengel. Wobei seine Golf-Begeisterung nicht unbedingt von jedermann geteilt wird. So hat noch bis vor kurzem der vom Planungsausschuss des Regionalen Planungsverbands München (RPV) aufgestellte Regionalplan den Bau weiterer Golfplätze im Süden Münchens abgelehnt, da es dort angeblich bereits eine hohe Platzdichte hätte. „Diese Empfehlung ist allerdings mittlerweile zurückgenommen worden“, bestätigte auf Anfrage der zuständige Regierungsbeauftragte beim RVP. Stengel erleichtert: „Damit wäre sonst ein wesentlicher Wachstumsimpuls für die Region im Keim erstickt worden.“

Überhaupt scheint sich das Image von Golf als Elite-Sportart in den vergangenen Jahren deutlich verbessert zu haben. „Golf ist Volkssport geworden“, behauptet Helmut Freiherr von Fircks vom Präsidium des Bayerischen Golfverbands. Das sei zum einen auf das verbesserte Angebot, fallende Preise für Mitgliedschaften und Spielberechtigungen, aber auch auf die intensive Jugendarbeit von Clubs und Verband zurückzuführen.

Womöglich haben aber auch die golffreundlichen Unternehmen in Oberbayern das Ihre dazu beigetragen. Thomas Heidmeier aus Eschenried will jedenfalls bereits seit etwa zwei Jahren beobachtet haben, dass sich Golf und Wirtschaft immer näher kommen: „Die Zahl der  Firmen, die eigene Turniere veranstalten, hat in den letzten zwei Jahren stark zugenommen.“ Auffällig sei, dass dabei nicht nur Golfspieler eingebunden werden. „Man lädt Kunden oder die ganze Belegschaft ein, macht vorher ein paar Präsentationen oder eine Schulung. Am Nachmittag geht es dann für die Golfer auf die Runde, während die Nichtgolfer einen Schnupperkurs machen oder ein Putt-Turnier veranstalten. Am Abend gibt es dann eben zwei Siegerehrungen: einen für die Golfer und einen für die Nichtgolfer. Das hebt die Laune und erzeugt bei allen Teilnehmern ein echtes Wir-Gefühl, das im Berufsalltag dann lange nach hält.“

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EBay kehrt zurück zu seinen Wurzeln

eBay hat sich mit der Zeit ganz schön verändert. Zwischen den Auktionen tauchen immer häufiger Angebote zum Festpreis auf. „Sofort-Kauf“ nennt sich das. Anfangs gab es eine Handvoll davon, heute findet man in manchen Produktkategorien überhaupt nur noch „Sofort-Kauf“-Offerten.

Es hat natürlich niemand etwas dagegen, wenn ein Profi-Händler Neuware bei eBay verkauft – im Gegenteil. Aber wer dem Kunden in einem Auktionshaus feste Preise vorschreiben will, hat meines Erachtens nicht verstanden, worum es geht –nämlich um den Reiz des Bietens und Überbotenwerdens. Kurz gesagt: ums Erlebnis. Das haben die Verantwortlichen bei eBay offenbar auch erkannt.

Jedenfalls hat man jetzt neben dem klassischen Auktionshaus einen reinen Marktplatz namens „eBay Express“ eingeführt. „Hier sollen ausschließlich gewerbliche Anbieter Neuware zum Festpreis verkaufen“, sagte mir Patrick Boos, der als Senior Director die Marktplatz-Entwicklung leitet.. Und auch im klassischen Auktions-Teil von eBay sollen Angebote von so genannten „eBay Shops“, also von Profi-Händlern, nur dann in den Suchlisten auftauchen, wenn nicht ausreichend Auktion verfügbar sind. eBay bleibt also seinen Wurzeln treu – und das finde ich gut so.

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Lärmgeplagte Teenager schießen zurück

Bekanntlich nimmt die Fähigkeit, hochfrequente Töne wahrzunehmen, mit zunehmender Lebensdauer ab. Fein, sagte sich die britische Firma Compound Security (www.compoundsecurity.co.uk) und schuf ein Produkt namens „Mosquito“, das sie als „ultrasonic teenage deterrent“ vertreiben, was auf deutsch so viel bedeutet wie „Ultraschall-Teenager-Vertreiber“. Es sendet einen für die älteren Kunden nicht wahrnehmbaren Piepston aus, den Jugendliche als unangenehm empfinden.

