Mit gleichen Waffen

Das Rechtsprinzip der Waffengleichheit ist eine große zivilisatorische Errungenschaft, die wir wie so vieles (vielleicht von der Küchenkunst abgesehen) den Engländern verdanken, wo sie im Mittelalter Einzug fand in das „Common Law“. Sie findet sich heute wieder in Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention, wo sie den Schutz des einfachen Bürgers vor dem mächtigen Hohheitsapparat garantiert und ihm damit die Möglichkeit gibt, erfolgreich gegen staatlich Übergriffe zu klagen.

Waffengleichheit bedeutet aber natürlich auch, dass die Gegenseite zurückschlagen kann, mit den gleichen Waffen, eben. Und das kann ganz schön weh tun, wie jeder weiß, der je einem Händler bei eBay eine schlechte Note verpasst hat. Egal, ob gerechtfertigt oder nicht (und bei den eBay-Händler gibt es jede Menge Gauner, Betrüger und Deppen, glauben Sie mir!): Der Angepinkelte konnte zurückpinkeln, ob zu recht oder nicht.

Ist ja auch klar: Wenn eine Seite bei einer Transaktion unzufrieden ist, ist es die andere wahrscheinlich auch. Um zu beweisen, wer von beiden recht hat, wäre aber eine aufwändiges Schiedsverfahren nötig. Und den Schuh zieht sich eBay verständlicherweise nicht an. Wieso auch – Pandora ließe grüßen! Sollen die Streithähne die Sache unter sich ausmachen.

Nun ist das Bewertungssystem von eBay eine feine Sache, denn sie gibt anderen potenziellen Kunden die Gelegenheit, etwas über den Ruf des Händlers zu erfahren. Wenn einer reihenweise rote Punkte hat, dann lässt man lieber die Finger weg. Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, ordentliches Geschäftsgebaren und zügige Abwicklung hingegen belohnen die meisten Kunden durch gute Noten, und die sind am Ende bares Geld wert. Ich jedenfalls bin ziemlich stolz darauf, dass alle 84 Käufer, die bei mir im Laufe der letzten Jahre irgendwas ersteigert haben, mich positiv bewertet haben.  Das ist sozusagen ein digitaler Leumund, der jedem, der vorbeikommt sagt: „Cole ist ein ordentlicher Mensch, mit dem kannst du Geschäfte machen.“

Wo genau die Grenze zwischen ordentlicher Mensch und Stinkstiefel verläuft, ist Ermessenssache. Ich habe mich mal furchtbar über einen echten Stinkstiefel aus Österreich geärgert, der mich monatelang hinhielt und mit überhöhten Portogebühren auch noch übers Ohr haute. Er hatte eine Durchschnittsbewertung von 94 Prozent Positiv. Nicht schlecht, dachte ich, bis ich mich auf dem Käuferforum von eBay erkundigte und von einem alten eBay-Hasen die lapidare Antwort erhielt: „Wenn du bei einem, der nur 94 Prozent hast, etwas kaufst, bist du ein Trottel.“

Andererseits hat in der Vergangenheit oft schon die Drohung mit einer schlechten Note genügt, um Streitereien mit einem Verkäufer wie von Zauberhand hinweg zu wischen. Klar: Wenn das mit den 94 Prozent stimmt, dann ist schon eine einzige Niete genug, um den guten Ruf zu ruinieren, und deshalb fürchten die meisten Händler die Negativnote wie der Teufel das Weihwasser.

Was uns aber wieder zum Prinzip der Waffengleichheit zurückführt, denn was ich kann, kann der andere ja auch: Gebe ich einem Verkäufer eine schlechte Note, kann er sich umgehend revanchieren und mir auch eine reinwürgen. Es gibt zwar ein – wie gesagt, sehr aufwändiges – Verfahren bei eBay, um solche oft im Effekt ausgetauschten Minuspunkte wieder zu entschärfen. Nur: Ganz zurücknehmen konnte man sie nicht. Sie zählten zwar nicht mit bei der Durchschnittsnote, aber wer sich die Mühe machte, das Bewertungskonto eines Händlers oder Käufers durchzunudeln, der fand sie dort, mit einem lapidaren Kommentar versehen, die Gegenseiten hätten vereinbart, die Bewertungen wieder zurückzunehmen. Das schwarze Auge blieb aber sichtbar.

Doch das soll jetzt nun vorbei sein. Ebay hat etwas getan, was an sich sehr gefährlich ist: Sie hat Änderungen an einem an sich recht erfolgreichen Modell vorgenommen. „Never change a running system“, sagen die IT-Profis aus leidvoller Erfahrung, denn meistens funktioniert es nicht mehr so wie vorher.

Jedenfalls soll es künftig Verkäufern nicht mehr möglich sein, ihre Kunden schlecht zu bewerten. Das ist ungefähr so wie mit den Arbeitszeugnissen, in die der Arbeitsgeber auch nicht mehr reinschreiben darf, dass Müller-Schulz jeden Morgen besoffen in die Firma kam oder Fräulein Krause mehr Zeit in der Kantine als am Schreibtisch verbracht hat.

Laut eBay besteht die Gefahr, dass es zu ungerechtfertigten schlechten Bewertungen seitens der Verkäufer komme, wenn diese zuvor von ihren Produkt-Abnehmern negativ kommentiert wurden. Um derlei „Racheakten“ vorzubeugen, sollen jene, die Artikel anbieten, künftig keine unvorteilhaften oder neutralen Bewertungen über die Käufer mehr abgeben dürfen. „Bewertungen sollen vor allem Käufern ein objektives Bild über die Seriosität und die Qualitätsstandards eines Händlers geben. Aus diesem Grund haben wir in der Vergangenheit bereits einige Änderungen am Bewertungssystem vorgenommen und zum Beispiel die detaillierte Verkäufer-Bewertung eingeführt“, zitiert der Nachrichtendienst „Pressetext“ Jörg Bartussek, den Sicherheitsverantwortlichen bei eBay. Man fürchte, dass viele Käufer sich nicht trauen würden, negative Kommentare abzugeben, weil sie Angst vor der Retourkutsche der Verkäufer hätten. Infolge entstehe auch kein wahrheitsgetreues Bild über die tatsächlichen Abläufe zwischen den beiden Parteien.

