Saulus, Paulus und die disruptive Wucht des Internets

12. Oktober 2014
Would the real Internet Guru please stand up?

Would the real Internet Guru please stand up?

Es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen Jaron Lanier, der heute in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen nimmt, und meinem kürzlich verstorbenen Freund und Coautoren Ossi Urchs. Ja, die Dreads – aber da hört die Ähnlichkeit nicht auf. Beide kannten sich gut, und ich habe sie in San Francisco bei einer Konferenz von Silicon Graphics zusammen erlebt, als wir uns nach einem Vortrag Jarons über die Zukunft von Virtual Reality auf ein Kaffee und ein Ratsch hingesetzt haben und uns völlig einig waren, dass die damals noch recht primitiven VR-Computer eines Tages unsere Sicht der Welt verändern würden. “Irgendwann wirst du gar nicht mehr sehen können, ob du dich in der Wirklichkeit oder in der virtuellen Realität befindest”, schwärmte Jaron damals. Und er hat ja Recht behalten, wie Ossi und ich in “Digitale Aufklärung” geschrieben haben. Nur, dass man dazu keine zentnerschweren Indy Workstations mehr braucht: Du setzt dir einfach ein Google Glass auf, und schon verschwimmen Realität und Virtualität zu einer neuen Dimension der Wahrnehmung.

Ossi und Jaron haben sich in den letzten paar Jahren aber weit auseinander entwickelt. Ossi, der Netzwerker und Vordenker, blieb davon überzeugt, dass wir dank Internet bessere Menschen und damit Teile einer besseren Gesellschaft sein werden. Jaron sah und sieht das anders. Er glaubt im Gegensatz zu uns nicht an den Netzwerkeffekt, nämlich dass das Ergebnis größer ist als die Summe der Teile. Für ihn ist das Kollektivismus und damit nichts anderes als eine Art von Digitalem Maoismus, wie er in “You Are Not A Gadget” schrieb. Wikipedia und die Open Source-Bewegung zerstören angeblich die Möglichkeiten für die Mittelklasse, die Erzeugung von Inhalten zu finanzieren. Und er hat Angst vor digitalen Massenbewegungen, weil sie seiner Meinung nach direkt in die “digitale Barbarei” führen.

Es konnten also keine zwei gegensätzlicheren Menschen unter den roten Mähnen stecken. Weiterlesen »

Kohls Volkshochschulhirn

11. Oktober 2014
5.0.3

Mütterchen war eine Dame. Aber Kohl war kein Herr.

Der Verbalausfall von Altkanzler Helmut Kohl gegen den ehemaligen SPD-Vize und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse („Volkshochschulhirn“), der in dem umstrittenen Enthüllungs Buch von Heribert Schwan und Tilman Jens, „Die Kohl-Protokolle“ öffentlich wurde, hat in mir längst verschüttete Erinnerungen wachgerüttelt.

Ich bin Kohl als junger Mann begegnet, aber was noch viel wichtiger ist: Er ist meiner Mutter begegnet. Es muss irgendwann mitte der 80er gewesen sein. Kohl stand auf dem Zenit seiner Macht. Meine Mutter war Chefin der Lehrmittelabteilung der University of Maryland in Heidelberg und dort für den Einkauf von Büchern für Studenten zuständig, die (wie ich übrigens auch) an der University College studierten. Das war ein vom US-Verteidigungsministerium unterstützter Service für GIs und ihre Angehörigen, die gerne parallel zum Wehrdienst ihr unterbrochenes Studium fortsetzen wollten. In Spitzenzeiten waren es mehr als 20.000 pro Trimester, und meine Mutter verfügte über ein Millionenbudget.

Die „U of M“ war trotzdem ein ziemlich familärer Betrieb: Der Verwaltungskopf bestand aus vielleicht drei Dutzend Angestellten, die Professoren waren meist junge Amerikaner, die nach dem eigenen Studium ein oder zwei Jahre in Europa dranhängen wollten. Und einmal im Jahr gab es eine richtige zünftige Abschlußfeier, die „Commencement Ceremony“, komplett mit Talare und Mortarboard-Hüten. Sie fand in der Audimax der altehrwürdigen Heidelberger Universität statt. Die Mitarbeiter organisierten die Festivität selbst, und meine Mutter war in dem fraglichen Jahr für die Betreuung der Ehrengäste eingeteilt worden. Weiterlesen »

Grabrede für meinen besten Freund

11. Oktober 2014
Thanks for everything, dude: om namo narayan!

Thanks for everything, dude: om namo narayan!