Da Kids in Großbritannien offenbar nichts anderes zu tun haben als sich vor Einkaufszentren zusammenzurotten und die Alten anzupöbeln, erfreut sich das Gerät vor allem bei Supermarkt-Besitzern wachsender Beliebtheit. Doch wie so oft erweist sich eine neue Technologie als eine zweischneidige Sache. Die jungen Leute laden sich nämlich den Moskito-Ton neuerdings gerne als Klingelton aufs Handy, damit die Lehrer – die zumindest in Großbritannien offenbar alle an fortgeschrittener Altersschwerhörigkeit leiden – nicht mitkriegen, wenn es während des Unterrichts klingelt. So können sie sich gegenseitig ungestört unter der Schulbank SMS-Nachrichten schicken oder unauffällig per Kopfhörer Telefongespräche führen. Schade, dass es sowas in meiner Schulzeit noch nicht gab…

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Fahne ohne Freude

Deutschland zeigt wieder Flagge. Aber warum kann ich mich nicht darüber freuen?

Neulich war unsere Nachbarin bei uns. Sie ist Deutsche, der Österreicher. Er trägt jetzt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Cordoba 1978“ in Gedenken an das 3:2 gegen die Alpenrepublikaner. Seine Frau hat das gleiche Hemd, nur steht darunter „nie wieder!“. Und auf dem Balkon haben sie eine deutsche Nationalflagge gehisst.

Die Dinger flattern ja neuerdings aus jedem zweiten Fenster, und ein findiger Anbieter wird gerade reich mit der Idee, kleine Fahnen zum Einklemmen am Autofenster zu verkaufen. Jetzt fahren lauter Diplomatenfahrzeuge durch München. Fehlen nur noch die Motorrad-Eskorten…

Ja, die Deutschen zeigen wieder Flagge, was angesichts der vertrackten Nationalhistorie leider keineswegs selbstverständlich ist. Wären sie Italiener oder Spanier, kein Mensch würde sich auch nur einen Gedanken darüber machen. Sind sie aber nicht. Und es hilft auch nichts, wenn unsere Nachbarin zur Verteidigung sagt, sie finde es gut, wenn man als Deutscher wieder ein bisschen Stolz auf seine Heimat zur Schau tragen dürfe.

Klar, Fahnenschwenken nach einem Sieg der Nationalmannschaft wirkt wie ein harmloses Vergnügen. Aber die gleichen Fahnen schwingen hierzulande Leute, die damit etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen wollen als harmlose Siegeslaune.

Und es gibt einfach Schreckensbilder, die sich unauslöschbar in die kollektive Erinnerung gebrannt haben, in denen ebenfalls schwarzrotgoldene Fahnen zu sehen sind. Es tut mir leid, aber ich schaffe es nicht, diese Bilder auszublenden, wenn ich jetzt die neuen sehe. Vielleicht ist es, weil ich fahneschwenkenden Menschen grundsätzlich als Gefahr betrachte. Eine Fahne ist ein Symbol. Und die Grenze zwischen harmlosem Patriotismus und menschenverachtendem Nationalismus ist viel schmaler, als viele offenbar denken.

Wer das nicht glaubt, muss nur hinüber schauen in meine Heimat. Die Amerikaner sind die größten Fahnenschwenker überhaupt, und sie tun es aus Stolz darüber, in einem freien Land zu leben, einem Land, das auf liberale Prinzipien aufgebaut ist: Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Toleranz.

Und was ist in wenigen Jahren unter einem Menschen wie George W. Bush geworden? Ein Land, das die Menschenrechte anderer nach Gutdünken außer Kraft setzt, sie in Guantanamo in Käfigen hält oder sie in Haditha abschlachtet. Ein Land, das seine Bürger abhört und dessen Führer sie mit Lügen in einen Aggressionskrieg führen. Ein Land, das laut internationaler Meinungsumfragen inzwischen von einem Drittel der Menschheit als größte Gefahr für den Weltfrieden eingestuft wird, noch vor Iran oder Nordkorea.