Ist ja alles wahr und richtig, aber andererseits auch nicht. Gerade ich habe großen Respekt vor der neuen Macht des Kunden (ich habe schließlich ein ganzes Buch, „Das Kunden-Kartell“, darüber geschrieben). Aber das geht mir dann doch ein Schritt zu weit.

Wie gesagt: Das Prinzip der Waffengleichheit ist ein hohes, hart umstrittenes Rechtsgut. Es ohne Not aufzugeben will wohl überlegt sein.

Mir scheint aber, dass man bei eBay wieder mal (siehe der voreilige Kauf von Skype) eine wichtige Entscheidung mit einer allzu heißen Nadel gestrickt hat. Klar, der neue CEO John Donahoe muss zeigen, dass er es anders, vor allem aber besser kann als seine glücklose Vorgängerin Meg Whitman. Aber da gibt es für ihn andere Baustellen, die wichtiger wären. Zum Beispiel das immer noch ausufernde Angebot an Festpreis-Produkten auf einer Plattform, die ihre Daseinsberechtigung – und ihren Charme – immer aus der Spannung gezogen hat, die nur beim Steigern entsteht: Drei, zwei, eins – meins!

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Bye bye Blogger

Bloggen ist inzwischen das Uncoolste, was man im Internet machen kann. Das behauptet jedenfalls Nick Carr, der Mann, dem wie die legendäre Frage verdanken: „Does IT matter?“ Er beruft sich auf eine Studie von Pew Internet, wonach die Zahl der Jugendlichen Blogger seit 2006 dramatisch abgestürzt ist. Damals gaben 28 Prozent der Teenager und jungen Erwachsenen noch an, Blogs zu schreiben. Heute sind es nur noch 14 Prozent. Sie kommentieren auch die Blogs von anderen viel seltener als früher. Vor vier Jahren hinterließen noch 76 Prozent der jüngeren Internet-Nutzer Anmerkungen unter dem, was andere online abgesondert haben. Heute sind es nur noch 52 Prozent.

Nicht, dass die Kids dem Internet den Rücken kehren würden – im Gegenteil! 73 Prozent der amerikanischen Teens geben an, regelmäßig in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Im November 2006 waren es nur 55 Prozent. Aber die Beliebtheit bestimmter Features von Facebook & Co. hat sich verändert. Und sie sind offenbar auch unkommunikativer geworden.

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Aufbruchstimmung

Gestern brachte der Briefträger das frischgedruckte Buch von Gunter Dueck, „Aufbrechen! – Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen“ das letzte Woche bei Eichborn erschienen ist. Ich habe erst zwei Kapitel gelesen, aber wenn ich noch Haare hätte würden sie jetzt zu Berge stehen! Dueck sagt nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Dienstleistungsgesellschaft voraus. Und dabei dachte ich, wir wären in Deutschland noch gar nicht so weit und wollten da erst noch hin! Nein, sagt Dueck, Service wird sich in Zukunft genauso automatisieren lassen wie in der Vergangenheit die Produktion.

Dienstleistung, zum Beispiel das Abschließen von Versicherungen, bestehen aus nichts anderem als dem Erfassen und Eintippen von Daten aus einem System in ein anderes. „Manuelle Datenverarbeitung mit einem Lächeln dazu“, wie Dueck spottet.

Er spottet eigentlich immer, aber nur ganz leicht und sehr, sehr hintersinnig. Das macht ihn als Vortragsredner so sympathisch, und es macht ihn als Buchschreiber so lesbar. Aber das, was er sagt, ist erschütternd. Viele Service-Berufe werden durch das Internet virtualisiert, bis hin zum Lastwagenfahrer, der in Zukunft zu Hause sitzen und seinen Brummi per Internet fernsteuern kann, so wie die Militärflieger es heute mit den Drohnen in Afghanistan tun.

Seine Antwort auf die aufgeworfenen Fragen ist genauso radikal: Jeder muss studieren! Fast jeder, jedenfalls. So wie das heute in Finnland und Schweden heute schon der Fall ist, wo beispielsweise in Schweden immer zwei Lehrer auf eine (kleine“ Schulklasse kommen. Ja, es sei schwer, die Forderung nach Hochbildung in einem Land zu stellen, in dem von uns Älteren noch nicht so viele das Abitur haben, aber es gibt seiner Meinung nach keinen anderen Weg. Sein Argument: Andere Länder (China, Indien) werden auf absehbare Zeit Häuser, Autos und Infrastrakturen benötigen. Sie werden sie selber bauen, aber wir könnten ihnen sagen, wie das geht. „Ein Land wie Deutschland kann komplett von der Entwicklung und Produktion der Spezialerkzeuge und High-End-Produkte für die aufstrebenden Länder leben“, ist er überzeugt.

Dienstleistungen sind es jedenfalls nicht, an der wir den immer maroder werdenden Standort Deutschland am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen können. Er fordert Exzellenz auf allen Ebenen. Und er fordert ein Ende des Lamentieren: „Hören wir also auf, verzagt ‚Was wird dann aus mir?‘ zu fragen und dabei nach links und rechts auf andere Verzagte zu schauen, Der Blick muss doch nach vorne gerichtet sein!“

Ich kann mich nur anschließen. Aber ein bisschen bange ist mir doch. Trotzdem werde ich das Buch zu Ende lesen. Ihr solltet das auch tun!