Ossi war mein bester Freund. Ich weiß nicht, ob ich sein bester Freund war. Das mit den Freunden ist im Zeitalter von Facebook ja etwas schwierig geworden. Ein Freund ist heute jemand, der mir wichtig ist – egal ob ich ihm jemals leibhaftig gegenüber gesessen bin oder nicht. Ich habe aktuell 758 Freunde auf Facebook. Das heißt, eigentlich sind es ja jetzt 757. Aber ich zähle Ossi immer noch mit, denn er ist dort ja immer noch sehr, sehr präsent.

Bei aller Wertschätzung für die so genannten Sozialen Medien würde ich aber meine Freundschaft mit Ossi ungern auf die gleiche Stufe stellen. Erstens haben wir uns schon lange gekannt, bevor es Facebook gab. Und zweitens waren es gerade die realen Begegnungen, die langen, langen Gespräche mit ihm, die mir in Erinnerung bleiben und die mir so sehr fehlen werden. „F2F“ heißt das in der seltsamen Kürzelsprache des alten Internet, zu dem Ossi und ich ja beide als „Urgesteine“ gehören. Und das ist nicht zu ersetzen, nicht durch alle E-Mails, alle Tweets, Postings, Likes oder eben alle Facebookfreundschaften der Welt. Weiterlesen »

Jeeves lebt!

11. Oktober 2014

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Dass ich das noch erleben durfte: Nach 40 Jahren feiert Jeeves, der Butler aller Butler, Auferstehung. Bertie Wooster kommt doch noch unter die Haube. Und alle Fans von PG Wodehouse (alias: Sir Pelham Grenville Wodehouse) können sich auf ein neues Landhaus-Abenteuer freuen zwischen Cocktailshakern und Gurkensandwichs, Rasentennis und Cricketfeld. Der gute alte Zweisitzer setzt sich wieder in Bewegung, und wir dürfen Wiedersehen feiern mit Tante Agatha, Harold „Stinker“ Pinker, Madeline Basset, Claude „Catsmeat“ Potter-Pirbright und vielen anderen unvergänglichen Figuren aus den insgesamt 11 bisherigen Jeeves-Romanen.

Nein, Wodehouse ist nicht von den Toten auferstanden und hat sich an die alte mechanische Schreibmaschine gesetzt. Und es ist auch kein unveröffentlichtes Manuskript beim Ausmisten seines Dachstuhls aufgetaucht. Statt dessen hat sich ein Brite namens Sebastian Faulks hingesetzt und versucht, das eigentlich Unmögliche möglich zu machen, nämlich ein Buch zu schreiben, das so genau den unverwechselbaren Tonfall des Meisters trifft, als wäre es wirklich ein Stück vom ihm. Weiterlesen »

Ein Spionagethriller als Tatsachenroman

06. Oktober 2014
Gänsehaut gratis

Gänsehaut gratis

Spätestens seit Edward Snowdon und seinen NSA-Enthüllungen dürfte auch dem Letzten klar sein, dass in der vernetzten Welt neuartige Gefahren lauern. Dass man unsere Handys abhört oder uns beim Surfen über die Schulter schaut, wussten wir eigentlich schon vorher. Aber getan haben wir nichts, außer den Kopf in den Sand setzen.

Ich habe an anderer Stelle schon meine Sicht der Dinge in Sachen Big Data dargestellt: Solange ein Wirtschaftsunternehmen Informationen über mich sammelt, um mich besser bedienen zu können, finde ich das in Ordnung. Mit Dingen erfreut werden, die ich sowieso will und mich nicht mehr mit Angeboten zu belästigen, die ich nicht haben will, ist prinzipiell in Ordnung. Das ist nicht Big Brother, das ist allenfalls Little Brother, wie der „Economist“ unlängst schrieb. Oder anders ausgedrückt: Es ist das, was ein Tante Emma-Laden früher so erfolgreich machte: Die Ladenbesitzerin kannte mich und wusste, wann ich was will. Sie konnte mir aber auch sagen: „Lieber Herr Cole, wir haben etwas Neues hereinbekommen, und das wird Ihnen schmecken!“

Marktwirtschaft ist die beste Form des Datenschutzes, denn wenn ein Unternehmen meine Daten so verwendet, dass mir ein Schaden daraus entsteht, habe ich als Kunde ein Machtmittel in der Hand: Der Entzug der Kundenbeziehung. Und das tut richtig weh… Weiterlesen »

Was ich den Verlegern gerne gesagt hätte

03. Oktober 2014

Gestern kam eine Anfrage rein für einen Vortrag in Hamburg vor Verlegern (Print und Online). und zwar von einer Firma, die hier nicht genannt werden soll, die aber recht bekannt ist im Bereich des Cross Media Publishing. Die Dame, die mir die Mail schrieb, hatte auch ganz konkrete Vorstellungen über das, worüber ich reden sollte, nämlich: “Es soll sich ums Publishing, um die Prozesse drehen. Gern auch einen Ausblick in die Zukunft. Wie entwickelt sich das Leseverhalten? Wie konsumieren die Menschen Informationen? Welchen Einfluss hat die Technik? Wie können Publisher auf diese Entwicklung reagieren? etc.”