Die Amerikaner schenken nach wie vor ihre Fahnen, aber das, wofür diese Fahne steht, ist zu einem Albtraum geworden. Und nun schwenken Deutsche wieder Fahnen, und sie sagen, das sei doch alles ganz harmlos. Ja, das stimmt vielleicht, zumindest hier und heute. Aber wer garantiert uns, dass das, wofür diese Fahne steht, auch in Zukunft noch etwas sein wird, auf das sie stolz sein können? Menschen mit Fahnen sind nun mal Manipulationsmasse.

Zumindest das sollte uns die deutsche Geschichte gelehrt haben. Mir war jedenfalls wohler, als keine Flagge auf Nachbars Balkon und auf den Autos vor unserer Haustür wehten.

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Demokratischer Fachismus

Als in Deutschland lebender Amerikaner gerate ich häufig in Erklärungsnotstand. Ich halte Amerika nämlich nach wie vor für das demokratischste Land der Erde. Und ich halte George W. Bush für einen Faschisten.

Also was nun, fragen mich meine Freunde bei solchen Gelegenheiten. Wenn das demokratisch gewählte Staatsoberhaupt des Landes ein Faschist ist, dann sind doch mindestens die Hälfte der Wähler auch Faschisten, oder?

Nun, das mit der Demokratie ist eine verzwickte Sache. Und mit Vernunft hat sie nicht immer etwas zu tun. Oder glaubt denn wirklich jemand, dass die Mehrheit der Palästinenser wirklich Hamas-Anhänger sind? Trotzdem sind die Terroristen dort demokratisch legitimiert.

Ich hasse das, was Bush und seine Kumpanen im Namen Amerikas machen. Sie haben das eigene Volk belogen, einen ungerechten Krieg vom Zaun gebrochen, unschuldige Menschen ohne Anklage und Möglichkeit zur Verteidigung über Jahre hinweg gefangengehalten und der Weltmeinung dabei die Nase gezeigt. Sie haben die Steuern für die Reichen gesenkt und geholfen, die Armen ärmer zu machen. Sie haben innerhalb von wenigen Jahren einen Haushaltsüberschuß in einen Schuldenberg verwandelt, an dem ihre eigenen Urenkel noch werden abzahlen müssen, und sie zerstören aus Raffgier den Planeten. Schlimmer geht es doch gar nicht, oder? Und der Cole verteidigt ein solches System auch noch?

Ich gebe zu, dass mich das selbst verwirrt – und trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut wenn ich lese: „Wir halten diese Wahrheit für offensichtlich, dass nämlich alle Menschen gleich geschaffen sind, und dass sie von ihrem Erschaffer mit bestimmten unveräußerlichen rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freitheit und die Jagd nach dem Glück.“

Wie kann man ein Land nicht lieben, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung als höchstes Gut gilt, in dem jeder – ob Nazi, Fundamentalist oder Spinner – wirklich sagen darf, was er denkt? Wie wollen Deutsche oder Österreicher den Amerikanern Demokratieunterricht geben, wenn bei ihnen Holocaustleugner vor Gericht gestellt werden? Ich hasse David Irvings Ansichten, aber ich verteidige mit ganzem Herzen sein Recht, sie zu äußern.

Manchmal glaube ich selber, schizophren zu sein. Aber dann kommt gerade noch rechtzeitig die „Economist“ daher und bringt das auf den Punkt, was ich schon immer instinktiv gefühlt habe. In einer Besprechung des Buchs „Politics Lost: How American Democracy Was Trvialised by People Who Think You’re Stupid“ schreibt der Rezensent folgenden gedankenschweren Satz, der genau das ausdrückt, was ich meine: „Dieses Buch ist durchdrungen von einer mächtigen Zuneigung für das Versprechen amerikanischer Politik und Verzweiflung über ihre Realität.“

Ja, das ist es. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Ideale, auf denen das amerikanische politische System gründen, zum Edelsten und Wirkungsvollsten zählen, was Menschen erdacht haben. Aber da es Menschen sind, die diese Ideale in die tägliche Politik umsetzen, ist das Ergebnis oft schrecklich.

Die Kraft dieser Ideale hat zweieinhalb Jahrhunderte überdauert und haben Amerika die längste demokratische Tradition der Welt beschert. Das muss uns erst mal einer nachmachen.

Ich hoffe, dass diese Tradition stark genug sein wird, selbst einen George W. Bush zu überstehen.

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