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Der Newton lässt grüssen!

Das wird Frank Schirrmacher gefallen: Das neue Wundergerät von Apple, der „iPad“, kann kein Multitasking! Und da Multitasking ja nach Ansicht des „wilden Mannes vom Main“ (Hans-Olaf Henkel) bekanntlich Körperverletzung ist, können wir alle den Tafel-PC, den Steve Jobs gestern Nacht so stolz in die Höhe hob, durchaus auch als einen großen Schritt nach vorne in der Verbrechensbekämpfung ebenso wie im Gesundheitswesen feiern.

Ansonsten quälen sich nicht nur die Schreiber von „Chip“ mit der Frage herum: Was soll das Ganze? Ist der iPad nun einMacBook mit Touchscreen, ein erweiterter Newton oder eine völlig neue Evolutions-Stufe des iPhones? Vor allem der Newton-Kommentar erfüllt mich mit banger Vorahnung. Schließlich war ich auch einer der Allerallerersten, die sich 1993 von dem legenadären beligischen Schlitzohr Gastron Bastiaens (er kam später als Chef von Lernout & Houspie in Belgien wegen milliardenfacher Luftbuchungen in den Knast) von dem backsteingroßen Schreib-Gerät begeistern ließ. Was habe ich stundenlang gesessen und versucht dem Ding meine Handschrift beizubringen? Am Ende habe ich ihn in den Mülleimer befördert, aber vorher habe ich erst mal versucht, alle meine Freunde zu Newtonianer zu bekehren. Die waren aber klüger als ich.

Nun, ich bin jetzt auch 20 Jahr älter und erfahrener, vielleicht sogar ein bisschen weiser. Und so schnell lasse ich mir von den Gauklern aus Cupertino kein Flachstück mehr andrehen. Und denjenigen, die gestern Nacht aufgeblieben sind, um die Präsentation nicht zu verpassen, wünsche ich viel Spaß. Genießt es – denn die Ernüchterung wird folgen…

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Palm adé

Ich habe es getan. Ich habe die Nabelschnur gekappt und mich auf die lange Reise in die Zukunft gemacht – ohne meinen Palm.

Mehr als ein Jahrzehnt waren die Produkte dieser Firma im wahrsten Sinne des Wortes meine engsten Begleiter, vom allerersten „Palm Pilot“, den ich 1996 in den USA erstand, über zahllose Gerätegenerationen, erst der Palm V, dann der formschöne „Tungsten“, zwischendurch den kleinen „Zire“, dann die erste Kombi Telefon/Organizer, der Treo 650 und zum Schluss der handliche kleine Centro, mit dem ich sogar ins Internet konnte und E-Mails ziehen.

Ich hab‘ sie alle durchgemacht, ich habe sie geliebt, ich habe sie verflucht. Eine Zweitlang hatte Palm furchtbare Qualitätsprobleme, und es stapelten sich zeitweise bis zu sechs kaputte PDAs gleicher Bauart auf meinem Schreibtisch. Aber ich bin der Marke trotzdem treu geblieben, weil sie eines besser verstanden hatten als jeder andere, nämlich ein einfaches, fast schon idiotensicheres Betriebssystem zu bauen. Ich sage „fast“, weil Idioten bekanntlich erfinderisch sind, und auch ich habe gelegentlich nur durch einen Anruf bei der stets exzellent funktionierenden Journalistenbetreuung von Palm heraus bekommen, was ich falsch gemacht habe.

Das heißt: Sie hat so lange funktioniert, bis Palm den neuen „iPhone-Killer“ namens „Pre“ herausbrachte und ich dort anfragte, ob ich mal so ein Ding zum Ausprobieren haben könnte. Natürlich hatte ich vor, darüber zu schreiben, aber noch viel mehr wollte ich wissen, ob der „Pre“ womöglich mein neuer Partner für den nächsten Lebensabschnitt sein würde. Leider habe ich nie wieder von denen gehört, und betteln will man als Mensch ja auch nicht.

Anderseits wurde der Druck ständig größer. Um mich herum liefen diese iPhone-Typen herum und zeigten mir stolz, wie man mit einem Fingerschnippen zwischen Hunderten von nützlichen oder auch nur verrückten „Apps“ hin und her wechseln kann, Videos und YouTube-Filme in erstaunlicher Qualität anschauen, im Auto navigieren, die Kinderwindeln wechseln, das Geschirr abspülen und weiß ich sonst noch so alles kann. Und ich stand völlig bedrömmelt daneben mit meinem Steinzeit-Palm und konnte nur mit den Zähnen knirschen.

Und dann habe ich es getan. Ich bin zum Media Markt gegangen und habe mir von einem freundlichen jungen Verkäufer ein iPhone samt Vertrag andrehen lassen. Ich konnte gar nicht anders. Das Ding liegt ja so weich in der Hand, es sieht so sexy aus, es macht so tierisch Spaß, mit dem Zeigefinger lässig runter zu scrollen oder mit einem kurzen Antippen mit dem Fingernagel die Funktion zu wechseln. Ich ertappe mich dabei, wie ich in der Straßenbahn sitze und dien Neid meiner Mitfahrer genieße.