Ich setze mich hin und schrieb eine Antwort, und weil mich das Thema wirklich interessiert, fiel die Antwort etwas länger und auch etwas kontroverser aus, als ich gedacht hatte. Mir war aber auch klar, dass ich die Dame womöglich so erschrecken könnte, dass ich nie wieder etwas von ihr höre – dann ist der Auftrag futsch.

Aber wenn schon, so dachte ich, dann wäre die Antwort wenigstens ein schöner Blogpost, also hier isser. Vielleicht gefällt er wenigstens Euch/Ihnen:

Danke, dass Sie an mich gedacht haben. Ich sehe auch kein Problem mit dem Termin: Von Hamburg nach Salzburg gibt es mehrmals am Tag Flüge.

Schwieriger ist es mit dem Thema. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich Vollblutjournalist bin, und das seit mehr als 40 Jahren. Ich habe das Zeitungsmachen „im Blei“  gelernt, habe den Übergang zu Lichtsatz und Desktop Publishing mitgemacht und bin dann Anfang der 90er ins Online-Fach gewechselt, wo ich einer der ersten, wenn nicht der allererste Blogger in Deutschland geworden bin.

Ich habe fassungslos mit zusehen müssen, wie die deutschen Verleger das Internet anfangs ignoriert haben, dann viel zu spät auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind und bis heute eigentlich nicht wirklich verstanden haben, wie Online funktioniert. Sie haben ihre Inhalte verschenkt und sich ohne Not die Cash Cow Kleinanzeige von Startups wie Monster oder Scout24 wegschnappen lassen. Sie haben sich geärgert, weil Google mit Links zu ihren Inhalten viel Geld verdient hat, aber als Google aufhörte, Links zu ihnen zu setzen, haben sie laut „Erpressung“ geschrien. Das von den Verlegern durchgesetzte „Leistungsschutzrecht“ soll das Zeitungssterben stoppen und wird es in Wirklichkeit nur beschleunigen.

Ich weiß nicht, ob Ihre Verleger das hören wollen. Auch nicht, dass sie die Zukunft des „Qualitätsjournalismus“ totsparen (wie die „FAZ“, die gerade wieder 40 Qualitätsjournalisten entlässt).

Andererseits sind die Themen, die Sie ansprechen, wahnsinnig spannend. Wir erleben im Grunde eine Umkehrung der Nachrichtenströme (Stichwort: „Leserreporter“) und eine Demokratisierung der Informationsverbreitung. Man kann es auch so beschreiben, wie ich es in einem meiner Bücher getan habe, als ein Machtwechsel zugunsten des Kunden/Lesers. Kommunikation ist im „Mitmach-Internet“ Trumpf, und Märkte (auch die für Nachrichten) sind heute Unterhaltungen, wie mein Freund Doc Searls es im „Cluetrain-Manifest“ treffend beschrieben hat.

Das klassische Geschäftsmodell des Verlegers ist im Online-Zeitalter ebenso von so genannten „disruptiven“ Technologietrends bedroht wie der des Buchhändlers (Amazon), des Hoteliers (Airbnb), des Taxiunternehmers (Uber) oder der Banken (Paypal, Transferwise), und sie werden entweder reagieren müssen oder untergehen. In dieser Welt bestimmt der Kunde – und nur der Kunde – welchen Kanal er wofür verwenden will. Die Nachrichten- und Meinungshoheit hat die Seite gewechselt: Nicht die Medienmacher, sondern die Mediennutzer haben heute das Sagen. Dieser Trend ist für die Verlagsbranche schmerzlich, aber unumkehrbar.

Reine Printverleger werden entweder zu Cross-Media-Publisher mutieren oder eingehen. Sie werden auf das veränderten Medienverhalten junger Menschen – Kids lesen keine Zeitung – reagieren und diejenigen Formate besetzen müssen, die tatsächlich ankommen und genutzt werden. Journalisten werden von Nachrichtensammlern zu Navigationshelfern in der Informationsflut, die ihren Lesern/Hörern/Zuschauern über viele Kanäle entgegenkommen und vor allem eines bieten: Kontext, also eine Erklärung dessen, was ständig auf uns einprasselt.