Gut, das Ding ist von Apple, und ich habe mir mal geschworen, nie wieder ein Produkt dieses Herstellers zu kaufen. Das kam so: Ich besaß Anfang der 90er Jahre einen wunderbaren Laptop namens „Powerbook Duo“ den ich auch sehr geliebt habe. Eines Tages gab es ein Betriebssystem-Update – nichts Dramatisches, kein Generationenwechsel oder so, nur eine Aktualisierung von 7.4 auf 7.5 oder so. Ich rief beim Apple-Kundendienst an und fragte, wo ich das Update denn her bekäme, der junge Mann am anderen Ende fragte, was ich denn für ein Gerät hätte. Als er „Duo“ hörte, wurde er etwas kleinlaut und meinte: „Für den Duo wird es leider kein Update geben.“ Als ich ihn völlig verdutzt fragte, was ich denn jetzt machen solle, versuchte er mich mit einer witzig gemeinten Bemerkung zu trösten. Er sagte: „Sie können’s ja immer noch als Briefbeschwerer verwenden.“

Witzig gemeint oder nicht, ich bin am gleichen Tag in den Computerladen gegangen und habe mir meinen ersten Windows-PC gekauft. Und eigentlich wollte ich nie wieder … siehe oben.

Aber der Mensch mag willig sein, nur ist das Fleisch halt schwach. Und da mich die Firma Palm ja offenbar nicht mehr will, war ich plötzlich ein Heimatloser geworden, entwurzelt, ziellos treibend im weiten Meer der Marken und Modelle. Das Ergebnis: Ich habe zwar in meiner Selbstachtung etwas gelitten, freue mich aber dafür wie ein kleines Kind über mein neues digitales Spielzeug.

Allerdings fange ich schon wieder an, mich über die Firma Apple zu ärgern. Wie kann ein Unternehmen, in dem doch überwiegend zumindest durchschnittliche begabte Menschen arbeiten, eine so katastrophal schlechte und menschenfeindliche Software wie „iTune“ bauen? Ich dachte, wir wären uns inzwischen einig, dass das Ziel von Softwaredesign nicht mehr darin besteht, dem Menschen entgegen zu kommen und ihn nicht mehr zu zwingen, wie ein Computer zu denken. iTunes kann nur jemand lieben, der wie ein Apple-Designer denkt. Es ist umständlich, unübersichtlich, klobig und wahnsinnig langsam! Und niemand sagt einem, wie es funktioniert.

Ich habe ein Video („Der rote Baron“ heruntergeladen, um es im Flugzeug nach Mallorca anzuschauen. Hat prima geklappt, aber als ich den Film später wieder löschen wollte, bin ich gescheitert. Was ich auch tat – Häkchen wegklicken, ein ums andere Mal synchronisieren. Immer blieb der blöde Film auf dem Gerät. Schließlich bin ich – Google sei Dank – in eine Online-Selbsthilfegruppe namens „iSzene“ geraten, wo man mir des Rätsels Lösung erklärte („Geh ins iPhone Menü. Dort streichst du mit dem Finger von links nach rechts über das Video und es müsste dann rechts eine Schaltfläche ‚Löschen‘ auftauchen.“). Die Jungs, die da posten, sind eingefleischte Apple-Fans, aber selbst dort liest man virtuelle Seufzer  wie diesen: „It´s so simple! Aber ist das irgendwo dokumentiert, oder „ahnt“ man(n)/frau das einfach so?“

Ja, das ist Apple. Ich erinnere mich an einen „Praxistest“ einer PC-Zeitschrift, die herausfinden wollten, wie lange ein Laie braucht, um einen Computer auszupacken, anzuschließen, einzuschalten, hoch zu fahren und wieder auszuschalten. Die Testpersonen bestanden aus Teams von Vater und Sohn, und der Apple hätte natürlich mit riesigem Abstand gewonnen. Nur konnten die Tester ihn nicht ausschalten (die Funktion versteckte sich irgendwo in einem Untermenü) und mussten erst im Handbuch nachschauen.

Nun, vielleicht werde ich ja jetzt mit der Zeit lernen, nicht mehr wie ein Palm sondern wie ein Apple zu denken. Aber ein bisschen wehmütig ist mir dabei schon. Es ist weniger ein Abnabeln, mehr ein Gefühl wie bei einem Ehepaar, das sich nach vielen Jahren scheiden lässt und beschließt, nochmal ganz neu anzufangen. Irgendwie fehlt einem was.

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Wohnen auf Teilzeit

Im Winter zieht es den Deutschen in den Süden, und so sind auch meine Frau und ich vor dem Schnee zum Golfen auf die Sonneninsel Mallorca geflohen; eine Wahl, die uns umso leichter fiel, als mir im November ein Werbeflyer der Hotelgruppe Marriott ins Haus geflattert war mit einem Angebot, das man – wie Marlon Brando sagen würde – nicht ablehnen konnte: 145 Euro für 4 Übernachtungen in einer Ferienvilla am Golfplatz, Mietwagen inklusive. Ich habe also zugeschlagen, noch bei Air Berlin zum Pressetarif zwei Flüge gebucht, und so fanden wir uns am Fest der heiligen Drei Könige plötzlich im „Vacation Club Son Antem“ wieder.

Natürlich hat ein solches Angebot einen Pferdefuß. In unserem Fall bestand er in der Verpflichtung, einer angeblich rund 90-minütigen Präsentation zum Thema „Time-Sharing“ beizuwohnen. Die mehr als 250 Villen werden nämlich von der Marriott-Tochter wochenweise an Club-Mitglieder vergeben, die dafür allerdings erst mal abstecken müssen. Wie viel, darüber hüllt sich der Club zumindest auf seiner Webseite und in den verschickten Prospekten in Schweigen.

Wir sind also zur verabredeten Zeit ins „Clubhaus“ marschiert, wo uns ein freundlicher junger Mann in Empfang nahm. Er hieß Christian und arbeitet seit acht Jahren auf der Insel. Früher hat er offenbar recht erfolgreich Immobilien verkauft, aber der Markt sei vergangenes Jahr komplett eingebrochen, und so versucht er jetzt Ferienwillige von den Vorzügen der Teilzeit zu überzeugen.

Er macht das auch wirklich sehr gut. Jedenfalls hätte er mich fast überzeugt. Als Mitglied stünde mir pro Jahr eine komplette Woche in meinem „Heimatclub“ Son Antem oder wahlweise, gegen „einen geringen Aufpreis“, in Dutzenden von ähnlichen ferienanlagen auf der ganzen Welt. Er hat viel über die Freuden des Clublebens erzählt und davon, wie werthaltig so eine Investition sei, da ich bis an mein Lebensende die Vorzüge genießen und das Wohnrecht anschließend sogar an meine Tochter vererben könne.

Alles ganz starke Argumente, wie gesagt. Aber irgendwann kam dann der spannende Moment, an dem der Elefant sein Wasser lassen und Christian die Zahlen auf den Tisch legen musste. Und da war das Gespräch dann auch ganz schnell wieder zu Ende. Denn für diese eine Woche in Teilzeit-Eigentum sollte ich 20.300 Euro bezahlen. Wohl gemerkt in der Nebensaison, im Ferienverkäuferjargon „Silber-Zeit“ gnannt. Es gibt noch Gold und sogar Platin. Das ist dann zur Haupt-Ferienzeit.

Dann schob Christian noch ein „paar kleine Details“ nach. Zum Beispiel die Nebenkosten. Die würden für meine Silber-Woche satte 780 Euro betragen. Auf 7 Tage umgelegt sind das ja mehr als 110 Euro. DSafür gibts allerdings auch Service wie im Marriott-Luxushotel nebenan: Zimmermädchen, die Betten machen und die Spülmaschine einräumen, zweimal die Woche durchputzen und den Müll raustragen. Inbegriffen wären auch Wasser, Strom und Gärtnerarbeiten, also tatsächlich eine ganze Menge. Abe rtrotzdem ganz schön viel Geld für eine Woche, für die ich schon 20 Riesen hingeblättert habe.

Wir haben jedenfalls dankend abgelehnt, was Christian mit Fassung trug. Er hat sich sogar noch ein bisschen zeit genommen, mit uns über das Inselleben eines Expatrioten zu reden. Er lebt gerne auf Mallorca, spielt Bass in einer AC/DC-Band, hat viele Freunde. Wie lange er sich dieses Leben noch wird leisten können wiß er nicht, hängt wohl davon ab, wie die Geschäfte mit dem Teilzeit-Wohnen laufen.

Ich kann nur hoffen, dass keiner seiner Kunden so spitz rechnen kann wie meine Frau. Die meinte später: „Eine Woche kostet 20.300 Euro. Mal 52 Wochen im Jahr, dann kostet die Burg ja insgesamt über eine Million!“ Nicht schlecht für zwei Stockwerke in einem Reihenhaus. Ja, das Wohnzimmer ist groß und hell, durch einen Tresen von der sehr schön eingerichteten Küche abgetrennt. Oben gibt es zwei Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad und Toilette. Ich schätze das Ganze auf eine Grundfläche von 80 bis 100 Quadratmetern, macht also 10.000 Euro pro Quadratmeter. Da kommen nicht einmal die Münchner Innenstadtpreise mit. Und ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber ich bin wohl in der Minderheit, denn laut Christian sind zumindest die schönsten Wochen im jahr alle schon verkauft, hauptsächlich an Deutsche.

Die lassen sich ihren Zugvogel-Instinkt offenbar gerne etwas kosten.

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Amor schießt per Internet

Das Geschäft mit der Liebe boomt, zumindest im Internet. Früher musste Mann die Dame ja erst einmal ansprechen (oder umgekehrt), aber es ist nun mal nicht jedem die Gabe der flüssigen Rede unter Einsatzbedingungen gegeben. Und so saß man halt weiterhin alleine vor seinem Bier und dachte an Karl Valentin und seinen Spruch: „Möchten hätten wir schon gewollt, nur dürfen haben wir uns nett getraut…“

Und heute? Flink die Computermaus gezückt und dann nix wie ran! Trotz Finanz- und Wirtschaftskrise machen Singlebörsen, Partnervermittlungen, Dating-Portale und Seitensprung-Dienste mehr Umsatz als je zuvor. Henning Wiechers, der als profunder Kenner der Branche gilt, schätzt, dass die Deutschen letztes Jahr mehr als 160 Millionen Euro für einschlägige Serviceleistungen ausgegeben haben, 20 Millionen mehr als im Vorjahr. Mehr als 2.000 Angebote listet seine Website „singleboersen-vergleich.de “ auf, wobei die größten wie Neu.de , Parship oder Friendscout24  (Motto: „Wir verlieben dich!“) längst Millionen von Menschen bei der Suche nach Zuneigung, Zärtlichkeit, Geborgenheit oder von mir aus auch nur Sex behilflich sind. Und sie sind sehr, sehr erfolgreich – wirtschaftlich, jedenfalls. Was die Jungs von den so genannten Social Networks wie Facebook, Twitter oder YouTube erst mal nachmachen müssen.

Es ist auch ganz klar warum. Partner-Portale leisten einen unverzichtbaren Dienst, weil sie das störende Element des Zufalls bei der Liebessuche ausschalten. Statt stundenlang in einer rauchigen Kneipe zu sitzen in der Hoffnung, die Tür geht auf und SIE kommt rein, sitzt man zu Hause gemütlich am PC und sichtet erst mal so das Tagesangebot.