Oh je, jetzt haben Sie mich aber so richtig in Fahrt gebracht mit Ihrer Anfrage. Tut mir leid, aber Sie sehen, wie mich das Thema treibt.

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Der “Ossi-Effekt”

30. September 2014
Allzeit-Hoch

Rekordquote

Noch ein Gradmesser für die Wertschätzung, die man Ossi entgegengebracht hat, ist die Statistik auf meinem Blog “www.cole.de”: Am Tag, als die Nachricht von seinem Tod samt Nachruf hier gepostet wurde, haben 1200 Leute reingeschaut  – mehr als je zuvor.

Da fehlen die Worte

30. September 2014
Bitte kurz fassen!

Bitte fassen Sie sich kurz!

Es geht in dieser IT-Branche wirklich keiner verloren. Mein alter Freund Michael Frenzel war jahrelang Pressesprecher bei 1&1 in Montabaur, aber dann war er plötzlich weg und wir haben uns aus den Augen verloren. Aber jetzt ist er wieder aufgetaucht: In einer E-Mail sagte er mir, dass er jetzt für die WorldHostingDays zuständig ist, die weltweit größte Serie von Events für die Cloud und Hosting Industrie. Die findet am Freitag, 7. Oktober im Hotel Bayerpost am Münchner Hauptbahnhof statt und gehört zur Veranstaltungsreihe „WHD.local“, die auch in Amsterdam, London, Moskau, Istanbul und Madrid stattfindet.

Abgesehen davon, dass ich die dort behandelten Themen spannend finde wie „Digital Disruption“, „Any Data, Any Where?“ oder „Qualified Trust Services in the Cloud“, ist es vor allem das Format, das mich fasziniert. Die Veranstalter wollen doch tatsächlich 21 Sprecher in einem Tag über eine einzige Bühne jagen, was ungefähr eine Redezeit von 15 Minuten pro Speaker bedeutet. Ich lebe ja selbst von meiner Fähigkeit, die Aufmerksamkeit des Publikum auf mich zu ziehen, und man gibt mir dazu normalerweise irgendwo zwischen 45 und 60 Minuten Zeit. Einmal durfte ich sogar zwei Stunden reden, und das gleich 25 Mal, nämlich bei allen Direktmarketing-Centers der Deutschen Post AG. Das war selbst mir zu viel, jedenfalls am Stück, und so habe ich den Veranstalter davon überzeugt, dass es besser wäre, eine Pinkelpause dazwischen einzulegen.

Ich habe also volle Hochachtung vor einem Sprecher, der in 15 Minuten fertig wird. Ich bezweifele allerdings, dass es jedem gelingt.  Ich werde auch oft als Moderator solcher Konferenzen angefordert, und ich schwitze jedes Mal Blut und Wasser, wenn einer kurz vor Ablauf seiner Redezeit erst auf Nummero 10 von 30 mitgebrachten Slides angelangt ist. An der Uni ist das viel einfacher: Da gibt es oft bei wissenschaftlichen Symposia eine Stoppuhr, die rot aufleuchtet, wenn die Redezeit vorbei ist, und dann muss der Herr Professor schlimmstenfalls mitten im Satz seinen Redefluss beenden und Platz machen für den nächsten, der unbedingt mit seinem Text in dem Berichtsband der Tagung auftauchen will.

Allerdings kann auch ich mal anders. So geschehen am Samstag auf dem „DGFP lab“ der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. im Radialsystem-Gebäude in Berlin. Dort durfte ich auf Vermittlung der Econ-Referentenagentur als Keynotesprecher auftreten, um vor 400 aufgeweckten jungen Personalern über das Thema zu reden: „Erfolgsfaktor Netzwerk: Können Unternehmen in Zukunft ohne Partizipation überleben?Weiterlesen »

In memoriam: Ossi, mein Freund

25. September 2014
So werde ich ihn immer in Erinerung haben.

So wird er mir immer in Erinerung bleiben

Mein ältester und bester Freund Ossi ist heute gestorben. Seinen Nachruf habe ich schon vor einem Jahr geschrieben. Es war das Nachwort zu unserem gemeinsamen Buch, “Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht”. Er war damals schon krank, und ich kann das, was uns verbunden hat, nicht besser beschreiben. Deshalb wiederhole ich es jetzt hier. Lieber Ossi: Du wirst uns allen fehlen!