Das heißt: Zu allererst einen Benutzernamen aussuchen. „Tim Casanova“ klingt doch vielversprechend, oder? „Mögen Sie einen bestimmten Typ?“, fragt die Maschine. Ich darf das Aussehen meines Wunschpartners im Detail beschreiben:„Schlank“? „Athletisch“? „Ziemlich stattlich?“ Oder vielleicht doch lieber ganz „normal“? Augenfarbe, Erscheinungsbild („modisch“, „lässig“, „alternativ“), langsam engen wir die Auswahl ein.

Aber nicht so hastig, es gibt ja außer dem schönen Schein ja noch die eher profanen Dinge zu klären: Familienstand, Kinderwunsch, Schulabschluss, eigener Haushalt vorhanden. Irgendwie war das früher einfacher. „Zu dir oder zu mir?“ Ach wie waren wir naiv damals…

Ja, und dann noch die wichtigste Frage von allen: das Einkommen! Wer hier „bis 13.000 Euro im Jahr“ ankreuzt, hat wahrscheinlich schon verloren. Also vielleicht lieber „71.000 und mehr“? Was ist, wenn die Holde beim ersten Treff die Steuererklärung sehen will? Da kann Amor noch so um sich schießen, an der Erotik-Front wird vermutlich alles ruhig bleiben.

Ich kann wohl nur vom Glück reden, dass ich seit 25 Jahren bestens verheiratet bin, wobei ich meine Frau noch ganz altmodisch ohne Internet gefunden habe. Ich gebe zu, dass es ein Glückstreffer war. Wer weiß, was wäre, wenn ich heute noch einmal von vorne anfangen müsste. Denn wie sagt meine Frau doch immer: „Wenn einer von uns stirbt, gehe ich in die Schweiz.“ Vielleicht geht sie besser ins Internet.

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Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt

Eigentlich sollte man einen, der nicht zwischen körperbindigen Gewebe mit eingestreuten Noppen aus grobem Wollgarn und einem Eintrag in einem neuartigen sozialen Netzwerk unterscheiden kann, nicht besonders ernst nehmen. Wenn er aber Frank Schirrmacher heißt und sich anmaßt, ein Buch über das Informationszeitalter zu schreiben, dann kann man nicht umhin, sich mit ihm auseinander zu setzen. Schließlich wird er einem ja gerade von allen Seiten vorgesetzt, im „Spiegel“, in der alten Tante „FAZ“ (deren Herausgeber er ist) und natürlich auf den Feuilletonseiten der „Süddeutschen“ – dort wenigstens mit der nötigen kritischen Distanz. Immerhin ist dem SZ-Autoren Adrian Kreye der hochnotpeinliche Tippfehler in Schirrmachers Aufzählung der apokalyptischen Reiter des Digitalen aufgefallen („SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds…“).

Ansonsten könnten wir alle zur Tagesordnung übergehen und „Payback“, das jüngste Angstmacherbuch Schirrmachers, auf den gleiche Müllhaufen der Geschichte werfen wie sein böswilliger Versuch, im „Methulsalem-Komplott“ die Jungen gegen die Alten aufzubringen, oder sein prekäres Gelabere über soziale Entwurzelung in „Minimum“. Die Bretter, die Schirrmacher bohrt, sind von solch hauchdünner Konsistenz, dass es sich kaum lohnt, die Sägespäne wegzuwischen.

Wenn er aber in „Payback“ nun die „kognitive Krise“ ausruft und den drohenden Kollaps  des menschlichen Denkvermögens unter der Last der digitalen Informationsflut ankündigt, dann muss man vielleicht doch innehalten und erwidern. Obwohl er ja selbst im Grunde ja zugibt, von seinem Thema überfordert zu sein. „Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, heißt ja auch das erste Kapitel. Da kann man ihm nur beipflichten: Stimmt, Herr Schirrmacher, Ihr Kopf kommt nicht mehr mit.

Aber wieso nimmt er sich das Recht heraus, über die Köpfe der anderen zu reden? Wo hat er diese Chuzpe her? Warum darf einer, der erkennbar weder Digital native noch Digital Immigrant, sondern in Wahrheit ein digitale Xenophobe der verbohrtesten Sorte ist, einem Millionenpublikum seine halbfermentierten, selbstbezogenen Geistesverirrungen als Gelehrtenmeinung verkaufen? Wo bleiben die faulen Tomaten, wo die Saaldiener, um ihn durch den Bühneneingang in die Gasse hinter dem Theater zu werfen?

Schirrmacher ist, wie Adrian Kreye richtig erkannt hat, der Boulevardjournalist unter den Philosophen, einer der mit sichere Instinkt die vagen Ängste seines Publikums auf den Punkt bringt und in kulturpessimistisch veredelt. In einem anderen Zeitalter haben Leute wie er Dolchstoßlegenden erfunden oder Juden als die Ursache allen Übels ausgemacht. „Er ist an zwei Dingen interessiert“, sagt Michael Douglas in „American President“, „er will Ihnen Angst davor machen und Ihnen sagen, wer schuld daran ist. So, Ladies und Gentlemen, gewinnt man Wahlen.“ Und so, möchte man mit Blick auf Frank Schirrmacher hinzufügen, verkauft man in Bedenkenträger-Deutschland Bücher.

Schirrmachers Sicht der Informationsgesellschaft ist eine mechanistische, und sie ist zutiefst menschenverachtend. Überflute die Leute nur lange genug mit Informationen, und sie werden aufhören, selbständig zu denken und nur noch fremdgesteuert durchs Leben torkeln. Er kann sich nicht vorstellen, dass Menschen sehr wohl die Fähigkeit besitzen – oder dabei sind, die Fähigkeit zu entwickeln – haarscharf zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Er sieht sie als Vieh, das nur stumm widerkäuen und sich ansonsten von medialen Hirten, wie er selbstverständlicher einer ist, vorantreiben lassen muss in eine ungewisse Zukunft.

Und Schirrmacher hat keine Ahnung von Evolution. Er kann – oder will – nicht erkennen, dass Homo Sapiens sich in den vergangenen 30.000 Jahren stets und immer wieder einer veränderten Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen musste, und dass er es ganz gut gemacht hat. Der Mensch des Jahres 2009 ist nicht die Krone der Schöpfung, für die sich Schirrmacher selbst offenbar hält, sondern eine Zwischenstufe in einer Entwicklung, die erst dann zu Ende sein wird, wenn unsere Sonne vielleicht einmal verglüht und der letzte Mensch die Augen schließt. Bis dahin werden wir fortfahren, und immer und immer wieder den neuen Herausforderungen zu stellen, die Veränderung – wir wollen lieber nicht von „Fortschritt“ reden – in den Informations- und Kommunikationstechnologien ihnen abverlangt.

Ja, Jugendliche leiden immer häufiger unter CPA, dem „Continous Partial Attention Syndrome“, den die Microsoft-Anthropologin Linda Stone vor Jahren diagnostizierte und die eine starke Ähnlichkeit mit dem Multitasking eines PC hat. Das ist aber keine Zivilisationskrankheit, sondern eine evolutionsbedingte Anpassung an eine veränderte Umwelt. Stone selbst beschreibt CPA als eine Reaktion auf die wachsende Zahl von Kommunikationsangeboten, die uns über eine wachsende Zahl von Kanälen erreichen. Unsere Reaktion darauf sei triebgesteuert, sagt sie, denn wir nehmen den Versuch, mit uns zu kommunizieren, als Hilferuf wahr: Hier ist ein Mensch, der will zu dir! Die Evolution hat uns mit gutem Grund mit dem instinktiven Wunsch ausgestattet, auf solche Rufe zu antworten, weil er uns einen Vorsprung verschafft im ewigen Rennen ums das Überleben des Einzelnen und seiner Art.

Schirrmacher hat das nicht verstanden. Er ist also selbst irrelevant. Die dringend anstehende Diskussion darüber, wohin der Mensch im Zeitalter der Vernetzung steuert, müssen andere führen.

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Online-Panthersprung nach Agadir

Als das Kanonenboot „Panther“ seiner Majestät, des Kaisers, 1911 als politische Geste kolonialer Machtansprüche in die verschlafene Hafenstadt an der marokkanischen Südküste eindampfte, dauerte es Wochen, bis die Nachricht davon die Welt erreichte und einen politischen Sturm entfacht, das letztlich in den Ersten Weltkrieg mündete. Wer glaubt, es habe sich seitdem etwas geändert, der irrt sich gewaltig. Kommunikationsmäßig steckt Agadir noch im frühen 20sten Jahrhundert.

Ja, ich bin unfair. Aber das Leben ist unfair, und ich bin sauer, weil ich vier Tage lang in einem 5-Sterne-Luxusschuppen, dem „Royal Atlas Hotel“, festgefangen war und nur einmal, für etwa drei Minuten, ins Internet gekommen bin. Dabei verfügt das Haus durchaus über ein modernes Drahtlosnetzwerk. Ich konnte es sogar sehen. Es schien mich tagelang auszulachen, denn wenn ich versucht habe, mich einzuwählen, vermeldete das Gerät stets brav: „Verbindung hergestellt“. Nur rührte sich in meinem Web-Browser nichts, und an mein elektronisches Postfach kam ich auch nicht ran.

Was das alles mit Frank Schirrmacher und seiner Erfindung der „digitalen Ermüdung“ zu tun hat? Nun, in den Schlusskapiteln seines Buches „Payback“ empfiehlt er ja den Perspektivenwechsel als Ausweg aus der dauernden Überforderung des Internets. Ich bin seiner Empfehlung also gefolgt und habe mich in den Flieger gesetzt, um drei Tage lang unter südlicher Sonne Golf zu spielen, und zwar auf Einladung des Königlich Marokkanischen Tourismusministeriums.

Die wollen die Region um Agadir, in der angeblich das ganze Jahr Frühling herrscht, zur neuen Algarve machen, also der Vorzugsdestination für wintermüde Mitteleuropäer mit einer Vorliebe für das Spiel mit dem weißen Ball. Was Mallorca kann, können wir schon lange, sagen sich die Nachkommen der Maghrebs.

Dass Agadir 1960 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht und praktisch dem Erdboden gleichgemacht wurde, ist aus Sicht der Tourismusprofis eher ein Vorteil, denn so ließ sich am Rande der Atlantikküste eine richtige Retortenstadt aus dem Wüstenboden stampfen, komplett mit kilometerlangen, kerzengeraden Palmenalleen, die durch noch leere Neubaugebiete führen. Die so genannte Stadt besteht dagegen hauptsächlich aus Betonwürfeln, wahlweise für Wohnzwecke reserviert oder Heimstatt von unzähligen Billig-Restaurants, die sich wahlweise spanisch, französisch, deutsch oder italienisch geben, aber alle das gleiche miese marokkanische Touristenessen servieren. An dem „British Pub“ ist das Neonschild so ziemlich das einzig Britische. Alles andere hätte aus einem Karl-May-Roman stammen können.

Perspektivenwechsel satt, also, und ich hätte eigentlich mit gereinigtem digitalen Dankkanal nach Hause fahren können – wäre da nicht diese wichtige E-Mail gewesen, auf die ich wartete, weil daran ein Sprechertext hängen sollte, den ich übersetzen sollte, damit wir nach meiner Rückkunft am Montag ins Tonstudio gehen konnten. Also hatte ich schlechten Gewissens meinen treuen Thinkpad mit auf die Reise genommen und versuchte, mich im Hotel ins Net einzuloggen, aber vergebens, wie gesagt.