Ossi Urchs und ich kennen uns ganz lange, seit alten „Playboy“-Zeiten nämlich, als wir beide zu den so genannten „Edelfedern“ des legendären Chefredakteurs Fred Baumgärtel zählten, der das Männermagazin in den 80er Jahren auf nie wieder erreichte Rekordauflagen brachte und damit sogar „Spiegel“ und „Stern“ in den Verkaufszahlen Konkurrenz machte. In den frühen 90er Jahren traf ich Ossi bei der „Redaktionsgruppe Multimedia“ der Motor Presse Stuttgart wieder, deren redaktioneller Leiter ich war und wo wir an einem spannenden Entwicklungsprojekt namens „inter@ktiv“ zusammengearbeitet haben. Damals erzählte mir Ossi von der Rockband „Greatful Dead“ und deren meist etwas in die Jahre gekommenen Fans, die alle quietschbunte Hippie-Klamotten trugen und auf dicken Harleys oder in rostigen VW-Bussen, die mit psychedelischen Szenen bemalt waren von Konzert zu Konzert pilgerten. Zwischendurch, so erzählte Ossi, würden sie sich über ein tolles neues Medium elektronische Nachrichten schicken und sich fürs nächste Konzert am Wochenende verabreden. Das Medium hieß „Internet“, und Ossi meinte, das würde eines Tages die Welt verändern. Das interessanteste an diesen „Deadhead-Foren“ aber waren die von den Fans bei den Konzerten aufgenommenen Musik-Dateien, die hier, mit Zustimmung der Band, zum freien Austausch per „FTP“ zur Verfügung standen.

Ich ließ mir auch so einen Internet-Anschluss legen und fing an, E-Mails zu schreiben und Daten per „FTP“ und später per „Gopher“ auszutauschen. Und dann kam ein paar Jahre später das World Wide Web, und die von Ossi vorhergesagte Veränderung nahm richtig Fahrt auf.

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Mit HP von Salzburg nach Genf – oder auch nicht

18. September 2014

Einer der Vorteile, wenn man Internet-Publizist, Buchautor, Fernsehmoderator und Technik-Journalist ist, besteht darin, dass man mit der Zeit eine Menge interessanter Leute kennenlernt. Du kannst zuschauen, wie aus kleinen Startups plötzlich Industrieriesen werden, oder wie sich Industrieriesen entwickeln oder, gelegentlich, mit lauten Getöse abstürzen.

Don't look now, Mark!

Don’t look now, Mark!

Da denke ich gleich an HP. Nein, ich habe es nie wirklich geschafft, mit Bill Hewlett und Dave Packard in der legendären Garage zu stehen. Aber wie viele andere habe ich mit Entsetzen und Faszination zugeschaut, wie sich dieser einst so mächtige Pionier des Digitalzeitalters scheinbar mitten im Flug selbst zerlegte. Zum Beispiel als sich CEO Mark Hurd im Wortsinn mit den Hosen unten erwischen ließ, oder als die Dame Patty Dunn dabei erwischt wurde, wie sie Journalisten abhören ließ und das auch noch hartnäckig leugnete.

Was für ein Haufen hoffnungsloser Trottel! Ganz zu schweigen von solchen idiotischen Geschäftsentscheidungen wie der, Compaq für teuer Geld zu kaufen und ein paar Jahre später zu beschließen, sich komplett aus dem PC-Geschäft zurückzuziehen (eine Entscheidung, die Meg Whitman gottseidank im buchstäblichen letzten Moment wieder korrigierte).

Schluckbeschwerden

Schluckbeschwerden

Mir wurde manchmal schwindelig angesichts der ständigen Kurswechsel, den ständigen Hakenschlägen einer Firma, die mal versucht hat, ein besserer IBM als IBM zu sein, dann wieder eine Firma Palm kaufte, und zwar just in dem Moment, als der Boden unter dem PDA-Markt wegbrach (was ihnen jeder halbwegs intelligente Marktbeobachter hätte sagen können).

Dazu kommt die sehr öffentliche Blamage, aus dem Dow Jones Index herausgeworfen zu werden, nachdem man 50.000 Mitarbeiter an die Luft setzen musste. Ich denke, Bill und Dave haben sich wie Kreisel im Grab gedreht als sie mitbekamen, wie solche Luftnummern wie Carly Fiorina oder Lèo Apothker, ihr einst so stolzes Unternehmen an den Abgrund steuerten, nur um anschließend in dem Rauch ihrer eigenen Selbstüberschätzung oder ihrer offensichtlichen, strategischen Kurzsichtigkeit aufzugehen. Weiterlesen »