Nur einmal, für ein paar Minuten, rührte sich was im Cyberraum. Da begann sich auf einmal der kleine Querbalken rechts unten in meinem Outlook zu regen, und ein offenbar recht dünner Datenstrom begann zu fließen, denn es dauerte ewig, bis die erste von 98 wartenden Nachrichten durchkam.

Und die war ausgerechnet von Frank Schirrmacher! Und zwar von einem wütenden Frank Schirrmacher, der sich fürchterlich über meinen Verriss seines Buchs aufregt, weil ich ihn darin angeblich als Antisemiten beschimpft haben soll, indem ich seine Methode, Feindbilder aufzubauen, mit denjenigen verglich, die zwischen den Weltkriegen in Deutschland die Judenlüge erfanden, um von Wirtschaftsnot und Versailles-Schmach abzulenken. Ich finde das nach wie vor einen legitimen historischen Vergleich, zumal ich auch andere Beispiele („Dolchstoßlegende“) verwendet und ausdrücklich dazu geschrieben habe, dass ich ihn nicht für einen Nazi halte, sondern nur für jemanden, der mit Methoden arbeitet, die sich in der Propaganda (ja, auch der nazionalsozialistischen, aber eben auch vieler anderer) immer wieder bestens bewährt haben.

Mag grenzwertig sein, der Vergleich, aber wer wie Schirrmacher austeilen kann, sollte auch einstecken können. Finde ich, jedenfalls.

Aber eigentlich geht es mir hier um etwas ganz anderes, nämlich um den wirklich mehr als seltsamen Zufall. Herr Schirrmacher und seine Thesen beschäftigen mich in diesen Tagen sehr, und ich habe noch nie von ihm eine Mail bekommen. Und dann sitze ich unweit von Casablanca, und mir kommt der unsterbliche Satz von Boggie in den Kopf: Of all the gin joints in all the towns in all the world, she walks into mine.“ Tja, in der langen Warteliste der vielen Mails, die ich aufgrund meiner nicht ganz freiwilligen Entschleunigung nicht lesen konnte, drängt sich ausgerechnet der große Gegner der digitale Reizüberflutung ganz nach vorne – und kommt als Einziger durch.

Da muss doch irgendein tieferer Sinn dahinter stecken! Aber was will das Schicksal mir damit bloß sagen?

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Verbietet die Kirchtürme!

Das einzige, was gefährlicher ist als Religion ist Religion, die sich als Nationalismus tarnt. So gesehen ist das Ergebnis der Volksabstimmung in der Schweiz über das Minarettenverbot eine echte Katastrophe. Nicht nur, weil es mit tödlicher (sic!) Sicherheit eine Welle der Repressalien in den islamischen Ländern auslösen wird, sondern weil es zeigt, wie dünn das Furnier der Aufklärung in unseren eigenen Breitengraden in Wahrheit ist.

Natürlich sind 57 Prozent der Schweizer Wähler Idioten! Aber das hat man aber eigentlich schon vorher gewusst. Die viel wichtigere Frage ist: Wie viel Prozent sind es bei uns? Was wäre, wenn Politiker wie Schäuble oder von der Layen nur ein bisschen skrupelloser wären und so offen den Fremdenhass und die religiöse Intoleranz predigen würden wie die Neonazis der Schweizer „Volkspartei“ SVP?

In den „New York Times“ berichtet Thomas Friedman heute von einem Gespräch, das er mit einem jungen Mann geführt hat, der in Jordanien geboren wurde und inzwischen in Amerika als Terroristenabwehrexperte arbeitet. Er erzählte ihm von „The Narative“, einer von Jihad-Websites, Mullahs, arabischen Intellektuellen, Nachrichtensendern und Büchern verbreitet wird und von den meisten mit den USA „befreundeten“ Regierungen stillschweigend geduldet wird, nämlich dass es einen christlich-jüdischen Komplott auf Regierungsbene gibt, die mehr oder weniger heimlich Krieg führt gegen den Islam und dafür sorgt, dass die Länder mit überwiegend islamischer Bevölkerung wirtschaftlich keinen Fuß auf den Boden bekommen. Diese Verschwörungstheorie sei so allgegenwärtig und werde von so vielen Menschen islamischen Glaubens als wahr akzeptiert, dass sie alle Versuche der Vereinigten Staaten, die „hearts and minds“ im Nahen Osten zu erobern, von vorne herein hoffnungslos machen.

„So ein Blödsinn!“, wäre normalerweise meine erste Reaktion bei Lesen gewesen. Nur habe ich zwei Minuten zuvor die Schlagzeile auf der Seite eins gelesen über die Schweizer und ihren Volksentscheid. Und da wurde ich auf einmal unsicher. Nicht, dass ich glaube, dass es irgendeine zionistische Kabale gibt, die sich heimlich trifft und nach bester „Illuminati“-Manier den nächsten Kreuzzug plant. Aber ja, es gibt in der breiten Bevölkerung durchaus eine Geisteshaltung, die von einem immer schärfer werdenden Konflikt zwischen der christlichen geprägten Kultur des Westens und dem Islam an sich ausgeht. Ich dachte nur, diese Leute seien eine Minderheit. In der Schweiz zumindest sind sie in der Mehrheit! Und das macht mir richtig Angst.

Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen ganzen Schlamassel wieder zu entschärfen: Die Schweizer sollen ein zweites Referendum abhalten und ab sofort den Bau von Kirchtürmen verbieten. Das hätte mehrere Vorteile. Man könnte es als Friedensgeste gegenüber den Nachbarn im Süden und Osten verkaufen. Und es wäre das Ende der Kirchturmpolitik – etwas, auf das sich nicht nur die Schweizer gut verstehen.

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